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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 18 Mai 2006

Dogmatischer Humanismus

Zur Aktualität des politischen Denkens von Ernst Fischer


Ernst Fischer war jenes Schicksal beschieden, dass vielen österreichischen Intellektuellen wiederfahren ist. Obwohl im Ausland viel beachtet und diskutiert ist er in Österreich fast gänzlich in Vergessenheit geraten. Die Auseinandersetzung um seine Person ist gänzlich zum Erliegen gekommen, eine Werkausgabe seiner Schriften ist bei Band sieben stecken geblieben und wird wohl nicht fortgesetzt werden. Aber auch die Form der Erinnerung an Ernst Fischer ist problematisch. So wird das politische Vermächtnis Fischers zunehmend von seinen ästhetischen Theorien überlagert.

Die intellektuelle Entwicklung Ernst Fischers spiegelt die wesentlichen Problemstellungen der kommunistischen Weltbewegung wieder. Zunächst verteidigte er vehement Stalins Politik bis der 20. Parteitag der KPdSU ein Umdenken bei ihm auslöste. Nach diesem Ereignis versuchte er eine Neuorientierung kommunistischer Politik, die letztendlich in einer scharfen Kritik der Sowjetunion und den Ländern des realen Sozialismus endete. Insbesondere nach 1963 versuchte er immer wieder theoretisch die Probleme des real existierenden Sozialismus aufzugreifen und ihnen einen humanistischen Sozialismus gegenüber zu stellen. Im Prager Frühling sah Ernst Fischer diese Bemühungen eines neuen, humanistischen Sozialismus verwirklicht. Deshalb verurteilte er die sowjetische Intervention aufs schärfste. Dieser Gegensatz zur Sowjetunion und seine Haltung zur sowjetischen Intervention mündeten in seinem Ausschluss aus der KPÖ. Fischers intellektuelle Entwicklung zeigt deutlich die oft schmerzhaften Krisenmomente der kommunistischen Weltbewegung, zeigt die Wendepunkte ihrer Geschichte. Die Auseinandersetzung mit seiner Person kann Anhaltspunkte zur Interpretation dieser Geschichte liefern. Wer sich mit Ernst Fischer beschäftigt, beschäftigt sich mit den Problemen kommunistischer Politik.

Volksfrontpolitik 1945-1948

Die Politik der KPÖ und mit ihr die theoretischen Überlegungen Ernst Fischers waren nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem von einem Konzept geprägt, der Volksfrontpolitik. Kommunistische Politik nach 1945 im Sinne der KPÖ bedeute vor allem Volksfrontpolitik. Die Person Ernst Fischer war eng verwoben mit der Entwicklung und Entstehung der Volksfrontpolitik überhaupt. Als er als Emmigrant und Mitglied des ZKs der KPÖ in Moskau lebte, arbeitete Fischer im Büro der Komintern. Dort hatte er direkten Kontakt zu Dimitroff, der wesentlich an der Entstehung der Volksfrontpolitik beteiligt war. Der Kontakt mit Dimitroff prägte auch Fischers späteres politisches Denken.
Lange Zeit wurde die Volksfrontpolitik sehr stark mit stalinistischer Politik identifiziert. Vor allem die trotzkistische und die linksradikale Kritik an dieser Politik der Kommunistischen Parteien prägte das Bild der Volksfrontpolitik. Doch Ernst Fischer selbst sah einen gewissen Gegensatz zwischen der Politik Stalins und jener Dimitroffs. Gerade in Bezug auf die Politik der Komintern in Jugoslawien hatte Fischer einen Gegensatz aufgezeigt, der für die unterschiedlichen politischen Haltungen entscheidend war. Stalin wollte in den antifaschistischen Kämpfen in Jugoslawien immer die nationalistischen und monarchistischen Kräfte in den Vordergrund stellen, die kommunistischen Kräfte sollten sich diesen unterordnen. Dimtroff stellte sich jedoch gegen diese Politik Stalins und wollte im Gegensatz die Politik der jugoslawischen Kommunisten betonen. (1)
Die Volksfrontpolitik wurde direkt im antifaschistischen Befreiungskampf geboren. Das Ziel war, einen Grossteil der gesellschaftlichen Kräfte gegen den wesentlichen Feind, den Faschismus, zu mobilisieren. Dabei sollte man sich nicht mehr auf das Proletariat als der revolutionärsten und fortschrittlichsten Klasse konzentrieren, sondern auf alle Schichten des Volkes. Dies kam aus der Überzeugung, dass das Proletariat alleine den Faschismus nicht aufhalten könne. Nicht mehr die Revolution gegen den bürgerlichen Staat, sondern der Schutz des bürgerlichen Staates gegen den Faschismus stand auf der Tagesordnung. Dieser Wendepunkt kommunistischer Politik, der am VII. Weltkongress der Komintern vollzogen wurde, richtete sich vor allem gegen den linken Radikalismus in der kommunistischen Weltbewegung.
Der Faschismus stellte die Arbeiterbewegung vor Herausforderungen, die nicht mehr durch eine abstrakte Wiederholung alter Formulierungen oder durch eine radikalistische Realitätsverweigerung zu bewältigen waren. Sowohl Gramscis Konzeption der Hegemonie als auch Dimitroffs Konzept der Volksfrontkonzeption waren Antworten auf die Problemstellungen dieser Zeit.(2) Das Konzept „Klasse gegen Klasse“, die Orientierung auf eine unmittelbar bevorstehende proletarische Revolution und der Glaube an die Unaufhaltsamkeit des Sozialismus waren theoretische Elemente, die sowohl durch Dimitroff als auch durch Gramsci in Frage gestellt wurden. Dieser Kampf gegen Strömungen des linken Radikalismus war auch für Ernst Fischer eine wesentliche Triebkraft in seiner intellektuellen Entwicklung. Immer wieder versuchte er radikalistischen Phrasendreschereien eine ernsthafte und durchdachte Analyse der Realität entgegen zu stellen.
Nach 1945 versuchte die KPÖ das Konzept der Volksfrontpolitik neu zu gestalten und unter neuen Bedingungen umzusetzen. Das wesentliche Problem dabei war jedoch, dass die grundlegenden Problemstellungen, aus denen diese Politik erwachsen war, nicht mehr dieselben waren. Der Kampf gegen den Faschismus und die absolute Defensivpolitik der Arbeiterbewegung, war im Wesentlichen abgeschlossen. Die Kommunistische Partei versuchte nun die Volksfrontpolitik neu zu interpretieren. Diesmal war sie aber nicht als Defensivstrategie gedacht, sondern als Übergangsstrategie zum Sozialismus.
In den Leitsätzen des 13. Parteitages der KPÖ wurde diese Strategie formuliert. Ernst Fischer war wesentlich an der Ausarbeitung und Propagierung dieser Leitsätze beteiligt. In Thesen wurde ausgearbeitet, dass der Zweite Weltkrieg der gesamten Menschheit vor Augen geführt habe, dass der Kapitalismus zum Untergang führen müsse. Deshalb würden die breiten Massen des Volkes einsehen, dass der Sozialismus eine gesellschaftliche Notwendigkeit sei. Es wurde festgestellt, dass es eine Übereinstimmung gäbe zwischen den Interessen der Arbeiterklasse und den allgemeinen Volksinteressen. Hatte die Volksfrontpolitik vor 1945 den Ausgangspunkt, dass der antifaschistische Kampf eine umfassende, breite Schichten des Volkes betreffende, Aufgabe sei, so wurde nach 1945 der Kampf um den Sozialismus als allgemeine Menschheitsaufgabe definiert. (3)
Auf einer praktisch politischen Ebene orientierte sich die KPÖ aufgrund dieser Volksfrontkonzeption auf eine Konzentrationsregierung gemeinsam mit SPÖ und ÖVP. Dieses Bündnis aller antifaschistischen und demokratischen Parteien sollte jenes breite Bündnis darstellen, dass die epochale Aufgabenstellung, den Übergang zum Sozialismus, bewerkstelligen sollte. Das breite Bündnis verschiedener Schichten des Volkes, sollte den friedlichen Aufbau einer Volksdemokratie ermöglichen, welche wiederum eine Übergangsform zum Sozialismus darstellen sollte.(4) Der Übergang zum Sozialismus war nun also keine historische Mission der Arbeiterklasse mehr, sondern eine allgemein humanistische Aufgabenstellung.
Auf der philosophischen Ebene führte die Konzentration auf die Volksfrontkonzeption zur Betonung eines allgemeinen Humanismus. Schon 1947 legte Fischer in seinen philosophischen Abhandlungen den Schwerpunkt auf die Marxschen Frühschriften und kritisierte, ähnlich wie Gramsci, die spätere, strenge und mechanisch scheinende Dichotomie von Subjekt und Objekt. Dem stellte er den Bezug auf die Marxschen Feuerbachthesen gegenüber, die eine engere, dynamischere Beziehung von Subjekt und Objekt herstellten.(5) Anstatt diese Positionen jedoch weiter zu vertiefen konzentrierte sich Fischer zunehmend auf den anthropologischen Humanismus der Marxschen Frühschriften und in diesem Zusammenhang vor allem auf die Entfremdungstheorie. Das bedeutet aber, dass Fischers Fokusierung auf einen humanistischen Marxismus der Frühschriften nicht erst mit seiner Distanzierung zum realen Sozialismus nach 1963 stattfand, sondern schon in jener Zeit, als er noch Stalins Volksfrontpolitik verteidigte. Nicht die Hinwendung zum sogenannten Reformkommunismus(6), sondern der Kontext der Volksfrontpolitik rief eine Betonung eines allgemeinen Humanismus bei Fischer hervor.
Die Volksfrontpolitik in Österreich nach 1945 scheiterte. Die kommunistischen Kräfte, die Kommunistische Partei, wurden in der Gesellschaft und auf politischer Ebene immer weiter marginalisiert. Die Länderkonferenz im September 1945, die Wahlen im November 1945 und der Austritt des letzten verbliebenen kommunistischen Ministers aus der Regierung 1947 bildeten Marksteine dieser Entwicklung. Gleichzeitig hielt man immer noch an dem Konzept der Volksfront, der Machtübernahme eines breiten antifaschistischen Bündnisses als Übergangsmöglichkeit zum Sozialismus fest. Dabei stieß man auf ein grundlegendes Problem der Volksfrontkonzeption: Sowohl das Konzept der Volksfront als auch das Konzept der Hegemonie Gramscis hatten ihren Ursprung im Konzept der Hegemonie in der russischen Revolution von 1905.(6) Doch hatte Lenin dieses Konzept offensiv ausgestaltet, als Aufruf zum Kampf des Proletariats gegen den absolutistischen Staat. Die Volksfrontkonzeption war hingegen eine defensive Strategie, eine politische Taktik um eine grundlegende Defensive der Arbeiterbewegung zu überstehen und den Faschismus zu bewältigen. Die Politik der Zurückhaltung Stalins in Westeuropa nach 1945 wurde unter dem Titel der Volksfrontpolitik geführt, hatte aber mit Lenins Konzeption von 1905 nur mehr wenig zu tun. Damit wurden alle offensiven Elemente, die Lenin in dieser Konzeption zugrunde legte, ausgemerzt.

Zwei-Lager-Theorie 1948-1956

Die Marginalisierung kommunistische Kräfte musste wohl oder übel von der kommunistischen Weltbewegung zur Kenntnis genommen werden. So wie in Österreich die Kommunisten aus der Regierung gedrängt wurden, so wurden die KPs in Frankreich und Italien ebenfalls von der Regierungsbeteiligung verdrängt. Damit scheiterte das Konzept eines gemeinsamen, breiten, antifaschistischen Bündnisses, das den Weg zur Volksrepublik ebnen sollte. Mit der Formulierung der Truman-Doktrin sowie der Konzeption und Umsetzung des Marshall-Plans in Westeuropa scheiterte die von der Sowjetunion ernsthaft verfolgte Anti-Hitler-Koalition. Auf internationaler Ebene wurde damit vollzogen, was schon auf den nationalen Ebenen vorgezeichnet wurde: das Scheitern der kommunistischen Volksfrontpolitik in der Nachkriegsordnung.
Theoretisch wurde dieses Scheitern von der Zwei-Lager-Theorie reflektiert, die ein sonderbares Amalgan aus Kontinuität und Bruch darstellte. In dieser Theorie ging man davon aus, dass die Welt in zwei Lager geteilt ist. Auf der einen Seite steht das reaktionäre, imperialistische Lager mit der USA an der Spitze. Auf der anderen Seite steht das antiimperialistische, demokratische Lager mit der Sowjetunion an der Spitze.(7) Diese Zwei-Lager-Konzeption veränderte die Perspektiven und Möglichkeiten der Bündnispolitik drastisch. Jene bürgerlichen Kräfte, die vor einigen Jahren noch als Bündnispartner, sogar als mögliche Bündnispartner auf den Weg zum Sozialismus, betrachtet wurden, waren nun zu Feinden geworden. Dennoch wurde grundsätzlich an der Konzeption einer breiten Front weiter festgehalten. Immer wieder wurde von der Herstellung eines breiten, demokratischen Bündnisses gesprochen, dass sich eben unter die Führung der Sowjetunion unterordnen sollte. Dabei wurde ignoriert, dass die Zwei-Lager-Theorie nicht zuletzt eine Reaktion auf das Scheitern solcher Bemühungen war.
Auch die KPÖ vollzog diesen Wandel von der Volksfrontpolitik hin zur Zwei-Lager-Theorie. Am 14. Parteitag der KPÖ zog der Vorsitzende Koplenig folgende Schlussfolgerung: „Wir haben die Konsequenzen der veränderten Lage in der Welt und in Österreich nicht rechtzeitig gezogen und zu lange an Begriffen festgehalten, die in der neuen Situation keine Geltung mehr hatten. So haben wir noch zu einem Zeitpunkt von der demokratischen Einigung auf dem Wege der Zusammenarbeit mit den Spitzen der beiden anderen Parteien gesprochen, wo die für Österreich notwendige Zusammenfassung der demokratischen Kräfte nur mehr im Kampf gegen die mit dem amerikanischen Kapital verschworenen Spitzen der VP und SP möglich war.“(8) In dieser Textstelle ist deutlich die widersprüchliche Haltung zu erkennen. Einerseits musste man die Volksfrontkonzeption als gescheitert ablehnen, andererseits hielt man immer noch an einem breiten Bündnis aller demokratischen Kräfte fest.
Ernst Fischer vollzog grundsätzlich diese Politik seiner Partei mit. Dennoch kristallisierte sich in seinem Werk, wie bei keinem anderen Politiker der KPÖ, eine Kontinuität der Volksfrontpolitik. Vor allem der 20. Parteitag der KPdSU brachte einen neuerlichen Wandel kommunistischer Politik. Dabei veränderte sich auch Ernst Fischers Vorstellungen über kommunistische Strategie und den Stellenwert der Volksfront in dieser Strategie.

Attraktivität des Sozialismus 1955-1963

Nach 1955 war für die KPÖ eine wichtige Etappe ihres Kampfes abgeschlossen. Der Kampf für die Unabhängigkeit Österreichs wurde mit dem Abschluss des Staatsvertrages zu einem relativen Ende geführt. Der Kampf um Österreichs Unabhängigkeit war ein wesentliches Element kommunistischer Politik auch nach 1945. Diese Bedeutung der nationalen Frage entsprang nicht zuletzt der Volksfrontkonzeption, in der man versuchte, über diese Problemstellung eine gesellschaftliche Breite zu erreichen. Die nationale Frage war vor allem deswegen von Bedeutung, um in einem Bündnis des nationalen Widerstandes jene Front zu schmieden, in der die Kommunistische Partei die Führungsrolle erkämpfen sollte. Doch der Kampf um die formale Unabhängigkeit wurde 1955, durch den Abschluss des österreichischen Staatsvertrages, zu einem relativen Ende gebracht.
Schon ein Jahr danach fand der 20. Parteitag der KPdSU statt. Dieser Parteitag erschütterte die gesamte kommunistische Weltbewegung und somit auch die KPÖ. Die Ereignisse in Ungarn und Polen führten zu erneuten Krisen und Debatten in den Kommunistischen Parteien. Allgemein musste man feststellen, unabhängig von der konkreten Beurteilung dieser Ereignisse, dass das Ansehen der kommunistischen Bewegung durch diese Ereignisse stark gelitten hatte. Ernst Fischer schrieb dazu, in Reaktion auf die Ereignisse in Ungarn: „Trotz großen weltpolitischen Erfolgen hat in vielen Ländern des Westens die Anziehungskraft des Kommunismus abgenommen.“(9) Dies war jedoch nicht nur eine ernstzunehmende Feststellung, sondern war gleichzeitig eine politische Herausforderung. Der sozialistischen Ideen, dem Kommunismus, musste eine neue Anziehungskraft verliehen werden. „Der Sozialismus hat für viele österreichische Arbeiter gegenwärtig nicht die Anziehungskraft, die erforderlich ist, um den Klassenkampf auf ein großes gesellschaftliches Ziel zu orientieren. Es ist daher unsere Aufgabe, die sozialistische Idee in die Arbeiterschaft hineinzutragen, sie von der Notwendigkeit des Sozialismus zu überzeugen, ihr Bewußtsein und ihren Willen diesem Kampfziel zuzuwenden.“(10)
Ein wesentliches Kampfmittel, um diese neue Attraktivität zu gewinnen, war für Ernst Fischer eine Kampfgemeinschaft von Arbeitern und Intellektuellen. Auch hier setzte Fischer wieder auf ein möglichst breites Bündnis des Volkes. Auch hier setzte er auf die Einheits- und Volksfrontpolitik - ohne jedoch die notwendigen Veränderungen dieser Politik unter den neuen gesellschaftlichen Bedingungen ausreichend berücksichtigt zu haben. Denn dass die kommunistischen Kräfte ein breites gesellschaftliches Bündnis führen könnten, dass war in der Phase nach 1955 noch unrealistischer, als es noch in der Phase davor der Fall gewesen war.

Volksfrontpolitik in Österreich

Die Volksfrontpolitik war ein notwendiger Schritt, um im Kampf gegen den Faschismus die linksradikalen Tendenzen zu überwinden. Dieser Schritt muss in diesem konkreten Kontext gedacht werden. Der Faschismus führte die Arbeiterklasse in eine strategische Defensive, die sie durch die Herstellung breiter Volksbündnisse und durch die Verteidigung bürgerlicher Rechte zu überwinden versuchte. Doch dabei griff Dimitroff auf ein Konzept zurück, dass in einer revolutionären Situation, in einer Situation der Offensive, geschaffen wurde: auf das Konzept der Hegemonie. Der Kern der Problematik bestand darin, dass das Proletariat in einer strategischen Defensive kaum die führende Rolle in einem solchen Bündnis einnehmen konnte. Doch das Konzept der Hegemonie basierte gerade darauf, dass die Arbeiterklasse die Führungsrolle übernehmen sollte.
Die KPÖ versuchte diese Konzeption nach 1945 umzusetzen. Sie versuchte durch die Volksfrontpolitik, durch die Herstellung einer Volksdemokratie, einen Übergang zum Sozialismus zu ermöglichen. Die Arbeiterklasse in Österreich befand sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Österreich in einer unentschiedenen Situation. Doch schon bald stellte sich heraus, dass gemeinsame Bündnisse von Kommunisten und Nichtkommunisten nur sehr beschränkt möglich waren. Zwar hatte die Präsenz der Roten Armee in Österreich bei vielen die Illusion geweckt, dadurch die Kräfteverhältnisse verschieben zu können, doch schon nach ein paar Jahren konnten die kommunistischen Kräfte in Österreich an den Rand gedrängt werden. In der Herstellung gemeinsamer Bündnisse, insbesondere in der Konzentrationsregierung, konnte die KPÖ niemals eine Führungsrolle einnehmen. Damit scheiterte die Volksfrontpolitik nach 1945 in Österreich an dem Problem, dass aus einer marginalisierten Position kein breites Bündnis hergestellt werden konnte und dass man in diesem Bündnis kaum eine offensive Rolle spielen kann.
Ernst Fischer versuchte weiterhin, insbesondere nach dem 20. Parteitag der KPdSU, immer wieder das Konzept der Volkfront zu propagieren. Dies lag vor allem in den politischen Problemstellungen begründet, denn er wollte weiterhin gegen linksradikale und dogmatische Tendenzen innerhalb der kommunistischen Weltbewegung agitieren. Er hielt dem linken Radikalismus und Dogmatismus eine, seiner Ansicht nach, realistischere Politik entgegen. Sie sollte sich auf reale Kräfte des Volkes stützen. Doch Ernst Fischer selbst unterlag der Illusion, dass es im österreichischen Volk Kräfte gäbe, die ein ernsthaftes, bedeutsames Bündnis mit den Kommunisten eingehen wollten. Im Kampf gegen abstrakte Phrasen des linken Radikalismus und Dogmatismus konnte Ernst Fischer dem leider keine realistischeren Optionen entgegen halten. Er wollte gegen den Dogmatismus vorgehen und blieb dabei doch selbst Dogmatiker.

Sebastian Baryli

(1) Fischer, Ernst: Das Ende einer Illusion. Erinnerungen 1945-1955. Wien, München, Zürich 1973, S. 272.
(2) Baryli, Sebastian: Die nationale Frage und der Kampf um Hegemonie. In: Bruchlinien, 2006, Nr. 17, S. 32ff.
(3) Fischer, Ernst: Programmatische Leitsätze der KPÖ. In: ZK der KPÖ (Hrsg.): Was wollen die österreichischen Kommunisten? Rede von Ernst Fischer auf dem 13. Parteitag der KPÖ und Programmatischen Leitsätze der Kommunistischen Partei Österreichs. Wien o.J. [1946], S. 5.
(4) Ebenda, S. 17ff.
(5) Fischer, Ernst: Freiheit und Persönlichkeit. Drei Vorlesungen über Probleme der modernen Philosophie. Wien 1947, S. ? (=Schriftenreihe „Neues Österreich“. 5/6)
(6) Baryli, Sebastian: Die nationale Frage und der Kampf um Hegemonie. In: Bruchlinien, 2006, Nr. 17, S. 32ff.
(7) Shdanow, Andrej: Über die internationale Lage. Bericht auf der Informationstagung der Vertreter einiger Kommunistischer Parteien in Polen Ende September 1947. Wien o. J.
(8) Koplenig, Johann: Bericht des Genossen Johann Koplenig an den 14. Parteitag. In: ZK der KPÖ (Hrsg.): Was wollen die österreichischen Kommunisten? Der 14. Parteitag der Kommunistischen Partei Österreichs. (Gekürztes Protokoll). Wien o. J. [1949], S. 52.
(9) Fischer, Ernst: Die unbequemen Intellektuellen. In: Tagebuch, 12. Jg. (1957), Nr. 1, S. 1.
(10) Fischer, Ernst: Beginn der Diskussion zum Bericht des Zentralkomitees. (Gekürztes Protokoll). In: ZK der KPÖ (Hrsg.): Der 17. Parteitag der Kommunistischen Partei Österreichs in den Wiener Sophiensälen, 28. bis 31. März 1957. Wien o. J. [1957], S. 172.