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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 21 Herbst 2007

Angriff der Heuschrecken

Bravo Jürgen Elsässer!
Rezension


Jürgen Elsässer hat ein neues Buch geschrieben. „Angriff der Heuschrecken“, Pahl-Rugenstein 2007. Wir haben nicht zu allen Zeiten gut gefunden, was Elsässer schreibt. Aber er war immer amüsant zu lesen – weil Elsässer schreiben kann. „Angriff der Heuschrecken“ ist dieses mal aber beides. Amüsant und wirklich interessant.
„Akte X ist längst Wirklichkeit: Außerirdische haben die Macht auf der Erde übernommen. […] Sie sehen aus wie wir. Doch wer die Men in Black gesehen hat, weiß, was kommt: Es sind Bodysnatcher, Körperfresser, die sich die Zellhülle eines Menschen angeeignet haben. Manchmal passt das Kostüm freilich nicht so recht, und dann passiert das, was wir in den letzten 10 Jahren bei Joseph Fischer beobachten konnten: Über dem neuen Wirtstier zieht sich die Haut zuerst schrumpelig zusammen, so dass der Kerl zwei Jahre wie seine eigene Oma aussah, und dann dehnt sie sich ballonartig wieder aus. […] Seither ist er ein Alien und muss möglichst regelmäßig Kriege führen und über Menschenrechte reden.“
Die Aliens die Joschka Fischer befallen haben, sowie die Heuschrecken aus dem Titel sind Metaphern für einen denationalisierten Ultraimperialismus (unter US-amerikanischer Führung)– das Imperium. Am Beispiel des Endes der „Deutschland-AG“ beschreibt er, wie das national organisierte deutsche Kapital seit den 90er Jahren die Kontrolle über die deutschen Unternehmen an ein transnationalisiertes Finanzkapital verloren hat. Dessen markanteste Vertreter sind die allgemein Heuschrecken geheißenen Private-Equity Firmen, oder amerikanische und britische Pensions-Fonds, die heute die größten Spieler an der Frankfurter Börse darstellen. Das Ganze ist aber auch eine Selbsttransformation. Beispiel Deutsche Bank: Unter dem Schweizer Ackermann hat man die Beteiligungen an deutschen Unternehmen zurückgefahren und sich gänzlich dem internationalen Investmentbanking zugewandt. Statt den „Standort Deutschland“ zu organisieren, hat sich die Deutsche Bank transnationalisiert (wichtige Teile sitzen jetzt in London), ist im Prinzip zu einer der größten Heuschrecken geworden. „Ultraimperialismus“ bedeutet natürlich auch die schrittweise Zurückdrängung der Nationalstaaten. Laut Elsässer „saugt die Europäische Union die Einzelstaaten nach und nach auf. Die Nationalen Währungen sind abgeschafft, eine nationale Wirtschaftspolitik steht unter Brüsseler Kuratel, die nationalen Parlamente werden in immer mehr Fragen entmündigt. Das spezifische ist dabei, dass die EU anstelle der Einzelstaaten keinen neuen Superstaat bildet, sondern eher einen Antistaat, der eine gemeinsame Politik nicht ermöglicht, sondern verhindert.“
Der US-geführte Ultraimperialismus tritt jetzt an seine Herrschaft zu festigen, alle Widerstände wegzuräumen – der permanente Krieg. Der alte nationalistische Faschismus hat dabei seine Funktion für das Kapital verloren, die neue faschistische Bedrohung heißt Entdemokratisierung und Ende des Völkerrechts. Der „neue Faschismus“ ist globalistisch - und in Deutschland tut sich eine demokratisch aufgeladene „nationale Frage“ auf.
Elsässer überzieht – vielleicht ist das auch notwendig, um überhaupt anzukommen. Wir glauben etwa nicht, dass die Heuschrecken die Produktionsgrundlagen des Kapitalismus vernichten. Im Gegenteil, sie steigern die Ausbeutungsrate. Was aber nichts daran ändert, dass man sie bekämpfen muss. Eben so wenig scheint uns die scharfe Gegenüberstellung von Alien-Heuschrecken und altem Industriekapital überzeugend, denn zwischen diesen gibt es keinen wirklichen Konflikt im Sinne zweier streitender Parteien. Die „rheinischen“ Kapitalisten haben sich selbst in das transformiert, was wir gerne transnationale Oligarchie nennen aber Elsässer gerne weiter als „Aliens“ bezeichnen darf.
Wir glauben auch nicht an ein Ende der Nationalstaaten, weder die EU, noch die Globalisierung bringen diese in Gefahr (zumindest nicht in den imperialistischen Zentren). Was aber vernichtet wird ist der nationalstaatlich organisierte Klassenkompromiss, die Reste der Demokratie und der Volkssouveränität. Was zerstört wird ist der fortschrittliche Teil des Nationalstaats, nicht der Staat selbst – die Truppen, die in Afghanistan stehen, sind alle von Nationalstaaten organisiert. Wir halten daher eine Verteidigung aller Staaten mit allen ihren Grenzen tout court für überzogen. Wir verteidigen etwa Spanien nicht gegen den baskischen Nationalismus, weil dieser kein Agent der Globalisierung ist. Wir halten auch Elsässers Flirt mit dem Gaullismus für überzogen – auch wenn zugegeben werden muss, dass dieser die interessanteste Strömung der europäischen Bourgeoisie darstellt und ein ordentlicher Gaullist allemal besser ist als ein imperialer Grüner. All das ändert auch nichts daran, dass es in Deutschland (oder Österreich) tatsächlich eine nationale Frage gibt und die Souveränität gegen die Globalisierung (und die EU als deren Transmissionsriemen) verteidigt werden muss.
Demokratie und nationale Souveränität. Das ist der Hebel, mit dem man die Verhältnisse zum Tanzen bringen kann - während die europäische Linke sich mehrheitlich zum Anhängsel des Imperiums macht. Das ist Elsässers Kernaussage. Dem ist völlig zuzustimmen.
Kaufen sollte man „Angriff der Heuschrecken“ allerdings auch wegen dem eingangs zitierten Witz über Joschka Fischer. Der Verfasser dieser Rezension hat etwa 10 Minuten gebraucht, um sich nach dem „Kerl der aussah wie seine eigene Oma“ wieder auf die Lektüre konzentrieren zu können. Zugegeben, der Humor selbigen Verfassers ist recht einfach gestrickt – das soll aber häufiger vorkommen.

Stefan Hirsch