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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 5 Jänner 2003

Wer hat die Macht in Afghanistan?

Mittlerweile hat es sich bis in europäische Redaktionen herumgesprochen, dass Premierminister Karsai nur über sehr begrenzten Einfluss verfügt. Tatsächlich ist die politische Architektur Afghanistans seit dem Sturz der Taliban ausgesprochen instabil, ein Zustand, der sich in der nächsten Periode kaum ändern wird. Die Situation lässt sich kurz zusammenfassen: Die USA und ihre westlichen Verbündeten verfügen über keine repräsentative soziale Kraft, um ihre Vorherrschaft in Afghanistan langfristig abzusichern.


Das Problem sind dabei nicht einzig die immer wieder als „Reste der Taliban und Al-Quaida“ bezeichneten paschtunischen Guerillagruppen, deren Aktivitäten nach dem Sturz der Taliban niemals geendet haben und die im Augenblick eine Phase der Konsolidierung durchmachen. Laut Stratfor (einem privaten US-Strategieinstitut) gingen der russische und der indische Geheimdienst Anfang Oktober 2002 bereits von drei bis vierhundert gefallenen US-Soldaten für die gesamte Afghanistan Kampagne aus. Diese Zahlen sind nicht überprüfbar (da den bruchlinien leider der Zugang zu indischem Geheimdienstmaterial verwehrt bleibt), man kann aber davon ausgehen, dass die offiziellen Zahlen des Pentagon weit untertrieben sind – bekannt sind etwa die während des Kosovo-Krieges beunruhigend hohen Unfalltoten der US-Army, die auf der ganzen Welt zu Tode kamen, nur nicht in Jugoslawien. Außerdem müssen die paramilitärischen ISOC-Verbände der CIA keine Opferzahlen bekannt geben.

Das grundsätzliche Problem liegt darin, dass sich die westlichen antiterroristischen Kreuzfahrer mit Gruppen verbünden müssen, die nicht für das ganze Land repräsentativ sind, deren Stärkung eine neuerliche Explosion wahrscheinlich macht, die letztlich auch zur neuerlichen Stärkung der Taliban beitragen werden. Am Kampf um die Macht in Afghanistan sind mehr Gruppen beteiligt, als nur die USA mit ihren lokalen und internationalen Verbündeten und die Taliban.

Die Macht in der Kabuler Regierung liegt nur zu einem kleinen Teil bei Hamid Karsai. Die entscheidenden Positionen liegen bei einer Fraktion der alten Nordallianz, den Pandschir-Tadschiken um den Verteidigungsminister Mohammed Fahim (dem Nachfolger von Achmed Schah Massud, der im September 2001 einem Anschlag der Taliban zum Opfer fiel). Ihr Aufstieg zur Macht vollzog sich großteils schon im Spätherbst des letzten Jahres, als sie gegen den expliziten Wunsch des amerikanischen Präsidenten Kabul besetzten. In der Folge besetzten sie sofort die wichtigsten Ministerien (das Innen- und das Verteidigungsressort sowie das Außenministerium), sicherten sich Geheimdienst und Polizei, Burhannudin Rabbani zog in den Präsidentenpalast ein. Damit verhinderten sie erfolgreich die US-Nachkriegsstrategie, die mit dem alten König Zahir Schah jemanden an die Macht bringen wollte, der von der paschtunischen Mehrheit akzeptiert würde. Auf den Verhandlungen auf dem Petersberg bei Bonn mussten die USA Zahir Schah dann endgültig fallen lassen, konnten nur Karsai als Regierungschef halten und einen paschtunischen Innenminister und Vizepremier ernennen. Der Innenminister ist allerdings hilflos gegenüber seinen Untergebenen, die gleich nach der Besetzung von Kabul durch die Padschiris eingesetzt wurden. Der Vizepremier fiel im Frühjahr einem Anschlag zum Opfer, nachdem er Ansprüche auf das Verteidigungsministerium hatte verlautbaren lassen. Neuer Vize ist übrigens Fahim. Es ist wohl nicht von ungefähr, dass Karsai seine Tadschikischen Leibwächter durch amerikanische Spezialeinheiten ersetzen ließ. Im Sommer wäre er selbst fast einem Anschlag erlegen, Fahim sein Nachfolger gewesen. In Kabul herrscht ein Patt: Fahim-Rabbani gehen zumindest nicht öffentlich gegen Karsai, den Mann der CIA, vor. Die USA lassen Fahim-Rabbani gewähren, weil sie im Augenblick deren Streitkräfte für ihre „Anti-Terror“ Operationen benötigen. Das Patt ist prekär. Es bedeutet auch die Entfremdung der Regierung von der paschtunischen Mehrheitsbevölkerung des Landes (50-60 Prozent, die Tadschiken machen nur 25 Prozent der Bevölkerung aus)

Tatsächlich werden aber nicht nur die Paschtunen, sondern auch Gruppen der alten Nordallianz weitgehend von der Macht ferngehalten. So zum Beispiel der usbekische Kriegsherr und Drogenhändler (aber wer ist das nicht, unter der neuen afghanischen Elite) Dostom, der bereits in bewaffnete Auseinandersetzungen mit der Fraktion der Panschir Tadschiken verwickelt war, ebenso der Kriegsherr von Herat, Ismail Khan, oder Teile der schiitischen (und traditionell pro-iranischen) Minderheit der Hazara. Eine Explosion ist nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich – Bereits in den 90er Jahren hatte der alleinige Machanspruch der tadschikischen Eliten (damals Rabbani-Massud) den Bürgerkrieg mit den übrigen Mudschaheddin-Gruppen ausgelöst, allen voran Hekmatyars hezb-e-islami.

Eine Folge dieser Konstellation ist die weitere Stärkung regionaler Machthaber, die in ihren jeweiligen Regionen weit mehr zu sagen haben, als die Zentralregierung in Kabul – so kassiert ismail Khan in Herat etwa sämtliche Zolleinnahmen von der iranischen Grenze selbst. Ihre Herrschaft hatte schon in den 80er Jahren begonnen, während des Bürgerkrieges zwischen Mudschaheddin und der sowjetisch gestützten Regierung. Sie sind die afghanische Form von Modernisierung: keine Bourgeoisie im eigentlichen Sinn, sondern eine Elite aus Schmugglern, Drogen- und Waffenhändlern, die ihre Geschäfte auf Basis einer pseudo-feudalen territorialen Machtbasis ausüben können. Sie waren die Führer der Mudschaheddin, die Taliban hatten ihre Macht eingeschränkt, die USA haben sie wieder in altem Glanz erstrahlen lassen (ein Indiz ist die gewaltige Steigerung der Opium Produktion). Vor allem paschtunische Kriegsherren wurden von den USA bezahlt, um gegen die Taliban zu kämpfen oder scheinbar unverzichtbare Informationen zu liefern.

Das komplexe Machtspektrum bietet noch anderen ausländischen Mächten als nur den USA Einflussmöglichkeiten, die bei veränderter internationaler Situation auch entschiedener wahrgenommen werden können. Usbekistan unterstützt Dostum, Russland hat die Pandschir-Tadschiken seit dem Beginn der Auseinandersetzungen mit den Taliban Mitte der 90er Jahre mit Waffen beliefert. Fraktionen des pakistanischen Geheimdienstes ISI dürften ihre alten Verbündeten, die Taliban, nicht fallen gelassen haben. US-Truppen haben moderen Waffen sichergestellt, die möglicherweise vom ISI geliefert wurden. Der Iran hat seine alten Verbindungen zu Mudschaheddin Kommandanten reaktiviert – nicht nur unter den Hazara und bei Khan in Herat, in Kandahar etabliert sich mit iranischer Unterstützung wieder Gulbuddin Hekmatyar, dem man ein Bündnis mit den Taliban nachsagt. Der Iran hat außerdem zwei klandestine Netzwerke aufgebaut: sepah-e mohammed und sepah-e sahaba. Gerade der iranische Einfluss dürfte den USA einiges Kopfzerbrechen machen, wenn sich die iranische Regierung im Fall eines US-Krieges gegen den Irak ebenfalls bedroht fühlt und ihr Engagement in Afghanistan verstärkt.

So wollen wir am Schluss die eingangs gestellte Frage beantworten: Wer herrscht in Afghanistan? Viele. Die USA stehen einem strategischen Problem gegenüber: Wie sollen sie ihre Herrschaft in einer Region stabilisieren, die eigentlich keine Staatlichkeit im westlichen Sinne kennt? Die afghanische Gesellschaft ist eine Mischung aus Stammesstrukturen und Mafia. Sie ist nicht vormodern, aber die spezifische Form der Modernisierung (Krieg, Massenflucht, Drogenanbau, Schmuggel...) hat keine Bourgeoisie geschaffen, auf die sich eine imperiale Macht wie die USA stützen könnte, sondern die Gesellschaft fragmentiert und marginalisiert.
Diesem strategischen Problem stellt die USA taktische Lösungen entgegen: Zusammenarbeit mit der Pandschir-Fraktion der Nordallianz, Gelder an Kriegsherren... . Ihre Lösungsansätze werden das Problem im Endeffekt vergrößern. Auch ist man nicht bereit, Gelder für den Aufbau des Landes zur Verfügung zu stellen. Was bis jetzt an internationaler Hilfe bezahlt wurde, geht in den Unterhalt der Bürokratie und des Militärs.
Die Sowjetunion und die afghanischen Linke der 70er Jahre waren nicht in der Lage, die afghanische Gesellschaft zu verstehen – das ist der zentrale Grund, nicht die Gelder der CIA, warum sie den Krieg verloren haben. Die arroganten Technokraten des Pentagon sind zu einem solchen Verständnis mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit noch weniger in der Lage.

Stefan Hirsch