Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 19 November 2006

Handkemenge

Wer Krieg nicht gerecht findet, den bombardiert die Presse. Nachbetrachtung zu einer neuerlichen Diskussion um Peter Handke, die einen Sommer lang dauerte.


„Ich habe keine Meinung zu Milosevic. Keine. Ich kann ihn weder gut noch schlecht finden,“ sagte der österreichische Autor Peter Handke in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung vom 17. Juni 2006. Wenige Wochen, nachdem die Stadt Düsseldorf ihm den Heinrich Heine-Preis doch nicht zuerkennen wollte. Die deutschsprachigen Feuilletons überschlugen sich in Stellungnahmen gegen Handke, während die wenigen gemäßigten Stimmen fast immer auf die Trennung von Werk und politischer Einstellung drängten, ohne Handkes Haltung zum Jugoslawien-Krieg zu goutieren.

Geistige Umnachtung

Dass er keine Meinung hat zu Slobodan Milosevic, unterscheidet den Schriftsteller von all seinen Kritikern. Die nämlich haben eine äußerst festsitzende Meinung zum „Schlächter Slobodan“, zum „Balkan-Hitler“, zum größten Dämon des post-realsozialistischen Europa. Von diesem Meinungsposten darf in der Medienfront nicht einen Millimeter zurückgewichen werden – sonst knallt’s. Sieben Jahre nach den humanitären Bomben auf die serbischen Schädel verläuft die Kontroverse um Handkes Haltung ausschließlich in jenen Bahnen, die damals Fischer, Mock und Clinton aber auch Bild, Welt, Standard und Kurier zeichneten. Es ist schon bemerkenswert, dass die politischen Äußerungen eines allseits geschätzten und anerkannten Autors einzig und allein als geistige Umnachtung in die Diskussion Eingang finden. Würde Handke öffentlich seine Drogensucht oder seinen Glauben an Scientology breittreten, die Reaktionen wären ähnliche.
Als die deutschen Bomber wieder gen Serbien aufstiegen, da hatten Politik und Presse die Erde schon verbrannt, auf der sich Widerstand regte. Es gilt als Meisterstück der westlichen Nachkriegspropaganda, sechzig Jahre nachdem in Europa eine imperialistische Macht die Widerstandsnester außerhalb ihrer Grenzen ausräucherte, den neuerlichen Feldzug als Schlacht für die Menschrechte auszurufen. Dazu war Einiges nötig: Von den erlogenen Massakern im Kosovo, dem gefälschten „Hufeisenplan“ bis hin zur Bild-Schlagzeile „Sie treiben sie ins KZ“ über die nie stattgefundenen Deportationen der Kosovo-Albaner. Die tägliche Lügenproduktion erreichte mit den ersten Wochen des Bombardements eine Überkapazität und niemand machte sich daran zu überprüfen, zu berichtigen, die wahre Geschichte der Ereignisse niederzuschreiben.
Eine Unique Selling Position also, die der Autor als politischer Kommentator einnahm und die vom ersten Tag an für heftige Abwehrreaktionen sorgte. Dabei ging es Handke einzig und allein um „Gerechtigkeit für Serbien“, um einen frommen Wunsch, den der einstige Priesterseminarist aus Anteilnahme für ein kollektiv verteufeltes Volk aufbrachte. Hier stand niemand, der dem serbischen Widerstand schriftliche Munition lieferte, wie es seine Kollegen für die NATO-Bomber taten. Stattdessen bezog Handke simple moralische Standpunkte, die noch in den 70er- und 80er-Jahren ein Credo seiner Schriftstellergeneration gewesen waren: Er bekämpfte den Krieg gegen ein Land, dessen Politiker und Bewohner die Eigenständigkeit gegen den Westen verteidigten und die Zerschlagung eines multinationalen Staates verzweifelt zu verhindern suchten.

Falsche Zeit, falscher Ort

Wie Handke zu seinem Paria-Status kam, dass ist auch aus seiner Biografie als Schriftsteller zu erklären, der in der Gruppe 47 als Gegenspieler zum sozialdemokratischen Linken Grass auftrat. Genosse und Kamerad Grass trat eben zu einer Zeit gegen das System auf, als man das noch verzieh – und unterzeichnete schon 1991 einen Aufruf für die Unterstützung des ersten US-Krieges gegen den Irak. Kollege Böll schlug gar über die Stränge, doch auch das wird ihm heute mit einem Augenzwinkern verziehen: „Was zum Beispiel ein so sympathischer und menschfreundlicher älterer Herr wie Heinrich Böll in den 70er-Jahren politisch so alles von sich gab, das liest man heute zum Teil mit ungläubigem Staunen“, schreibt die taz anlässlich der Handke-Kontroverse. Doch die Bölls und Rinsers, die Biermanns und Enzensbergers sind zurückgekehrt in den Schoß der europäischen Demokratie; jedoch einer, der sich damals wenig scherte um plakatives Engagement, aber sich im Alter das politische Denken nicht abgewöhnt hat, den fängt heute kein Meinungsmacher mehr auf.
Handke hat zur falschen Zeit am falschen Ort gegen den Krieg Stellung bezogen. Wäre Bush, nicht Clinton, sein Gegenspieler gewesen, hätte er nicht am Grab von Milosevic, sondern an jenem der Abu Ghraib-Opfer gesprochen, ein verhaltener Beifall wäre ihm sicher gewesen. Handke weigert sich Slobodan Milosevic einen „Massenmörder“ zu nennen, ebenso wie sich alle relevanten politischen Berichterstatter weigern, George Bush als ebensolchen zu bezeichnen. Aber vielleicht tun sie es, hinter vorgehaltener Hand, bei einem Glas in der Kantine. Bush ließ seine Armee gegen ein Land aufmarschieren, dessen vormals US-gestütztes Regime wenig Anklang finden konnte, dennoch erhoben die Linksliberalen, zeitweilig, mutig ihr Haupt gegen den „Krieg gegen den Terror“.
Serbien unter Milosevic hielt hingegen mit den ohnehin geringen Standards amerikanischer und europäischer Demokratie mit. Mehrparteiensystem, oppositionelle Presse und Fernsehstationen, die auch mitten im Krieg agieren konnten. Trotzdem will die westliche Presse Handke nicht verstehen: „Wir haben nie verstanden, warum Sie sich, wenn Sie für Serbien Partei ergreifen, nicht mit der demokratischen Opposition solidarisiert haben“, wundert sich die NZZ. Auf diese populäre Option hat Handke aber auch heute keine Lust: „Welche demokratische Opposition?“ fragt er den Interviewer und meint: „Die von außen gesponserte Demokratie ist für mich keine Demokratie.“

Liberaldemokrat Handke

Da er nicht verstanden hat, dass die Demokratie manchmal eben von außen kommen muss, ohne Rücksicht auf Kollateralschäden, wird Handke angeklagt. Wegen Beihilfe zum Massenmord, der in Den Haag nie bewiesen werden konnte. In die Enge getrieben, gibt Handke seinen Widerstand nicht auf. Er hat viele Erfahrungen in seiner Beschäftigung mit dem Jugoslawien-Krieg gemacht, die man seinen Kritikern nur wünschen möchte. Er weiß etwa, dass die Ermordungen in Srebrenica keine singulären Gewalttaten in einem Bürgerkrieg waren, denen Grausamkeiten der kroatischen und bosnisch-muslimischen Truppen vorangingen und folgten. Handke zieht sich immer wieder auf diesen Standpunkt zurück, auch auf die Frage der „Sprache“, mit der der Konflikt beschrieben wurde und wird. Politisch hängt er dem Jugoslawismus nach und lobt Milosevic dennoch nachträglich für dessen „Sozialismus, der sich für den Markt entschieden hatte“. Auch die Siegerjustiz des Haager Tribunals will er nicht schlecht reden, nur ihre Anklage gegen den verstorbenen Staatschef. Perspektiven für Serbien fallen Handke wenige ein: Eine „liberale Demokratie“ wünscht er sich und eine „erneuerte Wirtschaft“. „In Serbien gibt es dank fremden Investitionen einen Aufschwung, Arbeit ist da. Da kann man nicht dagegen sein.“
Es ist schon erstaunlich: Für Handke sind die Hintergründe des imperialistischen Einfalls auf dem Balkan ebenso verschlossen wie für den großen Rest der schreibenden Zunft. „Ich weiß, dass ich nichts weiß. Ich kenne die Wahrheit nicht,“ meinte er am Grab des Slobodan Milosevic, und das ist nicht gelogen. Alles, was Handke getan hat, ist: Den schlimmsten Propagandastücken keinen Glauben zu schenken, den Führern an der Front nicht blind zu gehorchen und einem Volk, das mehr Sympathie verdient als die meisten anderen in Europa, ebendiese zu übermitteln. Das reicht heute schon für eine Anklage.

Stefan Kainz