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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

 Ausgaben

Nr. 21 Herbst 2007
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Nr. 3 September 2002
Nr. 2 Juli 2002
Nr. 1 Mai 2002

 

 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 21 Herbst 2007

Hollywood im Kulturkrieg

„300“ gegen Asien


Zack Snyder inszeniert mit „300“ eine cineastische Umsetzung einer Comicgeschichte von Frank Miller. Wie schon bei der Verfilmung von „Sin City“, die von Robert Rodriguez und Frank Miller selbst realisiert wurde, blieb die Ästhetik dem Stil Millers verpflichtet. Düstere Landschaften mit starken Schwarz-Weiß-Kontrasten verbinden sich mit einer monumentalen Ästhetik, die sich unter anderem in einem Spiel mit der Perspektive ausdrückt. Damit entwickelt der Film mit unter atemberaubende Bilder, die den Pathos der Handlung unterstreichen sollen.
Frank Millers Comicgeschichte „300“ beruht auf einer Überlieferung Herodots über die Schlacht der Spartaner gegen den anrückenden Perserkönig Xerxes. Der Spartanerkönig Leonidas I. soll sich demnach 480 v.u.Z. mit 300 Männern seiner Leibwache an den Thermopylen verschanzt haben. Alle Männer starben bei diesen Versuch, Xerxes aufzuhalten, bis auf den Barden Dilios, der durch seine Erzählkunst den Mythos der 300 Spartaner weitertragen sollte. Dieser Mythos habe das Heer der Griechen ein Jahr später angetrieben, um in der Schlacht von Salamis Xerxes letztendlich in die Flucht zu schlagen.
Snyder hat mit diesem Film den Mythos der 300 neu interpretiert und für die Gegenwart aufbereitet. Er schuf damit eine Synthese aus faschistischen Monumentalismus und liberalistischer Verteidigung von Freiheit. Die Verteidigung der Demokratie gegen die nahenden orientalischen Völkerscharen ist ein der Gegenwart gut bekanntes Sujet. Die 300 werden damit zu einem Symbol des Kampfes der amerikanischen Zivilisation gegen die barbarische Dekadenz neu codiert. Sparta wird als Verteidiger der Freiheit gegen die orientalische Sklaverei stilisiert. Die 300 werden somit zu einem Mythos des amerikanischen Reiches: die Verteidigung von Freiheit und Demokratie gegen die barbarischen Völker des Orients.
Die monumentale Ästhetik des Films unterstreicht die vielfältigen faschistischen, sozialdarwinistischen Anleihen der Handlung. Der Kampf der Freiheit gegen die orientalische Sklaverei wird als Kampf der Schönheit und Überlegenheit des Körpers gegen dessen Degeneration inszeniert. Die Spartaner und deren König Leonidas I. werden durchgehend als an Kraft und Stärke überlegen und in einer sportlichen, muskelbetonten Körperästhetik dargestellt. Diese Darstellungsweise des Körpers erinnert an die faschistische Körperästhetik Leni Riefenstahls.
Dieser körperlichen Überlegenheit stehen die bloß zahlenmäßig überlegenen Völkerscharen Persiens entgegen. Diese werden als körperlich degeneriert und entstellt inszeniert. Die Monstrosität dieser Gestalten bildet den scharfen Kontrast zur Vollkommenheit und zum Ebenmaß der Spartaner. Beim Besuch des Lagers von Xerxes führt die Kamera eine Reihe von körperlichen Entstellungen der Frauen vor. Xerxes selbst repräsentiert die Degeneration schlechthin. Als riesige, androgyne, dunkelhäutige Gestalt bildet er den monströsen Gegenpol zur körperlich vollkommenen, potenten Gestalt Leonidas. Die Vollkommenheit kämpft gegen die Degeneration, das Ebenmaß gegen das Monströse, die sexuelle Reinheit gegen die sexuelle Ausschweifung, das Weiße gegen das Schwarze.
Außerdem herrscht eine absolute Identität zwischen körperlicher und moralischer Vollkommenheit. Der entstellte Ephialtes beispielsweise bietet zunächst seine Dienste Leonidas an. Dieser lehnt diese jedoch ab, da er sein Schild nicht hoch genug halten könne. Ephialtes wird zum Verräter und läuft zu Xerxes über. Das Monströse wird vom Prinzip des Monströsen, Xerxes, mit offenen Armen empfangen.
Immer wieder vermitteln die Dialoge, dass es bei dem Kampf der 300 um die Verteidigung der Freiheit gehen würde. In gewisser Weise wird der Kampf Leonidas und seiner Männer gegen die Perser, als Verteidigung von Freiheit und Demokratie gegenüber der persischen Despotie begriffen. Diese Symbolik ignoriert, dass die gesamte griechische Kultur und insbesondere die spartanische auf der Ausbeutung von Sklaven beruhte. Die andauernde, mythologische Referenz unseres liberalistischen Systems auf das politische System Attikas der Antike darf uns nicht dazu verleiten den Kampf Persiens gegen die griechischen Stadtstaaten als einen Kampf der Despotie gegen die Freiheit zu behandeln. Diese aufgeladene Symbolik soll den Ursprungsmythos der liberalen Demokratie mit der Aggressivität eines faschistischen Militarismus verbinden. Die durchsichtige Symbolik dieses Films hat den Iran zu Protesten veranlasst.
Bei uns hat das Ganze nicht vollständig gewirkt: Beim Besucher bleibt die unbestimmte Hoffnung, dass letztendlich doch die Heerscharen Persiens das Reich der Freiheit und Demokratie überrennen. Dem Mythos des amerikanischen Reiches wird unwillkürlich ein Mythos der orientalischen Massen entgegen gehalten.

Sebastian Baryli