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Nr. 21 Herbst 2007

Macht und Subjekt bei Foucault

Foucaults Machttheorie wird in manchen Debatten als Alternative zu den Ansätzen marxistischer Theorie präsentiert. Immer wieder werden den Mängeln marxistischer Theorie Foucaults Konzeptionen entgegengehalten. Dies erscheint Grund genug, sich mit den Grundlagen seiner Machtkonzeption zu befassen.


Foucault wunderte sich in verschiedenen Interviews, warum er von marxistischer Seite so scharf kritisiert wurde. Offensichtlich wurde er von der Gereiztheit der Reaktion überrascht. Gleichzeitig präsentierte er seine Machtanalyse vorzugsweise als Alternative zu marxistischen Ansätzen in diesem Bereich. In seinen gesamten Schriften und Interviews ist der Marxismus als einer der Hauptgegner immer präsent. Foucault präsentierte seine Konzepte nicht zuletzt als Überwindung der Probleme marxistischer Macht- und Staatstheorie. So polemisierter er beispielsweise, dass seine Theorie der Macht „materialistischer“ wäre, als dies etwa jener Ansatz sei, der Macht vor allem durch Ideologie zu erklären versuchte. „Ich frage mich in der Tat, ob es nicht materialistischer wäre, wenn man, bevor man die Frage der Ideologie stellt, die Frage des Körpers und der Wirkungen der Macht auf ihn untersucht.“(1)
Diese Konkurrenz zwischen marxistischer und Foucaultscher Machttheorie spiegelte in mancherlei Hinsicht auch eine politische Konkurrenz wieder. Foucault griff in Interviews immer wieder die Politik der Sowjetunion und der Kommunistischen Partei Frankreichs (KPF) an. Er selbst kam als Schüler von Althusser aus der theoretischen Tradition eines strukturalistischen Marxismus und war bis 1953 Mitglied der KPF. Doch nach seinem Parteiaustritt wurde der Kampf gegen den Marxismus zu einer der entscheidenden Triebkräfte für seine theoretischen Arbeiten. Foucault sah die theoretische und praktische Mangelhaftigkeit des Marxismus durch den Verlauf der Geschichte bestätigt. Den Pariser Mai 1968 interpretierte er als Bestätigung seines Kampfes gegen den Marxismus. „Man kann sagen, dass das, was seit 1968 geschehen ist – und wahrscheinlich auch dessen Vorbereitung - zutiefst antimarxistisch war.“(2)
Diese politische Konkurrenz zwischen Marxismus und Foucaultscher Machttheorie hat auch historisch seine Wirksamkeit entfalten. So hatte gerade die Rezeption des Textes „Sexualität und Wahrheit“ Eingang in die zweite Frauenbewegung gefunden. Ausgehend von Texten wie diesen konzentrierte sich die Frauenbewegung zusehends auf Fragestellungen der „Mikrophysik“ von Machtverhältnisse zwischen Frauen und Männern. Dieser Schwenk hin zu den alltäglichen, privaten Verhältnissen führte jedoch zu einer zunehmenden Entpolitisierung. Damit war gerade die Foucaultsche Machttheorie eine jener wesentlichen Triebkräfte, welche die zweite Frauenbewegung in den liberalen Mainstream der political correctness führte. Der Aktivismus wurde nicht mehr gegen ein politisches Zentrum gerichtet, sondern rieb sich in der Pluralität mikroskopischer Machtmechanismen auf.
Auch in der Antiglobalisierungsbewegung konnten diese Konzepte Fuß fassen. Neben der Vulgarisierung des Hegemoniebegriffs fand eine Rezeption verschiedener Versatzstücke der Foucaultschen Machttheorie statt. Insbesondere die klassische Formel des Leninismus, dass die Frage der Staatsmacht und der Machteroberung das Kernproblem darstelle, wurde oft mit dem Verweis auf Foucault zurück gewiesen. So ginge es nicht um die Eroberung zentraler Institutionen der Macht, sondern um die Überwindung der Machtverhältnisse überhaupt. Es argumentiert etwa John Holloway, der sich immer wieder auf die Antiglobalisierungsbewegung als Referenzpunkt seiner Theorie beruft, dass es nicht um die Reproduktion der Machtverhältnisse durch die Machteroberung gehen könne, sondern um die grundsätzliche Überwindung instrumenteller Machtverhältnisse.(3)
Die Auseinandersetzung mit Foucaults Machttheorie bietet angesichts dieser Überlegungen politischen Sprengstoff. In gewisser Weise stellt dies die Auseinandersetzung mit diesen erwähnten politischen Strömungen auf einer theoretischen Ebene dar. Gleichzeitig können damit auch Probleme marxistischer Machttheorie aufgearbeitet werden. Denn obwohl Foucault einen überaus naiven Marxismusbegriff verwendet und ihn somit zu einen bewältigbaren Gegner zurecht stutzt, sind manche Anregungen durchaus überlegenswert.
Das Thema kann in diesem Zusammenhang nicht erschöpfend behandelt werden, deswegen muss konzentriert sich die Analyse auf drei Aspekte: Macht als strategisches Kräfteverhältnis, Pluralismus der Machttechnologien und das Verhältnis von Macht und Subjekt.

1. Macht als strategisches Verhältnis

Foucault wendet sich in seinen Analysen gegen die Vorstellung Macht wäre eine Substanz. An diese Feststellung schloss sich die Einsicht, dass Macht in keiner Form erworben oder gar erobert werden könne. Macht sei eben keine Fähigkeit oder Eigenschaft eines Subjekts, das über ein anderes Subjekt zu bestimmen vermag. Dies „Substanzlosigkeit“ betrifft sowohl einzelne Individuen als auch ganze gesellschaftliche Klassen. Damit unterwarf Foucault das klassische Machtverständnis des Marxismus als Herrschaft einer Klasse über eine unterdrückte Klasse einer scharfen Kritik.
Foucault brachte seine Definition von Macht folgendermaßen auf den Punkt: „Unter Macht, scheint mir, ist zunächst zu verstehen: die Vielfältigkeit von Kräfteverhältnissen, die ein Gebiet bevölkern und organisieren; das Spiel, das in unaufhörlichen Kämpfen und Auseinandersetzungen diese Kräfteverhältnisse verwandelt, verstärkt, verkehrt; die Stützen, die diese Kraftverhältnisse aneinander finden, indem sie sich zu Systemen verketten - oder die Verschiebungen und Widersprüche, die sie gegeneinander isolieren; und schließlich die Strategien, in denen sie zur Wirkung gelangen und deren große Linien und institutionelle Kristallisierungen sich in den Staatsapparaten, in der Gesetzgebung und in den gesellschaftlichen Hegemonien verkörpern.“(4)
Ein entscheidendes Element dieser Definition ist der Begriff des „strategischen Kräfteverhältnisses“. Das Verständnis dieses Begriffs berührt den Kern der Foucaultschen Machttheorie. Dieser Begriff verweist jedoch nicht auf reale, gesellschaftliche Kräfteverhältnisse, die Ausdruck bestimmter sozialer Konstellationen wären, sondern Foucault meint ein Verhältnis zwischen Kräften, die als abstrakte Prinzipien in der Gesellschaft vorhanden sind. Der Begriff der „Kraft“ verweist auf seinen philosophischen Hintergrund, denn er versucht seine Gegner, vor allem den juristisch geprägten Machtbegriff, mit einer Nietzsche-Rezeption zu überwinden. In Nietzsches Philosophie spielt der Begriff der Kraft eine wesentliche Rolle. Kraft ist dabei eingebettet in eine Metaphysik des Willens und der Macht. Foucault übernimmt diese Konzeption von Nietzsche und damit auch gleichzeitig verschiedene metaphysische Problemstellungen, die sich daraus ergeben.
Ein entscheidendes Problem in der Bestimmung des Begriffs „Kräfteverhältnis“ besteht darin, dass diese Kräfte, die im Verhältnis zueinander ein strategisches Spiel ergeben, keine soziale Grundlage haben. Es handelt sich dabei um Kräfteverhältnisse zwischen Individuen, doch diese Individuen sind konstituiert durch eben diese Prinzipien der Macht. Es sind also diese Prinzipien, die sich vor allem in der Form der Machtausübung differenzieren, die eine soziale Realität produzieren, doch sie selbst haben keine Grundlage in der gesellschaftlichen Realität. Es handelt sich dabei um von der Realität abgelöste Prinzipien, die oftmals unvermittelt und konstruiert wirken. Letztendlich handelt es sich um Kräfteverhältnisse zwischen unterschiedlichen Formen der Machttechnologie, zwischen unterschiedlichen Formen von Praxis der Macht. So kann beispielsweise die Situation des Gefängnisses nicht erklärt werden durch das Verhältnis zwischen Gefangenem und Staat, sondern durch das Verhältnis von Prüfung und Überwachung zu anderen Praktiken der Macht.
Foucault entwickelte in seiner Forschungstätigkeit drei große Prinzipien der Macht: das Prinzip der Souveränität, jenes der Disziplinargesellschaft und schließlich das Prinzip der Gouvernementalität (welches er zunächst Biopolitik nannte). Diese Prinzipien bringen unterschiedliche Formen und Praktiken der Macht hervor. Ausgehend von diesen Prinzipien interpretierte er die historische Entwicklung verschiedener Gesellschaftsformen.
Die grundsätzlich Erwägung, die hinter der Nietzsche-Rezeption stand, war, dass er damit einen Angriff auf andere Begriffe von Macht unternehmen wollte. Diese von Foucault kritisierten Machtbegriffe konzentrierten sich vor allem auf juristische und institutionelle Formen. Er unterschied zunächst drei Modelle von Macht in den Analysen. Das erste Modell bezog sich vor allem auf ökonomische Schemata, wobei er damit vor allem den Liberalismus und den Marxismus anzusprechen versuchte. Das zweite Modell basierte vor allem auf dem Begriff der Repression. Dieses Modell sah Foucault vor allem in der Freudomarxistischen Bewegung um Herbert Marcuse verwirklicht. Als drittes stellte er den beiden ersteren das Modell einer kriegerischen Auseinandersetzung entgegen. „Macht ist Krieg, der mit anderen Mitteln fortgesetzte Krieg.“(5) An anderer Stelle bemerkte er: „Das strategische Modell soll also das Modell des Rechts ablösen.“(6)
Foucault kritisierte also sowohl das liberale als auch das marxistische Modell von Macht. Beide würden Macht als ein Gut betrachten, das übertragen werden könne. Daraus entwickelte Foucault den Vorwurf des Ökonomismus gegen beide Ansätze. Der Liberalismus hätte die ökonomischen Tauschbeziehungen als formales Modell der Machtbeziehungen. Der Marxismus hingegen würde die politische Macht aus der Entwicklung ökonomischer Strukturen erklären. Foucault argumentierte sowohl gegen diese ökonomistischen Modelle der Macht als auch gegen das Modell der Repression. Die Analyse der Macht als Kräfteverhältnis ausgehend von einer nietzscheanischen Tradition diente ihm dafür als Vehikel.
In dieser Konstellation wird schon die Ambivalenz Foucaults auch in politischer Hinsicht deutlich. Denn obwohl er sich immer vehement gegen den Marxismus wandte, so war auch der politische Liberalismus einer seiner großen Gegner. Dies betrifft zunächst die theoretischen Analysen, doch diese stehen zumindest in einem vermittelten Zusammenhang mit der gesellschaftspolitischen Verortung. Seine fundamentale Kritik des politischen Liberalismus, auf die noch einzugehen sein wird, ist beachtenswert. Darin steckt eine gewisse Sprengkraft, die jedoch mit großer Vorsicht freigelegt werden muss. Denn gerade durch seine Nietzsche-Rezeption, aber auch durch andere philosophische und methodische Verortungen, geriet Foucault zusehends in Sackgassen.
Nicos Poulantzas hatte an mancher Stelle eingewandt, dass der Aspekt der Foucaultschen Machtanalyse, der sich auf den Begriff Macht als Kräfteverhältnis bezieht, keineswegs eine Foucaultsche Entwicklung sei und dass die marxistische Staatstheorie ebenfalls den Begriff der Macht auf gesellschaftliche Kräfteverhältnisse beziehen müsse.(7) Und tatsächlich scheint dieser Aspekt der Machtanalyse Foucaults aus marxistischer Perspektive attraktiv. Gerade mit der Definition von Macht als Kräfteverhältnis sollten die instrumentellen Analysen des früheren Marxismus überarbeitet werden. Der Staat sollte nicht mehr als Instrument der herrschende Klasse aufgefasst werden, sondern als institutionalisierter Ausdruck der Machtbeziehungen zwischen den Klassen. Auch in diesen Interpretationen wird der streng relationale Charakter der Macht betont. Doch anders als bei Foucault haben diese Machtbeziehungen eine gesellschaftliche Grundlage in der ökonomischen Struktur der Gesellschaft. Der Begriff des strategischen Kräfteverhältnisses allein begründet also nicht die Gegnerschaft Foucaults zur marxistischen Staatstheorie. Vielmehr gab es Anstrengungen auch innerhalb der marxistischen Theoriebildung diese Begrifflichkeit nutzbar zu machen.
Aus dieser Konzeption erwuchs jedoch ein Dilemma, das in gewisser Weise auch die Machtanalyse Foucaults betrifft. Denn einerseits sind die theoretischen Vorteile durchaus einsichtig, den Staatsbegriff (oder Machtbegriff bei Foucault) als Kräfteverhältnis aufzufassen. Gleichzeitig lag die politische Konsequenz dieser Strömungen, auch bei Poulantzas, darin, die Vorstellung einer Machtübernahme zu relativieren oder gar abzulehnen. Damit stellten sich diese Strömungen bewusst gegen eine Tradition des Leninismus, der gerade die Machteroberung zur Hauptaufgabe der Revolution erhob. Die politische Konsequenz bei Poulantzas war fatal. Auch er verabschiedete sich von der Vorstellung einer politischen Revolution und fand seine politische Heimat im Eurokommunismus.

2. Macht als Pluralismus

Ein weiterer Aspekt in Foucaults Arbeiten zur Machtanalyse ist sein nominalistischer Zugang zur Theoretisierung von Macht: „Zweifellos muß man Nominalist sein: die Macht ist nicht eine Institution, ist nicht eine Struktur, ist nicht eine Mächtigkeit einiger Mächtiger. Die Macht ist der Name, den man einer komplexen strategischen Situation in einer Gesellschaft gibt.“(8) An anderer Stelle bezieht sich Foucault in diesem Zusammenhang explizit auf Paul Veyne: „Ich stütze mich auf die Überlegungen von Paul Veyne über historische Universalien und die Notwendigkeit, eine nominalistische Methode in der Geschichtswissenschaft auszuprobieren.“(9)
Dieser Bezugspunkt auf den Universalienstreit der Scholastik begründet bestimmte Einsichten in die Funktionsweise von Macht. Der ursprüngliche Nominalismus bezog sich darauf, dass die Vorstellung der Existenz des Allgemeinen abgelehnt wurde. Es würden nur Einzeldinge existieren, die eine je individuelle Qualität aufweisen würde. Das Allgemeine, sei bloß ein Name, der den verschiedenen Einzeldingen gegeben würde. Bezieht man diese Position auf Foucaults Machtanalyse, so bedeutet der Nominalismus zunächst die Ablehnung der Vorstellung, gesellschaftliche Macht als Abstraktion je individueller Machtsituationen habe eine ihr zugehörige Substanz. Es gibt nur je unterschiedliche, individuelle Techniken der Macht, die jedoch kein allgemeines Wesen der Macht begründen. Die Begrifflichkeit der Machtanalyse gibt diesen individuellen Situationen nur bestimmte Namen. Damit zerstäubt Foucault die soziale Kategorie der Macht in einen mikrophysischen Pluralismus.
Die Frage nach der Substanz und die Berufung auf den Nominalismus liegt bei Foucault nicht zuletzt in seiner Abwendung vom Strukturalismus. In seine Analysen, die in manchen Aspekten noch stark von dieser Strömung geprägt sind, wendet sich Foucault nun gegen den Begriff der Struktur. Macht ist eben keine Struktur, sondern nur ein Name für individuelle Machtsituationen. Dabei versucht Foucault auch den Begriff des Verhältnisses gegen die Substanz der Macht ins Feld zu führen. „Die Macht ist keine Substanz. Sie ist auch keine geheimnisvolle Eigenschaft, nach deren Ursprüngen man forschen müsste. Die Macht ist nichts anderes als eine bestimmte Art von Beziehungen zwischen Individuen.“(10) Der Begriff der Beziehung zwischen Menschen, der in der marxistischen Theorie mit dem Begriff Verhältnis gefasst werden kann, hebt nicht per se den Begriff der Substanz auf. Dass es sich bei Macht um ein Verhältnis zwischen Personen, Klassen oder Institutionen handelt, nicht um eine Eigenschaft von diesen, ist nachvollziehbar. Dass damit aber die Substanz, das Wesen der Macht negiert wird, ist keine zwingende Schlussfolgerung. Gesellschaftliche Verhältnisse weisen durchaus ein bestimmtes Wesen auf, dass letztendlich auch die Machtbeziehungen begründet.
Neben der Frage der Substanz begründet die Berufung auf den philosophischen Nominalismus bei Foucault auch die Idee eines Pluralismus der Machttechniken und der Machtbeziehungen. Die Konzentration auf zentrale Institutionen und insbesondere auf den Staat wird mit Hinweis auf individuelle Machttechniken abgelehnt. So warnt er immer wieder vor der Gefahr, den Ursprung der Macht in den Institutionen zu suchen. Foucaults methodischer Anspruch besteht darin, die Macht in ihren lokalen Formen zu untersuchen, am Rand ihrer Ausübung. Gegen eine „absteigende“ Analyse der Macht, gegen eine Deduktion der Macht, setzt er eine „aufsteigende“ Analyse von der Peripherie zum Zentrum.(11) Dieser methodische Anspruch einer aufsteigenden Analyse bleibt jedoch nur Anspruch, da er in der Praxis seiner Analysen kaum über die konkreten Mechanismen der untersten Ebene hinaus kommt. Beziehungsweise bleiben jene Prinzipien, die Foucault als Zentren vorstellt, nämlich Souveränität, Disziplin und Gouvernementalität, abstrakt und werden recht unvermittelt konstruiert. Obwohl Foucault in seinen Studien zur Gouvernementalität wieder stärker den Staat in den Blickwinkel genommen hatte, versuchte er zunächst die Analysen dieser zentralen Institutionen zu ignorieren.
In der Analyse der Macht bilden die verschiedenen Techniken und Formen der Praxis einen zentralen Bezugspunkt. Sie stellen in gewisser Weise die Ausgangspunkte, die Atome seiner Machtanalytik dar, die in den abstrakten Prinzipien synthetisiert werden. Es sind die unterschiedlichen Praktiken und Techniken, wie beispielsweise die hierarchische Überwachung, die normierte Sanktion oder das Examen, die das Prinzip des Panoptismus (Disziplinarmacht) begründen.
Gerade weil die Pluralität der Machtechniken den Ausgangspunkt seiner theoretischen Synthese bildet bleiben einige Problemstellungen ungeklärt. Es drängt sich die Frage auf, warum sich bestimmte Machttechniken in der historischen Entwicklung herausgebildet haben und warum manche untergegangen sind. Außerdem stellt sich die Frage, wer diese Techniken gegen wen in der Gesellschaft anwendet. „Die Frage welche Macht und wozu diese Macht scheint bei ihm völlig ihre Gültigkeit verloren zu haben.“(12) Natürlich kann fast jede theoretische Begründung mit einem infiniten Regress zunichte gemacht werden. Doch die Fragestellung der Macht mit gesellschaftlichen Verhältnissen zu begründen erscheint bei weiten fruchtbarer, als die abstrakten Prinzipien der Macht mit sich selbst zu begründen. Bei Foucault genügt das Prinzip der Macht sich selbst als Grundlage und kann somit nicht in den verschiedenartigen Bezüge zu den anderen gesellschaftlichen Verhältnissen erkannt werden.
Hier wäre eine Diskussion des Begriffs der Immanenz von Macht angebracht, doch kann dies in diesem Rahmen leider nicht geschehen. Es sei nur kurz erwähnt, dass gerade Foucault, der immer die Immanenz in den Analysen forderte, selbst durch seine Ignorierung der anderen gesellschaftlichen Verhältnisse diese Immanenz nie erreichte.
Ein entscheidendes Problem, das sich aus der fehlenden Begründung von Macht ergibt, ist die fehlende Begründung des Widerstandes. Da das Prinzip der Macht mit der Herausbildung von Machttechniken erklärt wird, hat Foucault große Schwierigkeiten Widerstand zu interpretieren. Im wesentlichen bleibt der Widerstand eine abstrakte, fast formal-mathematische Beziehung. Dort wo es Macht gibt, gibt es auch Widerstand. Doch gemäß seiner Pulverisierung und Atomisierung der Macht wird auch der Widerstand pulverisiert. „Diese Widerstandspunkte sind überall im Machtnetz präsent. Darum gibt es im Verhältnis zur Macht nicht den einen Ort der Großen Weigerung - die Seele der Revolte, den Brennpunkt aller Rebellionen, das reine Gesetz des Revolutionärs.“(13) Die Dialektik von gesellschaftlicher Herrschaft und Widerstand wird aufgegeben zugunsten einer formalen Relation atomisierten Punkte in einem unüberschaubaren Netzwerk.
Mit der Pluralisierung der Macht und damit auch des Widerstandes reproduziert Foucault auf andere Weise die liberale Atomistik. Hat der Liberalismus das freie, menschliche Subjekt als Individuum zum Ausgangspunkt seiner politischen Theorie gemacht, so wählt Foucault die Punkte in den Relationen von Macht und Widerstand als Ausgangspunkt. Auch wenn Foucaults Kritik am individualisierten Subjekt in der Debatte viel Staub aufgewirbelt hat, so hatte sich die liberale Atomistik in gewisser Weise zur Hintertür wieder hinein geschlichen. Die Punkte der Macht und des Widerstandes bleiben unbegründet und unvermittelt. Sie existieren und werden irgendwann durch andere Punkte und Praktiken ersetzt. Weder eine innere Dynamik, eine Dialektik, noch eine äußere Triebkraft verändern diese Techniken. Sie sind in der menschlichen Praxis geronnen ohne wissen zu können warum und wozu. Letztendlich bleibt der Widerstand auf diese je individuellen Punkte zurück geworfen.
Damit wird wiederum eine der wesentlichen politischen Aufgabenstellungen ignoriert. Die Herstellung eines Kollektivwillens der Unterdrückten kann in der Foucaultschen Machtanalyse nicht thematisiert werden. So wie die Macht in individuelle Atome aufgespalten wird, so wird auch der Widerstand in solche Atome gespalten. Es ist unmöglich daraus den Zusammenschluss des Widerstandes zu erklären. In diesem Punkt zeigt sich abermals, dass Foucaults Machtanalyse aus einer politischen Perspektive kaum fruchtbar gemacht werden kann. Es gibt tatsächlich keinen Ort des Widerstands, kein reines Gesetz des Revolutionärs. Dem Argument kann durchaus zugestimmt werden. Doch daraus kann keinesfalls geschlossen werden, dass es sinnlos wäre auf einen Kollektivwillen der Unterdrückten, auf ein politisches Projekt der Vereinigung revolutionärer Kräfte hin zu arbeiten.

3. Macht und Subjekt

Der dritte Aspekt der Foucaultschen Machtanalyse, den ich hier behandeln möchte, ist das Verhältnis von Macht und Subjekt. Dies ist deswegen von Bedeutung, da dieses Verhältnis ein wichtiger Bezugspunkt in der philosophischen Bewegung der Postmoderne darstellte. Foucault übte zunächst eine fundamentale Kritik an der Idee des Subjekts. Ausgangspunkt seiner Überlegung war dabei die Kritik an der politischen und philosophischen Konzeption des Liberalismus. Vieles schien darauf hinzudeuten, dass Foucault das Konzept des Subjektes überhaupt nicht gelten ließ. In seinen späteren Arbeiten betonte er jedoch, dass sein eigentliches Thema das Subjekt gewesen sei. Die Untersuchung der Mechanismen der Unterwerfung hätten dazu gedient, die Konstituierungsprozesse des Subjektes zu analysieren. Foucault wandte beispielsweise in einem Interview ein, dass sein grundlegendes Thema, auch in den früheren Arbeiten, das Verhältnis von Subjekt und Diskurs der Wahrheit gewesen sei.(14) Auf einer philosophischen Ebene kämpfte Foucault gegen die vorherrschenden Strömungen der Phänomenologie und des Existenzialismus an, die als Ausgangspunkt ihrer Konzeptionen das Subjekt wählten. Auf einer politischen Ebene erarbeitet Foucault den Kritizismus des Subjekts vor allem als ein Instrument, um gegen den politischen Liberalismus ins Feld zu ziehen.
Foucaults Kritik am Liberalismus formuliert er konkret in der Analyse des Prinzips der Souveränität. Diese Kritik bleibt ambivalent. Einerseits analysiert Foucault damit einen bestimmten historischen Machttyp, womit diesem Prinzip der Souveränität in einem gewissen Rahmen seine Berechtigung zugestanden wird. Andererseits kritisiert Foucault die Begriffsbildung dieses Machtprinzips als ungenügend für die Analyse der neuen Machtbeziehungen. Demnach gibt es eine Parallelität der Diskurse der Macht. Es gibt einerseits den juristischen Diskurs der Souveränität vor allem in den Gesetzbüchern. Daneben gibt es die Disziplinarmechanismen, die sich allmählich in der Gesellschaft durchsetzen. Das Recht der Souveränität und die Mechanik der Disziplinen stützen sich in gewisser Weise gegenseitig.(15) Gleichzeitig fordert Foucault, dass man sich von der rechtsförmigen Analyse der Macht, wie sie das Prinzip der Souveränität hervorgebracht hat, entfernen soll.(16)
Das Prinzip der Souveränität würde eine Machtbeziehung zwischen dem Souverän und dem Untertan darstellen. Insbesondere die Vertragstheoretiker hätten das Individuum als Ausgangspunkt eines Gesellschaftsvertrages angenommen, der die Macht einem Souverän übertragen sollte. Foucault wandte gegen diese Theorie jedoch ein, dass das Individuum bloß eine fiktive Vorstellung sei und das Individuum würde erst durch die Machttechnologien konstituiert. Die Modalitäten der Machttechnologien würden diese Individuen erst herstellen. Diese als Ausgangspunkt einer Theorie der Macht zu wählen sei daher falsch. „Das Individuum ist zweifellos das fiktive Atom einer ›ideologischen‹ Vorstellung der Gesellschaft; es ist aber auch eine Realität, die von der spezifischen Machttechnologie der ›Disziplin‹ produziert worden ist. Man muß aufhören, die Wirkung der Macht immer negativ zu beschreiben, als ob sie nur ›ausschließen‹, ›unterdrücken‹, ›verdrängen‹, ›zensieren‹, ›abstrahieren‹, ›maskieren‹, ›verschleiern‹ würde. In Wirklichkeit ist die Macht produktiv; und sie produziert Wirkliches. Sie produziert Gegenstandsbereiche und Wahrheitsrituale: das Individuum und seine Erkenntnis sind Ergebnisse dieser Produktion.“(17)
Dies ist eine durchaus angebrachte und vernichtende Kritik des Liberalismus. Die Vorstellung eines freien, selbstbestimmten Subjekts, dass sich politisch artikuliert und in der Konkurrenz dieser Individuen der Allgemeinwille sich durchsetzen würde, sowie die gesamte Vertragstheorie der Souveränität wird mit einem Schlag vom Tisch gewischt. Dies ist zunächst ein befreiender Schlag und macht Foucault in gewisser Hinsicht attraktiv. Doch dieser Kritizismus des Liberalismus wird leider nicht konsequent zu Ende geführt. Denn insbesondere die Atomistik, die Foucault mit dem fiktiven Individuum versucht auszutreiben, kommt durch seine Pluralität der Widerstandsformen wieder herein. Der Staat repräsentiert dann nicht mehr, vermittelt durch Ausgleichs- und Regulierungsprozesse die Interessen der Indiniduen, sondern die Individuen sind Produkte individueller Machttechnologien und Widerstandsformen. Die entscheidenden Problemstellungen, etwa die Aufhebung der Trennung von Staat und Gesellschaft, die Vereinigung der Individuen zu kollektiven Subjekten u. ä. bleiben aber in beiden Modellen unberücksichtigt.

Sebastian Baryli, wien, Juli 2007

(1) Foucault, Michel: Macht und Körper, in: Foucault, Michel: Analytik der Macht, Frankfurt am Main 2005, S. 74–82, hier S. 77.
(2) Foucault, Michel: Macht und Körper, in: Foucault, Michel: Analytik der Macht, Frankfurt am Main 2005, S. 74–82, hier S. 76.
(3) Holloway, John: Die Welt verändern ohne die Macht zu übernehmen, 2. Auflage, Münster 2004, S. 28.
(4) Foucault, Michel: Sexualität und Wahrheit. Erster Band: Der Wille zum Wissen, 14. durchgesehene und korrigierte Auflage, Frankfurt am Main 2003, S. 93.
(5) Foucault, Michel: In Verteidigung der Gesellschaft. Vorlesungen am Collège de France (1975-76), Frankfurt am Main 2001, S. 32.
(6) Foucault, Michel: Sexualität und Wahrheit. Erster Band: Der Wille zum Wissen, 14. durchgesehene und korrigierte Auflage, Frankfurt am Main 2003, S. 101.
(7) Poulantzas, Nicos: Staatstheorie. Politischer Überbau, Ideologie, Autoritärer Etatismus, Hamburg 2002, S. 176ff.
(8) Foucault, Michel: Sexualität und Wahrheit. Erster Band: Der Wille zum Wissen, 14. durchgesehene und korrigierte Auflage, Frankfurt am Main 2003, S. 94.
(9) Foucault, Michel: Die Geburt der Biopolitik, in: Foucault, Michel: Analytik der Macht, Frankfurt am Main 2005, S. 180–187, hier S. 180.
(10) Foucault, Michel: ›Omnes et singulatim‹: zu einer Kritik der politischen Vernunft, in: Foucault, Michel: Analytik der Macht, Frankfurt am Main 2005, S. 188–219, hier S. 218.
(11) Foucault, Michel: In Verteidigung der Gesellschaft. Vorlesungen am Collège de France (1975-76), Frankfurt am Main 2001, S. 45.
(12) Poulantzas, Nicos: Staatstheorie. Politischer Überbau, Ideologie, Autoritärer Etatismus, Hamburg 2002, S. 179.
(13) Foucault, Michel: Sexualität und Wahrheit. Erster Band: Der Wille zum Wissen, 14. durchgesehene und korrigierte Auflage, Frankfurt am Main 2003, S. 96.
(14) Foucault, Michel: Die Ethik der Sorge um sich als Praxis der Freiheit, in: Foucault, Michel: Analytik der Macht, Frankfurt am Main 2005, S. 274–300, hier S. 285f.
(15) Foucault, Michel: In Verteidigung der Gesellschaft. Vorlesungen am Collège de France (1975-76), Frankfurt am Main 2001, S. 53f.
(16) Foucault, Michel: Sexualität und Wahrheit. Erster Band: Der Wille zum Wissen, 14. durchgesehene und korrigierte Auflage, Frankfurt am Main 2003, S. 90f.
(17) Foucault, Michel: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, 9. Auflage, Frankfurt Main 1991, S. 249f.