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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

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Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 18 Mai 2006

Marx der Idealist

Problematische Thesen für eine offene Diskussion über den Marxismus


1. Es gibt keinen „wahren“ Marx. Jede Interpretation von Marx bleibt eine provisorische. Da die Theorie und die Methode von Marx sich gleichzeitig mit dem Raum und der Zeit der globalisierten kapitalistischen Produktionsweise entwickeln, folgt daraus, dass jede historische und politische Generation auf ihre Weise wieder zu Marx „zurückkehren“ muss.
Und es existiert kein „wahrer“ Marx, weil Marx sein gedankliches System nicht bewusst kohärent gestaltet hat. Jede spätere „Kohärentisierung“ ist daher notwendigerweise eine Interpretation und kann nicht nach einem anders gearteten epistemologischen Statut trachten. Jeder Anspruch einer „einzigen authentischen Interpretation“ ist theologisch und führt zu einer Legitimationsideologie für eine bestimmte politische Praxis.

2. Das philologische und theoretische Problem der fehlenden „Kohärentisierung“ seines Denkens durch Marx selbst – was im Übrigen nicht als dogmatische Doktrin, sondern als Art „Baustelle“ aufgefasst werden muss – kann auf zweierlei Art aufgearbeitet werden. Man kann sagen, dass Marx keine Kohärentisierung vornehmen wollte, da er das Hegelsche Beispiel nicht wiederholen wollte, sondern der Ansicht war, dass die zukünftige kapitalistische Entwicklung nicht vorhersehbar sei und sich dessen bewusst war, dass jeder Begründer einer neuen Wissenschaft (von Newton über Lavoisier und Darwin) von seinen Nachfolgern immer radikal verändert wird. Man kann jedoch auch sagen, dass Marx keine Kohärentisierung vornehmen konnte, da er wahrnahm, dass er selbst zwischen unterschiedlichen Lösungen für ein und das selbe Problem schwankte und sich daher nicht entscheiden konnte. Ein Beispiel dafür sind die unterschiedlichen Lösungen, die er für das Problem Wert-Arbeit in den Grundrissen und im von Engels 1894 veröffentlichten dritten Band des Kapitals vorschlägt.

3. In meiner Interpretation ist Marx’ Denken wissenschaftlicher Utopismus. Selbstverständlich ist das Oxymoron bewusst gewählt und weist provokant auf die Präsenz eines unauflösbaren Widerspruchs hin. Das bedeutet, dass ich persönlich nicht an die Einheit von Philosophie und Wissenschaft im Denken von Marx glaube. Marx übernimmt die Utopie der universalistischen Emanzipation des menschlichen Wesens und genauer des Gattungswesens und selbst wenn er auf epistemologischer Ebene mit der vorangehenden revolutionären Schule des Naturgesetzes bricht, so setzt er doch deren utopische Intentionen fort (und daher denke ich, dass Ernst Bloch Recht hat).
Marx strebt jedoch auch die Schaffung einer neuen einheitlichen Sozialwissenschaft an. Es handelt sich nicht um eine neue „politische Ökonomie der Linken“, sondern um eine globale Kritik, die eine Alternative zur gesamten politischen Ökonomie, konzipiert als reproduktive Selbstreflexion der kapitalistischen Beziehungen, darstellt. Für diese neue, historisch noch unbekannte Wissenschaft verwendet Marx fünf grundlegende wissenschaftliche Begriffe, die immer eng miteinander verwoben sind: Produktionsweise, gesellschaftliche Produktivkräfte, gesellschaftliche Produktionsverhältnisse, Ideologie und ideologische Formationen. Das bedeutet, dass in diesem Punkt Louis Althusser Recht hat.
Die Tatsache jedoch, dass sowohl Ernst Bloch als auch Louis Althusser Recht haben, bedeutet, dass keiner von beiden vollständig Recht hat. Denn es ist notwendig, trotz der psychologischen Widerstände, die dadurch entstehen, den Widerspruch bis ins letzte Detail zu akzeptieren und zuzugestehen, dass das Denken von Marx im Grunde wissenschaftlicher Utopismus war.

4. Die ursprüngliche Philosophie von Marx, die von ihm persönlich (nicht zufällig) weder kohärentisiert noch systematisiert wurde, ist fast zu 100% eine Form des Idealismus. Genauer, es ist die dritte Form des klassischen deutschen Idealismus nach jenen von Fichte und Hegel. (Schelling ist streng genommen kein Idealist, sondern ein romantischer Naturalist-Pantheist, der am Ende seines Lebens zu einem Spiritualisten wird). Der Philosoph, gegen den Marx denkt, ist nicht Hegel, wie wiederholt behauptet wird, sondern Kant. Von Kant widerlegt Marx die Trennung zwischen der Welt der Phänomene und der Welt der Noumene (1) einerseits und die Trennung zwischen Ethik, Politik und Wissenschaft andererseits. Für mich sind das die essentiellen Punkte.
Die erste Form des Idealismus, die von Fichte, ist bereits eine vollständige Form revolutionären Denkens. Das revolutionäre Subjekt ist natürlich nicht eine bestimmte soziale Klasse (die Arbeiterklasse, Klasse der Lohnabhängigen, das Proletariat), sondern die gesamte Menschheit, die im subjektivistischen Ausdruck Ich metaphorisiert wird. Das Nicht-Ich ist seinerseits eine Metapher für die Welt der gesellschaftlichen Entfremdungen, welche die Menschheit selbst in ihrer progressiven Entwicklung schafft.
Die zweite Form des Idealismus, die von Hegel, repräsentiert eine Form der Versöhnung mit der historischen Gegenwart. Es handelt sich keineswegs um das „Ende der Geschichte“ (Hegel ist nicht so dumm, als dass er denken könnte, die Geschichte würde mit ihm enden), sondern um eine „starke“ Interpretation der historischen Modernität, deren Zeitgenosse er war.
Wir tun also gut daran, der spezifischen Natur des Marx’schen Idealismus besondere Aufmerksamkeit zu schenken.

5. In der terminologischen Philosophie des klassischen deutschen Idealismus bedeutet der Begriff der Idee nicht „Meinung“ (die doxa der antiken Griechen) und ebenso wenig „Inhalt des Bewusstseins“ à la Locke. Der Begriff Idee drückt die Erkennbarkeit einer prinzipiell holistisch konzipierten Totalität aus und erlaubt es nicht zwischen dem Ideellen und dem Materiellen (ich verwende hier die Begriffe von Maurice Godelier) zu unterscheiden, sondern umfasst beide. Darüber hinaus erlaubt es der Begrifft Idee nicht zwischen Fakten und Werten zu unterscheiden, d.h. zwischen der ontologischen und der axiologischen (2) Ebene der Ereignisse, sondern umfasst ebenfalls beide in einer dynamischen und dialektischen Totalität. Und das stellt Fichte, Hegel und Marx auf eine Seite, Kant, Engels und den Positivismus auf die andere.
Der Idealismus von Marx ist eine „philosophische Wissenschaft“ im Sinne von Hegel, jedoch gewisse nicht eine „science“ (engl.) im Sinne des englischen Empirismus oder eine „science“ (frz.) im Sinne des französischen Positivismus, da sie, wie bereits erwähnt, es nicht erlaubt, zwischen Ontologie und Axiologie (2), Fakt und Einschätzung zu unterscheiden, während die „science“ von Galileo bis Newton und darüber hinaus sich eben auf die Isolierung der Fakten von den moralischen Werten stützt. Doch der Kommunismus von Marx ist gerade die Einheit zwischen der axiologischen Präferenz und dem ökonomischen Inhalt der historischen Entwicklung.
Der Idealismus von Marx ist m.E. ein Idealismus, dessen Subjekt die menschliche Spezies in ihrer Allgemeinheit ist. Wenn wir die militärische Sprache verwenden wollen, so ist die Arbeiterklasse, die Klasse der Lohnabhängigen, das Proletariat die Taktik, während die menschliche Spezies die Strategie darstellt. Die Spezies „spezifiziert“ sich im Individuum, das für Marx niemals weder ein „Atom“ à la Hobbes, noch eine „Charaktermaske“ ist, sondern ein Gattungswesen, das gegen verschiedene historische Entfremdungen kämpft.
Ich frage den möglicherweise nicht zustimmenden Leser: Wenn das nicht Idealismus ist, was ist es dann?

6. Es empfiehlt sich, eine begriffliche und terminologische Verwechslung klarzustellen. Es ist notwendig, sich radikal vom falschen konzeptionellen Vorschlag von Engels zu verabschieden, für den eine gegensätzliche Dichotomie zwischen Idealismus und Materialismus besteht, deren Unterscheidungsmerkmal das Primat (oder eben nicht Primat) des Denkens über das Sein ist. Diese Unterscheidung ist gnoseologisch und folglich Kantisch (es spielt keine Rolle, ob sich Engels dessen bewusst war, oder nicht), während die von Marx weder eine Gnoseologie, noch eine Epistemologie ist, sondern eine Ontologie allein des gesellschaftlichen Seins, das eine idealistische konzeptionelle Grammatik verwendet. Hier übernimmt Engels wörtlich die Thesen des positivistischen deutschen Professors Ernst Laas, der zwischen 1879 und 1894 drei Bände der westlichen Philosophie unter dem Titel „Platonismus und Positivismus“ publizierte. Dieses wichtige Werk kann nicht in einer Buchhandlung erworben, sondern nur in speziellen Bibliotheken gelesen werden. Wer diese Mühe auf sich nimmt, wird sehen, dass die Übereinstimmung mit den Thesen von Engels, abgesehen von einzelnen unterschiedlichen Einschätzungen, verblüffend ist.
Seit mehr als einem Jahrhundert schleppt der Marxismus diesen Ballast mit sich herum. Und dieser Balast ist eine zu 100% positivistische Konzeption der Philosophie, überbaulicher Widerschein der untergeordneten Stellung des kommunistischen Projekts unter den bürgerlichen Mythos des Fortschritts, der im Positivismus seine Krönung findet.

7. Es gibt keinen Zweifel daran, dass Karl Marx sich selbst als Materialisten und nicht als Idealisten interpretiert hat und sein Standpunkt muss natürlich respektiert und erklärt werden. Doch nach Sigmund Freud wissen wir, dass die Welt, in der sich ein Subjekt selbst wahrnimmt, nicht der einzige Aspekt einer Erklärung ist, sondern nur eines von vielen Elementen. Marx vollbringt den Bruch mit der Hegelschen Philosophie zwischen 1842 und 1846 und ich glaube, dass er diesen Bruch in Form einer materialistischen Reaktion auf den Idealismus konzipiert hat, d.h. der Reaktion des Konkreten gegen das Abstrakte. Doch fast ein halbes Jahrhundert zuvor hatten auch Fichte und Hegel ihren Bruch mit Kant im gleichen Paradigma des Kampfes des Konkreten gegen das Abstrakte konzipiert. Es ist falsch eine Generationen-Konjunktur mit einem konzeptionellen Inhalt zu verwechseln, der hinter der Terminologie steckt.
Unter dem Begriff „Materialismus“ verstehen viele in Wirklichkeit zwei Dinge, die mit der tatsächlichen „Materie“ wenig zu tun haben. Das ist einerseits der Atheismus, andererseits der Strukturalismus. Auf diese Weise hört die Materie auf ein determinierter Begriff mit einer Reihe von präzisen philosophischen und wissenschaftlichen Bedeutungen zu sein (die m.E. ausschließlich entweder der Geschichte der Philosophie angehören oder noch eher den Naturwissenschaften, von der Geophysik bis zu Biologie), um eine Metapher zu werden. Die Metapher des Atheismus oder des Strukturalismus. Sehen wir uns diese beiden separat an.

8. In einer ersten Bedeutung steht der Begriff Materialismus für einen anderen Begriff, den des Atheismus. Im Unterschied zu jenen, die der Ansicht sind, die Welt wäre nach einem „intelligenten Design“ von einem Art kosmischen Ingenieur geschaffen worden und über das moralische Verhalten jedes mit einer Seele ausgestatteten Individuums würde von einem Sternenrichter geurteilt werden, denken die „Atheisten“, dass es keine andere Realität außerhalb des durch Raum, Zeit, Materie und Energie bestimmten Quadrinoms gäbe. In diesem Sinne war Marx natürlich zu 100% Materialist, in einer Bedeutung, welche die Bewunderung für Epikur und Lucrezius kombinierte, die Wiederaufnahme der Kritik der Aufklärung an der Religion von D’Holbach und schließlich der vollständige Humanismus von Feuerbach. In diesem Sinne aber waren auch Spinoza und sogar Hegel „Materialisten“. Spinoza brachte eine unübertroffene Kritik am anthropomorphen Anspruch des Menschen vor, sich die monotheistische Gottheit wie ein Subjekt, das die Welt plant, vorzustellen. Und was Hegel betrifft, er glaubte natürlich an die Existenz einer ontologischen, von der Entwicklung der Ereignisse unterschiedlichen Logik (und er war nicht etwa ein Historist, wie man bei oberflächlicher Betrachtung annehmen könnte), doch er betrachtete die subjektivistische anthropomorphisierte Vorstellung von Gott nur als „Vorstellung“ nicht als tatsächlichen „Begriff“. Ich sehe hier keinen grundlegenden Unterschied zwischen Hegel und der Kritik an der täglichen Anthropomorphisierung der genial entwickelten Welt des späten Lukács in Ontologie des Gesellschaftlichen Seins.

9. In einer zweiten Bedeutung steht der Begriff Materialismus an Stelle eines anderen Begriffs, der zur Zeit von Marx noch nicht existierte, doch der heute existiert, jener des Strukturalismus. Da Marx dachte, dass die gesamte soziale Reproduktion nicht auf Basis von „Ideen“ (verstanden als der Inhalt von Bewusstsein à la Descartes und Locke) vor sich gehen würde, sondern auf der Basis von materiellen Strukturen (wie etwa die Produktivkräfte, die Produktionsverhältnisse und die unterschiedlichen Interessen der gesellschaftlichen Klassen im Kampf miteinander), werden diese materiellen Strukturen metaphorisch „Materie“ genannt. Auf diese Weise wird mittels der offensichtlich harmlosen semantischen Verschiebung die positivistische Ideologie der ontologischen Homogenität zwischen den Naturgesetzen und den gesellschaftlichen Gesetzen der Reproduktion (dialektischer Materialismus etc.) unmerklich eingeführt. In diesem Fall wird, wie in vielen anderen, die semantische Konfusion, die anfänglich fast harmlos erscheint, ein Faktor des philosophischen (und daher auch wissenschaftlichen) Fehlers, der nicht nur konjunkturell, sondern richtig gehend strategisch ist.
Es empfiehlt sich daher, die Struktur „Struktur“ zu nennen und nicht „Materie“.

10. Da ich mich bewusst dafür entschieden habe gegen den Strom zu schwimmen, die Marxsche Doktrin als eine Form des Idealismus und nicht des Materialismus definiert, mich auch geweigert habe, in diesem Jahrhundert des Marxismus ausgearbeitete verbale und sophistische halbe Sachen zu akzeptierten, habe ich die Ehre und die Pflicht zu klären, was das spezifische Objekt dieser Marxschen „Idee“ (natürlich im Sinne Hegels und nicht jenes von Descartes oder Locke) ist. Die Erklärung wäre sehr lange und komplex, doch hier kann ich nur telegraphische Anmerkungen machen. Marx zieht nur zwei miteinander verbundene Ideen in Betracht, die er als holistische Totalität versteht, die natürlich nicht „widergespiegelt“ werden können (weil sie als externe, zu widerspiegelnde Realität nicht existieren – an diesem Punkt denke ich, dass die Empiriokritizisten im Wesentliche gegen Lenin als Philosophen Recht hatten), sondern die vollkommen dialektisch konstruiert werden müssen, wie Hegel die menschliche und gesellschaftliche Welt in seiner Phänomenologie des Geistes (die ich persönlich, doch kann ich das hier nicht ausführen, für das wirkliche Modell für den Aufbau des Marxschen Kapitals halte) dialektisch konstruiert.
Diese vollständigen holistischen Totalitäten sind, wie ich bereits gesagt habe, zwei. Einerseits die reproduktive holistische Totalität, genannt Kapital. Andererseits die reproduktive holistische Totalität, genannt Universalgeschichte (universelle Geschichtskonzeption). Der erste Aspekt führt zu einer „Wissenschaft“, allerdings einer philosophischen Wissenschaft. Der zweite Aspekt ist eine Philosophie, die aber keinerlei „wissenschaftliches“ Aussehen hat, sondern eine pure „philosophische Philosophie“ darstellt. Betrachten wir auch diese beiden Aspekte separat.

11. Die erste vollständige holistische Totalität, die Marx „ideal“ konstruiert, ist der Begriff des Kapitals. Der Begriff des Kapitals in Marx bedeutet ausschließlich kapitalistische Produktionsweise und hat also nichts mit dem Begriff von Kapital als ursprünglicher produktiver Faktor zu tun, wie er für die englischen Ökonomisten Smith, Ricardo, Malthus etc.) typisch ist.
Die kapitalistischte Produktionsweise ist also eine vollständige holistische Totalität, die mittels einer idealistischen Dialektik konstruiert wird (die Dialektik ist immer und ausschließlich „idealistisch“ und es existiert keine und kann keine „materialistische“ Dialektik existieren, wenn wir die genaue Bedeutung der Begriffe respektieren). Von Eduard Bernstein bis Lucio Colletti haben alle jene, die sich ernsthaft mit der Dialektik auseinander gesetzt haben und sich bewusst geworden sind, dass diese direkt mit dem Idealismus verbunden war, das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, d.h. die Dialektik mit dem Idealismus, ohne sich dessen bewusst zu werden, dass das Kind in absolut sauberem Wasser schwamm, denn sowohl das Wasser war sauber (der Idealismus), als auch das Kind (die Dialektik).
Die Produktionsweise, diese vollständige holistische Totalität, die mit einer zu 100% idealistischen Dialektik konstruiert wurde, artikuliert sich schließlich in ihrem Inneren in drei spezifischen strukturellen Determiniertheiten. Diese sind die gesellschaftlichen Produktivkräfte, die gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse zwischen den strukturellen Grundklassen (die immer nur zwei sind und sich daher gegenüber stehen) und schließlich die Ideologie und ideologischen Systeme, sowohl die zur Legitimierung als auch die zur Delegitimierung.
Die Geschichte des Marxismus nach Marx (doch tatsächlich fehlt bis heute eine Geschichte des Marxismus vollkommen, es ist vielmehr an der Zeit diese zu schreiben), kann eben durch Verwendung der spezifischen „Kombinatorik“, mit der diese drei Determiniertheiten im Inneren der vollständigen holitischen Totalität des Kapitals platziert sind, rekonstruiert werden.

12. Karl Marx hatte wahrscheinlich vor, ein wissenschaftliches Modell zu schaffen, in dem die drei Determiniertheiten (Produktivkräfte, Produktionsverhältnisse und Ideologie) sich in dialektischer Weise korrekt artikulieren. Historisch betrachtet, ist dies nicht geschehen und tatsächlich hat es nur zwei entgegen gesetzte Marxismen gegeben, den Marxismus der Entwicklung der Produktivkräfte und den Marxismus der Zentralität des Klassenkampfes innerhalb der Produktionsverhältnisse.
Der erste Typ von „Marxismus“ (der für mich nicht mit der ursprünglichen Denkweise von Marx kompatibel ist), kann als „Smith’scher Marxismus“ definiert werden (die Definition stammt von Robert Brenner) und identifiziert de facto die Struktur mit der Entwicklung der Produktivkräfte. Diesem Modell ordne ich persönlich Kautsky zu, die Hauptströmung des Marxismus der Zweiten Internationale (1889-1914), Krustschow und den späten sowjetischen Marxismus, Deng Tsiau Ping und schließlich Toni Negri und Michael Hardt, die den Ökonomismus in eine amerikanistische Metaphysik des General Intellect verwandelt haben.
Der zweite Typ von „Marxismus“, der einzig revolutionäre, identifiziert de facto die Struktur mit dem Klassenkampf innerhalb der Produktionsverhältnisse. Diesem sind (und ich bitte den Leser sich nicht gleich brüskiert abzuwenden) Rosa Luxemburg, Lenin, Stalin, Mao Tse Tung, Althusser und alle Formen des Anarcho-Kommunismus zuzurechnen.

13. Die zweite vollständige holistische Totalität, die Marx „ideal“ konstruiert, ist die der Universalgeschichte (universellen Geschichtskonzeption). Wenn für Marx im ersten Fall (partielle) Vorläufer Smith und Ricardo sind, so sind im zweiten Fall (totale) Vorläufer vor allem Condorcet, Herder und natürlich Hegel. Wie der zeitgenössische deutsche Philosoph Reinhardt Kosselleck erklärt hat, entsteht der „laizistische“ Begriff der Universalgeschichte der Menschheit (im Unterschied zur heiligen Geschichte der christlichen Bibel) erst Mitte des 18. Jahrhunderts. Es ist daher so gut wie sicher, dass diese Konzeption mit der „universalistischen“ Bewusstwerdung der bürgerlichen Gesellschaftsklasse zusammenhängt. Die Bourgeiosie universalisiert sich selbst, indem sie sich selbst ehrlich (aber, wie Marx sagen würde, mit einem notwendig falschen Bewusstsein) als universelle Klasse, die der Menschheit den Fortschritt bringt, denkt.
Es begehen daher jene einen Fehler, die (wie Karl Korsch) denken, dass in Marx nur der Begriff des Kapitals und nicht auch jener der Universalgeschichte (universellen Geschichtskonzeption) enthalten sei. Dieser Begriff existiert in Marx und ist nach wie vor lebendig. Wer heute Kommunist ist (und ich selbst bin es, im Sinne von Marx) und zwei grundlegenden Widerlegungen Rechnung tragen muss, welche die Geschichte die Marxschen Vorraussagen widerfahren hat lassen (das vermeintliche Unvermögen des Kapitalismus die Produktivkräfte zu entwickeln, die er hingegen sehr gut entwickelt, wenn auch in einem ökologisch und anthropologisch katastrophalen Rahmen; und die vermeintliche revolutionäre Fähigkeit der Arbeiterklasse, der Lohnabhängigen, des Proletariats, das sich hingegen nur zu Beginn seines „Austritts“ aus der vorherigen „kommunitaristischen“ Lage revolutionär verhält), verbleibt dennoch auf dem soliden Untergrund einer „starken“ philosophischen Interpretation der Universalgeschichte. Und diese Interpretation, und sie ist zu 100% idealistisch, eröffnet die ontologische und axiologische Möglichkeit einer umfassenden Emanzipation der Menschheit von einer Klassenstruktur der Gesellschaft.
Auf dieser Grundlage ist es m.E. möglich auch in Zukunft Marxisten zu bleiben. Es ist hingegen nicht möglich, wenn wir hinter uns den schweren Ballast eines Jahrhunderts positivistischen und/oder subjektivistischen Marxismus’ (Lukacs würde sagen, dass es sich um zwei Gegenstücke in antithetisch-gegensätzlicher Solidarität handelt) herschleifen.

14. Hiermit beende ich meine Ausführungen. Ich hoffe eine Diskussion „ohne Netz“, um eine Zirkusmetapher zu verwenden, zu eröffnen. Es hat keinen Sinn von Bruchlinien mit der eurozentristischen, kapitalistischen, kolonialistischen und imperialistischen Kultur zu sprechen, wenn wir diese Bruchlinie nicht auch und vor allem in das Innere der Theorie, auf die wir uns beziehen, hineintragen. Auch wenn dies ein langer Prozess ist, jemand muss ihn beginnen.

Costanzo Preve,
Übersetzung aus dem Italienischen durch Margarethe Berger.





(1) Noumenon: Das mit dem Geist zu Erkennende, im Gegensatz zu dem mit den Augen Sehenden (Plato). Nach: Duden, Fremdwörterbuch.
(2) Axiologie – Wertlehre