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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

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Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 6 März 2003

Kommunismus, Marxismus und Zukunft

Der Aufsatz „Comunismo, marxismo e futuro“ stellt die Einleitung des Buches „Marxismo e Filosofia“ des italienischen marxistischen Philosophen Constanzo Preve dar, das 2002 erschienen ist.


Constanzo Preve gehört seit den 70er Jahren zur radikalen außerparlamentarischen Linken, Philosophie hat er unter anderem in Athen studiert. Weder dieser Aufsatz noch das gesamte Buch erscheinen völlig abgerundet. In Hunderten nummerierten Absätzen werden Ideen und Analysen eines ausgesprochen wachen Geistes in sehr hohem Rhythmus präsentiert, explizit werden sie als Ausgangs- nicht als Endpunkt einer notwendigen Diskussion und eines Prozesses der Rekonstruktion des Marxismus verstanden. In der vorliegenden Übersetzung verstärkt sich durch eine notwendige umfangreiche Kürzung dieser Trend noch, der Schluss erscheint fast willkürlich. Unter den Thesen dieses Aufsatzes wurde eine Auswahl getroffen (die Zahlen vor den Absätzen sind die Nummerierungen des Originals) und man sollte nicht verschweigen, dass die Auswahl nach eigenen politischen Kriterien geschehen ist. Kürzen bedeutet immer auch zensieren. Die unten gebrachten Thesen behandeln die Krise des Kommunismus und Marxismus, versuchen eine anthropologische Fundierung des Kommunismus sowie eine umfassende Kritik des Ökonomismus, speziell in der Form des italienischen Operaismo, in dessen Tradition heute Toni Negri steht. Das gesamte Buch kann, in italienischer Originalversion, über die Redaktion bestellt werden. Soweit die Einleitung des Übersetzers.

1Seit ungefähr zehn Jahren hört man viel über die unsichere Zukunft des Kommunismus und des Marxismus, exakter des politischen Konzepts des Kommunismus und des theoretischen Konzepts des Marxismus. Nach dem implosionsartigen Zusammenbruch des Kommunismus des 20. Jahrhunderts (1917-1991) und dem Ende der Hoffnungen auf dessen unmögliche interne Regeneration hätte sich eine umfassende Diskussion über die geschichtlichen Perspektiven des Kommunismus und des Marxismus ergeben müssen. Diese hat aber nie stattgefunden. Geschehen sind vor allem einerseits sektiererische Abkapselungen und Versuche, die eigene Identität durch den Ausschluss der Realität zu sichern, andererseits futuristische Fluchten nach vorne. Es sind klare Zeichen einer tiefen Krise einer Bewegung, wenn sie sich unfähig zeigt, sich tiefgreifende Fragen über die strukturellen Gründe der eigenen Niederlage zu stellen und nur wenig wahrscheinliche Erklärungen über einzelne Fehler und/oder Verrat bewerkstelligt. Aus dieser tragikomischen Situation gibt es keinen schnellen Ausweg. Die vorliegenden Notizen verstehen sich nur als Anstoß zu einer kritischen Diskussion, die meine Thesen notwendigerweise mit neuen Beobachtungen ergänzen muss, oder sie auch tiefgreifend verändern wird. Das Ziel ist es, dem Leser ein Repertoire an kontroversen Themen vorzulegen, an denen sich eine Konfrontation entzünden kann.

2In extremer Synthese: Die Krise des Kommunismus ist eine Krise der historischen Perspektive, während die Krise des Marxismus jene eines theoretischen Paradigmas ist. Dabei hängen beide Krisen dialektisch zusammen.

5Wenn man mit einer radikalen Krise der historischen Perspektive und des theoretischen Paradigmas konfrontiert ist, dann ist der größte Feind ein Denken in „halben Sachen“. Das ist die Form, die ein ängstliches Denken annimmt, das keine alten Vorurteile in Frage stellen möchte, Vorurteile, die scheinbar jene nähren, die von der Aktivistenbasis noch übriggeblieben sind. Aber der kommunistische Aktivismus ist in einem exponentiell fortschreitenden Zusammenbruch begriffen, die Aktivisten werden auf kleine Gruppen roter Klöster oder sozial Unangepasster reduziert. Tatsächlich ist es immer die historische Perspektive, die den Aktivismus nährt und über die Generationen fortsetzt. Das ist es, was ein Denken in „halben Sachen“ nicht begreifen kann. Ich möchte nur drei solcher Strömungen kurz aufzeigen: die historische Apologie, den demokratisierten Stalinismus und den kulturalistischen Ökonomismus. Tatsächlich handelt es sich um drei logische Widersprüche, aber es ist notwendig, sie anfangs zu analysieren, damit sie einem später nicht das Denken erschweren.

6Die historische Apologie ist eine Ideologie eines falschen Bewusstseins, die einen dialektischen Zusammenhang zwischen der historischen Bilanz des Kommunismus im 20. Jahrhundert und der geschichtlichen Perspektive einer neuen kommunistischen Bewegung nicht zulässt. Wir alle kennen solche Strömungen. Sie haben Angst vor der „kaltblütigen Liquidierung der Vergangenheit“, vor dem „Verlust des historischen Erbes“, sie führen Aktenschränke voll detailliertem historischem Wissen zu Felde, um zu zeigen, dass in dieser und jener konkreten Situation Josef Stalin oder Palmiro Togliatti nicht anders hätten handeln können, als sie gehandelt haben und schließen immer mit einem Vorschlag historischer Kontinuität. Sicher, einige geben „Fehler“, vielleicht sogar „Verbrechen“ zu, aber grundsätzlich werden Fehler wie Verbrechen durch einen harten und grausamen historischen Kontext erklärt und erscheinen in diesem unausweichlich. Diese Leute halten sich für Marxisten, sind Feinde der Träume und Freunde der harten Realität, tatsächlich wiederholen sie aber nur das alte Rezept Benedetto Croces, der da sagt, dass die Geschichte nicht mit „wenn“ und „aber“ gemacht wird. Diese Strömung nimmt den Hegelschen Unterschied zwischen den Begriffen des „Realen“[reale] und des „Effektiven“ [effettuale] nicht zur Kenntnis und im Allgemeinen weiß sie auch nicht, dass Marx, auf den sie sich immer bezieht, die Möglichkeit einer rein politischen Konstruktion des Kommunismus ausgeschlossen hat. Es ist interessant, dass ich im Rahmen einer historischen Debatte auch sehr oft Rechtfertigungen für Handlungen finde und diese verteidige, weil ich genau weiß, dass die Geschichte weder ein Galadiner noch ein gelehrter sokratischer Dialog ist. Aber was die Apologeten der Geschichte nicht verstanden haben, nicht verstehen und niemals verstehen werden, ist, dass die Rekonstruktion eines spezifischen historischen Kontextes mit seinen sozialen und militärischen Kräfteverhältnissen (etwa der Hitler-Stalin-Pakt von 1939) eine Sache ist, eine andere hingegen die Wiederherstellung einer historischen Perspektive und eines theoretischen Paradigmas unter dem Vorzeichen einer offensichtlichen Diskontinuität. Die historische Apologie ist zum Scheitern verurteilt, weil in ihr die Rechtfertigung der Vergangenheit und der religiöse Glaube an eine bruchlose Kontinuität die Funktion eines einzigen kommunikativen Blockes erfüllen, ein kommunikativer Block ähnlich der fundamentalistischen Theologie der Zeugen Jehovas. Die historische Apologie ist der Feind einer radikalen Neugründung.

7Die Verwendung des Begriffs demokratisierter Stalinismus soll hier keinen realen historischen Prozess beschreiben (der Stalinismus ist seiner Natur nach nicht demokratisch und kann nicht demokratisiert werden, es sei denn man versteht unter Demokratie die Mobilisierung der Massen ohne deren politische Autonomie), sondern ein Bewusstsein, das typisch ist für das Denken in „halben Sachen“. Der Stalinismus besteht nicht nur aus Wellen von Todesstrafen und dem Verbot jeder Freiheit der Debatte (Maßnahmen für die, wenn man möchte, Rechtfertigungen in der außergewöhnlichen historischen Situation gefunden werden können). Offensichtlich beinhaltet der Stalinismus auch eine normale und strukturelle Seite, das System eines administrativen und monopolistischen Kommandos, ausgeübt durch einen Partei-Staat mit Anspruch auf absolutes Kommando nicht nur über Wirtschaft und Politik, sondern auch über jede Form des kulturellen Ausdrucks des Menschen. Auf philosophischer Ebene wird der Mensch als eine kleinbürgerliche und interklassistische Konzeption betrachtet. Der Kommunismus wird aufgelöst in die politische Frage der Dominanz der kommunistischen Partei. Unter dieser Optik könnte man sogar das China Deng Hsiao Pings und des aktuellen, unter Vorzeichen der Privatisierungen verlaufenden Wirtschaftsaufschwungs als „sozialistisch“ begreifen, weil der Sozialismus nicht Ausdruck sozialer Verhältnisse der dominanten Produktionsweise ist, sondern Ausdruck des Machtmonopols einer kommunistischen Partei. Der demokratisierte Stalinismus ist ein Modell stalinistischen Ursprungs, das „demokratische“ Injektionen aufgeklärter Toleranz vorsieht, was die Veröffentlichung von Romanen, Filmen und leicht abweichender Meinungen angeht. An der Basis dieses Modells liegt ein Verständnis davon, wie man die Transformation der Kader des Partei-Staates in eine neue Ausbeuterklasse verhindern kann: Ausreichend sei eine Überdosis Ideologie und Kaderschulung, juristische Kontrolle über die Korruption und moralisierende Selbstkontrolle. Dabei wird ignoriert, dass die „Kontrolle durch die Massen“ in einem juristisch-despotischen Rahmen nicht funktionieren kann, in dem die Massen, die kontrollieren wollen, sofort eingesperrt werden. Es ist wichtig zu verstehen, dass gutmeinende Individuen, Kader, die in urchristlicher Armut und mönchischem Zölibat leben, die mit kommunistischer Überzeugung persönlichen Reichtum und Ehre zurückweisen, auf struktureller Ebene nichts bedeuten. Einige werden denken, dass hier nur die Argumente des russischen Anarchisten Bakunin gegen Marx wiederholt werden, aber das ist nicht wahr. Es handelt sich um reinen marxistischen Materialismus, um die Zentralität der Produktionsverhältnisse.

8Mit dem Begriff „kulturalistischer Ökonomismus“ beschreibe ich weniger eine Variante des kommunistischen Bewusstseins als eine typische Form der marxistischen Wissenschaft. Der Ökonomismus liegt in der brutalen Reduktion des reichhaltigen marxistischen Konzeptes der kapitalistischen Produktionsverhältnisse auf die technologisch dominante Form, relativen Mehrwert zu erzeugen, wodurch das Konzept der Produktionsverhältnisse auf die Form der Produktion standardisierter Güter verkürzt wird. Dieser Ökonomismus (nicht zu verwechseln mit dem traditionellen Ökonomismus der Zweiten und Dritten Internationale, die von einer „neutralen“ Entwicklung der Produktivkräfte ausgingen, von denen die sozialen Verhältnisse linear bestimmt werden) ist typisch für alle Varianten des italienischen Operaismo (Arbeitertümelei) von Marco Rivelli bis Toni Negri und repräsentiert das zentrale theoretische Modell der heutigen Führer der Rifondazione Comunista. Diese Partei scheint das (schlechte) Modell Togliattis abgelegt zu haben, um das (schlechte) operaistische Modell zu übernehmen, freilich an die neuen Verhältnisse der Globalisierung und des Zusammenbruchs der alten Zentralität der Arbeiterschaft angepasst. (Das operaistische Paradigma bleibt das gleiche, auch wenn das fordistische Fließband und der Massenarbeiter durch den Computer und die neuen Informationstechniker ersetzt werden). Von hier kommt der Gebrauch des Terminus „Fordismus“, nicht nur um eine historisch bedeutende Form der Massenproduktion zu beschreiben, sondern um das gesamte 20. Jahrhundert zu charakterisieren. Diese erstaunlich einfache Philosophie und Methodologie wird dann mit ethischen und moralischen Appellen an die Gerechtigkeit der Rebellion gegen den globalisierten Kapitalismus ausgeschmückt. Es bleibt ein Denken in „halben Sachen“, denn es reicht nicht, Dario Fo an ein fordistisches Fließband zu stellen, um eine kommunistische Kultur zu erhalten. Kurz: Das Konzept der Produktionsverhältnisse ist nicht auf die Art der Produktion von Gütern, seien sie materiell oder immateriell, zu reduzieren.

9Die Krise des Kommunismus ist eine Krise der historischen Perspektive, die Krise des Marxismus eine des theoretischen Paradigmas. Beide Krisen sind radikal, sie können nicht durch ein Denken in halben Sachen überwunden werden. Die Krise des Kommunismus bedarf einer neuen Analyse der anthropologischen Grundlagen des Kommunismus, die Krise des marxistischen Paradigmas bedarf einer Dekonstruktion der alten Konzepte als Vorbedingung für jede zukünftige Rekonstruktion.

10Um der Krise des Marxismus entgegenzutreten, ist es nicht genug, solch entscheidende Fragen wie das Verhältnis von Markt und Plan oder die Dialektik zwischen imperialistischer Metropole und unterdrückten Ländern zu diskutieren. Diese Dinge müssen natürlich diskutiert werden, aber wir benötigen darüber hinaus ein anthropologisches Fundament, ein Konzept der menschlichen Natur. Dabei darf man sich nicht von der Althusserschen Schule beirren lassen, die diese Kategorie immer verdammt hat. Freilich muss man eine Unterscheidung treffen zwischen einer inexistenten interklassistischen Abstraktion des Menschen, die mit einer falschen Allgemeingültigkeit der menschlichen Natur die Teilung in antagonistische Klassen verschleiert, und der menschlichen Natur als kleinster anthropologischer Einheit und unverzichtbarem Ausgangspunkt, wie die Zelle in der Biologie und die Ware in der Politischen Ökonomie.
Die Philosophie von Karl Marx wählt diesen Ausgangspunkt. Der Mensch wird als „Gattungswesen“ bezeichnet. Im Unterschied zu den Tieren, deren Verhalten und Rolle biologisch determiniert ist, schafft sich der Mensch selbst, ist nicht an eine bestimmte Form der Reproduktion gebunden, und genau deswegen kann er entfremdet sein oder sich Götter schaffen. Ein Mensch, der seine Mitmenschen in Gaskammern vernichtet, ist un-menschlich, ein Löwe, der die Kinder eines Rivalen tötet, nicht un-tierisch. Der Mensch konstituiert seine individuellen und gesellschaftlichen Lebensbedingungen selbst, er schafft sie mittels zweier miteinander verbundenen Besonderheiten, der Sprache und der Arbeit. Es gibt eine lange Debatte darüber, welches dieser Konzepte in der Entwicklungsgeschichte älter ist und so dem anderen vorangeht. Mir scheinen beide dialektisch miteinander verbunden. Um das Verständnis einfacher zu machen, werde ich mich aber zuerst mit der Arbeit als teleologischem (auf ein Ziel gerichtetes) bewusstem Handeln (gestützt auf den alten Lukács) und dann mit der Sprache als kommunikativ erneuerndem Handeln beschäftigen.

11Für Lukács ist das teleologische Handeln Vorbild und Urform jeder menschlichen Praxis. So hat er das 1971, kurz vor seinem Tod, formuliert. Diese Konzeption ist dem sowjetischen Dialektischen Materialismus entgegengesetzt und nicht eine seiner Varianten. Der Dialektische Materialismus basiert auf der substanziellen Einheit der Dialektik der Natur und der Dialektik des sozialen Prozesses, die einfach nur eine Variante des Naturprozesses darstellt – so zuerst von Engels formuliert. Die Philosophie von Lukács ist damit nicht kompatibel, einfach weil teleologisches Handeln und die Arbeit zum menschlichen und sozialen Handeln gehören, in der Dialektik der Natur aber fehlen. Bis zum Fall der Berliner Mauer wurden seine Vorstellungen in Osteuropa abgelehnt, der Dialektische Materialismus als vereinigte Dialektik der Natur und der Geschichte begriffen, während der Historische Materialismus als Theorie des aufeinanderfolgenden Ablaufs von fünf Stufen eines naturalisierten historischen Prozesses (vom Urkommunismus zum modernen Kommunismus, aufgefasst als natürliche und determinierte Entwicklung) verstanden wurde.
Die Kategorie der Arbeit, wie sie von Lukács verwendet wird, ist meiner Meinung nach auch dem Konzept der „Praxis“ bei Antonio Gramsci überlegen. Die „Praxis“ Gramscis ist jeder deterministischen Konzeption des Marxismus entgegengesetzt und hält das offensichtliche Prinzip hoch, dass es keinen Kommunismus ohne menschliche Praxis geben kann. Völlig richtig. Das Konzept der „Praxis“ riskiert aber zu viel zu beinhalten, zu wenig Differenzierung zu erlauben. Gramsci hat dieses Problem durchaus verstanden, aber der spätere manipulierte Gramscianismus hat das nicht mehr getan, hat parlamentarische Praxis mit gewerkschaftlicher Praxis vermischt, ideologische Praxis mit kultureller und so weiter. Die Praxis Gramscis muss als teleologisches Handeln gefasst werden. Das würde den Beobachter zwingen, nach der Berechtigung verschiedenster Mittel zu fragen, um ein Ziel zu erreichen. In Italien war die parlamentarische Praxis der KPI unter Togliatti und Berlinguer sicher kein teleologisches Handeln für ein revolutionäres antikapitalistisches Projekt.
Wenn man die Arbeit als teleologisches Handeln versteht, ermöglicht das auch, sich dem Problem des revolutionären Subjektes anzunähern, noch korrekter dem Problem eines Subjektes, das nicht nur zur Rebellion in der Lage ist, sondern auch den Übergang von einer Produktionsweise zur nächsten erreichen kann. Diese Konzeption erlaubt die Konstruktion des revolutionären Subjektes als prozesshafte und fortschreitende Formierung einer koordinierten Gesamtheit von Aktionen zu begreifen, die in der Lage sind, diesen Übergang herbeizuführen. In der marxistischen Tradition hat es fünf Vorschläge für ein privilegiertes revolutionäres Subjekt gegeben, in extremer Kürze: die kollektiven und assoziierten Produzenten (vom Fabriksdirektor bis zum Handarbeiter); die industrielle Arbeiterklasse mit allen anderen Produzenten von Mehrwert; die Gesamtheit aller Lohnarbeiter; der kollektive intellektuelle Arbeiter (ein Konzept, das im Allgemeinen mit jenem des general intellect übereinstimmt) und schließlich die vom Imperialismus unterdrückten Völker. Ich habe natürlich grob vereinfacht, glaube aber, dass mir die/der Leser/in zustimmt, wenn ich sage, dass eine Schematisierung möglich ist. Natürlich könnte man jedes dieser fünf Subjekte für sich analysieren und ihre Brauchbarkeit gegeneinander abwiegen. Ich glaube aber, dass das theoretische Konzept des teleologischen Handelns befriedigender ist als die Suche nach einem privilegierten revolutionären Subjekt, die nur zu oft soziologisch verstanden wurde.

13Wenn die Arbeit als ontologisches Handeln die Ursprungsform jeder Praxis ist und die entwicklungsgeschichtlich erste Form des menschlichen Handelns, dann ist aber die Sprache nicht eine zweitrangige und periphere Hinzufügung, sondern dialektische Ergänzung von gleicher Bedeutung. Der Zugang Noam Chomskys kann mit jenem von Gyorgy Lukács integriert werden. Die Sprache ist das verbindende Element der Erneuerung und der unerlässlichen Kreativität für die Konkretisierung teleologischer Arbeit. Die Sprache selbst wurde geschaffen aus der Erfordernis kollektive Arbeit zu koordinieren. Die ersten Menschen entwickelten sie schrittweise parallel zu ihrem symbolischen Apparat, den Mythen, Riten und Höhlenmalereien. Die Verbindung von Arbeit und Sprache hat sowohl die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern und Generationen und in der Folge auch die antagonistischen sozialen Klassen hervorgebracht. Wer den Ursprung der griechischen Philosophie (aber auch der chinesischen oder indischen) studiert, wird wissen, dass alle „abstrakten“ Konzepte einen konkreten Anlass ihrer Entstehung haben, angefangen mit der „Gerechtigkeit“, die auf die Teilung von Jagd- oder Kriegsbeute zurückgeht. Die höchst konkrete Funktion sogenannter abstrakter Konzepte bedeutet auch, dass auf dieser Ebene des Symbolischen und Kommunikativen ebenfalls soziale Verhältnisse der Teilung der Arbeit, der Ungleichverteilung von Macht, Geld und Prestige verändert werden. Das dialektische Verhältnis zwischen dem Konkreten und dem Abstrakten ist eine untrennbare Beziehung zwischen dem Konkreten der Arbeit und dem Abstrakten der Sprache. Die Erneuerung und Innovation, sei sie technisch (vom Feuer zum Computer) oder sozial (etwa der Feudalismus, der Kapitalismus oder der, mögliche, jedoch keinesfalls garantierte Kommunismus) ist ontologisch, logisch und historisch eine dialektische Synthese aus Arbeit und Sprache.

14Der Kommunismus muss als Ort der unbeschränkten Offenheit für die Sprache verstanden werden, will er eine glaubhafte Perspektive darstellen. Eine Position, welche die Redefreiheit für eine kleinbürgerliche Abweichung hält, derer die Proletarier mit ihren rauen Händen nicht bedürfen, ist unbrauchbar und idiotisch. Wenn man die Entwicklung des Menschen, sei sie sozial oder technisch, eingebettet in ein dialektisches Verhältnis von Sprache und Arbeit sieht, dann wird klar, dass ein Kommunismus ohne Freiheit ein anthropologisch zum Scheitern verurteilter Versuch ist. Er entspricht einer Anschauung des Kommunismus, die diesen für ein spezifisches und vorgefertigtes Projekt hält, nicht für eine Möglichkeit der menschlichen Entwicklung, deren konkrete Form nicht im Voraus zu bestimmen ist.
Der Kommunismus des 20. Jahrhunderts, zweifellos auch in Folge der beständigen Bedrohung durch den Imperialismus (erst den deutschen, dann den amerikanischen), ist als solches spezifisches, nicht als ein allgemeines Projekt entwickelt worden. Die Arbeit wurde zum Fundament der Gesellschaft erhöht, während die Sprache als Ort individuellen und kollektiven Dissenses angesehen wurde und daher in der Tendenz auf den administrativen Gebrauch durch die Bürokraten reduziert wurde. Die historische Apologie kann sicherlich zahlreiche Gründe anführen, warum dieses Vorgehen notwendig gewesen wäre, und viele davon mögen zutreffend sein, aber das ändert am Zentrum dieses Problems nicht ein Iota: Die Krise einer glaubwürdigen kommunistischen Zukunftsperspektive kann nicht gelöst werden, wenn dieser als spezifisches, nicht als allgemeines (zu schaffendes, offenes) Projekt der Überwindung des Kapitalismus gesehen wird.

15 Ich hoffe, die/der Leser/in ist nicht enttäuscht, weil sie/er hier anthropologische Ableitungen über die Funktion von Sprache und Arbeit gefunden hat, anstelle von Szenarien über den Stellenwert von Plan und Markt, Selbstregierung durch die Massen und politische Partei, ideologische Indoktrinierung und künstlerische Freiheit... Ich halte es für unbrauchbar, historische Szenarien zu entwerfen, deren Umstände wir nicht kennen können, die sich der Planbarkeit aus heutiger Sicht entziehen. Schon Marx wollte keine Rezepte für die Gaststätten der Zukunft schreiben. Und Martin Luther hat seine protestantische Revolution mit einer Reihe von Abstraktionen begonnen, nicht mit einem detaillierten Entwurf einer neuen Kirchenorganisation. In den nächsten Absätzen möchte ich auf einige Punkte in der Entwicklung des Marxismus eingehen.

16Die Geschichte des Marxismus als theoretisches Paradigma begann historisch mit einer Zensur und einer Selbstzensur. Über diese ursprüngliche Sünde wird dabei kaum gesprochen. Das Jahr 1875 war in etwa der Zeitpunkt, zu dem der Marxismus als kohärentes und systematisches System geboren wurde, eine Arbeit, die nicht von Marx selbst geleistet wurde. Damals wurde das Gothaer Programm verabschiedet, das Gründungsdokument der vereinigten deutschen Sozialdemokratie. Marx verfasste dazu einen Aufsatz, die „Kritik am Gothaer Programm“, veröffentlichte diesen aber nicht. Er wurde zurückgehalten, da Liebknecht und Bebel, die Gründer der Sozialdemokratischen Partei, seine Veröffentlichung für ungünstig hielten, weil sie die Lassalleaner nicht verschrecken wollten. Marx akzeptierte, schrieb seine Kritik bloß, um die eigene Seele zu retten, wie er sich ausdrückte. Er sagte das sogar in Latein (servavi animam meam), eine unbewusste Hommage an eine aristokratische Konzeption der Kultur.

17Die Kritik am Gründungsdokument des modernen Sozialismus ist tatsächlich radikal. Nur scheinbar handelt es sich um eine Nebensache. Der wesentliche Punkt besteht in der Analyse, dass der Ursprung des Gebrauchswertes ein doppelter wäre, die Arbeit und die Natur, während einzig der Tauschwert ausschließlich in der Arbeit begründet ist (verstanden als gesellschaftlich notwendige Durchschnittsarbeit, die in der Ware geronnen ist). Diese Asymmetrie zwischen Gebrauchs- und Tauschwert hat entscheidende theoretische Implikationen, weil dadurch der Ökonomismus an der Basis zurückgewiesen wird, für den die zentrale Idee zum Verständnis der kapitalistischen Produktionsverhältnisse die Theorie der Wertarbeit ist, verstanden als Theorie der Transformation von Wert in Preis, beziehungsweise verstanden als Theorie der Aneignung von relativem Mehrwert durch den Kapitalisten. In Konsequenz reduziert dann der Ökonomismus von Marco Rivelli bis Toni Negri die Theorie der kapitalistischen Produktionsweise auf die dominante Form der Produktion in der Fabrik.
Die Theorie der kapitalistischen Produktionsweise ist aber nicht bloß eine ökonomische Theorie mit dem Tauschwert als Zentrum, sondern eine Theorie des spezifischen Verhältnisses zwischen Gebrauchswert und Tauschwert. Es handelt sich daher auch um eine Theorie über die Strategie von Unternehmungen, die weltweit das Bedürfnis nach dem Konsum immer neuer Güter anregen, um den Tauschwert realisieren zu können. Aus der Bourgeoisie, den Herren der kapitalistischen Produktion, werden damit Subjekte globalen Handelns, an Stelle von parasitären Couponschneidern. Der Ökonomismus besteht meiner Meinung nach also nicht nur in der Zentralität der „neutralen“ Entwicklung der Produktionsmittel, sondern auch darin, dass die reichhaltige Theorie der kapitalistischen Produktionsweise auf die (Tausch-)Werttheorie reduziert wird.

18Natürlich bedeutet das nicht, dass einzig der Verzicht auf die Selbstzensur dieses Problem hätte aus der Welt schaffen können. Im Kern ist Marx immer vom Konzept der Fabrik oder eines Unternehmens als Ort der Erstellung von Tauschwert ausgegangen, nicht von einem viel weiteren Konzept des Unternehmens als konfliktreichem Subjekt einer politischen Strategie der Regulation und Reproduktion. Darum hat Marx (in großer wissenschaftlicher Ehrlichkeit, denn er betrieb Wissenschaft mit Hypothesen, nicht mit dogmatischen Behauptungen) der kapitalistischen Produktionsweise die Funktion der Sozialisierung der Produktivkräfte zugewiesen und einzig diese als Vorbedingung für den Kommunismus bezeichnet, dabei wiederholt die Bedeutung des moralischen und/oder religiösen Faktors verneint. Die Sozialisierung wird aber nicht einfach durch die Zentralität des Wirtschaftsunternehmens geschaffen und gefördert, sie entspricht keineswegs dem Bild einer gigantischen Fabrik.