Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Rezensionen

Lenin: Revolutionär gegen das „Kapital“

Bollinger, Stefan (Hrsg.): Lenin. Träumer und Realist. Wien (Promedia Verlag) 2006. (= Edition Linke Klassiker)


In der Reihe „Edition Linke Klassiker“ erschien im Wiener Promedia Verlag eine Auswahl von Texten Lenins. Damit wurde der Versuch unternommen seine Schriften für eine neue Generation wieder lesbar zu machen. Grundsätzlich ist dies kein leichtes Unterfangen, da die moderne Lektüre Lenins auf eine große Zahl von Hindernissen trifft. Lenin erscheint für die heutige Generation, die geprägt wurde durch die Antiglobalisierungsbewegung, zunächst überhaupt nicht zugänglich. Die Bedingungen und Problemstellungen, die das Werk Lenins hervorgebracht hatten, muten heute für jene zu weit entfernt an. Obwohl Marx als Prophet der Globalisierung noch Eingang in das zeitgenössische Feuilleton gefunden hat, wie wir dem Klappentext entnehmen können, trifft dies keineswegs auf Lenin zu. Wie kann man also heute Lenin lesen? Das ist jene Frage, die sich bei der Lektüre jenes Bandes dem Leser aufdrängt.
Stefan Bollinger, der Herausgeber dieses Sammelwerkes, überschrieb seine Einleitung mit dem Titel „Ein Revolutionär gegen das ‚Kapital’“. Damit spielt er auf einen Text Gramscis über die Oktoberrevolution an, der sich in der Doppeldeutigkeit dieses Titels ergeht. Er betrachtete die Oktoberrevolution nicht nur als Revolution gegen das Kapital, sondern auch als Revolution gegen die orthodoxe Marx-Interpretation. Lenins politisches und theoretisches Vermächtnis bewegt sich in dieser Doppeldeutigkeit.
Die Auswahl der Texte umfasst die wichtigsten Bereiche in Lenins Werk: Die Frage der Entwicklung des Kapitalismus in Russland und die politischen Aufgabenstellungen der Sozialdemokratie werden im ersten Abschnitt behandelt. Darauf folgen Ausführungen Lenins zur Frage der Organisierung und des Parteiwesens. Die Problemstellungen von Krieg und Imperialismus sowie das Versagen der II. Internationale werden in den nächsten Abschnitten vorgestellt. Natürlich dürfen auch Lenins Überlegungen zum nationalen Selbstbestimmungsrecht, zur Theorie der Revolution in Russland und zur Macht- und Staatsfrage nicht fehlen. Schließlich folgt darauf ein Kapitel zur Neuen Ökonomischen Politik. Abgerundet wird das ganze durch ein Kapitel über das Problem der halbasiatischen Produktionsweise in Russland. In diesem inhaltlichen Rahmen bewegt sich die Auswahl der Texte. Die Texte beruhen auf der bekannten Werkausgabe des früheren Instituts für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED.
Die Auswahl umfasst damit die wesentlichen Bereiche im politischen Wirken Lenins, obwohl es aufgrund der gebotenen Kürze natürlich gewisse Auslassungen geben musste. Die neuartige Aufarbeitung der Aspekte in Lenins Werk kann und will diese Ausgabe nicht leisten. Von besonderem Interesse ist die Einleitung, in der sich Stefan Bollinger mit dem Werk Lenins eingehender auseinandersetzt. In dieser Einleitung werden unter anderem drei Aspekte behandelt, die Lenins Aktualität beleuchten. Diese Fragestellung ist wohl eine der entscheidensten.
Eine Problemstellung in Lenins Werk, die seine Aktualität ausmacht, ist die Frage, wie in einem gesellschaftlichen Umwälzungsprozess ein tiefgehender Bruch mit der alten Gesellschaft hergestellt werden kann. Dabei bewegt sich dieser Prozess in einem Spannungsverhältnis zwischen revolutionärem Bruch und den notwendig einzugehenden Kompromissen. Dies ist eine, man könnte aus revolutionärer Tradition fast sagen zeitlose Fragestellung. Ein zweiter Aspekt stellt die Frage des Leninschen Antidogmatismus dar. Die Oktoberrevolution war nämlich, wie schon erwähnt, auch eine Revolution gegen die marxistische Orthodoxie der II. Internationale, die sich an einer strikten, mechanistischen Auslegung des „Kapitals“ orientierte. Es sind gerade diese Aspekte in Lenins Werk, die ihn auch für eine neuerliche Lektüre, vielleicht sogar für eine neue Generation öffnen. Der dritte Aspekt, unter dem die Aktualität Lenins beleuchtet werden kann, stellt die Machtfrage dar. Denn Lenin betonte immer wieder in eindringlicher Weise die Bedeutung der Machtfrage für den revolutionären Prozess. Die heutigen Debatten laufen genau in die gegenteilige Richtung, sodass es unpassend erscheint, in diesem Zusammenhang von Lenins Aktualität zu sprechen. Doch in der neuerlichen Lektüre Lenins könnten hier die großen Leerstellen der zeitgenössischen Debatte aufgearbeitet werden. Natürlich kann es keinesfalls um eine einfache Reproduktion der Leninschen Positionen gehen. Doch in der Herausarbeitung der Problemstellungen in Lenins Werk können wir Vergleiche zu modernen Problemstellungen ziehen.
Die neuerliche Lektüre Lenins wäre somit nicht eine für die Attac-Generation, sondern vielmehr eine gegen sie. In dieser Form der Lektüre Lenins würde es darum gehen, die heutigen Problemstellungen neu aufzuarbeiten. Eine Relektüre sollte dazu dienen, die wesentlichen Paradigmen der Attac-Generation zu überwinden. Denn viele der behandelten Fragestellungen und Überlegungen Lenins widersprechen den grundlegenden Thesen der Antiglobalisierungsbewegung. Die Feststellung, dass „...die Hauptfrage jeder Revolution [...] zweifellos die Frage der Staatsmacht...“(1) sei, trifft diese politische Bewegung wohl in Mark und Bein. Diese Problemstellung wird auch von Stefan Bollinger ausformuliert. Dabei thematisiert er am Rande auch das Verhältnis zur liberalen Demokratie und damit zum Liberalismus als politischer Bewegung.(2) Denn die Antiglobalisierungsbewegung ist, paradoxer Weise, zutiefst mit diesem Liberalismus auf einer politischen Ebene verbunden, obwohl sie ihn auf einer ökonomischen Ebene bekämpft. Die eigentliche Lektion für die Antiglobalisierungsbewegung sollte daher sein, dass wenn sie den ökonomischen Liberalismus bekämpfen will, oder wenn sie gar das kapitalistische Privateigentum angreifen will, sie zunächst mit der liberale Demokratie brechen muss.
Stefan Bollinger wirft in seiner Einleitung eine Frage auf, die nicht unbedeutend ist, obwohl sie recht simpel erscheint: „War Lenin ein Revisionist?“(3) Bollinger versucht sich dieser Fragestellung historisch zu nähern und gibt die wichtigsten Positionen Lenins wieder, die in gewisser Weise der marxistischen Orthodoxie zu diesem Zeitpunkt widersprachen. Damit berührt er aber einen wunden Punkt der klassischen Lenin-Biographien. Denn die gesamte sowjetisch geprägte Literatur betonte immer den orthodoxen Charakter des Leninschen Werkes. Dabei bezog sie sich vor allem auf Lenins Kampf gegen den Revisionismus Bernsteins und Lenins Ausspruch, der Marxismus sei allmächtig, weil er wahr sei. Dabei wurde aber übersehen, dass Lenin viele Aspekte der marxistischen Theorie neu überarbeiten musste. Es waren teilweise neue Problemstellungen, denen sich Lenin gegenüber sah. Der klassisch additive Ansatz, der nicht zuletzt von Stalin selbst geprägt wurde und der sich darin erschöpft, dass Lenin dem Werk von Marx nur etwas hinzugefügt habe, dass der Epoche des Imperialismus entspräche, ist nur zum Teil richtig. Lenin hat letztendlich die klassische Orthodoxie der II. Internationale bekämpft, die nicht bloß als Abweichung und Degeneration analysiert werden kann. Das ist der Grund, warum Gramsci von einer „Revolution gegen das Kapital“ spricht, die der Einleitung auch dem Titel gegeben hat.
Die heutige Lektüre Lenins sollte in einer neuerlichen „Revolution gegen das Kapital“ münden. In der Tradition des besten Leninismus wäre es notwendig alte Gewissheiten hinwegzufegen und sich den neuen Problemen aus einer revolutionären Perspektive zu stellen. Es ist notwendig auf diese neuen Problemstellungen zu reagieren und originelle, realistische und gleichzeitig visionäre Lösungsansätze zu finden. Das sollte eine neuerliche Lektüre Lenins leisten können.
Gleichzeitig muss man Problemlagen, die dem Leninismus selbst anhaften, ansprechen. So bemerkt Bollinger in seiner Einleitung: „Beide Seiten der Sozialdemokratie [Opportunismus und radikale Linke] behielten auf ihre Weise recht. Lenin hatte die pragmatische und wie sich zeigen sollte, realistische Lösung für den Kampf der russischen Arbeiterklasse gefunden. Er bekam seine Revolution, aber es war ein Weg, der in Stalinismus und kapitalistische Restauration führen sollte. Langfristig zeigte sich, daß die Bedenken der gemäßigten Sozialdemokraten begründet waren, die Lenin hinweggefegt hatte.“ Diese Feststellung leidet zwar an der deterministischen Feststellung, dass Lenins Weg in Stalinismus und kapitalistischer Restauration enden musste. Abgesehen davon wäre diese kritische Fragestellung ebenfalls eine Aufgabe der neuerlichen Lenin-Lektüre.
Was kann also eine Lenin-Lektüre im 21. Jahrhundert noch leisten und was soll sie keinesfalls mehr leisten? Das ist eine Fragestellung die sich nur mit einem politischen Utilitarismus beantworten lässt, so wie Lenin ihn gepflegt hatte. Welche Formen der neuerlichen Lektüre Lenins nützen der politischen Linken? Möglicherweise kann Lenin die grundlegenden Paradigmen der Antiglobalisierungsbewegung brechen, möglicherweise kann er einen Bruch schaffen mit dem politischen Liberalismus. Und möglicherweise bietet dieses Buch eine kleine Hilfestellung dafür.

Sebastian Baryli

(1) Lenin, Wladimir Iljitsch: Eine der Kernfragen der Revolution. In: Ders.: Werke. Band 25: Juni - September 1917. 5. Auflage, Berlin 1977, S. 378.
(2) Bollinger, Stefan (Hrsg.): Lenin. Träumer und Realist. Wien 2006, S. 28f.
(3) Ebenda, S. 12.
(4) Ebenda, S. 16