Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

 Ausgaben

Nr. 21 Herbst 2007
Nr. 20 Frühjahr 2007
Nr. 19 November 2006
Nr. 18 Mai 2006
Nr. 17 Februar 2006
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Nr. 13 November 2004
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Nr. 4 November 2002
Nr. 3 September 2002
Nr. 2 Juli 2002
Nr. 1 Mai 2002

 

 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 19 November 2006

Der letzte Tropfen im Becher der Lügen

Peter Téchet analysiert die ungarische Revolte von 2006


In Ungarn gärt’s. Nicht seit Tagen oder Wochen, sondern seit dem (Schein-) Systemwechsel von 1989, der die ungarische Gesellschaft – nach der kommunistischen Diktatur – in die unsichtbare, aber immer spürbarere Bevormundung durch die globalen Kapitalisten geführt hat. Im neuen System – wie im alten – kann es aber immer wieder vorkommen, dass Demonstranten von den brutal agierenden Polizisten verprügelt werden. (Die Bilder der blutenden Demonstranten gehören fast schon zum Alltagsleben der heutigen ungarischen „Demokratie”, die zu feiern europäischen Premiers, andere prominenten Politiker und der Hochadel nach Budapest gepilgert sind.)
Der Widerstand, der von einem Tag zum anderen wächst, wurde nicht bloß dadurch ausgelöst, dass der Multimillionär und Premier, Ferenc Gyurcsány, vor seinen Parteifreunden zugegeben hatte, dass er das Volk belogen hatte, um wiedergewählt zu werden. (Und nicht zuletzt, um das Land den neoliberalen Diktaten von Brüssel und Washington auszusetzen.) Nein, die eigentlichen Gründe führen uns weit in die Vergangenheit. Gyurcsány hat alles versprochen bei den letzten Wahlen, hat sich so benommen, als wäre er die einzige denkbare Alternative gegenüber dem „bösen” Viktor Orbán, dem manchmal Rechtsextremismus und Antisemitismus, manchmal Linksextremismus und Antiglobalismus vorgeworfen wird.
Aber die wirklichen Ursachen für die jetzigen revolutionsartigen Szenen sind nicht in der Empörung über das Bekenntnis von Gyurcsány zu suchen, sondern in viel tieferliegenden und historischen Gründen zu suchen: in dem vermasselten Systemwechsel von 1989. Dies war nämlich keine volksnahe Revolution, sondern nur ein Herrschaftswechsel, wie der antiglobalistische Ökonom, Professor László Bogár es festzustellen pflegt.
1989 war nur ein Theater, in dem die heimlichen Kompromisse, die zwischen den neuen Kolonialherren und der immer dienstbereiten, ehemaligen kommunistischen Eliten Osteuropas ausgehandelt wurden, nach einem Plan, der anderswo und von anderen Akteuren ausgearbeitet wurde. Das Volk, das sich damals tatsächlich politische Veränderungen gewünscht hatte, wurde zum einfachen Statisten degradiert – in seinem eigenen Land, in seinen eigenen Schicksalsfragen.
17 Jahre lange dauerte es, bis diesem Volk – dem angeblich feurigen Magyaren – der Kragen platzte. Sehr treffend hat Werner Pirker in seinem hervorragendem Artikel (Die Melodie des Panzers. In: junge Welt vom 25. 10. 2006) festgestellt, dass „die Rede des Premierministers, der bekannte, dass seine Sozialistische Partei (die nur dem Namen nach sozialistisch ist, P.T.) die Wahlen nur gewinnen konnte, weil sie die Wählermassen über ihre wahren Absichten getäuscht hatte, nur noch der Tropfen war, der das Fass zum Überlaufen brachte.“
Ja, das Bekenntnis war – sogar in seiner ungehobelten Form – nicht der einzige Grund zum Widertand, sondern der letzte Tropfen. Die Ungarn sind – im Gegensatz zu ihrem Ruf – geduldige Menschen, aber es gibt und gab Momente in unserer Geschichte, wo die Faselei, die Unterdrückung, die Ungerechtigkeit nicht mehr zu ertragen ist und war. Und da erheben sich die Ungarn: 1848 gegen die Habsburger, 1956 gegen die kommunistische Elite und 2006 gegen den Neoliberalismus. Obwohl sich die ungarische und europäische Öffentlichkeit weigert, die jetzigen Geschehnisse in Ungarn als Revolution zu bezeichnen, so kann man trotzdem davon sprechen. Eine Revolution gegen die Postkommunisten, die sich zu proamerikanischen, roten Kapitalisten umgewandelt haben. Eine Revolution gegen das ganze scheindemokratische System, das aus volksfernen Vereinbarungen hervorgegangen ist. Eine Revolution gegen die neoliberale Politik der Regierung.
Und dies kann als ein Zeichen bewertet werden: die Massen auf den Strassen von Budapest beweisen, dass es dennoch gelingen kann (da es gelingen soll), die neoliberale Politik unter Druck zu setzen. Ob sie auch so bekämpft werden kann, weiß ich nicht. Aber die demonstrierenden Jungendlichen, Studenten, Arbeitnehmer, Intellektuellen, Antikommunisten, Antiglobalisten, Nationalisten und Trotzkisten zeigen die Kraft des Volkes und können dem Westen Beispiel und Hoffnung geben.
Vielleicht fällt es auf, dass ich – unter anderem – auch die Antikommunisten erwähnt habe. Dies war bewusst gewählt, da der Begriff des Antikommunismus bei uns nicht dasselbe wie im Westen bedeutet, wo das Wort „Antikommunismus“ zu einem neoliberalen Kampfbegriff instrumentalisiert wurde. In Ungarn ist unter Antikommunismus eher Antipostkommunismus zu verstehen, also ein Gefühl, das sich gegen die ganze Situation Ungarns, gegen diesen Sumpf richtet. Es handelt sich dabei mehr um eine moralische Haltung.
Es ist kein Zufall, dass die Ziele der bei uns so genannten Bürgerlichen mit denen der prinzipientreuen Kommunisten übereinstimmen. Der Vorsitzende der antiliberalen Ungarischen Kommunistischen Arbeiterpartei, Gyula Thürmer, hat sich gerade in einem in der einzigen oppositionellen Tageszeitung, der „Magyar Nemzet“, erschienenen Artikel auf die Seite des populären Vorsitzenden der größten Oppositionspartei, der Fidesz, Viktor Orbán gestellt. Gyula Thürmer unterstützt in diesem Artikel die Initiative Orbáns, das Volk über die neoliberalen Reformen (sprich: Ausbeutungspolitik) abstimmen zu lassen. Das ehemalige Schema Links-Rechts hat seinen Sinn also verloren – falls es einen überhaupt hatte. Jetzt befinden sich Trotzkisten, Marxisten, Antiglobalisten, sozial gesinnten Katholiken, Etnopluralisten und Nationalisten im gleichen Lager: im Lager des Kommenden. Und hoffentlich, im Lager des Siegenden.
„Die Gerechtigkeit zu vollziehen ist etwas anderes, als in Erwartung dieses Vollzugs leben zu müssen.“ (Friedrich Dürrenmatt: Justiz)

Péter Techet (Jurastudent, Budapest)