Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

Verkaufstellen:: Beiträge:: Impressum&Kontakt:: Abo:: Info mail:: Werben
suche:

 

 Aktuell

Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

 Ausgaben

Nr. 21 Herbst 2007
Nr. 20 Frühjahr 2007
Nr. 19 November 2006
Nr. 18 Mai 2006
Nr. 17 Februar 2006
Nr. 16 November 2005
Nr. 15 Juni 2005
Nr. 14 April 2005
Nr. 13 November 2004
Nr. 12 September 2004
Nr. 11 Mai 2004
Nr. 10 Jänner 2004
Nr. 9 November 2003
Nr. 8 September 2003
Nr. 7 Mai 2003
Nr. 6 März 2003
Nr. 5 Jänner 2003
Nr. 4 November 2002
Nr. 3 September 2002
Nr. 2 Juli 2002
Nr. 1 Mai 2002

 

 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 17 Februar 2006

Über den vermeintlichen arabisch-islamischen Antisemitismus

Über den vermeintlichen arabisch-islamischen Antisemitismus
Allgemeine Anmerkungen anlässlich Klaus Theweleits Mahnschrift über die „Protokolle der Weisen von Zion“ in der „Jungen Welt“ vom 5.12.05


Besondere Aktualität gewinnt die Frage angesichts der wiederholten Attacken des iranischen Präsidenten Achmedinedschat auf Israel. Die alte revolutionäre antikoloniale Losung der Vernichtung Israels als rassistischer jüdischer Apartheid-Staat, bzw. jene, die Kollektivschuldrhetorik beim Wort nehmende, Forderung der Verlegung Israels nach Deutschland und Österreich werden mit der Leugnung des Holocaust verknüpft. Das gibt nicht nur Anlass die bellizistische Propagandamaschine anzuwerfen, sondern auch der historischen Linken den willkommenen Vorwand, präventiv die Solidarität gegen eine aufziehende imperialistische Aggression zu verweigern.
Aber nun zum anlassgebenden Artikel: Prima vista scheint nichts gegen eine abermalige Entlarvung der antisemitischen Protokolle der Weisen von Zion als Fälschung einzuwenden zu sein. Indes, es wurde tausendmal gemacht, es ist zum Mainstream und zur Staatsdoktrin geworden, doch die Legende der jüdischen Weltverschwörung hält sich weiterhin. Diejenigen, die meinen dem Problem eventuell mit einer tausendundersten Widerlegung Herr werden zu können, sein an Marxens Religionskritik erinnert. Dieser meinte, die Kritik der Religion bringe letztere noch lange nicht zum Verschwinden. Dafür müssten die Umstände, deren Widerspiegelung die Religion sei, aufgehoben werden.
Unter diesem Gesichtspunkt verkehren sich die Meriten Theweleits und Hadassa Ben-Ittos, auf die sich ersterer bezieht, in ihr Gegenteil. Denn dort wo der Artikel gegenwärtige Politik berührt, reproduziert er zionistische Ideologeme, die ihrerseits den Antisemitismus nur anheizen können, denn Israel besteht auf dem Alleinvertretungsanspruch für alle Juden auf dieser Welt und nimmt sie dadurch in die intellektuelle Geiselhaft für die andauernden kolonialen Verbrechen des Zionismus.
Ein alter Hut ist dabei der antisowjetische und antikommunistische Seitenhieb. Wir wollen in keiner Weise bestreiten, dass der Antisemitismus vor allem in der russischen Intelligenz auch nach der Oktoberrevolution, wenn auch in abgeschwächtem Maße, fortlebte. Ebenso wenig geht es darum zu leugnen, dass in den Fraktionskämpfen im Kreml antisemitische Vorurteile instrumentalisiert wurden, beispielsweise in der sogenannten Ärzteverschwörung. Aber Theweleit, Ben-Itto zitierend, zielt auf etwas ganz anderes ab: „Vom zaristischen Russland geschaffen, um die Juden als die Führer der revolutionären Bewegung der Bolschewiki zu brandmarken, wurden sie [die Protokolle der Weisen von Zion] später vom kommunistischen Regime zu einem Werkzeug seiner antijüdischen Politik, seiner ständigen Feindschaft gegen Israel und zur Unterstützung der Araber im Nahen Osten umfunktioniert.“ Hier sind wir bei der plattesten Form der zionistischen Propaganda angelangt. Die kritische Haltung gegenüber der Kolonialnation Israel und die Unterstützung für die kolonisierten Araber transformieren sich tout court zum Antisemitismus und gar zur Blaupause der Protokolle. Und Theweleit setzt nach: „Aus der »jüdischen Verschwörung« war ein »zionistisches Komplott« geworden.“ Die Lächerlichkeit der antisemitischen Verschwörungstheorie soll helfen den politischen Vorwurf der kolonialen Landnahme und der Vernichtung der Palästinenser als Nation ebenfalls ins Lächerliche zu ziehen. Daher auch die Analogie zwischen der jüdischen Verschwörung und dem zionistischen Komplott. Doch das zionistische Handeln hat nicht mehr den Charakter des Komplotts wie jede andere politische Bewegung auch. Der Zionismus deklarierte von Anfang an seinen Alleinanspruch auf Palästina. Die logischen Konsequenz daraus, die Vertreibung und/oder Vernichtung der Araber, schlägt sich mit der zivilisatorischen Mission als Legitimation und wurde daher nicht ganz so offen präsentiert. In dieser Hinsicht wäre der Begriff des Komplotts sogar gerechtfertigt. Theweleit schließt den Absatz trocken und scheinbar zusammenhangslos: „Der Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Israel erfolgte nach dem Sechs-Tage-Krieg, 1967.“ Die Suggestion ist klar. Es soll sich dabei um den ultimativen Beweis für den amtlichen sowjetischen Antisemitismus handeln. Kein Wort davon, dass es sich um einen Eroberungs- und Vertreibungskrieg handelte, der Millionen Palästinenser bis heute heimatlos machte. Der Abbruch der diplomatischen Beziehungen war Ausdruck eines moderaten offiziellen Protests gegen eine imperialistische Aggression. Dabei vergisst Theweleit zu erwähnen, dass es die UdSSR war, die Israel als erste anerkannte und seine Legitimität als jüdischer Separatstaat nie in Frage stellte – eine Position die mit dem Antizionismus der historischen kommunistischen Bewegung bricht und die Moskau von den arabischen Befeiungsbewegungen mit Recht nie verziehen wurde.
Die Sowjetunion gibt es nicht mehr und so bleibt der eigentliche Feind, der arabische Widerstand. In wenigen Zeilen, fast nebenbei, wird das ganze zionistische Theorem skizziert, ja untergeschoben. Der Kampf der Araber gegen Israel sei nichts als die Fortsetzung des nazistischen Antisemitismus. Der hanebüchene Beleg: In der arabischen Welt fänden die „Protokolle“ weite Verbreitung.
Vorausschickend sei erwähnt, dass die zionistische These, die Triebkraft der Geschichte sei der ewige Antisemitismus, nichts anderes ist, als die Umstülpung des europäischen Antisemitismus, wie er beispielsweise in den Protokollen zum Ausdruck kommt. Dort findet sich, genauso unausgewiesen und metaphysisch, als Triebkraft der Geschichte die ewige jüdische Verschwörung. Nun wird sie umgekehrt zur ewigen antijüdischen Verschwörung. Im Ganzen wird der Antisemitismus vom Zionismus einfach ins Positive gedreht. Der rassistische Grundgedanke einer Besonderheit der Juden bleibt der gleiche.
Nun aber zum vermeintlichen arabischen Antisemitismus. Es kann hier weder darum gehen zu leugnen, dass die Protokolle in der islamischen Welt verbreitet sind, noch dass klassische antisemitische Ideologeme übernommen werden. Aber diese Tatsache lässt in keiner Weise einen Analogieschluss hin zum klassischen Antisemitismus zu. So würde niemand auf die Idee kommen, die USA als Hochburg des globalen Antisemitismus zu bezeichnen, obwohl in den USA der protestantische Fundamentalismus, der immerhin die Massenbasis der heute regierenden Oligarchie stellt, grundlegend antisemitisch ist. Im Gegenteil, die USA betätigen sich als Schutzmacht und Garant Israels, was sie im ideologischen Mainstream jedes Antisemitismus unverdächtig macht.
Man muss sich also die Mühe machen, den gesellschaftlichen Kontext antijüdischer Ideologien und Ideologeme zu analysieren. Nur so bekommt man ein klares Bild über die spezifische Funktion und Rolle des europäischen Antisemitismus, der dann verglichen werden kann. Doch schon allein dieses Anliegen ist durch die mythologische Tabuisierung im Post-91er-Mainstream als das Absolutböse, Unvergleichliche sehr schwer geworden.
Der Antisemitismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts war (leicht vereinfacht und nicht in jedem Land im selben Ausmaß) das Kittmittel der Gesellschaft. Angesichts der scharfen Klassenauseinandersetzung gab er die Möglichkeit eine rassisch vereinte Nation unter der Führung der Bourgeoisie zu beschwören, während die Verursachung des kapitalistischen Elends auf die Juden abgeschoben wurde. Der Antisemitismus machte sich die spezifische Struktur der jüdischen Bevölkerung zu Nutze, die in zwei scharf voneinander getrennte Gruppen zerfiel. Eine rezente Massenimmigration von armen Ostjuden ähnlich der heutigen Immigranten, sowie eine winzige wohlhabende und auch weitgehend assimilierte Gruppe, die seit dem Mittelalter fest mit den Eliten verbunden war. Die Operation war einfach und wird bis heute praktiziert: die Unterklassen zu spalten, indem man die ImmigrantenInnen als die Verursacher der sozialen Notlage darstellt. Im Gegensatz zu heute, konnte man den Sozialchauvinismus sogar mit einem falschen Antikapitalismus tarnen. Die Beteiligung der jüdischen Elite an der kapitalistisch-aristokratischen Macht wurde einfach auch den armen Juden untergeschoben. Im Nazismus fand der Antisemitismus dann als mobilisatorische Kraft seinen Höhepunkt. Zur Lösung der akuten kapitalistischen Krise musste die kommunistische Arbeiterbewegung zerschlagen und ein expansiver Aggressionskrieg geführt werden. Um dieses rationale, gegen die Massen gerichtete, Programm diesen plausibel zu machen, bedurfte es der irrationalen Tarnung des Antisemitismus.
Es ist leicht einzusehen, dass eine solche Konstellation im Westen heute nicht gegeben ist. Weder sieht sich die Bourgeoisie von einer nach der Macht greifenden kommunistischen Bewegung bedroht, noch gibt es eine jüdische Massenimmigration. Heute reicht der blanke Sozialchauvinismus gegen die vorwiegend aus Nahost, Afrika und Asien stammenden Immigranten aus. Wenn es eine Analogie zum historischen Antisemitismus gibt, dann ist es wohl die irrationale Moslemhatz. Außer vielleicht in Polen und Russland, wo die Wiedereinführung des Kapitalismus die historische Konstellation, die den Antisemitismus hervorbrachte, in ihren Grundzügen reproduzierte, gibt es den klassischen Antisemitismus nur mehr in Restbeständen.
Noch unterschiedlicher, ja diametral entgegengesetzt, stellt sich die Lage in der arabischen Welt dar. Diese leidet seit mehr als hundert Jahren unter dem westlichen Kolonialismus und Imperialismus, der sie der Selbstbestimmung beraubt und jede Entwicklung systematisch unterbindet, um so mehr als die Region bekanntermaßen die wichtigsten Quellen der unerlässlichen Energieträger beherbergt. Beredtes Beispiel ist die gegenwärtige Besetzung des Irak durch die imperiale Weltmacht USA.
Für die Beherrschung der arabischen Welt funktional, war von Anfang an der Zionismus mit seinem Plan der Besiedelung Palästinas als Vorposten der westlichen Welt. Begonnen unter dem britischen Mandat, übernahmen die USA Israel als ihr geostrategisches Werkzeug in der Region. Die Metapher vom landgestützten, bis an die Zähne bewaffneten Flugzeugträger der USA ist ebenso plakativ, wie richtig.
Seit Beginn der Besiedlung kam es zu unzähligen bewaffneten Konflikten und Kriegen zwischen Israel und den Arabern. Dabei ist unerheblich von welcher Seite sie begonnen wurden. Bekanntlich rechtfertigte Nazideutschland seinen Aggressionskrieg ebenfalls mit einem fingierten Angriff seitens Polens. Wie Rosa Luxemburg nicht müde wurde zu betonen, geht es um den Charakter der streitenden Seiten. Israel tritt da nicht nur als Kolonialmacht auf, sondern seine Interessen sind organisch mit jenen des westlichen Imperialismus verwoben. Die arabische Seite, trotz willfähriger prowestlicher Diktaturen oder auch aus antikolonialen Befreiungskämpfen hervorgegangene, auf ihre Unabhängigkeit bedachte Diktaturen, repräsentiert die unterworfene, kolonisierte, unterdrückte Bevölkerung.
Nimmt man das demokratische Recht auf Selbstbestimmung ernst, so kommt dem arabischen Volk das unteilbare Recht auf Widerstand gegen den kolonialistischen Zionismus und seinen rassistischen Exklusivstaat Israel zu.
Die Inszenierung Israels als Staat der Holocaustüberlebenden und Schutzmacht der Juden gegen den ewigen Antisemitismus tut dem keinen Abbruch – ganz abgesehen davon, dass sie jeder Legitimität entbehrt.
Die historische Schuld an der Judenvernichtung trägt die europäische und insbesondere deutsche kapitalistisch-imperialistische Elite. Sie dem deutschen Volk als Ganzem zu unterstellen, dient der Entschuldigung des Kapitalismus mittels der Spiegelung der nazistischen Herrenmenschen-, zur liberalistisch-amerikanischen Kollektivschuldthese. Während die Juden von Gut zu Böse mutieren, wird den Deutschen die umgekehrte Verwandlung zugeschrieben. Nicht umsonst verfällt Europas Establishment in hysterisches Kreischen, wenn Irans neuer Präsident Achmedinedschat den Judenstaat, sei er denn aus dem Holocaust begründet, nach dem Verursacherprinzip folgerichtig nach Europa verlegen will. Ganz infam wird es aber dort, wo die Schuld am Holocaust und vor allem die Kontinuität des Antisemitismus den Arabern angedichtet wird. Es ist eine Tragödie der Geschichte, dass die Opfer des deutschen Imperialismus gegen die Opfer des amerikanischen Imperialismus in Stellung gebracht werden.
Die universalistische Lehre aus dem kommunistischen Widerstand gegen den Faschismus, nämlich der Kampf gegen jeden kapitalistischen Imperialismus, der so schön in Brechts Worten vom noch fruchtbaren Schoß, aus dem der Faschismus kroch, zusammengefasst wird, wird so umgebogen und auf die Mühlen eines neues Imperialismus gelenkt, nämlich des US-amerikanischen. Von der Konkurrenz der UdSSR befreit, nimmt er immer mehr die Fratze seines vermeintlichen historischen Widersachers, des deutschen Faschismus, an.
Der arabische Widerstand und Befreiungskampf gegen die USA und Israel hat mit dem historischen europäischen Antisemitismus aber auch gar nichts gemein. Ersterer ist grundlegend antiimperialistisch, zweiterer grundlegend proimperialistisch.
Wenn klassische antisemitische Ideologeme übernommen werden, so spielen diese eine völlig untergeordnete Rolle. Meist finden sie sich im Bereich des klassischen europäisierenden, sekulären Nationalismus, während sowohl der linke als auch der islamische Widerstand die Trennung zwischen Judentum und Zionismus vornimmt.
Im übrigens ist Israel selbst der Vorreiter der These der Identität von Judentum und Zionismus. So kann man zwar kritisieren, dass viele Araber den Zionismus beim Wort nehmen und die Verbrechen Israels allen Juden zuschreiben. Wundern darf es indes nicht. Wenn Israel den Holocaust für seine Expansion auf Kosten der Palästinenser missbraucht, so liegt es nahe, dass die arabisch-islamische Welt dazu tendiert, die Formel umzudrehen. Wenn es der Holocaust ist, der Israels Anspruch auf Palästina begründet, dann sei er weggeleugnet. So falsch die Inversion sein mag, so sehr trägt der Zionismus selbst die Schuld daran. Achmedinedschat trifft indes den Nagel auf den Kopf, wenn er sagt, dass der Holocaust für Europa zu einem unantastbaren religiösen Dogma geworden ist.

Willi Langthaler