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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 8 September 2003

„Sie haben einfach alles platt gemacht“

Als freier Fernsehjournalist gestaltet Gerhard Tuschla unter anderem Beiträge und Reportagen für den ORF (Weltjournal), Pro7 (FocusTV) oder das Schweizer Fernsehen (10 vor 10). Im März 2002 besuchte er zum ersten mal den Irak sowie zwei weitere Male im April und Juli 2003. Die bruchlinien haben ihn nach seinen Eindrücke gefragt, die er während seiner Aufenthalte im Irak gewonnen hat.


Du warst vor kurzem im Irak. Was hat sich im Land seit deinem ersten Aufenthalt im März 2002 verändert?

Als ich den Irak zum ersten Mal besuchte, fand ich einen funktionierenden Staat und eine intakte Gesellschaft vor. Bagdad war eine saubere Stadt in der Sicherheit und Ordnung vorherrschten. Alles in allem ein intaktes Bild. Bitte mich nicht falsch zu verstehen, das soll jetzt keinesfalls Lob für Saddam Hussein sein – der ist ein ganz eigenes Kapitel. Aber die Gesellschaft hatte funktionierende Strukturen.

Am 15. April, also kurz nachdem die Amerikaner Bagdad erobert haben, reiste ich zum zweiten Mal in den Irak. Zu dieser Zeit hat man auf jeden Fall gemerkt, dass Teile der Bevölkerung froh waren, dass das Saddam-Regime beendet ist. Man hat vor allem Erwartungen in die Amerikaner gesetzt. Trotzdem war die Freude eher verhalten – ich würde sagen 20% der Bevölkerung (in Bagdad Anm. d. Red.) „winkten“ den US-Truppen zu. Direkt nach dem Kriegsende war die Infrastruktur natürlich zerstört. Es gab kein Wasser, keinen Strom und auch keine Kommunikation. Auch wir Journalisten waren davon betroffen. In den Hotels in denen ausländische Journalisten untergebracht waren – Palestine und Sheraton – war zwar ein Generator der Strom lieferte um unsere Akkus aufzuladen, aber Wasser war nur sehr wenig bis gar keines vorhanden.

Was mir bei meiner zweiten Reise im April als Erstes auffiel, waren die US-Marines. Diese „Killing Machines“ beherrschten Bagdad, und sie verspielten von Beginn an die geringen Sympathien, die den US-Truppen von der Bevölkerung entgegengebracht wurden. Sie haben die Leute sehr grob und rüpelhaft gestoppt und durchsucht. Sie gingen offensichtlich davon aus binnen 24 Stunden den Irakern die gesellschaftlichen Normen der USA aufzwängen zu können – und gingen dementsprechend mit den Zivilisten um. Zu dieser Zeit blieb es aber noch ruhig, es gab keine Anschläge auf die Besatzer. Die Erwartungshaltung an die Amerikaner hielt sich bis Anfang Mai, als wir den Irak wieder verließen.

Anfang Juli häuften sich die Meldungen über Anschläge auf die US-Soldaten. Ich reiste erneut in den Irak um über dieses Anschläge zu berichten. Der Irak, den ich vorfand, war ein komplett anderer Irak. Es gab keine Leute mehr, die den Amerikanern zugewunken haben – nicht einmal die Kinder. Dem musste ich nachgehen. Ich unterhielt mich mit vielen Irakis über die aktuelle Lage. Bei diesen Gesprächen kristallisierten sich drei Punkte heraus für die die Amerikaner verantwortlich gemacht wurden: keine Sicherheit, kein Strom und kein Wasser und das seit dem Kriegsende. Die Versprechungen der Amerikaner waren nicht erfüllt worden. Nichts funktionierte. Vor allem die Sicherheitsfrage stellte in Anbetracht der organisierten kriminellen Banden für die Irakis ein großes Problem dar. Vor dem Krieg, also unter Saddam Hussein, gab es in jedem Haus eine Waffe die zur Selbstverteidigung diente. Bei den Hausdurchsuchungen, die die Amerikaner durchführen, nehmen sie natürlich alle gefundenen Waffen mit. Die Irakis fühlen sich um ihre einzige Verteidigung betrogen, da die US-Soldaten selbst die Sicherheit in Bagdads Straßen nicht gewährleisten. Die irakische Polizei, die laut den Medien im Westen bereits aktiv sein soll, regelt gerade einmal einige wenige Kreuzungen und sonst nichts. Das Problem mit der Stromversorgung trifft ebenfalls die gesamte Bevölkerung. Bei Temperaturen zwischen 50 und 55 Grad im Schatten braucht man einen Kühlschrank der die Lebensmittel frisch hält – auch in den Armenvierteln. Die Amerikaner bombardierten das Stromnetz. Allerdings ist es nun offensichtlich so, dass es keine Techniker gibt, die das System wieder aufbauen. Es fehlt unter anderem an einer zentralen Verwaltung. Das gesamte Land ist im Chaos versunken. Vor dem Krieg funktionierte die Gesellschaft, die über Ministerien, Verwaltung und Beamte am Laufen gehalten wurde. Davon ist nichts mehr übrig. Die Ministerien wurden von den Amerikanern zerstört und offensichtlich machten sie sich keine Gedanken darüber wie sie die Verwaltung, die Gesellschaft also den Staat wieder zum Funktionieren bringen könnten. Die Moscheen haben nun begonnen gewisse Sozialdienste zu organisieren – aber bei diesen Problemen gepaart mit einer sehr hohen Arbeitslosigkeit ist das ein Tropfen auf den heißen Stein.

Das Problem des Wassers trifft ebenfalls die gesamte Bevölkerung. Vor dem Krieg gab es auch in Gegenden, in denen Volksgruppen lebten, die nicht zu den Saddam-treuen zählten, z.B. Saddam-City in Bagdad, das von Schiiten bewohnt wird, ausreichend Wasser. Nun fließt es fast nirgendwo mehr. Auch das Vorgehen der US-Soldaten lässt mehr als zu wünschen übrig. Bei Hausdurchsuchungen, die sehr oft stattfinden, nehmen sie Geld und Schmuck an sich. Ich habe einen Offizier darauf angesprochen, und er meinte, dass er von dem Problem wisse, und wenn sie konkrete Hinweise bekämen, solchen Vorkommnissen auch nachgehen würden. Wenn nun aber das US-Militär diese Sachen bereits zugibt, kann man sich vorstellen was bei diesen Durchsuchungen wirklich passiert. Es fehlt ihnen jegliche Sensibilität. Hierzu noch zwei kleine Beispiele. Wenn jemand bei einer Kontrolle nicht in dem Maße kooperiert wie es sich die US-Soldaten vorstellen, wird er sofort in gelernter Nahkampfmanier zu Boden gebracht, und fixiert. Diese Fixierung sieht so aus, dass sich die US-Soldaten auf den am Boden Liegenden stellen. Jetzt muss man dazu aber wissen, dass es im Irak die schlimmste Beleidigung ist, wenn man von einem anderen Schuh berührt wird. Man erinnere sich an die Fernsehbilder direkt nach dem Fall Bagdads als die Menschen mit Bildern Saddams durch die Straßen gezogen sind und ihre Schuhe in sein Gesicht schlugen. Ein anderes Beispiel für den Umgang der GIs erlebte ich an der jordanischen Grenze. Der diensthabende Soldat brüllte auf die Autofahrer ein, sie sollten sich in einer Reihe aufstellen – sonst gäbe es für Niemanden ein Durchkommen, Natürlich ohne Dolmetsch und sehr aggressiv. Als ich ihn auf sein Verhalte ansprach, erwiderte dieser Marine: “I came here to kill people. But here I can’t kill people. I’m fed up – and so I fuck them”. Diese Aussage werde ich nie vergessen. Er war einfach sauer, weil er an der Grenze den Verkehr regeln musste und nicht tötend durch Bagdad ziehen durfte.

Welches Ausmaß hat das lang andauernde Bombardement auf Bagdad gehabt? Gibt es großflächige Zerstörungen?

Großflächige Zerstörungen habe ich nicht gesehen – großflächige wohl gemerkt. Man hat gezielt Ministerien und Kommunikationseinrichtungen zerstört. Auch diese wurden noch nicht wiederhergestellt. Es gibt keine Möglichkeit zu telefonieren, außer über Satellitentelefone. Gestohlene Geräte werden leihweise für einen Dollar pro Gesprächsminute auf der Straße angeboten. Dies können sich natürlich nur wenige Irakis leisten. Die Amerikaner haben alles zerstört und offensichtlich auch hier nicht daran gedacht diese Systeme wiederherzustellen. Das einzige was von der Infrastruktur übrig blieb ist das Ölministerium. Es gibt also auch gar keine Möglichkeit die Verwaltung wieder aufzunehmen, weil eben die Einrichtungen nicht mehr existieren. Dort wo die US-Armee hochrangige Ba‘th-Mitglieder vermutete, wurden auch rein zivile Ziele zerstört. Ich habe selbst einige dieser zerstörten Häuser und Villen gesehen. Dass viele Bomben ihr Ziel nicht trafen, sondern angrenzende Gebäude zerstörten, kümmerte sie überhaupt nicht. In einem Fall vermuteten die Amerikaner Saddam Hussein in einem Restaurant. Knapp eineinhalb Stunden später, als er diese Gegend verließ, schlugen die Bomben der Amerikaner ein. Sie verfehlten ihr Ziel im doppelten Sinne, denn das anvisierte Haus wurde um 20 Meter verfehlt. Drei Häuser in unmittelbarer Umgebung wurden vollständig zerstört. 17 Zivilisten kamen ums Leben.
Dieses Haus, in dem Saddam zuletzt vermutet wurde, ist binnen kürzester Zeit zu einer Pilgerstätte geworden. Zum Beispiel wurden viele Transparente dort angebracht. Also war bereits Mitte April eine gewisse Abneigung gegen die Amerikaner zu spüren. Als ich im Juli wieder an diesen Ort fuhr, musste ich feststellen, das die Amerikaner das gesamte Areal eingeebnet hatten, um zu verhindern, dass Saddam-Anhänger oder einfach nur Gegner der Amerikaner dort eine Pilgerstätte des Widerstands hatten. Sie haben einfach alles platt gemacht.

Wo ist Saddam Hussein schließlich verblieben?

Ich hatte ein Gespräch mit seiner Köchin, die bis zuletzt mir ihm zusammen war, und laut ihren Angaben verließ Saddam Bagdad in der Nacht vom 8. auf den 9. April. Sie geht auch weiterhin davon aus, dass er am Leben ist.

Zurück zum Widerstand gegen die Besatzung: Wie kann man sich dieses Phänomen vorstellen? Die Medien berichten hierzulande von einzelnen Demonstrationen und den gezielten Angriffen. Was spielt sich da wirklich ab?

Die Ablehnung der Amerikaner zieht sich durch die gesamte Gesellschaft. Es ist vollkommen egal, ob diese Leute politisch organisiert sind oder nicht. Jeder trägt irgendwie seinen Teil dazu bei, den Besatzern das Leben schwer zu machen. Selbst wenn jemand nicht selbst zur Waffe greift, um sie zu attackieren, so unterstützen praktisch alle diese Aktionen. Für die Amerikaner ist es nicht nur schlimm angegriffen zu werden, sie kommen auch bei den Ermittlungen nicht weiter, weil niemand Freunde oder Verwandte an die Amerikaner verraten will. Insofern werden diese Aktionen wirklich flächendeckend gut geheißen oder zumindest nicht abgelehnt. Dies steht natürlich im Widerspruch dazu, dass die US-Truppen Bagdad praktisch kampflos einnehmen konnten. In der Stadt selbst gab es kaum Widerstand. Ganz im Gegenteil zu jetzt. Während der Angriffe der Amerikaner war jedem im Irak klar, dass sie waffentechnisch derart unterlegen waren, dass eine erfolgreiche Verteidigung der Stadt eine Illusion bleiben musste. Dies haben mir auch ehemalige Militärs des Saddam-Regimes bestätigt.

Kurz vor dem 9. April sollen die alliierten Truppen zwei Divisionen der Republikanischen Garde mit Daisy-Cutter Bomben – also sehr zerstörerischen Massenvernichtungswaffen aufgerieben haben. Gibt es dafür Hinweise von Irakis?

Ich habe keine Hinweise dafür erhalten, dass diese beiden Divisionen, also ca. 25.000 Mann, mittels derartiger Bomben getötet worden sind. Generell hatte ich den Eindruck, dass die Opferzahl auch unter den irakischen Soldaten geringer ausfiel, als ich mir das selbst vorgestellt habe. In Bagdad gibt es sehr viele Demonstrationen, aber ich habe keine beobachten können, die beispielsweise von Witwen oder Müttern gefallener Soldaten ins Leben gerufen wurde. Die Kriegsschauplätze, die ich bisher besucht habe, wo es auch viele Opfer gab, brachten immer eine derartige Bewegung von Frauen hervor, die der Welt die Frage stellte, warum ihre Männer und Söhne sterben mussten.

Während der Bombardierungen haben die Amerikaner aber sehr wohl Waffensysteme eingesetzt, deren Wirkung mir bisher unbekannt war. Konkret habe ich eine zerstörte Stellung der irakischen Armee besucht, die mich doch ein wenig verwirrt hatte. Dort waren Flugabwehrgeschütze, LKWs, gepanzerte Fahrzeuge und andere Gerätschaften – insgesamt ca. 150 an der Zahl – zu sehen. Die waren alle komplett ausgebrannt und verschmort. Weiters war ein Riesenkrater zu sehen. Das Verwirrende an diesem Schauplatz war allerdings, dass die Bäume, die ringsum standen, praktisch unversehrt geblieben sind. Hier ist eine mir bisher noch nicht bekannte Waffentechnik zum Einsatz gekommen, die Metalle – also Fahrzeuge und Kriegsgerät – verkohlt und unbrauchbar macht, aber die Umgebung verschont und trotzdem einen riesigen Krater hinterlässt.

Bisher haben die Besatzer nichts gefunden, dass den Krieg aufgrund von vorhandenen Massenvernichtungswaffen im Irak rechtfertigen würde. Was sagen die Irakis jetzt dazu?

Für alle war klar, dass dieser Krieg wegen dem Öl geführt wird. Trotzdem, die Mehrheit, also die Schiiten, wollte dass Saddam verschwindet. Nun sagen sie offen, dass die Amerikaner wegen dem Erdöl im Irak sind und eigentlich wieder verschwinden sollten. Ironischer Weise hat Saddam genau das den Amerikanern vorgeworfen. Sie wollen keinesfalls beraubt werden und ihre Bodenschätze auch selbst verwalten. Natürlich gibt es über das Wie verschiedene Ansichten, aber dass die Amerikaner das Land zu verlassen haben ist Konsens. Ich gehe auch davon aus, dass die Angriffe auf die Amerikaner bereits sehr gut organisiert sind, und dass verschiedenste Gruppierungen hier zusammen arbeiten. Also auch ehemalige Militärs und Islamisten. Es ist aber nicht leicht an diese natürlich im geheimen operierenden Gruppen heranzukommen. Im Grunde genommen kann man sich den Widerstand auf drei Ebenen vorstellen. Die Imame und Sprecher politischer Gruppen melden sich regelmäßig zu Wort und warnen die Besatzer. Weiters gibt es zahlreiche Demonstrationen, die den Abzug der US-Truppen fordern. Und auf der dritten Ebene passieren die militärischen Angriffe. Auf dieser Ebene scheint es eine Koordination zu geben. Alle drei Widerstandsformen decken sich gegenseitig. Man ist sehr vorsichtig mit den Aussagen die man trifft, und auch die Demonstranten würden sich hüten, zuviel über die im Untergrund operierenden Einheiten zu offenbaren. Hinter alldem verbirgt sich das Kalkül der Akteure, den Amerikanern ein zweites Vietnam zu bescheren. Mit jedem toten GI steigt der Druck auf die US-Regierung diesen Konflikt zu beenden und gegebenenfalls das Land zu verlassen.

Wie stellt sich die Situation derzeit für Journalisten dar? Offensichtlich ist es ja gefährlich, sich in der Nähe von Besatzungstruppen aufzuhalten.

Von Kriegsbeginn bis zum heutigen Tage sind im Irak 17 Journalisten getötet worden – zwölf davon von alliierten Truppen. Der letzte Tote war ein palästinensischer Kameramann, der für Reuters arbeitete. Nach meinem Informationsstand wurde er gezielt erschossen. Die Amerikaner beteuern zwar, dass es sich um ein Missverständnis gehandelt habe, da sie die Kamera für eine Panzerfaust hielten. Allerdings waren auf den letzten Aufnahmen dieses Kameramannes die Panzer, die auf ihn feuerten, keine 20 Meter entfernt. Ausgebildete Militärs sollten den Unterschied zwischen einer Panzerfaust und einer Kamera auf diese Distanz eigentlich schon erkennen. Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass es vor diesem tödlichen Zwischenfall bereits einen Konflikt zwischen den diensthabenden Wachen und den Reportern gegeben hat.

Ich hatte ein ähnliches Erlebnis mit meinem Kameramann. Beim Vorbeifahren einer Panzerkolonne in Bagdad hat er die Kamera geschultert, um die Kolonne zu filmen. Ein US-Soldat hat sofort auf ihn gezeigt und ihm gedeutet, er soll die Kamera wieder runter nehmen – dabei deutete er mit der anderen Hand einen Schnitt durch seine Kehle an – ein eindeutiges Signal. Entweder Kamera weg oder du bist tot.

Ist unter diesen Umständen eine Berichterstattung überhaupt möglich?

Der Druck auf die Journalisten ist groß. Die Amerikaner führen sich unbeschreiblich auf. Eines Nachts bin ich gegen 23:20 zu einem Checkpoint gekommen, an dem Irakis in Zivilkleidung die Kontrollen durchführten. Ich begann eine Diskussion mit den US-Soldaten, dass sie entweder die Arbeit selbst erledigen sollen, oder den Irakis, die sie für ihre Dienste einspannen, Uniformen anzuziehen hätten, bevor sie mich kontrollieren dürften. Da eine nicht offizielle Ausgangssperre ab 23 Uhr galt, drohten die US-Soldaten mich zu verhaften – obwohl sie wussten, dass ich von der Presse bin.

Wie reagieren die US-Truppen auf den immer stärker werdenden Widerstand?

Die Anschläge zeigen Wirkung. Die Moral der US-Soldaten ist stark angegriffen. Im persönlichen Gespräch haben mir praktisch alle eröffnet, dass sie hier so schnell wie möglich wieder weg wollen – nach Hause. Ihnen wurde erzählt, dass sie im Irak als Befreier gefeiert würden. Dem war nicht ganz so – die Freude war eher verhalten. Zudem ist die wenige Zustimmung nun auch noch ganz verloren gegangen und sie werden zu Zielen von Attacken. Der Sprecher der Koalitionskräfte versicherte den Truppen aber noch Mitte Juli, dass 70% der Irakis immer noch die Befreier willkommen hießen – was natürlich überhaupt nicht der Wahrheit entspricht.
Ich selbst bin kurz nach einem Angriff auf einen Konvoi zum Schauplatz gekommen. Der Konvoi geriet in einen Hinterhalt und wurde von einem Dach aus beschossen – es gab drei verletzte US-Soldaten. Die Reaktion der US-Soldaten war, dass sie blindlings das Feuer eröffneten und wild um sich schossen. Dabei wurden zwei Autos angeschossen, in denen drei Menschen starben, fünf Kinder die sich zufällig dort befunden haben, wurden verletzt und zwei weitere unbeteiligte Passanten wurden getroffen. Ich habe anschließend mit Leuten geredet, die in der Umgebung wohnten. Sie alle waren sehr aufgebracht. Allerdings nicht wegen dem Anschlag, sondern darüber, wie die Amerikaner sich danach aufgeführt hatten.

Diese Art Zivilisten umzubringen spricht dafür, dass die US-Soldaten bereits panische Angst haben…

Absolut. Ja. Sie wollen nur noch unverletzt den Irak verlassen und schießen dementsprechend wild um sich – ohne Rücksicht auf Verluste.

Ist ein Ausstiegsszenario für die alliierten Truppen denkbar?

Ich befürchte nicht. Die Interessen am irakischen Öl sind zu groß. Allerdings gerät Bush zunehmend unter Druck, denn er hat seiner Bevölkerung nicht die Wahrheit gesagt. Wäre der Krieg wegen dem Öl begonnen worden und nicht wegen den vermeintlichen Massenvernichtungswaffen, so würde er es leichter haben, diesen Krieg zu rechtfertigen – nämlich als strategisches Interesse der USA die Erdölversorgung unabhängig von der OPEC sicherzustellen. Der Irak ist das Land mit den zweitgrößten Erdölvorkommen – und wer diese kontrolliert ist nicht mehr auf die Preis- und Förderpolitik der OPEC angewiesen. Auch die Schwierigkeiten mit Saudi Arabien – dem erdölreichsten Land der Welt– zwingen die USA im Irak zu bleiben und das Öl zu kontrollieren. Eine Exit-Strategie ist also nicht vorgesehen. Allerdings merken die Amerikaner schon, dass sie nicht willkommen sind, darum suchen sie nun auch nach Möglichkeiten Soldaten anderer Nationen in den Irak zu bekommen, um die Lage zu beruhigen.
Die einzige Möglichkeit, die ich sehe, ist, dass der Druck der Friedensbewegung mit jedem toten US-Soldaten, ähnlich wie zur Zeit des Vietnam Krieges, auf Bush so groß wird, dass er den Rückzug ankündigen muss.

Die Medien sind in den USA aber keine freien Medien mehr. Seit dem 11. September haben sie sich auch selbst die Bürde auferlegt nur patriotische Nachrichten zu bringen. In der Tat findet man in der der US-Medienlandschaft kaum oder keine kritischen Beiträge. Hast du mit Kollegen aus den USA diesbezüglich gesprochen?

Teilweise gibt es eine Änderung in der Berichterstattung. CNN beispielsweise sendet ja nicht nur in den USA, sondern hat ein internationales Sendeformat. Insofern sind sie gezwungen die Berichterstattung zu ändern. Mittlerweile berichten sie sehr viel von den Attacken auf die US-Truppen. Sie widersprechen auch der offiziellen amerikanischen Linie, dass diese Attacken von versprengten Saddam-Anhängern durchgeführt werden. Sie geben zu dass die Angriffe System haben. Insofern geht die Rechnung der Widerstandskämpfer auf. Die in Amerika publizierenden Journalisten bleiben allerdings der nach dem 11. September verordneten patriotischen Berichterstattung treu.

Das Interview führte Robert Fisch am 24. August 2003