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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

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Nr. 19 November 2006

Louis Althussers theoretische Praxis

Praxisorientierte Erneuerung der marxistischen Orthodoxie oder akademischer Intellektualismus?


Althussers Begriff der „Theoretischen Praxis“ löste bei der revolutionären Intelligenz der 1960er Jahre große Hoffungen auf eine Erneuerung des im sowjetischen Determinismus zu ersticken drohenden Marxismus aus. Tatsächlich enthält sein Werk wichtige Ansätze insbesondere im Begriff des „überdeterminierten Widerspruchs“ findet sich wertvolle Erneuerung. Doch insgesamt bleibt er in einem Positivismus gefangen, der gerade was die „Theoretische Praxis“ betrifft einen nominalistischen Einschlag aufweist. Was auf den ersten Blick die Wechselwirkung von Theorie und Praxis suggeriert, meint in Wirklichkeit ihre strikte Trennung in zwei sich nicht berührende Sphären.

A) Grundzüge des Althusserismus

War Louis Althusser in den 1960er und 70er Jahren für die universitäre Linke ein richtiggehender Star und begründeten seine Schriften fast eine Althusser-Schule, so ist es heute um ihn still geworden. Um seine Argumentation zur „Theoretischen Praxis“ verstehen zu können, scheint es daher angezeigt einen groben Blick auf seine Gesamtkonzeption sowie deren historischen Kontext zu werfen.

Aufbegehren gegen die sowjetische Orthodoxie

Die französische kommunistische Bewegung der unmittelbaren Nachkriegszeit war durch die absolute Dominanz der PCF geprägt, die ihrerseits sklavisch alles reproduzierte was aus der UdSSR kam. Intellektuell stand dem einfach gestrickten sowjetischen Dogmatismus vor allem der existenzialistisch-subjektivistische Marxismus Jean-Paul Sartres gegenüber, der auch politisch einen Gegenpol bildete, beispielsweise in der Ablehnung des französischen Kolonialkrieges in Algerien, der von der PCF unterstützt wurde.
Der Tod Stalins und die darauf folgende sowjetische „Entstalinisierung“, die chinesische Revolution und deren Bruch mit Moskau, sowie der Aufschwung der Kolonialrevolutionen und allen voran der algerische Befreiungskrieg beflügelte die Diskussionen und Auseinandersetzungen in der französischen Linken.
Im universitären Bereich entwickelte sich gegen die Phänomenologie, als dessen marxistischer Ausdruck Sartre galt, der Strukturalismus. Auf die Arbeiten des szientistisch-positivistischen Linguisten Ferdinand de Saussure um die Jahrhundertwende zurückgehend, verstanden sich viele seiner auch akademischen Exponenten ebenso wie ihre Gegenspieler als Marxisten - beispielsweise Jacques Lacan im Bereich der Psychologie, Claude Lévi-Strauss in der Ethnologie und Anthropologie oder Michel Foucault in der Soziologie, um nur einige der bekanntesten zu nennen.
Althusser arbeitete am Schnittpunkt zwischen akademischer und politischer Welt. Einerseits absolvierte er die intellektuelle Kaderschmiede der Écoles normales, aus der noch heute der französische Bildungsadel hervorgeht. Dementsprechend beteiligte sich Althusser an den Auseinandersetzungen, die diese richtiggehende Kaste führte. Andererseits war er wie viele Intellektuelle seit dem Zweiten Weltkrieg Kommunist und treues Mitglied der PCF. So nahm er auch an den Entwicklungen der kommunistischen Bewegung aktiv Anteil.
Ausgangspunkt Althussers war die Kritik an der Rechtswendung der PCF und der kommunistischen Bewegung nach dem Tod Stalins, die er an der Wiederentdeckung des „Humanismus“ festmachte. „Diese ‚Befreiung’ [vom stalinistischen Dogmatismus] hat eine tiefe ideologische Reaktion ‚liberal-moralischer’ Tendenz hervorgerufen, die spontan die alten philosophischen Themen der ‚Freiheit’, des ‚Menschen’, der ‚menschlichen Person’ und der ‚Entfremdung’ wiederentdeckt hat.“ (1) Doch er stellte dem nicht die sowjetische Orthodoxie gegenüber, die er ebenso ablehnte (ohne ihr ganz entgehen zu können). Beispielsweise wandte er sich gegen die parteioffizielle Rede vom „Personenkult“ um Stalin, die er als oberflächlich brandmarkte und unter der er die Fortexistenz stalinistischer Strukturen kritisierte.

Struktur tötet Subjekt

Die Eckpunkte seines Werkes, das indes starken Veränderungen unterworfen, äußerst fragmentarisch und daher weit von einer übersichtlichen Systematik entfernt ist, könnte man in den folgenden Punkten zusammenfassen: Die Ablehnung dessen, was Althusser Humanismus, Empirismus und Historizismus nennt, dem er - ohne es so zu nennen - die Struktur entgegenstellt. Sie führen für Althusser auf Hegel zurück, der ideologisch sei und mit Wissenschaft nichts zu tun habe. Marx habe an einem bestimmten Punkt seines Werkes, namentlich mit der „Deutschen Ideologie“ und den „Thesen über Feuerbach“ im Jahre 1845, mit den Ansichten seiner Jugend grundlegend gebrochen und diesen in Anlehnung an Gaston Bachelard „epistemologisch“ genannten Bruch in seiner Reifung noch vertieft.
Althusser konstatiert einen Bruch, den Marx mit der Feuerbachschen Konzeption vom menschlichen Wesen, einem Abstraktum gebildet aus den bürgerlichen Freiheitswerten der Aufklärung, das jedem Individuum zukomme und dessen Existenz gegen die Entfremdung durchgesetzt werde müsse, vollzog. Marx wandte ein, dass „das menschliche Wesen in seiner Wirklichkeit das ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse ist“. (6. Feuerbach-These) (2) Der Erzieher müsse selbst erzogen werden. „Das Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstveränderung kann nur als revolutionäre Praxis gefasst und rationell verstanden werden.“ (3. Feuerbach-These) (3)
Althusser geht jedoch weit darüber hinaus. Tatsächlich meint er: „Die 6. These über Feuerbach sagt sogar, dass der nicht abstrakte ‚Mensch’ das ‚Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse’ ist. Wenn man nun diesen Ausdruck als eine angemessene Definition beim Wort nimmt, dann besagt sie nichts.“ (4) Althusser geht es tatsächlich darum, den Menschen als handelndes Subjekt zu verbannen, ihn einzig als Träger von Strukturen zuzulassen. „Damit das Wesen des Menschen universales Attribut sei, müssen in der Tat konkrete Subjekte existieren, wie absolute Gegebenheiten: das schließt einen Empirismus des Subjekts ein.“ (5) Althusser schüttet mit dem schmutzigen Wasser auch das Kind aus. Denn ebenso die revolutionäre Praxis bedarf der empirischen, konkreten Subjekte. Das impliziert keineswegs automatisch einen Empirismus des Subjekts, wie in Althusser stillschweigend Marx unterstellt. Was Althusser wirklich im Sinn hat sagt er andernorts ganz klar: „Seit Marx wissen wir, das das menschliche Subjekt, das ökonomische, politische oder philosophische Ego nicht das ‚Zentrum’ der Geschichte ist - und wir wissen gar, entgegen den Philosophen der Aufklärung, dass die Geschichte kein ‚Zentrum’ hat, sondern eine Struktur.“ (6)
Althusser unterstellt Marx einen Antihumanismus. Der Mensch als konkretes, handelndes Subjekt wird einfach gestrichen. Es gelten einzig und allein Kategorien wie Produktionsweise, Produktionsverhältnisse usw., die zu unabhängig von den Menschen existierenden Strukturen hypostasiert werden.

Antiökonomistischer Determinismus

„Die Betonung des marxistischen Humanismus tritt geschichtlich gegen die Tendenzen des Ökonomismus auf, der den Geschichtsverlauf auf eine passiv-naturgeschichtliche Aneinanderreihung von Produktions- und Gesellschaftsformen verkürzen wollte,- und an der Spitze: der Stalinismus. [...] Althusser macht sich an das schier Unmögliche, den Stalinismus in einem mit dem Humanismus zu bekämpfen, oder besser noch: den Stalinismus als Humanismus.“ (7)
Gegen den sowjetischen Ökonomismus, der jegliche gesellschaftliche Entwicklung auf wirtschaftliche Faktoren zurückführt und seine Politik damit rechtfertigt, verwehrt sich Althusser. Es sieht sie als Ausdruck einer linearen Interpretation von Kausalität, der er seine strukturale gegenüberstellt. Dennoch bleibt sein System höchst deterministisch, wenn auch nicht allein durch die ökonomische Sphäre bestimmt, sondern durch eine komplexere Struktur der verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen, die neben der Wirtschaft, Politik, Ideologie usw. umfasst. Es zeigt sich, dass Althusser dem Sowjet-Dogmatismus nicht wirklich zu entkommen vermochte, sondern vielmehr dessen Verfeinerung unternahm.

Ausräucherung Hegels zugunsten der „Überdetermination“

Während der Antihumanismus, den Althusser Marx unterschieben will, zu den bekanntesten Elementen des Wirkens Althussers zählt, so richtet er sich mit der gleichen Verve gegen den Historizismus, als dessen Stammvater er Hegel ansieht. Nicht nur deswegen stellt er das reife Oeuvre Marxens in radikale Diskontinuität zu Hegel.
Die Kritik am Historizismus geht Hand in Hand mit dem Angriff auf das Hegelsche Totalitäts- und Dialektikverständnis. Hegel unterstelle eine homogene Zeit für alle gesellschaftlichen Bereiche. Das gelinge ihm umso leichter als Gesellschaft für ihn ja nur Entwicklungs- und Entäußerungsform des Logos sei, der in seiner Systematizität homogen sein müsse. Dem entspricht die „expressive Totalität“, wie Althusser es nennt, für die jeder Teil Ausdruck des Ganzen sei, ebenso wie die Hegelsche Dialektik, die nach Althusser eine einfache sei. Der Widerspruch sei zwar angelegt, doch genauso und noch mehr dessen Aufhebung und zwar an jedem Punkt des Prozesses. Ein sich nicht in der Identität aufhebender Widerspruch, der unter Verlagerung seiner Struktur fortbesteht, sei für Hegel nicht denkbar.
Althusser stellt dem entgegen, dass sich die verschiedenen Ebenen der gesellschaftlichen Praxis, einschließlich der theoretischen Praxis, unterschiedlich schnell entwickeln würden, also anderen Zeiten unterworfen seien. Im Gegensatz zu der „linearen Totalität“ und der „expressiven Totalität“, die er dem Begriffspaar Ökonomismus/Humanismus zuordnet und die politisch als Stalinismus bzw. dessen zeitgenössische Kritiker gedeutet werden kann, konzipiert er seine strukturale Totalität. Diese sei von überdeterminierten Widersprüchen gekennzeichnet. Das bedeute, dass die verschiedenen Sphären der Gesellschaft, der gesellschaftlichen Praxis, sich in einer komplexen (und nicht wie bei Hegel einfachen) Struktur wechselseitig determinierten. Diese Beziehungen könnten sich verschieben, verdichten, so dass ein Neben- zu einem Hauptwiderspruch und umgekehrt werden könne.
Da dieser Aspekt als der brauchbarste im Werk Althussers erscheint, vielleicht sogar der einzige, der wirklich zur Fortentwicklung des Marxismus beigetragen hat, sei an dieser Stelle ein längeres Zitat erlaubt: „Jeder Widerspruch, jede wesentliche Gliederung der Struktur und das allgemeine Gliederungsverhältnis in der Struktur mit Dominante bilden ebenso viele Existenzbedingungen des komplexen Ganzen selbst. [...] sie bedeutet, dass die Struktur des Ganzen, also der ‚Unterschied’ der wesentlichen Widersprüche und ihre Struktur mit Dominante die Existenz des Ganzen selbst ist, dass der ‚Unterschied’ der Widersprüche (dass es einen Unterschied gibt und dass jeder Widerspruch einen Hauptaspekt hat) eins ist mit den Existenzbedingungen des komplexen Ganzen. Klar gesagt, schließt diese Behauptung ein, dass die ‚Neben’-Widersprüche nicht das reine Phänomen des ‚Haupt’-Widerspruchs sind, dass der Hauptwiderspruch ohne die Nebenwidersprüche existieren könnte [...]. Sie schließt im Gegenteil ein, dass die Nebenwidersprüche wesentlich sind für die Existenz des Hauptwiderspruchs selbst und dass sie tatsächlich dessen Existenzbedingungen bilden, genauso wie der Hauptwiderspruch ihre Existenzbedingung bildet.“ (8)

Ganz im Gegensatz zur sonst proklamierten Autonomie der Theorie verweist Althusser auf die reale Gesellschaft und Geschichte: „Als Beispiel für dieses komplexe, strukturierte Ganze möge die Gesellschaft dienen. Die ‚Produktionsverhältnisse’ sind dort nicht das reine Phänomen der Produktivkräfte: Sie sind auch ihre Existenzbedingungen; der Überbau ist nicht das reine Phänomen der Struktur; er ist auch Existenzbedingung.“ (9) Das hebe die Bestimmung durch die Ökonomie in letzter Instanz nicht auf. Als historische Beispiele führt Althusser Russland, China und Kuba an und er verschweigt auch nicht, dass er durch Maos Schriften zum Widerspruch inspiriert wurde.

Von der relativen Autonomie der Theorie zum Nominalismus

So stichhaltig Althussers Einwand zur Dialektik ist und so brauchbar der neue Begriff der Überdeterminierung zur Erklärung realer historischer Ereignisse erscheint, so schießt doch die Gesamtkonzeption weit über das Ziel hinaus. Aus der relativen Selbständigkeit der Teilsphären leitet Althusser die Autonomie der Theorie ab, die er relativ nennt, die aber fast schon als nominalistisch zu bezeichnen ist. Homolog verfährt Althusser hinsichtlich der Geschichte. Seine tatsächliche Position, die er Marx zu unterschieben versucht, besteht darin, den Begriff der Geschichte als selbst nicht geschichtlich anzusehen. „Die Erkenntnis der Geschichte ist ebenso wenig geschichtlich, wie die Erkenntnis des Zuckers süß ist.“ (10)
In Überleitung zur gegenständlichen Frage der „Theoretischen Praxis“ soll noch auf Althussers dritten Anti-ismus eingegangen werden, nämlich den Antiempirismus. Seine Kritik folgt auch hier nicht jener impliziten Marxens. Der Empirismus ist dadurch charakterisiert, dass Sinneseindrücke und Erfahrung vermeintlich ohne menschliche Bearbeitung als Tatsachen, vor allem naturwissenschaftlicher Art, und damit als einzig mögliches Abbild der Realität, ausgegeben werden, so wie es der Positivismus macht, der als Form des Empirismus in der zum Durchbruch gekommenen kapitalistischen Gesellschaft gelten kann. Dabei wird notwendig eine strenge Trennung zwischen Objekt und Subjekt angenommen, welches die Bedingung der Möglichkeit der objektiven Wahrheit ist. Schematisch gesprochen hält Marx dem entgegen, dass der Zugang zur Wahrheit ein praktischer ist, das heißt das Subjekt mit dem Objekt wechselseitig mit einander verwoben sind. Erkenntnis bedarf der Abstraktion und Verallgemeinerung. Es gibt die rohe, unbearbeiteten Tatsachen oder Sinneseindrücke nicht, die Kantsche Mannigfaltigkeit oder den Elementarsatz des Wiener Kreises. Diese selbst sind Abstraktionen, aber falsche und daher unzulässige. Erkenntnis ist dadurch konstruiert und relativ, aber dennoch nicht beliebig, denn über die Praxis wird sie an die Realität zurückgebunden, eine Realität die sich aber niemals in rohen Tatsachen darstellt, sondern immer nur durch Interpretation und Abstraktion erschließt, die zum Zweck der Praxis vorgenommen wird.
Althusser hingegen geht andere Wege. Er kritisiert, dass der Empirismus ein Wesen, eine Essenz der Dinge unterstelle, die aus der Erscheinung abstrahiert werden müsse – was m.E. nicht nur nicht spezifisch für den Empirismus ist, sondern im Kern einfach nicht zutrifft. Im Gegenteil tut sich der Empirismus mit der Abstraktion als Methode schwer. Doch Althussers Weg macht für Marxisten dann eine unerwartete Wendung, die von der angesprochenen Problematik gänzlich wegführt: „Wenn der Empirismus sein Erkenntnisobjekt in der Essenz sieht, so behauptet er etwas sehr Entscheidendes, das er im selben Moment leugnet: er behauptet, dass das Erkenntnisobjekt mit dem Realobjekt nicht identisch ist, denn er bezeichnet es als Bestandteil des Realobjekts. Zugleich leugnet er diese Behauptung, indem er die Differenz zwischen zwei Objekten, dem Erkenntnisobjekt und dem Realobjekt, auf eine einfache Differenz zwischen zwei verschiedenen Bestandteilen eines einzigen Objekts – des Realobjekts – reduziert.“ (11)

Hier sind wir nun bei einer der Kernideen und gleichzeitig einem Hauptproblem des Althusserismus, nämlich der strengen Trennung des Erkenntnis- vom Realobjekt, die nominalistische Züge trägt und zuweilen an Kant erinnert. Die Erkenntnis und ihre Objekte werden bei Althusser zu einer eigenen Sphäre, die eine selbständige Realität bilden. Deren Beziehung zur gesellschaftlichen Realität mit dem von Althusser verwendeten Term „relative Autonomie“ zu beschreiben, dünkt gelinde gesagt euphemistisch.
Daraus folgt, dass die Verifizierungskriterien der Erkenntnis, also der Theorie, dieser rein intern bleiben. Es ist kein Zufall, dass die Mathematik und die experimentelle Naturwissenschaft als Beispiele herhalten müssen. Die Mathematik gilt als Formalwissenschaft und verfährt als solche konstruktivistisch und konventionalistisch. Sie war nicht um sonst das Flaggschiff der rationalistischen Philosophie. Und auch die experimentellen Naturwissenschaften verfahren zumindest seit der Einsteinschen Wende ebenso konventionalistisch und konstruktivistisch. Die Verifizierung von Hypothesen erfolgt im Rahmen der selbst konstruierten Konventionen. Doch auch da bleibt im Kern ein Bezug zur Realität bestehen. So sehr die Fragestellung konstruiert sein mag, erfolgt die Antwort doch nicht unabhängig von der Verhaltensweise des untersuchten Realobjekts. Selbst bei der Mathematik bilden zumindest die Grundannahmen die Realität ab, insofern als sie sich praktisch dienlich erwiesen haben.
Trotz seines vermeintlichen Antiempirismus übernimmt Althusser also die rigorose Trennung von Subjekt und Objekt, von Erkenntnis- und Realobjekt und stellt sich – ohne es zu sagen – radikal gegen den Kern der wie Althusser sagt, unexplizierten Marxschen Epistemologie, die in der revolutionären Praxis der Feuerbach-Thesen beschlossen liegen.

Wissenschaftlichkeit oder Szientismus?

Damit im unmittelbaren Zusammenhang steht ein szientistisch-positivistischer Fetisch von der Wissenschaftlichkeit. Dabei sei bemerkt, dass das Werk Marxens zwar durchaus einen wissenschaftlichen Anspruch stellt, aber sich keineswegs in erster Linie als Wissenschaft versteht, wie es Althusser annimmt. Im Gegenteil geht es um revolutionäre Praxis, deren höchster Ausdruck der Aufstand ist und den fasst nicht nur Lenin, sondern schon Marx als Kunst, also als der Antipode von Wissenschaft, auf. Wissenschaft wird streng von Ideologie abgehoben und zwischen ihnen ein „epistemologischer Bruch“ konstatiert, ein Begriff der zur Mode wurde und bis heute herumgeistert. Letztendlich entspricht er ganz der Drei-Stadien-Theorie Auguste Comtes, der einen Fortschritt der Menschheit zur Wissenschaft annimmt, der zuerst im Bereich der Mathematik und Naturerkenntnis Platz griffe und sich in der Folge auch auf die die Gesellschaft beherrschenden Kräfte ausdehnen würde. Hier sind wir bei den „Kontinenten“ Althussers, der Marx in die Fußstapfen Galileo Galileis treten und den „Kontinent Geschichte“ entdecken und erobern lässt. So wenig der Grundansatz der Trennung von Wissenschaft und Ideologie mit Marx zu tun hat, welcher jede Erkenntnisleistung vom Interesse des Subjekts notwendig mitgeprägt versteht und damit eine derart apodiktische Trennung nicht vornehmen kann, enthält doch Althussers Beschäftigung mit dem Phänomen der Ideologie viele wertvolle Aspekte, die allerdings nicht Gegenstand dieses Artikels sind.
Die Einleitung abschließend sei noch bemerkt, dass Althussers Werk einem stetigen Wandel unterworfen ist. Diese Arbeit stützt sich im Wesentlichen auf diejenigen Texte und Konzepte, die Althusser Mitte der 1960er veröffentlichte, die am intensivsten rezipiert und damit auch den Charakter des Althusserismus prägten. Trotz seiner dezidierten Selbstkritik haben sich die dargestellten Grundpositionen zumindest bis in seine postmoderne Periode in den 80er Jahren im Kern erhalten.

B) Zum Konzept der theoretische Praxis


Symptomorientierte Lektüre expliziert Methode bei Marx

Die beiden ersten Werke, die Althusser bekannt machten, namentlich „Für Marx“ und „Das Kapital lesen“, suggerieren eine Rückkehr zu Marx gegen die nach der „Entstalinisierung“ als Verfälschung angesehene sowjetische Orthodoxie. Tatsächlich beschäftigen sie sich nur bedingt mit dem Inhalt des Marxschen Werkes und insbesondere des „Kapitals“. Seine Fragestellung ist eine methodologische. Althusser geht es um Wissenschaftstheorie. Er unterzieht Marxens Schriften daher einer „symptomatischen Lektüre“ (lecture symptomale, die bisweilen auch und meines Erachtens trefflicher und besser verständlich als „symptomorientierte Lektüre“ übersetzt wird), eine Methode, die er schon bei Marxens Lektüre der schottischen Nationalökonomien in Verwendung sieht.
Jede Wissenschaft arbeite in einem bestimmten Feld, stellte sich einer bestimmten Problematik. Jeder eingenommene Standpunkt lasse jedoch blinde Flecken, die auch bei der größten Genialität eines Autors von diesem aus strukturellen Gründen nicht gesehen werden könnten. Der von Marx durchlaufene epistemologische Bruch, der mit der „Deutschen Ideologie“ und den „Thesen über Feuerbach“ seinen Beginn genommen haben soll, hätte es ihm ermöglicht, bei David Ricardo und Adam Smith Antworten zu finden, für die diese nicht einmal die Fragen gestellt hätten.
So will Althusser seinerseits mit Marx verfahren und aus seinem Werk eine Epistemologie explizieren, eine Aufgabe die sich Marx selbst nie gestellt habe. Althussers Unternehmen zielt auf eine Metatheorie ab, auf eine Theorie von dem was er „theoretische Praxis“ nennt.

Ausgang vom Allgemeinen

Althusser nimmt den Arbeits- und Produktionsprozess als Analogie für sein Konzept von der theoretischen Praxis. Der Begriff der Analogie selbst unterstellt keine Identität mit dem Vorbild, sondern eine Ähnlichkeit. Daher kann gegen Althussers Einsatz vorerst kein Einspruch erhoben werden, sondern es bleibt die Einschränkung des Wirkungsbereichs und die Herausarbeitung der vergleichbaren Momente abzuwarten, um die Tragfähigkeit der Analogie beurteilen zu können.
Althusser hebt damit an, dass der Ausgangspunkt der Erkenntnis nicht das unmittelbar Gegebene, das Singuläre sei (vergleichbar mit dem Mannigfaltigen Kants), so wie es der Empirismus und Sensualismus unterstellten. Vielmehr gehe Erkenntnis immer schon von einem gegebenen Ganzen, einem übernommenen und vermittelten Begriffssystem aus. Althusser nennt es das Allgemeine A I.
Es ist der Rohstoff für die Produktion der Theorie, die Arbeit der Erkenntnis. Im Prozess der theoretischen Praxis wird nun A I zu einem neuen Allgemeinen verarbeitet, genannt A III. Das abstrakt Allgemeine A I wird so zu zum konkret Allgemeinen A III transformiert. Dazu werden bestimmte Instrumente und Methoden verwendet, die unter Allgemein II gefasst sind.
So sehr der Weg vom abstrakt Allgemeinen zum konkret Allgemeinen an Hegel erinnert, wird jener dennoch heftig angegriffen. Alles sei schon im Ursprung angelegt, der Begriff selbst sei Motor des Prozesses. Für Hegel falle Erkenntnis und Realität, Gedanken und Sein in eins. Der Begriff der „Frucht“ produziere letztlich die konkreten Birnen, Äpfel usw. So weit handelt es sich da um eine bekannte und weit verbreitete Kritik, die sich mit dem Zerfall des Hegelianismus am den 1840er Jahren durchsetzte und die auch Marx teilte.

Subjekt-Objekt-Dialektik vermittels Praxis fehlt

Doch an diesem Punkt schlägt Althusser seinen oben schon angedeuteten radikal nominalistischen Weg ein. Er stellt folgendes Zitat aus der Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie von Marx an den Anfang des zentralen Kapitels in „Für Marx“, das mit „Der Prozess der theoretischen Praxis“ überschrieben ist: „Die konkrete Totalität als Gedankentotalität, als ein Gedankenkonkretum, (ist) in fact ein Produkt des Denkens, des Begreifens; keineswegs aber des außer oder über der Anschauung und Vorstellung denkenden und sich selbst gebärenden Begriffs, sondern die Verarbeitung von Anschauung und Vorstellung in Begriffe.“ (12) Marx etabliert hier gegen Hegel die Differenz zwischen der Realität und ihrer Abbildung im Denken. Althusser will indes etwas ganz anderes stützen, nämlich die Unabhängigkeit dieser beiden Sphären von einander. „Der Prozess, der das Erkenntnis-Konkrete produziert, verläuft vollständig in der theoretischen Praxis: Er betrifft natürlich auch das Konkret-Wirkliche, aber dieses Konkret-Wirkliche ‚besteht nach wie vor in seiner Unabhängigkeit, außerhalb des Denkens’ (Marx), ohne jemals verwechselt werden zu können mit jenem anderen ‚Konkreten’, das seine Erkenntnis ist.“ (13) Wenn Althusser „verläuft“ sagt, so schließt er damit ein, dass der Prozess der theoretischen Praxis sein Material, sein Ausgangsprodukt wie oben ausgeführt, ausschließlich aus dem A I heranzieht, also nicht aus dem Konkret-Wirklichen.
Althusser wirft Feuerbach vor, er hätte Hegels Richtung vom Begriff der Frucht zum konkreten Frucht einfach nur umgekehrt. Aus den konkreten Birnen und Äpfeln würde der Begriff der Frucht abstrahiert. Dagegen erhebt Althusser lauten Einspruch. Es gäbe die isolierten Birnen und Äpfel nicht, sondern der Erkenntnisprozess beginne immer schon bei den allgemein-abstrakten, vermittelten Begriffen von Birne, Apfel, Frucht usw.
Hier liegt der Hund begraben. Es ist richtig und wichtig festzuhalten, dass der Erkenntnisprozess nicht allein beim Einzelnen beginnt. Aber genauso wenig beginnt er allein beim Allgemeinen. Beides sind immer schon Momente des Erkenntnisprozesses. Es stimmt, dass die einzelne Birne kein factum brutum ist, sondern über ihren Verzehr, Anbau und Zucht historisch vermittelt und entwickelt wurde und ohne ihren allgemeinen Begriff weder erkennbar wäre noch existieren würde. Aber ohne die einzelne Birne würde auch der Allgemeinbegriff nicht existieren. Allgemeinbegriff und Erkenntnis des einzelnen Individuums sind über die Praxis mit einander verwoben. Ohne Allgemeines keine Erkenntnis des Einzelnen und ohne Einzelnes keine Bildung eines Allgemeinen. Die Abstraktion ist also im Gegensatz zur Behauptung Althussers ein Moment des Erkenntnisprozesses. Das meint auch Marx, wenn er im obig von Althusser gebrachten Zitat sagt, dass die Begriffe aus der Verarbeitung von Anschauung und Vorstellung entstammen. Nach Althusser gibt es diese über die gesellschaftliche Praxis vermittelte Wechselwirkung nicht, es spielt sich alles im Begriff ab. Tatsächlich ist Althusser mit seinem Antihegelianismus Hegel näher als er zu glauben vermeint. Für letzteren ist die einzelne Birne wenigsten noch eine Entäußerung des Begriffs, während für Althusser zwischen ihnen kein Zusammenhang zu bestehen scheint. Josef Kölbl bemerkt in seiner Dissertation zutreffend: „Die Menschen werden sich ihrer Beziehungen in der Welt zur Natur und zum Sozialen bewusst. Erkannt wird nicht, was ist, sondern das, was bearbeitet wird.“ (14)

Strikte Abtrennung von Gedenken (Theorie) und Realität (Praxis)

Hinsichtlich des Begriffs der Birne mag Althusser absurd anmuten, hinsichtlich gesellschaftswissenschaftlicher Kategorien jedoch erwies sich der Strukturalismus am Markt der Ideen als verkäuflich. Diese Kategorien werden nicht als Abstraktionen realer gesellschaftlicher Umstände und Verhältnisse angesehen, sondern als über und außer ihnen und ihrer Geschichte stehend hypostasiert. Von diesem Blickwinkel aus erschließt sich der eigentliche Sinn Althussers Antiempirismus, Antihumanismus und Antihistorismus.
Man kann sich Kölbls Schlussfolgerung, dass es sich bei der „theoretischen Praxis nur um ein übles Wortspiel handelt“ nur anschließen. „Die Praxis, so wie er [Althusser] sie ansetzt, verliert jede Bedeutung; sie ist überall und nirgends, da sie als Begriff kein Ausgeschlossenes kennt, auf das sie sich beziehen könnte. Theorie als Bezirk der Praxis anzusiedeln hat nicht viel mehr als den Schein, marxistisch zu sein.“ (15) Wenn die theoretische Praxis ihre Verifikationskriterien streng in sich selbst enthält, enthebt sie sich der Überprüfung in der gesellschaftlichen Praxis. Sie ist damit zur reinen Theorie zurückgekehrt, die von der Praxis strikt getrennt bleibt.

Dualismus: Positivistischer Materialismus und sich selbst antreibendes Denken

Ein ironischer Aspekt in Althussers Begriffsscholastik soll indes nicht unkommentiert passieren. So betont er emphatisch die theoretische Revolution, die Marx mit den Thesen über Feuerbach in Gang setzte. Er selbst bleibt jedoch unentrinnbar in der Dichotomie, die Marx in seinen epochemachenden Thesen vermittels der revolutionären Praxis auflösen, aufheben will, verstrickt und macht diese Revolution nicht mit.
Marx kritisiert in der 3. Feuerbach-These den mechanischen Materialismus und seine notwendige Verdoppelung in ein idealistisches Nebengebäude, das ihn trotz allem monistischen Anspruchs immer zu einem Dualismus werden lässt: „Die materialistische Lehre von den Veränderungen der Umstände und der Erziehung vergisst, dass die Umstände von den Menschen verändert und der Erzieher selbst erzogen werden muss. Sie muss daher die Gesellschaft in zwei Teile – von denen der eine über ihr erhaben ist – sondieren.“ (16) Weil Althussers Lehre auf das zentrale Vermittlungsglied der revolutionären Praxis verzichtet, zerfällt sie ebenso in diese zwei Teile, wenn auch in einer der Zeit entsprechenden Form. Ausgehend von einem radikalen Materialismus, der zur Treibjagd auf die letzten Residuen des Hegelschen Idealismus im marxistischen Lager ruft, wird jede Subjektivität gestrichen. Was bleibt ist ein Prozess ohne Subjekt. Doch der Materialismus entpuppt sich als nichts anderes als ein positivistischer Szientismus, der die Kurve zum in den Naturwissenschaften eingezogenen Konstruktivismus zu kratzen versucht. Nachdem ein solcher Materialismus, wie schon jener der französischen Aufklärer und auch Feuerbachs, die „tätige Seite“ nicht zu fassen sich in der Lage erweist, wird sie „abstrakt vom Idealismus“ (1. Feuerbach-These) entwickelt – sei dies nun in Form einer separaten philosophischen Strömung oder als dualistisches Anhängsel. So auch bei Althusser: Als tätige Seite ersteht der reine Begriff, die Struktur ohne Subjekt, die selbst zum tätigen Subjekt wird. Hinsichtlich seiner Fähigkeit sich selbst zu bewegen, sich im Prozess der theoretischen Praxis zu transformieren ohne die Gesellschaft zu berühren, erinnert der Althusserismus, trotz aller Attacken auf den Hegelianismus an Hegel. In seiner Berührungslosigkeit mit der empirischen Realität steht er indes gar dem frühen Rationalismus näher. Das ist das Urteil über Althussers theoretische Praxis gesprochen umso mehr als nach Marx ein solcher Materialismus die „Anschauung der bürgerlichen Gesellschaft“ (9. Feuerbach-These) ist.

Althusser bekämpft falschen Feind

Es sei zum Anschluss nochmals gestattet, Althussers Ansatz in den politischen Kontext seiner Zeit zu stellen, so wie er eingangs eingeführt wurde.
Althusser teilt wie fast die gesamte kommunistische Bewegung seiner Zeit einen antistalinistischen Standpunkt, verwehrt sich gleichzeitig aber dagegen das Kind mit dem Bade auszuschütten und die opportunistische Anpassung der prosowjetischen Kommunistischen Parteien, die er auf der theoretischen Ebene im Humanismus erblickt, mit zu tragen. Doch auch in dieser Frage entkommt er der falschen Dichotomie, diesmal zwischen Stalinismus und Antistalinismus, nicht. Denn sein Hass gilt vor allem den hegelianisierenden Tendenzen im Marxismus, die allgemein einerseits dem jungen Marx (allerdings nicht für Althusser, der in seinem Versuch die radikale Diskontinuität zwischen Hegel und Marx zu belegen das Kunststück schafft, auch dem jungen Marx jeden Zusammenhang mit Hegel abzusprechen) und andererseits einer Strömung des kommunistischen Linksradikalismus der 1920er und 30er Jahre repräsentiert von Georg Lukacs, Karl Korsch und Ernst Bloch zugeschrieben wird. Trotz der zweifellosen Unzulänglichkeiten dieser Rehabilitierung Hegels in der Zwischenkriegszeit, kommt ihnen dennoch das unschätzbare Verdienst zu gegen die positivistische Tendenz der Zeit, die sowohl die sozialdemokratische als auch sowjetische Orthodoxie prägten und zu einem erdrückenden Determinismus führten, die revolutionäre Subjektivität verteidigt zu haben. Schon der späte Engels tat der Dialektik einen Bärendienst, als er sie in seiner „Dialektik der Natur“ auf die Natur auszudehnen versuchte. Diese vermeintliche Verteidigung geriet in ihr Gegenteil, nämlich in die damals überwältigende Tendenz zur Naturalisierung der Gesellschaft und der Umlegung der Methoden der Naturwissenschaft auf jene der Gesellschaft und die damit einhergehende Reduktion der Dialektik von einer von Marx nicht explizierten Methode in ein paar vom Inhalt getrennte Leerformeln. Dem gegenüber musste Lukacs’ umgekehrter Weg – wenn sicher auch eine Überspannung des Bogens – als Befreiung erscheinen: „Diese Beschränkung der Methode auf die historisch-soziale Wirklichkeit ist sehr wichtig. Die Missverständnisse, die aus der Engelsschen Darstellung der Dialektik entstanden, beruhen wesentlich darauf, dass Engels – dem falschen Beispiel Hegels folgend – die dialektische Methode auch auf die Erkenntnis der Natur ausdehnt. Wo doch die entscheidenden Bestimmungen der Dialektik: Wechselwirkung von Subjekt und Objekt, Einheit von Theorie und Praxis, geschichtliche Veränderung des Substrats der Kategorien als Grundlage ihrer Veränderung im Denken etc. in der Naturerkenntnis nicht vorhanden sind.“ (17)
Althusser schlägt sich hier auf die falsche Seite, auf jene positivistische und deterministische, antihegelianische, die letztendlich als Rechtfertigungsideologie diente – der Sozialdemokratie für ihren friedlichen Übergang zum Sozialismus über das quasi automatische Hinüberwachsen mittels der Produktivkraftentwicklung und dem Stalinismus als Legitimierung für die politische Entmündigung der Volksmassen. Denn wenn die Entwicklung zum Sozialismus durch „eherne Naturgesetze“ determiniert ist, dann bedarf es auch dem revolutionären Handeln der Massen nicht, sondern einzig der illuminierten Führer, die über den Einblick in diese Gesetze verfügen. Trotz seiner Ablehnung der kanonischen sowjetischen Lehre, gelingt ihm das Verlassen dessen Kreies nicht. Denn den bisher historisch einzigen, wenn auch unvollständigen und unvollkommenen Ansatz den Determinismus zu überwinden, kam gerade von der hegelianisierenden Tendenz, zu der Althusser die Türe zuschlägt, weil er sie als durchgängig bürgerlich versteht. So grob und schematisch diese Bezeichnung ist, so trifft sie doch eher auf den den mechanischen Materialismus kennzeichnenden Determinismus zu, wie auch schon Marx feststellte.

Gefangener der Orthodoxie

Als aller letztes noch eine Bemerkung zur Beziehung Althussers zu Lenin. In „Materialismus und Empiriokritizismus“ postuliert Lenin ganz im Sinne des vorkantischen aufklärerischen Wissenschaftsverständnisses die Möglichkeit der absoluten Wahrheit oder zumindest der Annäherung an sie. Sie richtet sich gegen die von den Umbrüchen in den Naturwissenschaften induzierten Debatten im Bereich des Neukantianismus und Neopositivismus, die um die Verarbeitung des Einsteinschen Relativismus kreisen und zum Teil konstruktivistische Konsequenzen nach sich ziehen. Althussers Konstruktivismus und Nominalismus könnte also in keinem größeren Gegensatz zu Lenin stehen. Dennoch versucht Althusser sich in seiner Selbstkritik mit Lenin zu legitimieren. Das erscheint aus heutiger Sicht als intellektuell höchst unredlich, darf aber nicht im Sinne eines bewussten Betrugs verstanden werden. Vielmehr muss trotz allem der Verweis auf den Kanon bzw. die ostentative Rückkehr zu diesem auch damals noch eine solche hypnotische Kraft ausgeübt haben, dass die inhaltliche Problematik schlicht überdeckt wurde. Das zeigt anschaulich wie wenig sich Althusser vor allem politisch aber letztendlich auch theoretisch aus der Gefangenschaft der prosowjetischen Linie zu befreien vermochte. Dazu bedurfte es seines späteren gänzlichen Bruchs mit dem Marxismus.

Willi Langthaler

(1) L. Althusser, Für Marx, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1968, S. 8
(2) MEW, Dietz Verlag Berlin 1990, Bd. 3, S. 6
(3) Ebenda
(4) L. Althuser, Für Marx, S. 196
(5) Ebenda, S. 177
(6) L. Althusser, Freud und Lacan, Berlin 1970, S. 33
(7) Josef Kölbl, Die Pariser Althusser-Schule, Dissertation, Wien 1976, S. 55
(8) Althusser, Für Marx, S. 151
(9) Ebenda
(10) L. Althusser, Das Kapital lesen I, Hamburg 1972, S. 139
(11) Ebenda, S. 50f.
(12) Zitiert nach Althusser, Für Marx, S. 124
(13) Ebenda. S. 128
(14) Kölbl, Althusser-Schule, S. 80
(15) Ebenda, S. 80f
(16) MEW, Bd. 3, S. 5f
(17) Georg Lukács, Geschichte und Klassenbewusstsein, Berlin 1923, Fußnote auf S. 17