Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

Verkaufstellen:: Beiträge:: Impressum&Kontakt:: Abo:: Info mail:: Werben
suche:

 

 Aktuell

Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

 Ausgaben

Nr. 21 Herbst 2007
Nr. 20 Frühjahr 2007
Nr. 19 November 2006
Nr. 18 Mai 2006
Nr. 17 Februar 2006
Nr. 16 November 2005
Nr. 15 Juni 2005
Nr. 14 April 2005
Nr. 13 November 2004
Nr. 12 September 2004
Nr. 11 Mai 2004
Nr. 10 Jänner 2004
Nr. 9 November 2003
Nr. 8 September 2003
Nr. 7 Mai 2003
Nr. 6 März 2003
Nr. 5 Jänner 2003
Nr. 4 November 2002
Nr. 3 September 2002
Nr. 2 Juli 2002
Nr. 1 Mai 2002

 

 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 17 Februar 2006

Zum Problem des revolutionären Subjekts

Wo ist die historische Mission der Arbeiterklasse geblieben?


Nach mehr als 150 Jahren Arbeiterbewegung ist es wohl nicht zu früh einzugestehen, dass die Arbeiterklasse – so wie der Begriff von der Bewegung selbst gebildet wurde – die ihr zugeschriebene historische Mission nicht erfüllen konnte. Es gibt weiterhin auch keinen Anlass anzunehmen, dass die Bedingungen der Erfüllung dieser Mission sich verbessern würden. Jene, die noch darauf warten, riskieren, dass es ihnen jenen gleich ergeht, die auf Godot ausharrten.
Man könnte meinen, dass damit das Projekt des Kommunismus gestorben sei, insofern als es seinen Träger verloren hat. Tatsächlich zogen die allermeisten genau diesen Schluss. Doch betrachtet man die Geschichte, so sieht man, dass es einige sozialistische Revolutionen gab, in denen die Arbeiterklasse keine besondere Rolle spielte. Hinzu kommt, dass der siegreiche Kapitalismus seine Widersprüche in keiner Weise gelöst hat und zunehmend Widerstand hervorruft, der ganz allgemein gesprochen vor allem von den Unter- und Mittelschichten der unterdrückten Länder getragen wird. Hier zeichnen sich Momente eines neuen revolutionären Subjekts ab.
Doch untersuchen wir zuerst das historische Konzept der Arbeiterklasse als revolutionärem Subjekt. Dabei empfiehlt es sich, nicht bei Marx anzufangen, sondern jenen Begriff in Betracht zu ziehen, der in der Arbeiterbewegung selbst vorherrschend war. Tendenziell wurde den Arbeitern, so wie sie vom Kapitalismus geschaffen wurden, oder wie Marx sagt – die Begrifflichkeit von Hegel übernehmend – „an sich“, eine objektiv revolutionäre, oder zumindest transformatorische (nämlich den Übergang zum Sozialismus bewerkstelligende) Rolle zugeschrieben. Das revolutionäre Subjekt war also direkt gegeben, es bedurfte nur seiner bestmöglichen Organisation. Die Bewusstwerdung war ein untergeordnetes Problem, das sich mit der Organisierung automatisch ergab. Daher auch Kautskys Konzept der Sozialdemokratie als der Partei der gesamten Klasse, also aller Arbeiter unabhängig von ihren politischen Vorstellungen. In dieser Konzeption ist die Arbeiterklasse als Klasse objektiv gegeben. Der Marxsche Unterschied zwischen Klasse an sich und für sich verschwindet oder ist nur graduell. Daraus ergibt sich eine weitverbreitete Arbeitertümelei, die mit einer objektivistischen, deterministischen Tendenz Hand in Hand geht, die das subjektive Element strukturell unterbelichtet. Das gilt im Wesentlichen für die Sozialdemokratie aber über weite Strecken auch für die Sowjetunion und die mit ihr verbundenen Kommunistischen Parteien, wenn man von den linken Perioden im ersten Jahrzehnt ihres Bestehens einmal absieht.
Bei Marx ist das Konzept der Arbeiterklasse und der Begründung ihrer Rolle einer Evolution unterworfen. Es ist aber nicht von der Hand zu weisen, dass in der späteren Periode seines Werkes, in die sowohl der Aufstieg, das Abheben des deutschen Kapitalismus als auch die Abfassung des „Kapitals“ fällt, ein immer stärker objektivistischer Zug zu finden ist. Liest man das Nachwort zur zweiten Auflage des Kapitals, so bleibt kein Zweifel mehr bestehen. Marx zitiert affirmativ seinen russischen Rezensenten Sieber: „Hierzu ist vollständig hinreichend, wenn er [Marx] mit der Notwendigkeit der gegenwärtigen Ordnung zugleich die Notwendigkeit einer anderen Ordnung nachweist, worin die erste unvermeidlich übergehen muss, ganz gleichgültig, ob die Menschen das glauben oder nicht glauben, ob sie sich dessen bewusst oder nicht bewusst sind. Marx betrachtet die gesellschaftliche Bewegung als einen naturgeschichtlichen Prozess, den Gesetze lenken, die nicht nur von dem Willen, dem Bewusstsein und der Absicht der Menschen unabhängig sind, sondern vielmehr umgekehrt deren Wollen, Bewusstsein und Absichten bestimmen.“ Hier weht der Geist des Positivismus, der in der ersten großen Wachstumsperiode des Kapitalismus, in der Industrialisierung, alle Poren der Gesellschaft durchdrang. Und so wurde es auch in der Arbeiterbewegung rezipiert, aber gereinigt um alle auch noch in dieser Periode verbliebenen, an anderer Stelle zu findenden subjektiven Momente. Marx trägt also eine gewisse Mitverantwortung für die deterministische Interpretation des Kommunismus.
Gehen wir zum Marx der revolutionären späten 1840er Jahre zurück, so stellen sich die Dinge doch erheblich anders dar. Wir versuchen nachzuzeichnen wie Marx in der Arbeiterklasse das Subjekt der allgemeinen menschlichen Emanzipation findet. Dabei verwendet er das Hegelsche Begriffspaar „an sich“ und „für sich“. Die Abeiterklasse „an sich“ ist nichts als konstitutives Element des Kapitalismus, Objekt der Ausbeutung, nur potentiell revolutionär. Dazu muss sie sich zur Klasse „für sich“, mit Bewusstsein über ihre eigene Rolle, erheben. Für eine philosophisch gebildete intellektuelle Elite mag das verständlich sein, für die breite Masse der Kommunisten, die dennoch mit den Schriften Marxens in Berührung kamen, verleitet es dennoch zu einer objektivistischen Interpretation. Besser wäre es klar auszusprechen, dass die Arbeiter ohne Klassenbewusstsein und -organisation nur eine Schicht des Kapitalismus im Sinne der Soziologie sind, während der Begriff der Klasse direkt politische, subjektive Implikationen aufweist.
Wie begründet nun Marx die mögliche Rolle des Proletariats als revolutionäres Subjekt? Versuchen wir die ineinander verwobenen Argumentationsstränge auseinander zu legen:

Verarmung, Verelendung

Der sichtbarste, auffälligste und einfachste Knotenpunkt ist die Verarmung der Proletarier, welchen die Lohnarbeit gerade einmal das physische Überleben sichert und das mehr schlecht als recht. Dieses totale Elend sowie das Bewusstsein seiner unmöglichen Überwindung im Rahmen des Systems produzieren eine Interesselosigkeit und in der Folge auch Gegnerschaft zum kapitalistischen System. Daher das berühmte Wort im Manifest, nach dem die Arbeiter nichts als ihre Fesseln zu verlieren hätten.
Doch in Marxens Argumentation stellt die Verelendung nur ein Moment dar, das zum Kampf drängt. Es trifft das Proletariat zwar besonders heftig, aber es gilt nicht spezifisch nur für dieses, denn Verelendung gab es auch schon in vorkapitalistischen Gesellschaften, die jedoch keineswegs ein revolutionäres Subjekt, das zum Übergang zum Sozialismus fähig wäre, produzierten.

Entfremdung

Ein wesentlicher Komplex ist jener der Entfremdung. Zunächst geht es um die Entfremdung im Arbeitsprozess im engeren Sinn. Arbeit, produktive Tätigkeit, wird von Marx als das Zentrum der menschlichen Lebensäußerung angesehen. Die Arbeit konstituiert das spezifisch Menschliche am Menschen. Doch im Kapitalismus wird den Produzenten sowohl das Produkt ihrer Arbeit als auch die Kontrolle über die Gestaltung ihres Arbeitsprozesses genommen. Man arbeitet um sein Leben zu erhalten. Die Arbeit verkehrt sich vom Lebenszweck in ein Lebensmittel, Leben und Arbeit stehen nun gegeneinander.
Die Entfremdung hat indes auch eine gesamtgesellschaftliche Dimension. In den Urgesellschaften mag die Natur der übermächtige Feind oder auch Gott der Menschen gewesen sein. Doch sie waren Herr nicht nur über ihre Produkte und deren Herstellungsprozess, sondern auch über ihre Gesellschaft, die noch Gemeinschaft blieb. Mit der sich verfestigenden Arbeitsteilung bildeten sich soziale Klassen sowie das Eigentum, das die ungleiche Verteilung nur juristisch ausdrückt und absichert. Privateigentum ist ein anderer Ausdruck für Arbeitsteilung. Die Gemeinschaft löst sich zunehmend in entgegengesetzte Klasseninteressen auf. Die Macht geht in die Hand der dominanten Klasse über, entfremdet die Masse dem Gesellschaftsganzen. Im Kapitalismus treibt diese Entfremdung einem Höhe- und Endpunkt zu, insofern also die soziale Macht anonym wird, als der Sachzwang des Marktes erscheint. Die Kapitalisten mögen die Hebel des Staates in Händen halten, doch der Markt agiert auch hinter ihrem Rücken. Den Menschen ist die Kontrolle über die Geschicke ihrer Gesellschaft gänzlich entglitten, die Entfremdung ist total geworden.
Die totale Entfremdung wird jedoch als notwendiger Durchgang begriffen, der ihre Aufhebung vorbereitet, ja sogar notwendig voraussetzt. Sie zerstört bei der Arbeiterklasse alle partikulären Bindungen und Interessen, die die vorkapitalistischen Gesellschaften auszeichnen und die Marx als beschränkt, borniert versteht. An ihre Stelle treten universale Beziehungen aller zu allen, wenn sie auch entfremdet bleiben. „...diesen Produktivkräften [steht] die Majorität der Individuen gegenüber, von denen diese Kräfte losgerissen sind und die daher alles wirklichen Lebensinhalts beraubt, abstrakte Individuen geworden sind, die aber dadurch erst in den Stand gesetzt werden, als Individuen miteinander in Verbindung zu treten“ (1) Erst nachdem jedes Partikularinteresse vernichtet, die Interesselosigkeit an der kapitalistischen Gesellschaft hergestellt ist, können Allgemeininteressen verfolgt werden. Halbe (also partikuläre) Lösungen gibt es nicht mehr, sie sind nicht mehr gangbar. Die Totalität, wenn auch eine menschenfeindliche, entfremdete, kann nicht mehr zurückgenommen werden, sondern um zu leben müssen sich die Arbeiter die Produktivkräfte in ihrer Totalität aneignen, das heißt die soziale Macht unter ihre Kontrolle bringen. Sie lösen sich damit als Arbeiter mit Partikularinteressen gegen eine andere Klasse, die Bourgeoisie, auf und werden zu Trägern der allgemeinen Interessen des Gesellschaftsganzen.
Das ist vor allem die Argumentation in den Frühschriften und besonders prominent in den „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten“ von 1844. Hier findet sich als bewegendes Prinzip dieser Transformation noch die Hegelsche Negation der Negation, während nach den realen Triebkräften des Umsturzes und den Bedingungen ihres Handelns außer in ganz allgemeinen Begriffen noch nicht gefragt wird. Zwei Jahre später, in der „Deutschen Ideologie“ von 1846, macht sich Marx schon über den Begriff der Entfremdung lustig. Die Tendenz der Argumentation verschiebt sich von der Notwendigkeit des Prozesses hin zu den Möglichkeiten. Der Kommunismus ermöglicht die Zurücknahme der Verselbständigung der gesellschaftlichen Kräfte. Die Betonung liegt nunmehr auf der realen Bewegung und nicht auf der Notwendigkeit der Umwandlung.

Weltgesellschaft

Im „Manifest“ von 1848 verschieben sich die Akzente nochmals. Das Motiv der Entfremdung wird nicht mehr entwickelt, dafür die vorbereitende Rolle des Kapitalismus, der das erste Mal in der Geschichte eine einzige Weltgesellschaft herstellt. Diesem Moment kam bereits zuvor ein großes Gewicht zu, doch nun verliert es seine philosophische Einbettung. Durch den Weltmarkt werden alle für vorkapitalistische Verhältnisse charakteristischen Segmentierungen niedergerissen. Es entsteht ein einziger produktiver Apparat, der für die gesamte Weltgesellschaft herstellt. Alle Individuen der gesamten Menschheit sind mit- und untereinander verbunden, sie nehmen den Charakter von weltgeschichtlichen Individuen an. In dieser Hinsicht spricht Marx dem Kapitalismus sogar eine fortschrittliche Rolle zu. Er hat die Produktion nunmehr vergesellschaftet, nur noch die Aneignung des gesellschaftlichen Produkts bleibt privat. Die Arbeiterklasse befindet sich daher in der historisch neuen und einmaligen Position die Kontrolle dieses Apparates, dessen wesentlichsten Bestand sie selbst darstellt, an sich reißen zu können, ohne dabei durch entgegengesetzte Interessen zersplittert zu werden, wozu ihre historischen Vorgänger verdammt waren.

Gesellschaft als Produkt bewussten Handelns

Die spezifische Position der Arbeiterklasse in der kapitalistischen Gesellschaft – in der nunmehr hergestellten Weltgesellschaft das vereinigende Moment zu repräsentieren – erlaubt zum ersten Mal in der Geschichte volle Einsicht in dieselbe und ihre Bewegung zu erlangen, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu erkennen. Diese richtige Erkenntnis ermöglicht einerseits die politische Praxis der Revolutionierung und setzt sie andererseits voraus. Es handelt sich um eine dialektische Wechselwirkung. In den „Feuerbachthesen“ weist Marx auf die Schwäche des bisherigen Materialismus, der vergisst, dass der Erzieher selbst erzogen werden muss, hin. In dieser umstürzenden gesellschaftlichen Praxis berühren einander Objekt und Subjekt. Das Proletariat wird zum Subjekt-Objekt. Erst ab dem Zeitpunkt, ab dem die Menschen ihre Geschichte bewusst selbst gestalten, sich die fremde soziale Macht, die sie in Wirklichkeit selber konstituieren, aneignen, beginnt die wirkliche Geschichte. Der Kommunismus kann als bewusst geplante Produktion der eigenen Gesellschaft aufgefasst werden.
Es war Georg Lukacs’ Verdienst, diesen verschütteten Aspekt des Marxschen Werkes wieder zum Thema gemacht zu haben. Doch seine hegelianisierende Tendenz führt dazu, dass er den nach der Oktoberrevolution in Europa so offensichtlichen Spalt zwischen empirischem und zugerechnetem Bewusstsein der Arbeiterklasse (er verwendet bezeichnenderweise dieses Begriffspaar) mit Hilfe der Notwendigkeit im philosophischen System zu schließen versucht.

Vom Kollektiv- zum Allgemeininteresse

Das Proletariat unterscheidet sich von den vorkapitalistischen unterdrückten Klassen, die gegen die jeweiligen Herrschenden rebellierten. Ihnen fehlten die gesellschaftlichen Voraussetzungen Produktionsverhältnisse, eine neue Ordnung zu schaffen, die die Klassenherrschaft aufhebt. Selbst ihr Sieg – und zu diesem kam es allenthalben – reproduzierte über kurz oder lang eine neue Klassenherrschaft.
Ähnliches gilt für die Bauernschaft im Rahmen des Kapitalismus. Sie mag durch Verarmung in Konflikt mit den jeweiligen Eliten geraten, aber ihr Interesse liegt zuallererst darin, Privatbesitz an Boden zu erlangen, um auf dem Markt reüssieren zu können. Genau diese Logik des Marktes, ganz abgesehen von der geographischen Zersplitterung, stellt sie gegeneinander, hindert sie an der Vereinigung in der Verfolgung eines Gesamtinteresses.
Es handelt sich letztlich um denselben Grund, der die Bourgeoisie trennt, in der der einzelne Kapitaleigner in Konkurrenz zum jeweils anderen steht um sich maximal noch im Nationalstaat gegen das Proletariat sowie gegen andere staatlich organisierte Bourgeoisien zu assoziieren. Die Bourgeoisie kann daher die Universalität, die der Kapitalismus den menschlichen Beziehungen verleiht – die Weltgesellschaft – nicht repräsentieren. Im Gegensatz dazu hat das Proletariat kein Vaterland. Sein Klasseninteresse kann nur kollektiv verfolgt werden, nicht gegeneinander. Seine Lage im Produktionsprozess drängt es zusammen, vereinigt es anstatt es zu separieren, zu atomisieren.
Der Impuls zum Konflikt, der Antrieb zum Kampf kommt aus der Elendigkeit und Unerträglichkeit der Lage. Die Richtung, die er nimmt, wird von der Lage im Produktionsprozess bestimmt. Insbesondere im „Kommunistischen Manifest“ betont Marx, dass auch die Arbeiter, insofern sie die Ware Arbeitskraft feilbieten, nur Objekte der Ausbeutung sind und gegeneinander in Konkurrenz stehen. Erst der fortgesetzte Kampf, der sich zuerst nur um die Steigerung des Werts der Arbeitskraft dreht, bringt sie zusammen, lässt sie ihre Einzelinteressen, die sich einzeln nicht durchsetzen lassen, zugunsten von Kollektivinteressen überwinden. Dabei hilft auch ihre örtliche Konzentration in immer größeren Fabriken und Ballungszentren – ein im Manifest sehr prominent verwendetes empirisches Argument, das in der philosophischen Phase kaum eine Rolle gespielt hatte. Überhaupt spürt man im Manifest einen Zug weg von den philosophischen Begründungen.
Der Kampf der Arbeiterklasse beginnt mit Partikularinteressen. Aber insofern er kollektiv wird, sich auf den Sturz der Klassenherrschaft der Bourgeoisie richtet, nimmt er nicht nur kollektiven Charakter hinsichtlich der proletarischen Klasseninteressen an, sondern dieses Interesse fällt zusammen mit den Allgemeininteressen aller. Das Proletariat vertritt keine von der Gesamtgesellschaft gesonderten Klasseninteressen mehr, sondern die Interesselosigkeit am kapitalistischen System ermöglicht es ihm Allgemeininteressen aller zu verfolgen. Die Bourgeoisie schuf die Voraussetzungen dafür, indem sie die Weltgesellschaft und die globale gesellschaftliche Produktion etablierte. Doch sie vermag es nicht diese Macht dem Allgemeininteresse zu unterwerfen, da sie von Partikularinteressen geleitet wird. Die soziale Macht bleibt selbst ihr eine fremde Macht. Erst das Proletariat hat einerseits die Fähigkeit den produktiven Apparat (auch weil sie dessen Hauptkomponente bildet) mitsamt der Kontrolle über die gesamte Gesellschaft zu übernehmen und andererseits diese bewusst und kollektiv im Interesse aller zu lenken.

Ausreichendes Niveau der Produktivkräfte

Als weitere Voraussetzung kommt hinzu, dass sich die gesellschaftlichen Produktivkräfte das erste Mal in der Geschichte als so potent erweisen, dass die bewusste Kontrolle über sie durch die assoziierten Produzenten, zunächst einmal das an die Macht gelangte Proletariat, nicht zur neuerlichen sozialen Differenzierung in Klassen führt, sondern diese aufzulösen, aufzuheben vermag. Wenn soziale Differenzierung nichts anderes als verfestigte Arbeitsteilung ist, dann erfordert die Aufhebung der Arbeitsteilung ein gewisses materielles Niveau. „Die Entwicklung der Produktivkräfte [ist] eine ... absolut notwendige Voraussetzung, weil ohne sie nur der Mangel verallgemeinert, also mit der Notdurft auch der Streit um das Notwendige wieder beginnen und die ganze alte Scheiße sich herstellen müsste...“ (2).

Produktivkräfte versus Produktionsverhältnisse

Die Geschichte ist die Geschichte von Klassenkämpfen, das heißt von Konflikten über die Organisation der Arbeitsteilung und die Aneignung des Arbeitsprodukts. Das Niveau der Entwicklung der Produktivkräfte begrenzt oder bedingt in einem gewissen Spielraum seine Organisationsform, die Produktionsverhältnisse. Wenn diese beiden Momente nicht miteinander übereinstimmen, dann brechen Krisen und Konflikte aus. Der latente Klassenkampf kann an solchen Punkten eskalieren und zur Etablierung gänzlich neuer Produktionsverhältnisse führen.
Bisher vollzogen sich solche Transformationen blind. Ihren Akteuren fehlte die Einsicht in die Totalität der Gesellschaft und ihre Bewegung. Entsprechend eingeschränkt und beschränkt musste ihr Plan auch sein. Das Ergebnis war nichts als die Resultante der aneinanderstoßenden Handelnden. Mit dem Kapitalismus und der Hervorbringung des Proletariats hat sich das grundlegend geändert. Die planmäßige Gestaltung der Gesellschaft ist sowohl materiell als auch hinsichtlich der notwendigen Einsicht in den Gang der geschichtlichen Bewegung möglich geworden.
Wir sehen uns abermals mit einem solchen Widerspruch zwischen den Produktivkräften und den Produktionsverhältnissen konfrontiert. Der Kapitalismus revolutionierte die Produktivkräfte zwar in einem präzedenzlosen Ausmaß, doch legt er ihnen sofort wieder Fesseln an. Diese bestehen in der privaten Aneignung des Sozialprodukts, die zu einem in der bisherigen Geschichte unbekannten Phänomen der Überproduktionskrisen führt – zu viel nicht hinsichtlich des menschlichen Bedarfs, sondern des Marktes. Der Markt als Instrument der Allokation von Ressourcen funktioniert nicht. In der Hand des Kapitalismus tendieren die Produktivkräfte dazu sich in Destruktivkräfte zu verwandeln.

Bilanz

Wir stehen vor dem größten und genialsten Entwurf zur bewussten Gestaltung der menschlichen Gesellschaft, der je gemacht wurde. Anderthalb Jahrhunderte danach lässt sich zweifellos sagen, dass er immerhin so realitätsnahe war, dass der Versuch in vielen Ländern unternommen wurde, in einigen der Umsturz gelang und sogar erste Schritte eines Aufbaus des Sozialismus eingeleitet wurden. Die kommunistische Bewegung wurde zur treibenden Kraft der Geschichte und drückte dem 20. Jahrhundert ihren Stempel auf.
Jedoch unter dem Strich scheiterten letztendlich alle Versuche. Das bedeutet indes nicht notwendigerweise, dass der Kommunismus nicht möglich wäre. Wenn ein Schlüssel nicht ins Schloss passt, kann daraus nicht notwendig geschlussfolgert werden, dass Türen nicht verschlossen werden können. Man muss den Ursachen des Scheiterns auf den Grund gehen.
Will man nicht in den Bereich der metaphysischen Dogmatik gelangen, so führt ein theoretischer Entwurf für die Praxis automatisch die Notwendigkeit mit sich, an dieser Praxis überprüft und gegebenenfalls korrigiert zu werden. Es muss jedoch klar sein, dass die praktische Erfahrung kein gegebenes Faktum ist, sondern der theoretischen Interpretation bedarf. Es gibt also nie eine unbestrittene Korrektur. Der Abgleich mit der Praxis erweist sich als unendlicher Prozess, der niemals Absolutheit produzieren kann. Aber zurück zu den geschichtlichen Schwierigkeiten bei der Umsetzung des Marxschen Konzepts.

Materielle Besserstellung der Arbeiter

Natürlich erkannte auch die positivistische Bourgeoisie die Gefahr, die sich aus der Verelendung des Proletariats für den Kapitalismus selbst ergab, zumal nach der Oktoberrevolution. Im Sinne des „social engineering“ als Antwort auf den kommunistischen Umgestaltungsversuch machte die Bourgeoisie gezielte und massive materielle Zugeständnisse. Obwohl das von Marx beschriebene totale Elend an der Peripherie immer noch und immer wieder auftritt, so konnte es in den industriellen Kernbereichen – selbst in vielen peripheren Ländern – weitgehend überwunden werden, was tatsächlich dem proletarischen Kampf viel an Moment nahm und zur Stabilität des Kapitalismus erheblich beitrug. Insgesamt vermochte der Kapitalismus die Produktivkräfte gewaltig zu steigern. Die sozialen Gegensätze sah er sich in den Zentren zu mildern gezwungen, global tendieren sie indes zur Verschärfung.

Dekonzentration

So wie die Verelendung erwies sich auch die Konzentration der Arbeiterklasse als für den Kapitalismus wirklich brandgefährlich. Aber auch darauf wusste die Bourgeoisie zu reagieren. Die großen Fabriken wurden zerlegt und ein System von konzentrischen Kreisen von Privilegien installiert, das erfolgreich zur Entsolidarisierung eingesetzt wurde.


Partikular- und Allgemeininteressen

Hier kommen wir zum ersten Knotenpunkt. Die Geschichte hat schlicht und einfach empirisch gezeigt, dass die Arbeiter wie alle anderen Schichten und Klassen ihre Partikularinteressen im Rahmen des Systems verfolgen. Wo es möglich ist, verteidigen sie diese und verfestigen ihre Interessenvertretung um diese herum. Nur dort, wo das nicht möglich war, stießen sie mit dem System zusammen und konnten revolutionär wirken, wie beispielsweise in Russland. Aber selbst nach der Machtübernahme lösten sich die Partikularinteressen nicht auf, sondern bestanden fort. Eben weil es die Allgemeininteressen nicht vertreten konnte, erwies sich das Proletariat trotz der gewaltigen Steigerung seines spezifischen Gewichts innerhalb der Gesellschaft als unfähig die Macht zu behalten.
Der von Marx in der „Deutschen Ideologie“ so großartig beschriebene Prozess, der den Staat als Vertretung von partikularen Klasseninteressen bloßlegt aber gleichzeitig dessen Notwendigkeit, sich als Inkarnation der Allgemeininteressen zu gebärden, aufweist, scheint ebenso für den in Russland entstandenen proletarischen Staat zu gelten, obwohl Marx das erstmalige Zusammenfallen dieser Interessen und die gänzliche Aufhebung der Klassen und des Staates konzipierte. „... aus diesem Widerspruch des besonderen und gemeinschaftlichen Interesses nimmt das gemeinschaftliche Interesse als Staat eine selbständige Gestalt, getrennt von den wirklichen Einzel- und Gesamtinteressen, an, und zugleich als illusorische Gemeinschaftlichkeit...“ (3). „Eben weil die Individuen nur ihr besonderes, für sie nicht mit ihrem gemeinschaftlichen Interesse zusammenfallendes suchen, überhaupt das Allgemeine illusorische Form der Gemeinschaftlichkeit, wird dies als ein ihnen ‚fremdes’ und von ihnen ‚unabhängiges’, als ein selbst wieder besonderes und eigentümliches ‚Allgemein’-Interesse geltend gemacht...“ (4). Weil das Proletariat die Allgemeininteressen nicht organisierte, weil die Klassen nicht verschwanden, bedurfte es eines gesonderten Staatsapparates, der seinerseits wieder Sonderinteressen entwickelte.
Die reinen Allgemeininteressen sind illusorisch wie der Kantische moralische Imperativ. Tatsächlich gehören sie dem gleichen Ideenstrang an, der von Rousseau als Gegensatz von volonté générale und volonté de tous, von Allgemeinwillen und Willen aller bezeichnet und von einander streng unterschieden wurde. Bei Kant bleiben die Allgemeininteressen völlig von der Realität getrennt, passend zur Doppelmoral des Kapitalismus. Hegel versucht die Versöhnung, die Verbindung zwischen Realität und Allgemeininteresse. Trotz seiner unzweifelhaften Meriten einen Schritt in diese Richtung gegangen zu sein, bleibt die triadische Form seiner dialektischen Bewegung ein starres Schema, dass der Realität übergestülpt, aufgepresst wird. Die Negation der Negation spürt man auch bei Marx noch durch. Das Proletariat muss nichts sein, um alles werden zu können. In Hegels Logik geht es über die Kontrapositionen des Nichts und des Seins, die im Werden aufgehoben sind. Durch den Verlust jedes gesonderten Interesses, durch die völlige Entfremdung, die aber gleichzeitig zur Universalität aller menschlichen Beziehungen führt, wo also jeder mit jedem in der Weltgesellschaft in Verbindung steht, jedoch ohne es zu wissen, zu steuern, zu kontrollieren, wo das Gesellschaftsganze zwar alle einschließt aber ihnen noch fremd, feindlich ist – Hegel würde abstrakt, leer sagen – wird die Herstellung der bewussten Totalität erst möglich. Der Hegelsche Durchgang ist schwerlich zu verleugnen.
Marx versucht das Allgemeininteresse in der Realität aufzufinden, es aus der Realität zu entwickeln: „...dies gemeinschaftliche Interesse [existiert] nicht bloß in der Vorstellung, als ‚Allgemeines’, sondern zuerst in der Wirklichkeit als gegenseitige Abhängigkeit der Individuen, unter denen die Arbeit geteilt ist.“ (5) Aber wie Marx erklärt hat, existiert es dort durch die Weltgesellschaft und Weltproduktion nur potentiell, als Möglichkeit, während die Produktionsverhältnisse des Kapitalismus die Produktivkräfte den Zusammenstößen der individuellen Interessen überlässt, den blinden Gesetzen des Marktes. Das Allgemeininteresse ist also nicht da, sondern es kann formuliert werden. Es handelt sich um eine Möglichkeit, aber keineswegs um eine sich zwingend ergebende Notwendigkeit.
Die Einzelinteressen können zu Kollektivinteressen verbunden werden, die auch mit dem Anspruch antreten können, Allgemeininteressen zu sein. Um sich durchzusetzen, um verwirklicht zu werden, bedürfen sie der Vermittlung mit anderen Kollektivinteressen, ein konfliktbehafteter Prozess der Modellierung, der sie nicht unverändert lässt. Die Ausschaltung des organisierten Privatinteresses, des kapitalistischen Staates, bleibt eine unumgängliche Voraussetzung. Auch nach der Zerschlagung der kapitalistisch-imperialistischen Kernstaaten bestehen Partikulärinteressen fort, auch wenn sie ihres antagonistischen Charakters entkleidet sein mögen. Die volonté générale kann nicht anderes als aus der volonté de tous entwickelt zu werden.

Anthropologistisches Residuum

Marxens Abrechnung mit Feuerbach beinhaltet ganz prominent den radikalen Bruch mit jedem Wesensidealismus, Essentialismus oder anders gesagt, anthropologischer Präformation des Menschen. Aus der sechsten der genialen Thesen über Feuerbach: „... das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum innewohnendes Abstraktum ... es ist das ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse ...“
Daher vermeidet Marx auch den Entfremdungsbegriff, der ein solches abstraktes menschliches Wesen nahe legt. Was bleibt ist die Fremdheit der sozialen Macht, deren Feststellung für sich noch keine derartige Implikation nach sich zieht. Doch was Marx tatsächlich unterstellt ist ein dem Menschen innewohnender Drang die fremde Macht in Besitz zu nehmen, Klarheit über den sozialen Prozess zu erlangen um sowohl ihren individuellen als auch den kollektiven Produktionsprozess zu beherrschen, ihre eigene Gesellschaft zu kontrollieren.
Das geht aber nur kollektiv: „Die Verwandlung der persönlichen Mächte (Verhältnisse) in sachliche durch die Teilung der Arbeit kann nicht dadurch wieder aufgehoben werden, dass man sich die allgemeine Vorstellung davon aus dem Kopfe schlägt, sondern nur dadurch, dass die Individuen diese sachlichen Mächte wieder unter sich subsumieren und die Teilung der Arbeit aufheben. Dies ist ohne die Gemeinschaft nicht möglich. Erst in der Gemeinschaft mit Anderen hat jedes Individuum die Mittel, seine Anlagen nach allen Seiten hin auszubilden; erst in der Gemeinschaft wird also die persönliche Freiheit möglich.“ (6) Das Feuerbach-Kapitel der „Deutschen Ideologie“ endet mit der Feststellung, dass „die Proletarier, um persönlich zur Geltung zu kommen, ihre eigene bisherige Existenzbedingung, die zugleich die der ganzen bisherigen Gesellschaft ist, die Arbeit, aufheben [müssen]. Sie befinden sich daher auch im direkten Gegensatz zu der Form, in der die Individuen der Gesellschaft bisher einen Gesamtausdruck gaben, zum Staat, und müssen den Staat stürzen, um ihre Persönlichkeit durchzusetzen.“ (7)
Aus der richtigen Feststellung, dass die individuellen Interessen am besten in der Gemeinschaft verfolgt werden können, folgt der Schluss, dass eine anthropologische Tendenz des Menschen zur Herstellung dieser Gemeinschaft, zur Verwirklichung dieser Allgemeininteressen, zur Hegelschen Figur des sich selbst bewussten Ganzen bestünde.
Tatsächlich hat sich gezeigt – und Marcuse hat das im „Eindimensionalen Mensch“ treffend dargestellt –, dass die Interessen der Individuen, eben einschließlich der Proletarier, auch in gänzlicher anderer Weise formiert werden können. Wenn diese Tendenz zur Gemeinschaft also nicht existiert, so heißt das im Umkehrschluss noch lange nicht, dass der blinde Individualismus dem Menschen organisch wäre. Es handelte sich nur um die Kehrseite des Anthropologismus. Es drängt sich statt dessen auf von einer zu formulierenden und durchzusetzenden Möglichkeit zu sprechen. Sie hängt wesentlich vom Handeln der Menschen ab.

Reale Bewegung zum Kommunismus

Marx bemüht sich die Bewegung zum Kommunismus als sich bereits vollziehend darzustellen. Er meint damit offensichtlich nicht zuerst die aktiven Kommunisten, sondern eine organische, ja gleichsam objektive zum Kommunismus drängende Tendenz in der Gesellschaft, wie sie zuvor dargestellt wurde, deren bloß subjektiver Ausdruck die Kommunisten sind.
„Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben wird. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt.“ (8) Und noch deutlicher im „Kommunistischen Manifest“: „Die Kommunisten sind keine besondere Partei gegenüber den anderen Arbeiterparteien. Sie haben keine von den Interessen des ganzen Proletariats getrennten Interessen. Sie stellen keine besonderen Prinzipien auf, wonach sie die proletarische Bewegung modeln wollen. [...] Die theoretischen Sätze der Kommunisten beruhen keineswegs auf Ideen, auf Prinzipien, die von diesem oder jenem Weltverbesserer erfunden oder entdeckt sind. Sie sind nur allgemeine Ausdrücke tatsächlicher Verhältnisse eines existierenden Klassenkampfes, einer unter unseren Augen vor sich gehenden geschichtlichen Bewegung. Die Abschaffung bisheriger Eigentumsverhältnisse ist nichts den Kommunismus eigentümlich Bezeichnendes.“ (9)
Das sind großartige Worte gegen jeden Dogmatismus mit unveränderlichen und ewigen Prinzipien. Aber sie schießen über das Ziel hinaus und verlieren dadurch an Kraft. Das geht so weit, dass es heute kaum mehr verständlich ist, wenn das Ziel des Endes des Privateigentums nicht dem Kommunismus eigentümlich wäre, wenn man sich vor Augen führt wie viele Kämpfer für dieses Ziel größte Opfer erbracht und sogar ihr Leben gelassen haben.
Hier geht es nicht mehr um die Betonung der revolutionären Praxis, in der sich das Subjekt-Objekt konstituiert, sondern um eine objektive Tendenz, dessen Existenz die Geschichte widerlegt hat. Dieser Aspekt bietet sich zur Vulgarisierung richtiggehend an, sowohl in der sozialdemokratischen Variante als auch in der sowjetischen – die Entwicklung der Produktivkräfte, der kapitalistischen respektive der sozialistischen führen automatisch an den Sozialismus heran. Ein historistisch-objektivistisches, auf Hegel zurückführbares Motiv bereitet dem später Platz greifenden ökonomistischen Positivismus die Bahn.

Erkenntnismonopol

Insbesondere die hegelianisierende Strömung im Marxismus, deren prominentester Vertreter Lukacs ist, betont die Bedeutung des Klassenbewusstseins, das aus der Einmaligkeit und Neuartigkeit der Lage des Proletariats im Kapitalismus resultiert. Diese erlaubt dem Proletariat das erste wirkliche kollektive Subjekt in der Geschichte zu werden, das zum Handeln, zur Gestaltung der Gesellschaft durch seine volle Einsicht in die historische Bewegung befähigt wird. Während der Kapitalismus die totale Gesellschaft, die Weltgesellschaft herstellt, ermöglicht die objektive Situation des Proletariats mit seiner Interesselosigkeit am Kapitalismus die Einsicht in diese Totalität. Keiner Klasse vor ihr war dies gewährt. Sie waren verdammt im falschen Bewusstsein, in der falschen Ideologie, geblendet zu bleiben.
Daran schließt sich die scharfe Trennung zwischen bisheriger Geschichte, die als Vorgeschichte separiert wird, und eigentlicher Geschichte, nämlich bewusster Produktion der Gesellschaft, an. Die historistische Sichtweise tendiert dazu, der Bourgeoisie oder anderen Klassen den vollen Subjektcharakter sowie die Erkenntnisfähigkeit abzusprechen. Folgerichtig auch Lukacs Grundthese in seinem dreibändigen Mammutwerk „Die Zerstörung der Vernunft“, dass das Bürgertum ideologisch nur mehr verfaule, nach Hegel sich bis hinauf zum Faschismus und Amerikanismus nur mehr reaktionäre Scheiße produziert hätte. Doch ganz offensichtlich war die Bourgeoisie ein erkenntnis- und handlungsfähiges Subjekt insofern sie den Kommunismus niederringen konnte. Die Tendenz zum Niedergang des Kommunismus drückte sich ideologisch im flachsten Determinismus aus, der es den Ideologen der Bourgeoisie leicht machte Aporien des Kommunismus aufzuzeigen. Der ganze Postmodernismus lebt letztlich davon.
Eine mögliche Korrektur: Es ist vor allem der Kampf, der Zusammenstoß, der Konflikt, der die proletarischen Interessen konstituiert – unter den objektiven Bedingungen, die ihnen einen Rahmen geben, ihre Möglichkeiten abstecken. Im und durch den Kampf erst wird das Proletariat zur Klasse, bildet sich als Subjekt, erlangt Bewusstsein, erkennt seine Lage usw. Seine Herausbildung zur totalen Klasse, oder zur allgemeinen Klasse, ruft die Reaktion der Bourgeoisie hervor, die bei Drohung ihres Untergangs ihre Zersplitterung überwinden und sich ebenfalls zum voll handlungsfähigen Subjekt erheben muss. Indem also das Proletariat sich anschickt die Gesellschaft in ihrer Totalität zu ergreifen, muss sich die Bourgeoisie zu diesem Totalitätsanspruch verhalten, auf ihn reagieren, selbst total handeln und denken. Ihre Interessen im Produktionsprozess mögen sie zersplittern, im Kampf gegen den Kommunismus vereinigt sie sich. Ihre Spaltung in Nationen hat dem Kommunismus zu Erfolgen verholfen, darum hat sie sich hinter der stärksten Nation, der USA, zusammengeschlossen. Auch hier ist es der Klassenkampf, der die imperialistische Bourgeoisie zum Subjekt gemacht hat, nicht so sehr und allein ihre objektive oder (noch beschränkter) ihre ökonomische Lage.

Das Erkenntnisvermögen bleibt natürlich an die Interessen gebunden, denn das Handeln, die Interessensdurchsetzung, treibt das Denken an und umgekehrt. So produziert die Bourgeoisie Legitimationsideologien, aber diese haben dennoch einen pragmatisch-rationalen Kern hinsichtlich ihrer Interessen, die sie zum Handeln befähigen. Marx sagt in den Feuerbachthesen, dass der Mensch in der Praxis die Realität seines Denkens unter Beweis zu stellen hat. So stehen sich die verschiedenen Klassensubjekte mit ihren Ideologien und politischen Projekten gegenüber, wo es nicht primär um wahr oder falsch geht, sondern um Interessensformulierung und Durchsetzung. Recht bekommt letztendlich derjenige, der sich durchsetzt. Die absolute Wahrheit jenseits dieser Interessen gibt es nicht.

Hypostasierter Widerspruch

„Alle Kollisionen der Geschichte haben also nach unserer Auffassung ihren Ursprung in dem Widerspruch zwischen Produktivkräften und Verkehrsformen.“ (10) Versteht man unter Produktivkräften die Produzenten, ihre Fähigkeiten sowie ihre Arbeitsmittel und unter Verkehrsformen oder Produktionsverhältnissen die Organisationsform der Produktion und der Aneignung des Produkts, so bildet diese Formel die geschichtliche Realität plausibel ab.
Doch der Widerspruch wurde zu einer Formel hypostasiert, ähnlich der Hegelschen triadisch-dialektischen Selbstbewegung der Negation der Negation. Die Menschen, die den Widerspruch ausdrücken und zur Explosion bringen müssen, werden verdrängt und durch die Selbstbewegung und Selbständigkeit des Widerspruchs ersetzt. Statt der Feststellung, dass die Produktivkräfte geeignetere Produktionsverhältnisse ermöglichen können, impliziert der hypostasierte Widerspruch einen objektiven Drang, eine automatische Tendenz zu kollektivistischen Produktionsverhältnissen.

Überdeterminierter Widerspruch

Die reale Arbeiterbewegung verstieg sich zu einer richtiggehenden Widerspruchsmetaphysik, die zur Triebkraft der Geschichte verklärt wurde. Fein säuberlich wurde zwischen Haupt- und Nebenwidersprüchen separiert, die sich nicht der konkreten Analyse verdanken, sondern sich aus ewig wahren Abstrakta ableiten.
Beim Hauptwiderspruch handelt es sich um jenen zwischen Arbeit und Kapital (abstrakt gefasst, um es der Hypostasierung leichter zu machen) oder konkreter zwischen Proletariat und Bourgeoisie. Doch hat die Geschichte gezeigt, dass über weite Strecken dieser Widerspruch nicht der wesentliche Motor des Konflikts, der Bewegung ist. Das gilt insbesondere für die gegenwärtige Periode nach dem Ende der Sowjetunion.
Man kann dogmatisch am Konzept des Hauptwiderspruchs festhalten, tut dabei aber dem Kampf für den Kommunismus einen Bärendienst, der ihn als weltfremde, für den Kampf ungeeignete Metaphysik erscheinen lässt. Dabei bleibt ja nicht nur die dem Kapitalismus immanente Konfliktbehaftetheit extrem hoch, sondern es bestätigen sich auch die marxistischen Grundannahmen, nämlich dass es sich um einen Konflikt um die Organisationsform der Gesellschaft und ihrer Produktion handelt. Dabei kann man nicht allein von einem nur sozialen oder gar rein ökonomischen Zusammenstoß sprechen, sondern im Kern sind wir mit einem politischen, nämlich die gesamte gesellschaftliche Organisation betreffenden Konflikt konfrontiert. Die Mehrheit der Weltbevölkerung will einfach nicht akzeptieren, von der Kontrolle über den gewaltig angewachsenen produktiven Apparat ausgeschlossen zu sein, hungern zu müssen, während es die Marktlogik erfordert gigantische Mengen an Lebensmitteln zu vernichten.
Louis Althusser hat in „Für Marx“ einen wichtigen Versuch gemacht, das marxistische Verständnis der Widersprüche von Hegelschem metaphysischen Schematismus sowie vom später hinzugetretenen ökonomistischen Determinismus zu befreien. Er verwirft das starre Basis-Überbau-Schema, wie es in der Sozialdemokratie und in der Sowjetunion gelehrt wurde, zugunsten eines flexibleren, veränderlicheren, der Realität näheren Verständnis von den Widersprüchen. Einerseits stellt er die beim 1848er-Marx vorhandene dialektische Wechselwirkung zwischen objektiven und subjektiven Momenten wieder her, die der starren Hierarchisierung zuwiderlaufen. Andererseits – und das setzt ersteres voraus – stellt er fest, dass sich der Widerspruch verschieben, sein Zentrum verändern kann. So wird die Gesellschaft in einem System von miteinander verwobenen, sich gegenseitig bedingenden Widersprüchen gefasst, wo subjektive und objektive Aspekt untrennbar miteinander verbunden sind. Dafür schlägt er den (nicht selbsterklärenden, aus der Psychoanalyse entlehnten) Begriff der Überdeterminierung vor.
Althussers Problem liegt darin, dass er im Kampf gegen das sich selbst bewegende Subjekt dieses gleich gänzlich aus der Geschichte streichen will, weil er es für unausgewiesen und metaphysisch hält. Er endet bei einer subjektlosen Struktur (deren Stärke darin liegt, dass sie nicht allein ökonomisch determiniert ist), in deren Angesicht sich die Frage nach ihrer Bewegung stellt. Statt Hegel zu überwinden und den jungen Marx zu reinigen, scheint Althusser auf die Substanz Spinozas zurückgeworfen worden zu sein, deren Subjektlosigkeit schon Hegel aufs Korn nimmt.

Die Beispiele China und Kuba

Die chinesische Revolution ist das praktische Anschauungsbeispiel dafür, wie sich Widersprüche in ihrer Bedeutung verschieben können.
Dabei hilft uns die Kritik am späteren maoistischen Fehler, nämlich seinerseits die Bauernschaft in der Dritten Welt zum generellen revolutionären Subjekt zu erheben, zum Kern der Frage vorzudringen.
Trotz der enormen Größe der chinesischen Bauernmasse war es anfangs das städtische Proletariat, das die Basis der kommunistischen Bewegung stellte und ihre ersten großen Kämpfe ausfocht. Erst die doppelte politische Niederlage des Proletariats 1925 und 27 war es, die es politisch auslöschte, eine Niederlage, die zuerst mit der Unterschätzung seiner Kraft durch die Moskauer Führung zusammenhing. Während sowohl Stalinismus als auch Trotzkismus am Primat der städtischen Arbeiterklasse festhielten, verstand Mao als einziger die Verschiebung des Hauptwiderspruchs zu den Bauern.
Sind damit die Marxschen Prämissen falsifiziert? Bereits in Russland zeigten die Bauern ein unerlässliches revolutionäres Potential, ohne welches der Sieg der Oktoberrevolution nicht möglich gewesen wäre. Die fehlende Zentralisation und Konzentration im Produktionsprozess wurde durch den Krieg hergestellt – in Russland wie in China. Der Drang der Bauern nach Eigentum an Land stellte für das revolutionäre Russland tatsächlich ein großes Problem dar, während das für China aufgrund anders gearteter Traditionen weniger galt. In China war der Aufbau des Sozialismus ohne größere Rolle des Proletariats möglich, weil das Beispiel der Sowjetunion auch der Bauernschaft einleuchtete.
Also nicht allein die Stellung im Produktionsprozess bedingte die Herausbildung der chinesischen Bauernschaft zum revolutionären Subjekt, sondern wesentlich auch die internationale Konstellation des Klassenkonfliktes, also das In-Beziehung-Setzen mit der gesellschaftlichen Totalität. Die Bauernmassen wurden in die von Marx beschriebene Weltgesellschaft durch Krieg und Kapitalismus gewaltsam hineingerissen. Es bedurfte nicht der Reduktion auf die leere, bewusstlose Totalität, aus deren Negation sich die Arbeiterklasse diese Totalität bewusst aneignet. Der international vor sich gehende Kampf für den Kommunismus gab ihnen eine Perspektive. So schlossen sich Chinas Bauern dem Kampf an und wurden sogar zu einer seiner fortgeschrittensten Positionen. Marx ist damit nicht falsifiziert, sondern die starre Fassung einer auf Hegel zurückgehenden Konstruktion muss durch eine umfassende und flexiblere, vor allem den politischen Kampf, seine Widersprüche und seine Dynamik mit einbeziehendes Verständnis ersetzt werden. Sobald der Kapitalismus die Produktivkräfte hervorbringt, die ein sozialistisches System benötigt, sowie eine kommunistische Bewegung entsteht, können sich verschiedenste Schichten und Klassen, die vom Kapitalismus nur Elend und Unterdrückung zu erwarten haben, dem Kampf anschließen und zu ihrer treibenden Kraft werden – während gleichzeitig Teile der Arbeiter, vor allem der privilegierten Schichten, den Kommunismus vehement ablehnen.
Das kubanische Beispiel zeigt das noch deutlicher. Denn dort existierte ein bedeutendes Proletariat, das auch kommunistisch organisiert war. Doch die sowjetische Außenpolitik wollte keinen Konflikt mit den USA, so spielte die KP eine ausgesprochen antirevolutionäre Rolle. Doch selbst auf dem Land spielten nicht die in Kuba sehr wichtigen Landproletarier die Hauptrolle, sondern die Avantgarde stellten die Kleinbauern der Sierra Maestra unter Che Guevara im Block mit Fidel Castro, der dem demokratischen Flügel der Bourgeoisie entstammte. Erst nach deren Erfolgen schloss sich das Proletariat an – genau umgekehrt zu dem wie es das marxistische Schema vorsieht.

Momente der Neukonstituierung eines revolutionären Subjekts

Die Widersprüche des kapitalistischen Systems haben sich seit Marx nicht verringert, im Gegenteil, sie haben zahlreichen kommunistischen Revolutionen und der globalen kommunistischen Bewegung zum Leben verholfen. Selbst nach dem Ende des ersten kommunistischen Anlaufs haben sie sich nicht gelegt, sondern wieder akzentuiert. Im Kern geht es um das, was Marx Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen nennt. Die Mehrheit will einfach nicht akzeptieren, sowohl von dem von ihr produzierten Reichtum als auch von der durch diesen ermöglichten gesellschaftlichen Gestaltung ausgeschlossen zu sein.
Doch weniger denn je tritt dieser Widerspruch als Konfrontation zwischen Bourgeoisie und Proletariat auf, ebenso wenig nimmt er im Gegensatz zu früher explizit kommunistische Formen an. Das globale Kernproletariat, die industriellen Zentren, selbst wenn sie an der Peripherie angesiedelt sind, wurde dadurch integriert, dass es sozial meist deutlich besser gestellt wird als die armen Massen. Vielfach machte man es zu einer privilegierten Klasse, wobei sich die Kluft zur Armut in der Peripherie oft noch weiter als im Westen auftut.
Doch der Kapitalismus hört nicht auf seine Totengräber hervorzubringen. Er reißt unaufhörlich neue Menschenmassen in den Markt, also in die Marxsche Weltgesellschaft, verschlechtert dabei aber ihre Existenzbedingungen bis hin zur totalen Verelendung („Globalisierungsverlierer“). Gleichzeitig schließt er sie von jeder Form der politischen Mitbestimmung aus. Je stärker der Konflikt, desto radikaler der Ausschluss, dessen politischer Ausdruck das Amerikanische Reich ist. Nachdem die russische Revolution nicht das westliche Proletariat zum Sieg anstieß, sondern die chinesische Bauernschaft, so ist das Staffelholz des Konflikts nach dem Verstummen des Rufs aus der Sowjetunion endgültig an diese marginalisierte vorwiegend städtische Armut der Peripherie übergegangen.
Die der Bauernschaft fehlende Konzentration weist die städtische Armut auf – in dieser Hinsicht nehmen es die Kairoer Armenviertel leicht mit den Petrograder Arbeiterbezirken auf. Was sie unterscheidet ist, dass sie die Produktionsmittel nicht unmittelbar unter ihre Kontrolle bringen können, da sie sich am Rande der Industrie bewegen. Doch auch hier kann man mit einer dialektischen Verschiebung rechnen. Die Bedeutung der Kontrolle über die Produktionsmittel hat wie erwähnt die Bourgeoisie veranlasst, den Arbeitern große Zugeständnisse zu machen. Arbeiterkämpfe waren so als Mittel zur Durchsetzung von Partikularinteressen durchaus erfolgreich – im extremsten Fall wenn in den USA weiße Arbeiter gegen die Beschäftigung oder Gleichstellung von schwarzen Klassengenossen streikten. Der Sturz des Staates als einer der Höhepunkte der Metamorphose der proletarischen Partikular- zu den Allgemeininteressen erübrigt sich so. Währenddessen können die Marginalisierten in Teilkämpfen kaum reüssieren, denn sie haben kein Druckmittel – außer der gesamtgesellschaftlichen politischen Aktion. Für sie gilt viel mehr als für die Arbeiterklasse, dass sie entweder Nichts oder Alles sind, dass aus der Reduzierung auf das Nichts die Transformation zum Alles folgt. Das Handeln der Marginalisierten erfordert also unmittelbar die Verallgemeinerung, die Politisierung, die Totalität.
Doch es versperrt eine gewichtige Schranke den Aufstieg dieser urbanen Armut zum neuen revolutionären Subjekt. Das Fehlen von antagonistischen Kräften in den imperialistischen Zentren hindert die Unterklassen an der Peripherie ihren politischen Kampf in einem universalen, totalen Projekt zusammenfließen zu lassen, so sehr es sich aus kommunistischer Sicht aufdrängen würde. Der Westen wird als geschlossener, von innen unveränderlicher Block angesehen. So entsteht die Perspektive der Selbstverteidigung und Selbstbestimmung auf regionaler Grundlage mit Rückgriff auf die eigenen nationalen Traditionen – wie es am exponiertesten der politische Islam darstellt. Der westliche Imperialismus wird maximal als aus der Peripherie vertreibbar, in seinen eigenen Festungen aber unerschütterlich angesehen. Als Konsequenz gibt es keine Alternative zum Kapitalismus, der nur reformiert und gezügelt werden soll.
Erst wenn im Westen selbst wieder signifikante antagonistische Kräfte auftauchen, kann sich diese Perspektive ändern. Doch es gibt Anzeichen, Vorboten dafür. Die Revolte der französischen Immigrantenjugend im Herbst 2005 kann als solche verstanden werden. Sie zeigte die antagonistische Haltung weiter Teile der auch im Westen wachsenden Marginalisierten, allerdings noch ohne eine politische Perspektive aufzuweisen. Bezeichnend war diesbezüglich auch das Verhalten der traditionellen Arbeiterbewegung und Linken – ihnen blieb die Revolte völlig fremd und sie lehnten sie sogar weitgehend ab, denn für sie ist der bestehende Kapitalismus noch immer das kleinste Übel.
Ein neues revolutionäres Subjekt wird nicht automatisch durch die wirtschaftliche oder soziale (Not)lage bestimmter Schichten und Klassen erwachsen. Diese ist nichts als eine notwendige Voraussetzung, die wir als im Wesentlichen gegeben aufgewiesen haben. Es wird in erster Linie durch politisches Handeln, durch die Verschärfung und Modellierung der vorhandenen Widersprüche und Konflikte gebildet. Diese müssen nicht nur gebündelt und auf den imperialistischen Kapitalismus fokussiert, sondern ihnen auch das Ziel des Kommunismus gegeben werden. Im Gegensatz zur traditionellen in der Arbeiterbewegung und ihrem Zerfallsprodukt, der Linken, vorherrschenden Vorstellung, dass die Bewegung vom ökonomisch-sozialen Kampf zum politisch-gesamtgesellschaftlichen aufstiege (wie es die Lektüre des „Kommunistischen Manifest“ durchaus suggeriert), muss von der umgekehrten Richtung ausgegangen werden. Die Widersprüche und Konflikte sind von vornherein schon politisch-gesamtgesellschaftlich. Die politische Idee, das politische Projekt muss die ökonomisch-sozialen Konflikte kanalisieren, oder in Begriffen des politischen Aktivismus gesprochen, der politische Kern muss sich mit denjenigen sozialen Gruppen verbinden, deren Lage sie zum antagonistischen Kampf gegen das kapitalistische System neigen lässt. In der Praxis muss sie die Tauglichkeit ihres Konzepts unter Beweis stellen, seine Überlegenheit in der Führung des Kampfes und in der Konfrontation mit dem Gegner – ohne Scheu das Konzept selbst anzupassen.
Dabei darf es keine noble, salonmäßige Abscheu davor geben, sich zum Teil realer vor sich gehender Kämpfe gegen das kapitalistisch-imperialistische Zentrum zu machen. Zweifelsohne findet man sich dabei mit Tendenzen der verschiedenen von der kapitalistisch-imperialistischen Dampfwalze überfahrenen Schichten konfrontiert, die, ihre bedrohte Lage verteidigend, utopisch-reaktionäre Konzepte entwickeln.
Die mexikanische Intelligenz, vom Ende des korporativistischen Staates zutiefst zerrüttet, flüchtete ins Wolkenkuckucksheim der indigenen Gemeinden. Ursozialistische Kleineinheiten sollten direkt miteinander kommunizieren und austauschen, Staat und Weltmarkt ignorierend. Das Problem wurde so einfach wegdekretiert und heraus kam Vincente Fox. Ähnlich die islamischen Bewegungen, die jedoch viel weiter kamen insofern sie die Staatsmacht ergriffen. Im Iran und Afghanistan konnten sie trotz anderslautender Rhetorik nicht anders als den Kapitalismus zu reproduzieren und seine Widersprüche hereinzuholen.
Insofern sie die armen Klassen trotz utopisch-reaktionärer Ziele (oder ihrer realen Ziellosigkeit) in den Kampf gegen den Imperialismus-Kapitalismus führen, müssen sich KommunistInnen an diesem Kampf beteiligen und ihn zur einzigen möglichen Alternative zum Kapitalismus radikalisieren, was den politischen Kampf und die Konkurrenz mit den aktuellen politischen Führung mit einschließt.
Diese Alternative ist die kollektive Aneignung der Produktionsmittel und der gesellschaftlichen Macht zuerst zugunsten der Armen und in der Folge ihre Ausübung im Sinne aller Menschen. Dies bedeutet die Verfestigung der Arbeitsteilung zu lockern und damit die soziale Ungleichheit zurückzudrängen und aufzuheben. Dies erfordert notwendig die Vernichtung der imperialistisch-kapitalistischen Eliten und ihrer Staatsapparate.
KommunistInnen formulieren dieses Programm explizit, rational und wissenschaftlich (auch wenn das keineswegs Interessensneutralität und Anspruch auf objektiv-absolute Wahrheit bedeutet) unter Verarbeitung der reichen historischen Erfahrungen. Der Kommunismus ist die einzige mögliche Alternative zum Kapitalismus und kann als einziger die Armen und Unterdrückten der ganzen Welt vereinigen, den universalen Anspruch einlösen.
In ihren Grundzügen existiert die Idee seit es menschliche Zivilisation und Klassendifferenzierung gibt und hat den Kampf der unterdrückten Klassen geprägt. Insofern hat Marx Recht, wenn er sagt, dass die Kommunisten nur explizieren, was als reale Tendenz bereits vorhanden ist. Überall, wo die armen Klassen in Bewegung kommen, sich gegen die Herrschaft auflehnen, entwickeln sich auch kommunistische Ideen. Die KommunistInnen müssen sie aus diesen real vorhandenen Tendenzen herausentwickeln.
Gewinnt eine auf die städtische Armut gestützte neue kommunistische Bewegung an Fahrt, kann sie auf erste Erfolge verweisen und sich auch im imperialistischen Westen wieder bilden, so bleibt die Notwendigkeit von Klassenbündnissen erhalten oder verstärkt sich sogar noch. Letztlich muss ein globaler sozialer Block geschaffen werden, der stark genug ist nicht nur die Bourgeoisie zu stürzen, sondern auch den sozialistischen Aufbau unter Einbeziehung der Mehrheit einzuleiten. Dabei kann nicht von einer Homogenisierung der Interessen ausgegangen werden, sondern vom Fortbestehen von Konflikten, die so reguliert werden müssen, dass sie den sozialistischen Aufbau nicht gefährden.
Die traditionelle Arbeiterklasse muss zumindest zu einem guten Teil – selbst mit ihren Eigeninteressen – in diesen Block inkludiert werden, doch auf ihre Führung im revolutionären Prozess kann man nicht hoffen. Die Erfahrung lehrt dies eindeutig. Indes kann sich das Zentrum des neuen revolutionären Subjekts nicht ohne die Beteiligung der unteren Schichten des Proletariats bilden, die ja einen zentralen Bestandteil der städtischen Armut stellen.
Das neue revolutionäre Subjekt muss vom Geist der Solidarität und des Kollektivismus auch in seiner Alltagskultur geprägt sein. Diese im Kampf herauszubildende Gemeinschaftlichkeit kann und muss durchaus auch auf vorkapitalistische kulturelle Momente von Kollektivität zurückgreifen. Das haben bereits Marx und Lenin hinsichtlich Russlands gemeint, viel Beachtung ist dem aber nicht geschenkt worden. Im Gegenteil wurde die Herstellung der kapitalistisch isolierten, nur über den Markt in Verbindung stehenden Individuen als Fortschritt gegen den reaktionären, oftmals patriarchalen Kollektivismus angesehen. Doch diese Individuen haben sich als kollektiven Interessen schwer zugänglich erwiesen. Es scheint leichter tradierte Momente einer patriarchalischen Gemeinschaftlichkeit in einen demokratischen Kollektivismus überzuführen als das „freie“ kapitalistische Individuum zur Gemeinschaftlichkeit zu bringen.
Der Weg zu einem neuen revolutionären Subjekt ist ein langer und steiniger, der viele Umwege erfordern wird und dessen Erfolg obendrein nicht versprochen werden kann. Aber der Weg, der Kampf ist selbst der notwendige Durchgang, denn der Kapitalismus serviert uns dieses Subjekt nicht fertig auf dem Tablett. Es hängt wesentlich von unserem Einsatz und unserem Handeln ab.

Willi Langthaler
Wien, 6. Dezember 2005

(1) Marx, Karl; Engels, Friedrich: Deutsche Ideologie. In: MEW, Bd. 3, Berlin 1990, S. 67.
(2) Ebenda, S. 34f.
(3) Ebenda, S. 33.
(4) Ebenda, S. 34.
(5) Ebenda, S.33
(6) Ebenda, S.74
(7) Ebenda, S.77
(8) Ebenda, S.35
(9) Marx, Karl; Engels, Friedrich: Manifest der Kommunistischen Partei. Berlin 1985, S. 60.
(10) Marx, Karl; Engels, Friedrich: Deutsche Ideologie. In: MEW, Bd. 3, Berlin 1990, S. 73.