Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 18 Mai 2006

Über die Notwendigkeit eines kommunistischen Neubeginn

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1. Über das Eingeständnis zu den Gründen der Niederlage

Wenn man Marxens Worte Ernst nimmt, nach denen die Wahrheit des Denkens, der theoretischen Konzepte, in der Praxis zu beweisen seien, dann kann die Niederlage des ersten kommunistischen Versuchs in ihrem Gewicht gar nicht überschätzt werden. Die Krise der Bewegung, dessen höchster Ausdruck der Zusammenbruch der UdSSR war, betrifft ausnahmslos alle sich kommunistisch wollenden Strömungen, ja noch mehr, jegliche Bestrebung hin zu sozialer Gerechtigkeit. Ein historischer Einschnitt dieser Tiefe kann gar nicht anders als einen Zerfall, eine weitgehende Selbstauflösung bewirken. Die Krise umfasst alle Ebenen, die politische, theoretische und organisatorische. Kein Stein bleibt auf dem anderen. Nichts ist heilig, alles muss im Lichte der Niederlage überprüft, neu bewertet und gegebenenfalls korrigiert werden.

2. Alle kommunistischen Strömungen haben versagt

Die historischen Spaltungen der kommunistischen Bewegung, die letztlich als Reaktionen auf das Ins-Stocken-Geraten und später des Rückflusses des revolutionären Prozesses entstanden, und die aus ihr hervorgegangenen Demarkationen wie Stalinismus, Trotzkismus, Maoismus, Hoxhaismus, Guevarismus usw. haben ihren Sinn, ihre Berechtigung verloren. Sie bezogen sich in letzter Konsequenz auf die Politik der UdSSR, die bis zum Schluss die globale Führung der Bewegung beanspruchte, der sie eine alternative Linie im Aufbau des Sozialismus und in der Fortsetzung der Revolution entgegen zu setzen versuchten. Unter dem Strich scheiterten sie alle, weil sie die Niederlage nicht aufhalten konnten. Entsprechend sind sie vom Zerfall genauso getroffen.
Viele dieser kommunistischen Oppositionsströmungen, die zu verschiedenen Zeiten gegen die Moskau antraten, weisen die Schuld von sich, oder noch schlimmer, fühlen sich sogar bestätigt, denn sie hätten schon immer vor der Unfähigkeit und Gefährlichkeit der Sowjetführung gewarnt. Doch das erweist sich als mehr als verfehlt. Wenn wir als einziges Kriterium die Praxis gelten lassen, dann kann die Kritik dieser kommunistischen Oppositionellen nur daran gemessen werden, wir sehr es ihnen gelungen ist politische Alternativen aufzubauen, die den Rückfluss umzukehren und die Niederlage hintanzuhalten vermocht hätten.
Am wenigsten überzeugend ist dabei der erhobene moralische Zeigefinger aus dem im Kapitalismus gut eingebetteten akademischen Milieu, in das sich viele der verbliebenen Kommunisten zurückgezogen haben. Was vor der Geschichte zählt, ist allein die politische Wirkungsmächtigkeit, die Fähigkeit den Gang der Ereignisse zu beeinflussen. Gelingt es theoretischen Konzepten nicht sich auf absehbare Zeit in politische Macht zu verwandeln, praktisch zu werden, dann bleiben ihre Vertreter, ob nun saturierte Akademiker oder aufopferungsvolle Aktivisten, dazu verdammt die Manövriermasse der historisch realen politischen Subjekten zu stellen.
An den Konzepten der vergangenen Periode festzuhalten führt unweigerlich in die beschriebene Richtung. Wir sind in eine neue Etappe mit völlig veränderten Kräfteverhältnissen eingetreten, die selbst die kapitalistischen Eliten zur Veränderung und Anpassung zwingt. Es stellen sich gänzlich neue Fragen, auf die die historischen Strömungen keine Antwort haben und haben konnten, denn sie sind Produkte anderer Umstände.
Insofern hat die Implosion der UdSSR nicht nur die Moskauer Orthodoxie obsolet gemacht, sondern auch die zu Dogmen erstarrten Lehren der Oppositionsströmungen. Das zeigt sich beispielsweise auch daran, dass heute der Hinweis auf die Zugehörigkeit zu einer der historischen Demarkationen kaum Auskunft über die politischen Positionen erlaubt.

3. Der tautologische Verratsmythos als Hindernis

Hier sei noch auf ein häufiges Argument der verschiedenen Orthodoxen eingegangen: der anklagende Schrei von Verrat, der in Wirklichkeit die Handelnden von ihrer Verantwortung befreien soll. Insbesondere der Stalinismus, einmal selbst von der Macht verdrängt, baute seine Argumentation hauptsächlich auf dieses Motiv auf.
Doch seitdem es Politik gibt, kennt man auch den Verrat, das Wechseln der Seiten. Tatsächlich wäre politische Veränderung ohne Modifikationen politischen Positionen (einschließlich des Verrats) gar nicht möglich. Der Verrat gehört so zum klassischen Repertoire der Politik.
Selbst Verrat konnte keine Revolution verhindern, noch historische Wenden aufhalten. Der Verrat taugt als Erklärung gar nichts, denn es ist mit ihm zu rechnen. Eine praktisch erfolgreich sein wollendende Bewegung muss darauf vorbereitet sein, muss Wege und Mittel haben den Verrat zu unterbinden oder seine Auswirkungen zu begrenzen, so wie es beispielsweise auch in der Oktoberrevolution geschah.
Der Verratsschrei versucht so den Blick auf das Kriterium der Praxis, unter dem einzig und allein die wahren Ursachen der Niederlage sich erschließen, zu verstellen. Nur so kann sich die Orthodoxie tradieren und die Glaubensdogmen unangetastet lassen. Die Verratsmythologie stellt damit ein Hindernis für einen Neubeginn dar, dessen Voraussetzung im Verstehen, in der Verarbeitung der Lehren aus den Niederlagen besteht. Die Orthodoxie erweist sich so als unfähig Antworten auf entscheidend wichtige Fragen zu geben. Das gilt nicht nur für den Stalinismus, sondern auch alle anderen Strömungen verwenden das Motiv, um die Frage noch den Ursachen ihres Scheiterns zu umgehen, wenn auch nicht so überdimensioniert.

4. Die Rückkehr zu den Wurzeln als Neubeginn

Fruchtbarer erscheint da schon der Ruf nach der Rückkehr zu den Wurzeln. Im Rekurrieren auf das Urchristentum schwingt die Kritik an der Kirche mit. Analog enthält die Suche nach den unverfälschten Anfängen bei Marx und Lenin einen Angriff auf die nachfolgende Degeneration.
Im Vergleich zwischen der realen kommunistischen Bewegung bzw. dem realen Sozialismus auf der einen Seite und den Grundlegungen ihrer Gründerväter auf der anderen liegt unbestritten ein notwendiges Moment. Dieser Blick zurück, der die Unterschiede und Inkongruenzen zwischen den Ausgangskonzepten und ihren historischen Verwirklichungen untersucht, erscheint für das Verständnis der Niederlage als unabdingbar.
Gleichzeitig reicht es nicht aus und birgt auch die Gefahr einer Verklärung der Anfänge und ihrer theoretischen Konzepte. Doch es geht gerade darum ihre Tauglichkeit in der historischen Anwendung zu prüfen und die notwendigen Korrekturen vorzunehmen. Es ist zu erklären, was an den Konzepten nicht funktioniert hat, oder, wenn sie nicht angewandt wurden, warum es zu ihrer Veränderung oder gar Verfälschung kam. Waren sie etwa praktisch nicht tauglich? Warum entwickelte sich aus der Bewegung, die Marx und Engels angestoßen hatten, das sozialdemokratische Monster? Warum konnte Stalin Lenin folgen, um schließlich bei Gorbatschow und Jelzin zu enden?
Die Gegner des Kommunismus behaupten, dass Stalin bei Lenin schon angelegt gewesen wäre. Wahr daran ist ganz offensichtlich, dass diese Entwicklung nicht verhindert werden konnte. Für die verbliebenen Kommunisten, diejenigen die weiterhin die Oktoberrevolution verteidigen, gilt es Erklärungen dafür zu liefern, die zu verallgemeinern und daraus Handlungsanleitungen für einen zweiten Versuch abzuleiten. Ebenso wenig sind Marx und Engels heilig, auch ihr Werk muss der gleichen kritischen Prüfung im Licht der geschichtlichen Erfahrung unterzogen werden.
Andernfalls läuft man Gefahr dem orthodoxen Fehler zu verfallen, mit dem Unterschied, dass man nicht eine historische Praxis entschuldigt, sondern sich auf die reine Theorie beruft. Das macht die Sache aber weder besser noch überzeugender. Er erscheint nur sauberer, weil jenseitiger. Man gelangt dann beim Gemeinplatz an „das der Kommunismus theoretisch nicht schlecht ist, aber praktisch unmöglich“, also im besten Fall ein nicht zu befolgender kantianischer moralischer Imperativ.
Nach einem Jahrhundert realer kommunistischer Bewegung und einem sozialistischen Aufbauversuch bedarf es eines Neubeginns auf allen Ebenen. Eine Rückkehr zu den Anfängen ohne Verarbeitung der Erfahrungen bringt uns um nichts weiter. Es stellt sich vielmehr die Aufgabe plausibel zu machen, dass ein kommunistischer Umsturz und Aufbau unter Vermeidung der gemachten Fehler erfolgreich sein kann. Es handelt sich dabei wesentlich um eine Neubegründung im Lichte der gemachten Erfahrungen.

5. Die geschichtliche Erfahrung als Grundlage

So sehr die historischen Trennungslinien innerhalb der kommunistischen Bewegung überkommen sind, so wenig heißt das geschichtslos zu sein. Wie ausgeführt bietet uns diese geschichtliche Erfahrung das Material, die praktische Erfahrungen, auf deren Basis der Neuanfang überhaupt erst möglich gemacht werden kann.

6. Der Vorrang der Politik

Die Neuformulierung erschöpft sich allerdings nicht im allein Theoretischen, und noch weniger im Akademischen. Nein, als solche ist sie schlicht nicht möglich. Vielmehr handelt es sich um eine zu aller erst politische Aufgabe, Kräfte für diesen Neuanfang zu formieren. Denn ohne den Primat der Politik, dem praktischen Versuch die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verändern, stellen sich weder die notwendigen Fragen, noch bietet sich das praktische Experimentierfeld. Um ein solches geht es indes: wir müssen uns als Laboratorium betrachten.

7. Dem sektoralen Antiimperialismus eine universale, kommunistische Perspektive geben

Die 90er Jahren können als Periode der unvermeidlichen Katharsis betrachtet werden. Der Zerfall der kommunistischen Bewegung war unumgänglich und notwendig auf die Niederlage folgend. Die übergroße Mehrheit der ehemaligen Kommunisten passten sich an, transformierten sich zum Linksliberalismus. Die allermeisten jener, die an den Zielen festhielten, verkrochen und verkrusteten sich in unfruchtbarer Orthodoxie und Dogmatik, die früher oder später immer wieder zu Opportunismus führt. Über eine Bilanz des ersten kommunistischen Versuchs war also nicht zu sprechen, geschweige denn von einer Neugründung.
Im Taumel vom Ende der Geschichte beschlossen wir unser Rückzugsgefecht im Namen des Antiimperialismus zu führen. Denn während die Arbeiterklasse als politisches Subjekt und Träger des Kommunismus verschwunden bleibt, sprang der Widerstand der unterdrückten Nationen und insbesondere ihrer unteren Schichten sehr schnell wieder an. Clintons Halluzinationen von einer kapitalistischen Welt, die prosperierender, konfliktfreier und demokratischer sei, lösten sich innerhalb weniger Jahre in Luft auf. Die Schutzmacht des kapitalistischen Weltsystems, die USA, sahen sich im Gegenteil dazu veranlasst, den Krieg gegen jegliche Opposition auszurufen. Und die Eskalationsspirale dreht sich unentwegt, die liberalistischen Versprechnungen, einschließlich der Auswürfe der liberalisierten Linken (wie beispielsweise die noch vor kurzem so einflussreichen Theorien von Toni Negri), durch Lügen strafend.
Den antiimperialistischen Kampf als Kern des fortgesetzten Konflikts zu fassen, darin den wesentlichen Widerspruch des kapitalistischen Systems zu erkennen, das hat sich unzweifelhaft als richtig herausgestellt. Die USA selbst haben es mit der Erklärung des permanenten Präventivkrieges gegen diesen antiimperialistischen Widerstand eingestanden.
Doch das Problem liegt in der Modellierung, in der Richtungsgebung des Kampfes. Als Folge des Erlöschens der antagonistischen Kräfte in den imperialistischen Staaten, hat sich in den unterdrückten Völkern die Ansicht gefestigt, dass der Westen als ganzer, en bloque, der Feind sei. Die Tatsache, dass sich die ehemalige Linke zum Liberalismus transformierte und zur wesentlichen Stütze des Imperialismus wurde, gibt ihnen unmittelbar auch Recht.
Die Hauptströmung der Arbeiterbewegung hatte den Schritt zur Stütze des Systems schon Anfang des Jahrhunderts gemacht. Emblematisch hat sich der 4. August 1914, die Zustimmung der Arbeiterparteien zu den jeweiligen Kriegskrediten, in das historische Gedächtnis eingebrannt. Doch es blieb immer eine Minderheit, die zumindest sich nicht offen integrieren lies. Auch wenn die meisten KPen nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr als antagonistische Kräfte wirkten – so unterstützte die KPF beispielsweise den französischen Kolonialkrieg in Algerien – so blieben sie doch mit der UdSSR verbunden, die bis zum Schluss einen Gegenpol bildete und damit die Aggressivität des Imperialismus einschränkte. Heute ist auch das weggewischt.
Folge davon ist, dass die antiimperialistischen Kämpfe keinem universalistischen Ziel mehr folgen, dass alle Unterdrückten vereinigen könnte. Als Beispiel soll der politische Islam dienen, den die USA zu ihrem Hauptfeind erklärt hat und der heute tatsächlich in der arabisch-islamischen Welt den Widerstand anführt. Es gibt zwar im Islam eine durchaus gängige universalistische Interpretationsmöglichkeit, die sich an alle Menschen richtet, es erscheint aber keiner weiteren Erklärung zu bedürfen, dass der politische Islam nur in islamischen Ländern Masseneinfluss erlangen kann. Überhaupt in seiner salafitischen Form, wo selbst Schiiten als Apostate gelten, spielt er realpolitisch eine sektiererische, antiuniversalistische Rolle. Das erleichtert auch die imperialistische Mobilisierung gegen ihn, die im Gegensatz zu den Schwierigkeiten der antikommunistischen Kampagne steht. Letztendlich handelt es sich nur um das reziproke Verhalten zu jenem des Westens. Dieser tritt als geeinter imperialistischer Block gegen die islamische Welt auf (ob nun christlich oder aufklärerisch ist einerlei). Darauf entsteht eine spiegelbildliche Reaktion – und fertig ist der „Zusammenstoß der Kulturen“.
Dieser Konflikt mag zwar Schockwellen durch das imperialistische System schicken, es erschüttern, doch außer die düstere Perspektive des fortgesetzten, totalen Kriegs vermag er keine Alternativen zu bieten. Die Unterstützung des Widerstands gegen den westlichen Imperialismus bleibt richtig, doch eine antagonistische Massenopposition im Westen selbst kann er nicht induzieren.
Dazu bedarf es einer universalistischen Antwort, die sich nicht nur theoretisch und moralisch (wie beim Islam), sondern auch politisch-praktisch an alle Menschen richtet. Die Antwort zeichnet sich ab, sie wurde über die Geschichte der menschlichen Zivilisation hinweg vielfach zu formulieren versucht, am prägnantesten in der französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.
Doch diese Formulierung bleibt so allgemein, auch so abstrakt, dass sich daraus noch keine Handlungsanleitung ableitet, bzw. sehr viele verschiedene und bisweilen sogar entgegengesetzte ableiten lassen. Entscheidend bleibt die Lehre der vergangenen zwei Jahrhunderte, dass sich dieses Ziel im Kapitalismus nicht verwirklichen lässt und es eine Alternative braucht, die auf Solidarität, Gemeinschaftlichkeit, Kollektivität aufgebaut ist. Diese kann nur der Kommunismus, der ebenfalls schon in zahlreichen Varianten formuliert und einige Male, auch schon vor der vollen Entfaltung des Kapitalismus, praktisch umzusetzen probiert wurde.
(Das heißt nicht, dass aller nichtkommunistischer antiimperialistischer Widerstand wertlos und ziellos wäre. Insofern er das kapitalistische System erschüttert und schwächt, leistet er einen wichtigen Beitrag. Es bleibt jedoch die Tatsache, dass beispielsweise der politische Islam sich diesem Problem nicht stellt bzw. aus historischen Gründen sogar ausgeprägte antikommunistische Züge hat. Teilweise hängt das mit der sozialen Zusammensetzung der Führungsgruppen zusammen, die im Rahmen des Kapitalismus verbleiben wollen, auch wenn sie sich utopische Vorstellungen von einem solchen ohne Imperialismus machen. Dort jedoch wo die besitzlosen und entrechteten Volksmassen in Bewegung kommen, lässt sich aus jeder mobilisatorischen kulturellen Erbmasse eine kommunistische Variante formulieren. Das gilt ebenso für den Islam.)
Jetzt, fast zwei Jahrzehnte nach Ende der UdSSR, nachdem sich die Illusionen in die heilsbringende Kraft des Kapitalismus in Luft aufgelöst haben und die Depression um sich greift, ist es an der Zeit, sich um die Neuformulierung eines kommunistischen Projekts zu bemühen. Zwar bleibt der antiimperialistische Kampf der Motor, doch kann er nur mit einer kommunistischen Perspektive verallgemeinert und nur so aus ihm eine Alternative gegen den Kapitalismus erwachsen. Ziel bleibt die Emanzipation aller Menschen, die entsprechend potentiell alle Menschen anzusprechen vermag.
Nur mit einer kommunistischen Perspektive kann der antiimperialistische Kampf, so wie er sich heute real abspielt, übersetzt werden, dass er auch im Westen die Bildung antagonistischer Kräfte anstoßen, antreiben kann – was nicht notwendigerweise heißt, dass diese kommunistisch sein müssen. (Im Gegenteil, auch im Westen werden sie vorerst einmal nicht kommunistischen Charakter annehmen.) Nur die Entwicklung und Verankerung solcher Kräfte kann das Paradigma des Kampfs der Kulturen, das heute ein Moment der Wahrheit enthält, aufbrechen. Auf diesem Weg kann auch wieder in den unterdrückten Völkern eine universalistische, kommunistische Kraft aus dem rohen Antiimperialismus entstehen. Es ist diese Wechselwirkung, die uns die Überwindung der gegenwärtigen Pattsituation und den Wiederaufbau eines kommunistischen Projekts erlauben kann.

Willi Langthaler
Wien, 27. November 2005