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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 18 Mai 2006

Notizen von einer Reise nach Bolivien

Eine Reportage von Oralba Castillo Nájera


Ich habe nur elf Tage in diesem Land zugebracht, dem Nabel Lateinamerikas, dem Land, dass der Che ausgewählt hat, um dort die Befreiung unseres Kontinents zu beginnen. Bolivien zu erleben, bedeutet zu verstehen, warum Ches Wahl auf dieses Land gefallen ist. Niemals zuvor habe ich ein Volk kennen gelernt, dass sich der Veränderung des eigenen Landes so stark verschrieben hatte, und zwar von seinen indigenen Wurzeln her, die auch das Symbol des Volkskampfes sind.

Zunächst muss gesagt werden, dass jemand, der mit dem Marximus-Leninsmus großgeworden ist, flexibel werden muss, um die Kategorien zu verstehen, welche die Bolivianer auf Bolivien anwenden, denn diese haben nichts mit der uns bekannten politischen Sprache zu tun. Das theoretische Gerüst stützt sich auf Elemente wie die Kritik an der Partei, die Nicht-Zentralität des Konzeptes der Machtergreifung sowie das soziale Subjekt, das in sozialen Mobilisierungen gesehen wird – Bewegungen, die ohne Organisation, ohne Führer konzipiert sind, spontan und doch in der Lage, transnationale Projekte zum Scheitern zu bringen. Ein Beispiel dafür ist der Kampf um das Wasser im Jahr 2000, als die Bewegungen verhinderten, dass die staatliche bolivianische Wasserversorgung an eine spanische Firma verkauft wurde; oder 2003, als die Bewegungen den Präsidenten Sánchez de Lozada „Goñi“ stürzten, weil dieser weiterhin die nationalen Gasvorkommen an transnationale Konzerne verkauft hatte. Heute haben diese Kräfte Evo Morales (1) gewählt und ihn mit einer Stimmenmehrheit von 74% zum Präsidenten gemacht und zwar gegen eine aggressive Rechte, deren Waffen wir heute (ich schreibe am 22. März) auch in den Bomben sehen können, die in zwei Hotels in La Paz plaziert waren. Zwei Personen, ein Gringo und eine Uruguayanerin sind dafür verantwortlich. Evo hat sie als Agenten des Imperialismus zum Zwecke der Destabilisieruung des Landes bezeichnet.
Ich bin mit Raquel Gutiérrez (2) nach Bolivien gereist, ohne die ich niemals Zugang zum bolivianischen Volk bekommen hätte. Wir nennen uns Genossinnen, in Bolivien sagen die Menschen „Bruder“ oder „Schwester“ zueinander. Wir haben ein ziemlich irritiertes Volk vorgefunden, das nach Verbindungsbrücken zwischen der Regierung und den sozialen Bewegungen sucht und diese immer weniger findet. Raquel, während sie mit Evo und Álvaro García (3), dem Präsidenten und Vizepräsidenten, zusammentraf, beschrieb ihren Eindruck folgendermaßen: „Ich sehe viel Administration und wenig Politik“. Beide akzeptierten ihre Einschätzung, doch sagten sie, dass es notwendig sei, die Administration zum Funktionieren zu bringen, denn das sei die vorrangigste Aufgabe.
Viele andere Menschen, die wir trafen, Raquels ehemalige Genossinnen und Genossen, Intellektuelle und Frauen erzählten uns, dass sie verwirrt seien: Ihre Freunde (Evo und Álvaro) wären dank ihrer Stimme an die Macht gekommen, doch jetzt hätten sie sich von ihnen entfernt und umgeben sich mit Leuten von der Rechten, vor allem jenen der Partei Podemos.
In allen sozialen Milieus, die ich in La Paz besuchte, war die dominante Stimmung Erstaunen und Verwirrung. Währenddessen verfolgte man in den Fernsehübetragungen auf dem Regierungskanal, wie Álvaro im Parlament, das zu 50% mit Abgeordneten der MAS (Bewegung zum Sozialmus, Partei von Evo Morales) und zu 50% mit Abgeordneten von Podemos besetzt ist, ein Gesetz zur Einberufung der Konstituierenden Versammlung verhandelte, einer Forderung der sozialen Bewegungen seit dem Jahr 2000. Niemand war zufrieden. Alle dachten, dass ihre Toten, ihre Kämpfe, ihre Forderungen nach Autonomie für die indigene Bevölkerung (80% der Gesamtbevölkerung), nach Verstaatlichung der Erdgas- und Erdölvorkommen, nach Land, nach Landrechten (hier handelt es sich um das indigene Konzept des Gemeinbesitzes an Land und der Produkte, die es abwirft, laut der indigenen Tradition), nach Selbstverwaltung auf dem Verhandlungstisch lagen. Das angenommene Gesetz verhängte „Maulkörbe“: Nur Parteimitglieder konnten an den Verhandlungen teilnehmen, wodurch die MAS bevorzugt wurde, während die Bewegungen, die in ihrer Mehrheit antipartitistische Züge haben und sich in der MAS nicht oder nur teilweise wiedererkennen, ausgeschlossen sind.
El Alto ist eine urbanisierte Zone in den Bergen rund um La Paz, die vor rund 21 Jahren entstanden ist und deren soziale Zusammensetzung weitgehend indigen ist. Die Bewohner sind vor allem Aymaras und Quechuas sowie Minenarbeiter, welche die Stadt seit 1985 zu Hauf verlassen haben, dem Jahr, in dem die neoliberale Gesetzgebung zu greifen begann. Die Bevölkerung von El Alto gilt als kämpferisch. Sie führte die Blockaden von La Paz in den Jahren 2000, 2003 und 2005 durch. Eine Frau aus El Alto sagte uns: „Die Bewegung muss abwarten, muss Evo und Álvaro beobachten, darf nicht aufhören auf der Hut zu sein. Es ist wichtig, dass die Bewegung nicht aufgibt, nur weil die Wahl in ihrem Sinne ausgegangen ist. Sie darf sich auch nicht in der institutionalisierten Politik auflösen.“
Ich hatte die Gelegenheit mit Felipe Quispe zusammenzutreffen, führender Aktivist der Aymara und der CSUTCB (Gewerkschaftsbund der Arbeiter und Bauern Boliviens). Er zeigte sich verärgert, denkt, dass Evo und Álvaro die revolutionäre Bewegung verraten haben. In der indigenen Begriffswelt gibt es dafür das Wort „Pachakuti“: der Ausverkauf von allem, absolut allem und jedem, inklusive der Natur. Quispe, ebenso wie der Bürgermeister der Stadt Achacahi im Hochland sind der Ansicht, dass die radikalen Kräfte sich, auf die Stärke der sozialen Bewegungen gestützt, organisieren müssen, um an der Konstituierenden Versammlung teilzunehmen. Ihre Stärke liegt in den Forderungen nach Verstaatlichung der Erdöl- und Gasvorkommen, nach Landrechten, Autonomie und nach der Entscheidungsgewalt über die Bodenschätze.
Ein Genosse aus Argentien vom Kollektiv Situaciones gab seiner Befürchtung Ausdruck, dass in Bolivien so etwas ähnliches geschehen könnte wie in Argentinien unter Kirchner, der „die Fähigkeit besessen hat, die Kraft der Piqueteros zu kanalisieren“. Er stellte fest, dass „die Regierungen, die in den letzten Jahren in vielen Ländern Lateinamerikas an die Macht gekommen sind, in Venezuela, Brasilien, Argentien, Uruguay, Chile und eben vielleicht auch in Bolivien, sich als nicht viel mehr als der Versuch, dem Kapitalismus ein humanes Gesicht zu verleihen und die Globalisierung in Verhandlungen mit den Völkern neu zu organisieren, herausstellen könnten“. Im Klartext würde das Reformen bedeuten, die uns in die 50er Jahre und die Zeit des lateinamerikanischen kapitalistischen „Desarrollismo“ (4) zurückwirft, der sich auf den relativen Wohlstand des Kleinbürgertums stützte. Ein Vertreter dieses Kleinbürgertums ist Álvaro, wie Felipe feststellt.
Cochabamba im Hochland, eine Stadt, die in eine reiche Zone im Norden und eine arme Zone im Süden geteilt ist, hat sich durch ihren Kampf gegen die Privatisierung der Wasserversorgung einen Namen gemacht. An diesem Kampf im Jahr 2000 haben Raquel, Felipe, Álvaro und Evo teilgenommen. Die Leute aus dem Süden der Stadt sind sehr kämpferisch und sie haben Raquel mit großem Respekt und Bewunderung empfangen.
Wir haben dort die Maquiladora Asarti besucht, die ihre Produktion nach Holland verkauft. In der Fabrik arbeiten vierzig Textilarbeiterinnen, 44 arbeiten zu Hause. Ihre Löhne sind sehr niedrig, doch die Arbeit verlangt große Konzentration. Der Arbeitstag in der Fabrik beträgt acht Stunden, die Frauen in der Heimarbeit müssen täglich 16 Stunden arbeiten. Der Besuch in der Maquiladora führte uns vor Augen, was die Ausbeutung in diesen Fabriken bedeutet, außerhalb jedes geregelten Arbeitsverhältnisses. Auch in Mexiko gibt es solche Fabriken, sie schießen wie Pilze aus dem Boden, werden von korrupten Unternehmern kontrolliert und von prominenten Politikern aller parteipolitischen Couleurs, einschließlich der sozialdemokratischen PRD protegiert. Hinzu kommt, dass im Schatten dieser Maquiladores häufig Kinderprostitutions-Netzwerke aufgebaut werden.
Wir besuchten auch den Stadtteil Villa Potosí, in dem die Arbeiter und die gesamte Gemeinde alle Probleme des täglichen Lebens meistern: Wasser-, Strom- und Lebensmittelversorgung. Die Menschen sind sehr politisiert, sie können praktisch nur aufgrund des Zusammenhalts der Gemeinschaft überleben kann. Die meisten von ihnen stammen aus anderen Teilen Boliviens, sind ehemalige Minenarbeiter oder Indigenas. Wir waren auch im Stadtteil Erster Mai, auch dort leben sehr kämpferische Menschen, die gemeinsam ihr tägliches Überleben sichern. Sie haben eine Schule eröffnet und diskutieren darüber, wie eine autonome Gemeindeverwaltung in der südlichen Zone von Cochabamba aufgebaut werden könnte. Natürlich war auch die Teilnahme an der Konstituierenden Versammlung mit eigenen Organisationsformen Gesprächsthema. Es wird diskutiert, eigene Institutionen aufzubauen, auf Grundlage legitimierter (nicht gleichbedeutend mit „legaler“) Macht. Wir nahmen an einer Versammlung von Wasserkomitees der Südzone teil, in der die Suche nach neuen Formen der Teilnahme an der Konstituierenden Versammlung, trotz aller Ausschlussversuche durch das Gesetz, erörtert wurde.
Am folgenden Tag wurde eine Versammlung mit Vertretern unterschiedlicher Berufsverbände, einigen NGOs, Intellektuellen, Wasserkomitees, der Bauernkonförderation der südlichen Zone und mit Vertretern der zu formierenden autonomen Gemeindeverwaltung organisiert. In der Versammlung wurden folgende Themen angesprochen: die Notwendigkeit an der Konstituierenden Versammlung teilzunehmen, wobei die grundlegende und mobilisierende Position folgende war: „Sie sind an der Regierung, das ist ihr Problem. Wir sind an der Macht. Das ist unser Problem.“ Es wurde unterschieden zwischen: Legalität und Legitimität, Zeit und Raum der Regierung und der Völker. Die Diskussion ging insbesondere auf die Fragen „Welches Bolivien wollen wir?“ und „Wie und mit wem bauen wir es auf?“ ein. Konkrete Ideen, wie der Kampf organisiert werden könnte, waren etwa das Beispiel des Arbeitskampfes bei Lloyd Aéreo Boliviano, einer Fluglinie, die inzwischen in Form einer Kooperative von den Arbeitern geführt wird. Der Besitzer befindet sich wegen Korruption im Gefängnis. Die Piloten und das übrige Personal sind in Streik geetreten und haben der Regierung alternative Formen, die Fluglinie weiterzuführen, angeboten. Bis dato hat Evo nicht geantwortet, man sagt, weil der Besitzer einen Teil seiner Wahlkampagne finanziert habe. Die Belegschaft fordert, dass Evo für die Arbeiter Partei ergreift.
Wir Mexikanerinnen haben aufgrund dieser Erfahrungen über die Konvention von Aguascalientes im Jahr 1914 nachgedacht, in der sich die Anführer der bewaffneten Verbände versammelten, die am Aufstand 1910 teilgenommen hatten. Unter ihnen waren auch Francisco Villa und Emiliano Zapata. Die Konvention war der politische Ort, an dem die politischen Lehren und Formen, die sich aus der bewaffneten Bewegung ergeben hatten, diskutiert wurden. Der kapitalistische Landbesitzer Carranza verriet diese Konvention, ein Verrat, der schließlich in der Konstitution von 1917 endete. Wir stellten der Versammlung in Cochabamba die Erfahrungen der mexikanischen Geschichte zur Verfügung. Sie wurden aufgenommen und es wurde beschlossen, dass in Bolivien nicht das gleiche geschehen dürfe.
Die Konstituierenden Versammlung soll im August in der Stadt Sucre stattfinden. Es wurde vorgeschlagen, dieser beizuwohnen um den Forderungen des Volkes, seien sie legal anerkannt oder nicht, Nachdruck zu verleihen. Es wurden auch die Artikeln der Konstitution diskutiert, und zwar ausgehend vom mexikanischen Beispiel. Der dritte Artikel betrifft die unentgeltliche und säkulare Bildung für alle. Artikel 27: Eigentum der Nation ist: die Luft, das Land, das Meer und alle natürlichen Vorkommen. Die Nation erkennt folgende Eigentumsformen an: das Kleineigentum, das Ejido-Eigentum (traditionelle Form des Gemeineigentums) und moderne Formen des Gemeineigentums. Artikel 130: die Trennung von Kirche und Staat. Artikel 123: Rechte der Arbeiter, inklusive des Streikrechts. Artikel 139: das Recht des Volkes, zu jedem Zeitpunkt und an jedem Ort, gegen seine Regierenden aufzustehen. Denn das Volk ist der Souverän. (Auf diesen Artikel stützt sich das EZLN). Wir wiesen die Versammlung darauf hin, wie diese Artikel von unseren Regierenden verletzt wurden, bis sie schließlich in einem Prozess neoliberalen Umbaus zu totem Wort wurden. Es wurde als notwendig betrachtet, dass die Konstituierende Versammlung in Bolivien eine Konstitution auf Klassenbasis verabschieden müsse.
Wir kamen nach Santa Cruz, Zentrum der Rechten, der Unternehmer in Zusammenarbeit mit den transnationalen Konzernen, ein Erdölgebiet. Wir besuchten die Stadt mit einem Landlehrer, der politisch aktiv war. Er drückte uns gegenüber die selbe Verwunderung angesichts der aktuellen politischen Situation aus, die wir auch in anderen Teilen des Landes erfahren hatten. Er führte uns in eine ebenfalls autonom verwaltete Gemeinde. Dort wurden wir uns bewusst, wie viele Gesetze Sanchez de Lozada verabschiedet, viele jedoch auch noch aus der Kolonialzeit übernommen hatten, die dazu dienten, die Forderungen des Volkes zu torpedieren. Beispielsweise gibt es ein Gesetz, das im Katastrophenfall die Verwendung von Hilfsmitteln verhindert. In diesem Zusammenhang besuchten wir ein Lager von Obdachlosen, die ihre Unterkünfte durch eine Überschwemmung verloren hatten. Die Familien leben in einer verzweifelten Situation, sind schlecht und recht in Zelten untergebracht. Der Lehrer und der Bürgermeister bemühen sich, sie notdürftig zu versorgen, aber es ist ihnen aufgrund der bürokratischen Hürden nicht möglich ihre Grundstücke zu parzellieren um ihre Häuser zu bauen.
Beeindruckt hat mich auch die Kraft der Frauen, die ich als aktiven Teil der Bewegung erlebt habe. In La Paz, Cochabamba und Santa Cruz nahmen wir an Versammlungen von Frauen aus unterschiedlichen Sektoren teil: indigene Frauen, Heimarbeiterinnen, Handwerkerinnen, Lesben, Prostituierte. Am 8. März präsentierte ich mein Buch „Desarmar el silencio“ („Das Schweigen brechen“), das zu meinem Erstaunen mit großem Interesse gelesen und auch vervielfältigt worden war. Die Gespräche, die wir führten, berührten auch die persönliche Situation der Frauen, die Solidarität unter Frauen, die Kritik am Machismus. Ich konnte feststellen, dass es viel Kreativität und konkrete Unterstützung gibt. Es schien mir, als ob die Frauen hier viel weiter sind als wir in Mexiko.
In Santa Cruz gab ich einer Frau, die mit Prositutierten arbeitet, ein Interview. Wir sprachen über die Probleme, die die Frauen mit der Polizei haben, über die Repression, die Zuhälter, die schlechte gesundheitliche Situation, die schlechte Behandlung, die Hierarchie zwischen jungen und älteren Frauen, die Lokalbesitzer, die wirtschaftliche und emotionale Ausbeutung. In diesem Moment hörten wir Straßenlärm: Es handelte sich um eine Demonstration der Rechten, die nach Autonomie verlangte – ein Wort, das in ihrem Mund die Freiheit, die eigenen Privilegien zu behalten, bedeutet. Sie waren nicht sehr zahlreich, aber kritisierten Evo und seine Regierung lautstark. In dieser Stadt, so sagt Álvaro, wird es einen harten Kampf geben, hier wird die Konfrontation zwischen den Klassen am deutlichsten werden. Sie hoffen, darauf vorbereitet zu sein, wenn es soweit sein wird. In diesem Sinn wird auch versucht, das Militärwesen neu zu ordnen.
Ich kehre mit vielen Ideen nach Mexiko zurück. Einige Dinge sind mir jedoch mehr als klar: In Bolivien bewegt sich der Prozess jeden Tag weiter; Evo ist kein Feind und wir dürfen uns den Kritiken der Rechten nicht anschließen, doch die sozialen Bewegungen dürfen nicht Gefangene der Legalität der Regierung werden, sondern müssen diese im Gegenteil vorantreiben, bis zur Erfüllung ihrer Forderungen. Es ist möglich, dass dieser Prozess in einer kapitalistischen Reform mit nationalistischem Gesicht endet (auch wenn in Bolivien das Nationskonzept nicht so stark verankert ist wie in Mexiko, hier aufgrund der Revolution von 1910-1917); Die Ereignisse in Bolivien verdienen es, aus der Nähe verfolgt zu werden; Was in Bolivien geschieht, wird auf ganz Lateinamerika Auswirkungen haben. Und schließlich: Wir müssen mit diesen „linken“ Bewegungen, die an die Regierung kommen, doch denen die Hände mit neoliberalen Projekten gebunden sind, vorsichtig sein.

Oralba Castillo Nájera
übersetzt von Margarethe Berger

Oralba Castillo Nájera ist eine langjährige Aktivistin der revolutionären Bewegung in Mexiko. Vor kurzem erschien ihr Buch „Desarmar el Silencio“ („Das Schweigen brechen“) über die Rolle der Frauen im revolutionären Kampf.
(1) Evo Morales ist ein historischer Führer der bolivianischen sozialen Bewegungen. Er ist Führer der Cocaleros von Cochabamba und der MAS (Bewegung zum Sozialismus). Seit dem 22. Dezember 2005 ist er Präsident von Bolivien.
(2) Raquel Gutierrez ist eine mexikanische Aktivistin, die die bolivianische revolutionäre Bewegung Tupak Katari mitbegründet hat. Sie hat mehrere Jahre in Bolivien im Gefängnis verbracht. Sie ist Mathematikerin, Philosophin und Intellektuelle der bolivianischen Bewegung.
(3) Álvaro García: Derzeitiger Vizepräsident von Bolivien. Mitbegründer der revolutionären Bewegung Tupak Katari, ehemaliger politischer Gefangener.
(4) Desarrollismo: Fortschrittsglaube auf Grundlage von reformistischen Entwicklungskonzepten