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Nr. 16 November 2005

Das Kommunistische Manifest – Utopie oder Wissenschaft?

Die kommunistische Programmatik aus heutiger Perspektive


Das Kommunistische Manifest wurde vom kanonisierten Marxismus-Leninismus immer als Geburtsurkunde des wissenschaftlichen Kommunismus bezeichnet. Damit wurde der wissenschaftliche Charakter dieses Textes verabsolutiert und seine historische Bedeutung mangelhaft interpretiert. Für eine neue Auseinandersetzung mit der kommunistischen Programmatik ist die historische Kontextualisierung des Manifestes notwendig, um die Aktualität des Textes verstehen zu können.

Das Kommunistische Manifest gilt in der kommunistischen Bewegung bis heute als der „Ursprungstext“, der für die Identitätsstiftung eine entscheidende Rolle spielt. In der festgelegten, kanonisierten Form des Marxismus-Leninismus galt das Manifest als Geburtsurkunde des wissenschaftlichen Kommunismus und als Lackmustest, in dem sich politische Positionen als richtig oder als falsch erweisen müssen. (1) Dabei wird zwar, oberflächlich betrachtet, auf die historische Bedeutung des Manifestes eingegangen, in dem Sinne, dass dieser Text den Ursprung einer sozialdemokratischen bzw. kommunistischen ArbeiterInnenbewegung darstellt. Doch die entscheidenden historischen Problemstellungen, vor denen die Autoren damals standen, werden ignoriert oder nicht in Beziehung zur Gegenwart gesetzt.
Diese Form der Ursprungserzählung hat einen bestimmten Umgang mit dem Text hervorgerufen. Der Gedanke des Ursprungs, in dem schon der gesamte historische Verlauf vorweggenommen wird, führte dazu, dass man abstrakte Lehrmeinungen aus dem Text herauskonstruieren musste, die von den historisch-konkreten Analysen getrennt werden mussten. Diese Form der Historisierung eines Textes, die Aufteilung in abstrakt-ahistorische und in konkret-historische Elemente ist für unsere Bedürfnisse vollkommen unbrauchbar. Dadurch werden abstrakte Dogmen produziert, deren Nützlichkeit für konkrete Kämpfe fragwürdig sind. Einen anderen Umgang mit Texten hatte Althusser vorgeschlagen, der die Methode des symptomatischen Lesens ausgearbeitet und formuliert hatte. Dabei ist es entscheidend herauszulesen, vor welchen gesellschaftspolitischen Herausforderungen der Autor des Textes stand. Der Text selbst stellt mit seinem begrifflichen Instrumentarium eine Form der Antwort auf diese Probleme dar. Dieses begriffliche Instrumentarium ist jedoch an die Zeit gebunden, obwohl es in der Problemlösung schon über seine Zeit hinausdrängt. Aus heutiger Perspektive muss man sich die Frage stellen, wie diese begrifflichen Mängel überwunden werden können und vor welchen Herausforderungen wir nun stehen. Welche Problemlösungen wurden damals vorgeschlagen und welche Hilfestellung können wir heute davon erwarten? Vor welchen Herausforderungen standen Marx und Engels in der Ausarbeitung des Kommunistischen Manifestes und wie können wir ihr begriffliches Instrumentarium heute bewerten? Die eigentliche Historisierung des Textes geschieht also in der Konfrontation mit den gesellschaftspolitischen Herausforderungen.
Allgemein kann festgestellt werden, dass die Entwicklung der kommunistischen Weltbewegung immer von zwei Polen geprägt war: einerseits vom Sektierertum, welches zu einem abstrakten Radikalismus führte, und andererseits von der Fähigkeit Einfluss auf die Massen auszuüben. Die Entwicklung der Bewegung war geprägt von Phasen der Verbreiterung und der Isolation, von Etappen der Einflussnahme und der Abschottung. Die Brüche zwischen diesen Etappen stellen Wendepunkte in der Geschichte der Bewegung dar, die beispielsweise für die Bewertung des Kommunistischen Manifestes von entscheidender Bedeutung waren.

Die Revolution 1848

Die Revolution 1848 stellt die Geburtsstunde der europäischen ArbeiterInnenbewegung dar. Der Kampf gegen die absolutistische Herrschaft, der Kampf für die Durchsetzung von Demokratie hatte sowohl das liberale Bürgertum als auch die Unterschichten, also das Proletariat, mobilisiert. Die demokratische Revolution von 1848 schuf ein Bündnis zwischen dem Proletariat und Teilen der Bourgeoisie, welches jedoch die Sturmtage des März kaum überstand. Die Bourgeoisie alleine war nicht für die Revolution bereit, erst das Proletariat drängte zu den Ereignissen, die zu einer kurzen Phase der Freiheit, der Zurückdrängung des Absolutismus führten. Doch je weiter die Forderungen des Proletariats gingen, desto schwächer wurde das Bündnis mit dem liberalen Bürgertum. Schließlich endete diese Allianz in Wien mit der Praterschlacht, mit der blutigen Niederschlagung des Protestes von ArbeiterInnen. Damit wurde gleichzeitig die demokratische Revolution erstickt. Allmählich wurden die demokratischen Errungenschaften wieder rückgängig gemacht.
Wenn man nun den Text des Kommunistischen Manifestes betrachtet, so fällt sofort auf, dass Marx und Engels die Revolution 1848 als Anfang vom Ende des Kapitalismus ansahen. Sie meinten, dass der Kapitalismus sich voll entfaltet habe, dass die Produktivkräfte an die Grenzen der Produktionsverhältnisse gestoßen wären und somit die Zeit für die Überwindung der kapitalistischen Gesellschaft gekommen wäre. (2) Aus heutiger Sicht erscheint diese Perspektive jedoch äußert problematisch, da wir nun die historische Gewissheit haben, dass der Kapitalismus 1848, in einem historisch-genetischen Sinne, nicht voll entfaltet war. Es zeigte sich vielmehr, dass 1848 die Geburtsstunde des modernen Kapitalismus mit einer politischen ArbeiterInnenbewegung war. Diese Kritik ist im Grunde schon sehr alt, schon Mehring brachte diesen Einwand gegen das Manifest vor. (3) Doch er trifft den Kern der Problematik in der heutigen Auseinandersetzung mit dem Manifest: Der Text, obwohl er sich selbst als wissenschaftliche Prognose versteht, zeichnete sich vor allem durch seinen visionären Charakter aus.
Durch die Entwicklung der objektiven Bedingungen, durch die allmähliche Entfaltung des Kapitalismus entwickelten sich auch entsprechend die subjektiven Kräfte, insbesondere das Proletariat. Mit der problematischen Einschätzung der Entwicklung des Kapitalismus ist also mehr oder weniger notwendig eine problematische Einschätzung der politischen Kräfteverhältnisse jener Zeit verbunden. Marx und Engels gingen davon aus, dass die ArbeiterInnenbewegung 1848 am Höhepunkt stehen würde, an dem sie die gesellschaftlichen Bedingungen umstürzen könne. Doch aus heutiger Perspektive wissen wir, dass die moderne ArbeiterInnenbewegung in der Revolution 1848 nicht ihren Höhepunkt, sondern ihren Ursprung hatte. Dies mag sich nicht unbedingt widersprechen, da die moderne ArbeiterInnenbewegung mehrere Höhe- und Tiefpunkte erlebte und 1848 tatsächlich, in der historischen Relation betrachtet, einen Höhepunkt darstellte. Doch man muss zumindest eingestehen, dass der Text an diesem Punkt einige Fragen offen lässt und diese Probleme vom sogenannten Marxismus-Leninismus nie reflektiert wurden. Zwar berief sich dieser auf das Manifest als Ursprungstext, doch gleichzeitig sah er die Revolution 1848 als Beginn des bürgerlichen Zeitalters an. Diese offensichtliche Diskrepanz zwischen dem Text und der Realität eröffnet Problemstellungen, die von entscheidender Bedeutung sind.
Doch eine einfache Umkehrung der Interpretationsmuster würde auch nicht weiterhelfen. Es geht hier nicht darum zu argumentieren, dass die Revolution 1848 keine kommunistische Revolution hätte werden können, da die objektiven Bedingungen nicht gegeben gewesen wären. Dies wäre außerdem ein sehr scholastische Fragestellung, die aus einer revolutionär-politischen Perspektive kaum zu interessieren vermag. Die Feststellung, dass Marx und Engels in der Geburtsstunde des bürgerlichen Zeitalters deren Ende voraussahen ist vielmehr ein Hinweis auf den visionären Charakter des Textes und damit ein entscheidender Schritt in der Formierung eines politischen Projektes. Denn für die Formierung eines politischen Projektes ist neben der Berücksichtigung objektiver Voraussetzung auch die Kraft der Vision, die identitätsstiftende Macht der Ideen, von entscheidender Bedeutung.

Der Bund der Kommunisten

Der Bund der Kommunisten war eine kleine Organisation, die sich vor der Revolution 1848 in klandestinen Zirkeln organisiert hatte. Die Revolution 1848 führte zu einer enthusiastischen Welle der Begeisterung, die dazu führte, dass der Bund ein wenig Einfluss auf die Bevölkerung hatte. Damit war er aber gezwungen aus seinem klandestinen Dasein herauszutreten und konkrete Politik zu machen. Doch obwohl der Bund sich darum bemühte, Politik für die Massen zu machen, eine öffentliche Partei zu gründen, konnte er sich nur schwer von seiner sektiererischen Phase lösen, teils aus eigenem Verschulden, teils aufgrund der objektiven Lage. Engels reflektierte diese Problematik 1885 derart: „Die Lehren, die der Bund von 1847 bis 1852 vertrat und die damals als die Hirngespinste extremer Tollköpfe, als Geheimlehre einiger zersprengter Sektierer vom weisen Philisterium mit Achselzucken behandelt werden durften, sie haben jetzt zahllose Anhänger in allen zivilisierten Ländern der Welt...“ (4) In dieser Stelle drückt sich nicht nur aus, dass die Gegner des Bundes dessen Positionen als sektiererisch behandelt hatten, sondern auch dass diese als solche behandelt werden durften. Die Phase des Bundes in der Geschichte der internationalen ArbeiterInnenbewegung ist tatsächlich als sektiererisch zu charakterisieren, aber diese Phase war aufgrund der objektiven Bedingungen nicht anders möglich und notwendig. Immer wieder war der Bund damit konfrontiert, Einfluss in den Massen zu gewinnen, doch musste er sich gleichzeitig von seiner sektiererischen Haltung trennen. In den Jahren vor der Revolution 1848 hatte der Bund kaum die Möglichkeit, aus seinem eigenen Kreis herauszutreten. Erst die Revolution zwang ihn dazu, seine Politik zu ändern, die Verbindung mit den Massen zu suchen.
Im Bund selber gab es zwei wesentliche Kämpfe, die auch in Bezug auf das Manifest von Bedeutung sind. Zunächst wendeten sich Marx und Engels vor 1848 gegen die Positionen Weitlings, die vor allem auf der Parole der Gleichheit beruhten. Dem hielten Marx und Engels eine materialistische Position entgegen, welche die politischen Kämpfe nicht auf moralische und philosophische Vorstellungen zurückführte, sondern auf gesellschaftliche Interessen. Damit war die kommunistische Bewegung nicht mehr etwas Zufälliges und die Forderung nach einer kommunistischen Gesellschaft nicht mehr eine bloß moralische. In diesem Kampf unterstrichen Marx und Engels den wissenschaftlichen Charakter ihrer Ideen. Die Notwendigkeit des Sozialismus hatten sie aus den materiellen Bedingungen der Gesellschaft abgeleitet und damit wissenschaftlich begründet. Doch dieser Kampf um den wissenschaftlichen Charakter des Sozialismus hat heute nicht mehr dieselbe Bedeutung wie damals.
Im Jahre 1850 traten Marx und Engels gegen Positionen der „Revolutionsmacherei“ auf, die unbedingt die Revolution unmittelbar durchsetzen wollten, obwohl die objektiven Bedingungen dagegen sprachen. Diese Position des linken Radikalismus verweist auf den allgemeinen Zustand des Bundes, der in dieser historischen Etappe noch sektiererischen Charakter hatte. Wir können diesen Kampf von Marx und Engels gegen die „Revolutionsmacherei“ deshalb durchaus als einen Kampf gegen die alten Formen der Sektiererei auffassen.
Eine weitere interessante Tatsache verweist ebenfalls auf den visionären Charakter des Manifestes: Die Programmatik des Kommunistischen Manifestes geht in ihren Forderungen viel weiter, als es die Programmatik der Ersten Internationale tat. Engels hatte diese Feststellung 1888 getroffen und dies aus dem allgemeinen Zyklus der Entwicklung der ArbeiterInnenbewegung erklärt. (5) Die Niederlage der Revolution von 1848 hätte einen Neubeginn unter anderen Bedingungen begründet. Die wesentliche Aufgabe der Gründung der Ersten Internationale war die Zusammenfassung der verschiedenen Strömungen der europäischen ArbeiterInnenbewegung. Deswegen musste die Programmatik auch die verschiedenen Strömungen inhaltlich umfassen. Umgekehrt lässt sich argumentieren, dass die beschränkten Bedingungen des Bundes von 1848 die Möglichkeit bot, eine klare, radikale Stellungnahme abzugeben. So wie Marx und Engels 1848 und insbesondere nach der Niederschlagung der Revolution gezwungen waren vom linken Radikalismus Abstand zu nehmen, so mussten sie insbesondere 1864, bei der Gründung der Ersten Internationale diesen linken Radikalismus überwinden. Das Kommunistische Manifest ist also durchaus kein Lackmustest, der in der gesamten Geschichte die „revolutionären“ Elemente von den „Revisionisten“ unterscheiden half, sondern war eine konkrete Antwort auf konkrete Problemstellungen der Zeit. Die Erste Internationale stellten Marx und Engels vor neue Probleme und deshalb mussten sie teilweise darauf neue Antworten finden.
Das Manifest von 1848 ist also im Wesentlichen unter den beschränkten, fast schon sektiererischen Bedingungen des Bundes im Vorfeld der Revolution 1848 entstanden. Dies erklärt zu einem großen Teil die konkreten Schwächen des Textes, insbesondere, dass das Manifest nicht genügend die konkreten Kräfteverhältnisse der Revolution berücksichtigt hatte, dass es einem Sieg der sozialistischen Kräfte allzu zuversichtlich entgegen sah. In dieser Schwäche des Manifestes liegt aber gleichzeitig sein unschätzbarer Wert: sein visionärer Charakter. Marx und Engels hatten eine mehr oder weniger konsistente, einheitliche Theorie entworfen, welche in den konkreten Kämpfen als Programm dienen konnte. Sie schafften es, um dieses Programm die ArbeiterInnenbewegung zu scharen und ihr eine Vision des Zukünftigen zu weisen. Das ist das, was Gramsci als Aufgabe der Intellektuellen definierte: die Herstellung von Kohärenz. (6) Diese Herstellung der Kohärenz von Ideen ist viel entscheidender, als der Anspruch auf deren Wissenschaftlichkeit.

Der philosophische Bruch

Die bisherigen Betrachtungen über das Manifest gingen davon aus, dass der wesentliche Bruch, den das Manifest vollzogen hatte, vom utopischen zum wissenschaftlichen Sozialismus gewesen sei. Aus heutiger Perspektive müssen wir diese These anders formulieren: Das Manifest stellte eine einheitliche, kohärente Programmatik dar, welche den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erhob. Der Anspruch auf Wissenschaftlichkeit des Manifestes ist aus heutiger Perspektive durchaus prekär. Die Argumentation, dass sie die Notwendigkeit des Sozialismus bewiesen hätten aufgrund ihrer Einsicht in die gesellschaftlichen Bedingungen, erscheint heute eben deswegen problematisch, da sich einige dieser Einsichten als nicht richtig herausgestellt hatten. Dieser offensichtliche Widerspruch zwischen den Erkenntnissen und der Realität muss nicht unbedingt den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit verneinen, doch stellt er ihn zumindest in Frage.
Doch die Berufung auf die Einsicht in die gesellschaftlichen Bedingungen und die daraus abgeleitete Politik, die sogenannte wissenschaftliche Begründung der Notwendigkeit des Sozialismus, stellt zum damaligen Zeitpunkt, im Vorfeld der Revolution 1848, durchaus neues Verständnis des Verhältnisses von Politik und Philosophie dar. Doch wir dürfen dieses Verständnis nicht in dem veralteten Sinne auffassen, dass der Anspruch auf Wissenschaftlichkeit per se die Einsicht in die Notwendigkeit unserer Politik bei den Massen produziert. Auch hier bietet Gramsci einen Ausweg aus dem Dilemma: „In Wirklichkeit wird in dem Maße ‘vorhergesehen’, in dem man tätig ist, in dem man eine willentliche Anstrengung einsetzt und folglich konkret dazu beiträgt, das ‘vorhergesehene’ Resultat zu schaffen. Die Voraussicht entpuppt sich mithin nicht als wissenschaftlicher Erkenntnisakt, sondern als der abstrakte Ausdruck der Anstrengung, die man unternimmt, als die praktische Weise, einen Kollektivwillen zu schaffen.“ (7) Konkret bedeutet das, dass nicht die Einsicht in die gesellschaftlichen Bedingungen, also das Wissen, die Wissenschaftlichkeit des Marxismus begründet, sondern die Herstellung eines kollektiven Willens in einem praktischen Projekt diesen Anspruch produziert, letztendlich um sich selbst zu begründen. Der wissenschaftliche Anspruch des Kommunistischen Manifestes muss deswegen auch heute neu gedeutet werden: Nicht die Einsicht in die Notwendigkeit des Sozialismus begründete die Wissenschaftlichkeit dieses Textes, sondern das konkrete, politische Projekt des Bundes produzierte einen wissenschaftlichen Anspruch zur Herstellung einer theoretischen Kohärenz und eines kollektiven Willen. Natürlich kann das Vertrauen der Massen in dieses Projekt nur hergestellt werden, wenn es tatsächlich die objektiven Bedingungen berücksichtigt. Aber eben nicht nur die Einsicht in die gesellschaftlichen Bedingungen, sondern auch die Herstellung eines subjektiven Kollektivwillen stellen die wissenschaftliche Begründung des Sozialismus her. Wir müssen für eine politische Praxis beides berücksichtigen, wobei die Herstellung des gemeinsamen Willen bisher unterschätzt wurde.
Das Manifest stellte in vielerlei Hinsicht einen philosophischen Bruch dar. In diesem Text lässt sich der Übergang der Autoren zum Materialismus nachvollziehen, aus dem frühen Pathos der Kapitalismuskritik wurde eine empirische Analyse der Wirklichkeit und in diesem Text wurde die revolutionäre Rolle des Proletariats in der Weltgeschichte philosophisch begründet.
Den Übergang zum philosophischen Materialismus vollzogen Marx und Engels schon seit 1845, doch das Manifest stellt eine wichtige Etappe in diesem Prozess dar. Diese Entwicklung vollzog sich vor allem in den Auseinandersetzungen mit anderen Junghegelianern und in der Bearbeitung eines historisch-empirischen Materials, welches teilweise in der Deutschen Ideologie dargestellt wurde. In der Kritik an den Junghegelianern wurde herausgearbeitet, dass die Philosophie alleine nichts verändern kann, sie benötigt eine praktische Gewalt. Die wesentliche Herausforderung für Marx und Engels war, dass die emanzipatorische Philosophie am Vorabend der Revolution 1848 zu einer praktischen Kraft werden musste. Dafür war jedoch ein gesellschaftliches Subjekt, praktische Gewalt und eine gesellschaftliche Praxis notwendig.
Den Übergang zum Materialismus vollzog Marx in einer ganzen Reihe von Begrifflichkeiten, die letztendlich im Basis-Überbau-Konzept ihren Abschluss fanden. Damit kam es aber teilweise zu einer bloßen Umkehrung des Idealismus, nicht zu einer Neukonzeption, wie es die Deutsche Ideologie versprochen hatte. Der Ausgangspunkt für diesen Prozess des Übergangs waren die Feuerbachthesen, in denen der Begriff der gesellschaftlichen Praxis zentral ist. In der gängigen Auseinandersetzung mit der philosophischen Entwicklung von Marx und Engels wurde immer betont, dass sie damit einen scharfen Bruch mit dem Idealismus vollzogen hätten. Der Marxismus wurde vereinfacht als Überwindung des Idealismus durch den Materialismus plus Dialektik begriffen. (8) Die Überwindung des Idealismus war 1848 sicherlich eine bedeutende Problemstellung, der sich Marx und Engels tatsächlich stellen mussten. Doch aus heutiger Perspektive ist die Überwindung des Idealismus keine Herausforderung mehr. Dass wir in der politischen Praxis die objektiven Bedingungen berücksichtigen müssen, wird heute kaum jemand bestreiten. Der klassische Idealismus ist tot. Die heute herrschende Ideologie des Liberalismus ist selbst durch ihren Immanenzanspruch bis zu einem gewissen Grade materialistisch. Sie akzeptiert keine transzendentale Gottheit für ihre Begründung und sucht ihre Legitimation in einem Diesseits. Deswegen hat der scharfe Gegensatz zwischen dem klassischen Idealismus und dem Materialismus heute nicht mehr dieselbe Bedeutung wie in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Vom heutigen Standpunkt müssen wir daher das begriffliche Instrumentarium des Marxismus, das in dieser Problemstellung entwickelt wurde, neu interpretieren.
Um den philosophischen Bruch, der sich im Kommunistischen Manifest niederschlägt, zu verstehen, müssen wir auf die Feuerbachthesen zurückgehen. Diese stellten nicht nur einen Bruch mit dem Idealismus dar, sondern gleichzeitig einen Bruch mit dem mechanischen Materialismus. Der Widerspruch zum alten Materialismus wurde zwar immer in Rechnung gestellt, doch nicht genügend berücksichtigt. Die Feuerbachthesen erhoben den Anspruch, den „bisherigen“ Materialismus, der den Gegenstand nur als starres Objekt fassen konnte, zu überwinden. Dies sollte durch den Begriff der menschlichen Tätigkeit, der gesellschaftlichen Praxis geschehen. Der Materialismus kannte kein Subjekt, kein tätiges Element, der Idealismus kannte kein wirkliches, kein reales Subjekt. (9) An dieser philosophischen Problemstellung mussten sich Marx und Engels abarbeiten und sie wollten dies durch eine neue Form des Materialismus, in dem die gesellschaftliche Praxis zentralen Stellenwert einnimmt, bewältigen. Dieser Bruch wurde auch im Kommunistischen Manifest festgehalten:
Doch im Vorwort zur Kritik der Politischen Ökonomie wird der Materialismus anders gefasst. Das Basis-Überbau-Modell tendiert seinem Kern nach zu einer bloßen Umkehrung des Idealismus, da er vor allem auf die Wirkung des Niveaus der Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse auf das gesellschaftliche Bewusstsein abzielt. Der dynamische und tätige Begriff der gesellschaftlichen Praxis wird in dieser Begrifflichkeit ignoriert. Damit fällt der Marxismus in der Basis-Überbau-Terminologie aber auf das Niveau des „bisherigen“ Materialismus zurück.
Die Problemstellung von 1848, deren Bearbeitung im Kommunistischen Manifest ihren Ausdruck fand, ist heute nicht mehr von zentraler Bedeutung. Die Überwindung des Idealismus hat heute nicht mehr dieselbe Bedeutung wie damals. Die wesentliche Aufgabenstellung ist heute die begriffliche Weiterentwicklung des marxistischen Materialismus, der aufgrund seiner Verhaftung am Basis-Überbau-Modell zum Anachronismus, zum Zurückfallen in den mechanischen Materialismus tendiert. Wir können diese Herausforderung möglicherweise mit dem dynamischeren Begriff der praktisch-menschlichen Tätigkeit, der gesellschaftlichen Praxis, der in den Feuerbachthesen und der Deutschen Ideologie verankert ist, bewältigen. Doch philosophische Kategorien alleine reichen nicht, Wir müssen diese Begriffe in der politischen Praxis erproben und weiterentwickeln.
Ein zweiter wesentlicher Bruch des Manifestes stellte die Darlegung der revolutionären Rolle des Proletariats dar. Doch diese These ist unter Berücksichtigung der heutigen Verhältnisse sehr problematisch. Die historische ArbeiterInnenbewegung ist an einem toten Punkt angelangt. Zunächst die Sozialdemokratie, später die Kommunistischen Parteien sind in den herrschenden Block integriert oder zusammengebrochen. Die radikale Linke, die als einzige das historische Erbe der revolutionären ArbeiterInnenbewegung hochhält, ist aufgrund der objektiven Lage zu einem Sektendasein verdammt.
Als Marx und Engels die These von der revolutionären Rolle des Proletariats entwickelten, hatten sie bestimmte Aspekte vor Augen, die heute aber in diesem Maße nicht mehr zutreffen. Zunächst einmal gingen sie aufgrund der Entwicklung der Industrie und des Kapitalismus vom Anwachsen des Proletariats aus. Nun könnte man soziologisch darüber streiten, was wir als Proletariat definieren und ob es im Wachstum begriffen ist. Doch das Versagen der politischen Dimension der ArbeiterInnenbewegung gibt einen Hinweis darauf, dass gesellschaftliche Prozesse stattfinden, die der Voraussage von 1848 widersprechen. Das Marx und Engels unter Proletariat vor allem das Industrieproletariat gemeint hatten, lässt sich auch daran ablesen, dass sie als eine Ursache für die historische Rolle des Proletariats deren Diszipliniertheit und Organisiertheit in der Fabrik anführten. Die soldatische Organisation in der Großindustrie erleichtere die politische Organisierung des Proletariats zur revolutionären Klasse. Als drittes Argument wurde von Marx und Engels die Besitzlosigkeit des Proletariats angeführt. (10) Aus dieser Definition des Proletariats als einzig, konsequent revolutionäre Klasse der Gesellschaft lässt sich die allgemeine Problemstellung herauslesen: Welche gesellschaftliche Klasse hat ein Interesse an der Umwälzung der Gesellschaft? Welche Klasse kann die philosophisch-politischen Ideen durch praktische Gewalt umsetzen?
Heute stehen wir zwar immer noch vor ähnlichen Herausforderungen, doch die Bedingungen der Lösung dieser Probleme haben sich stark gewandelt. Die politische Integration der ArbeiterInnenklasse in den herrschenden Block ist umfassend und die wenigen Lichtblicke einer dynamischen Bewegung werden sofort in den herrschenden Liberalismus integriert oder erstickt. Die Tatsache der Integration der ArbeiterInnenbewegung kann nicht mehr durch Opportunismus, durch Täuschung durch eine opportunistische Führung, abgetan werden, sondern betrifft die ArbeiterInnenbewegung in ihrer gesamten Dynamik. Wir stehen heute vor dem großen Problem, dass uns das gesellschaftliche Subjekt für eine revolutionäre Umgestaltung abhanden gekommen ist.
Marx und Engels standen 1848 vor der Problematik, dass sie für die politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen, die sie vor Augen hatten, ein gesellschaftliches Subjekt benötigten, dass diese Veränderungen verwirklichen sollte. Sie sahen in der aufstrebenden Klasse des Proletariats ihr revolutionäres Subjekt. Genauso wie Marx und Engels 1848 stehen wir heute wieder vor der Aufgabe, ein gesellschaftliches Subjekt zu finden, welches das Interesse an und die Fähigkeiten für eine revolutionäre Umgestaltung hat. Doch anders als 1848 stehen wir nicht am Anfang, sondern am Ende eines großen, welthistorischen Zyklus. 1848 war der Ursprung der modernen, politischen ArbeiterInnenbewegung, 1989 ihr Ende. Vielleicht wird es noch einige Jahre oder Jahrzehnte brauchen, bis wir ein neues revolutionäres Subjekt erkennen können. Wir müssen uns aber erneut auf die Suche begeben und können nicht einfach mit überkommen Begrifflichkeiten der neuartigen Realität Gewalt antun.
Vor uns liegt also die wichtige Aufgabe, die revolutionären Kräfte um ein neues, kohärentes Programm zu sammeln. Genauso wie der Bund 1848 befinden wir uns aufgrund der objektiven Bedingungen der Bewegung in einer sektenhaften Position. Doch genauso wie 1848 haben wir in der jetzigen Situation die Möglichkeit unserem Programm einen visionären Charakter zu geben. Nicht so sehr die Wissenschaftlichkeit, als die Wirkungsmächtigkeit in den Massen, die Herstellung eines Kollektivwillens, ist dafür ausschlaggebend. Wir müssen in der Bewältigung neuer Herausforderungen neue Ideen entwickeln, die in der Bewegung eine wirksame Kraft werden können. Denn die entscheidende Herausforderung, vor der auch Marx und Engels gestanden sind, war, wie man philosophische Ideen in eine gesellschaftliche Praxis umsetzen kann. Wie kann aus philosophischen Ideen praktische Gewalt werden?

Das Manifest – Utopie und Wissenschaft!

Wenn wir uns also heute mit dem Text des Kommunistischen Manifestes konfrontieren, dann sehen wir bestimmte Analogien, aber auch große Unterschiede in den Problemstellungen damals und heute. Genauso wie im Vormärz 1848 sind wir heute geprägt durch ein fragmentiertes, beschränktes Gruppenwesen. Damals wurde aus diesem Gruppenwesen eine historische Kraft, die letztendlich fähig war mit der Oktoberrevolution einen neuen welthistorischen Zyklus einzuleiten. Das Manifest, mit dem Anspruch einer wissenschaftliche Prognose, konnte verschiedene Kräfte um sich sammeln und ihnen eine politische, kohärente Orientierung geben. Der sektenhafte Charakter der Gruppen des Vormärzes bedingte, dass einige der damaligen Annahmen aus wissenschaftlicher Perspektive problematisch waren, doch der visionäre Charakter des Manifestes machte den Text auch noch für die Zukunft bedeutungsvoll. Auch heute müssen wir Visionen der Zukunft entwerfen, eine kommunistische Programmatik, die für die Massen wieder attraktiv ist.
Doch im Gegensatz zu damals befinden wir uns nicht in einer Aufwärtsbewegung und schon gar nicht im Vorfeld einer Revolution. 1848 war der Ausgangspunkt der modernen ArbeiterInnenbewegung, heute stehen wir gewissermaßen an ihrem Grabe. Dies stellt uns vor neue Herausforderungen, welche die Lösungsansätze des Manifestes teilweise überholt erscheinen lassen. Die Frage des revolutionären Subjekts in der Gesellschaft muss heute neu aufgeworfen werden und kann nicht mit der Begrifflichkeit des Manifestes gelöst werden. Der Materialismus muss nicht mehr gegen den klassischen Idealismus verteidigt werden, sondern es muss für eine Weiterentwicklung des Marxismus gekämpft werden, die ein Zurückfallen auf den mechanischen Materialismus verhindert. In diesen Problemstellungen müssen wir einerseits die objektiven Bedingungen berücksichtigt werden, gleichzeitig müssen wir uns aber vor einem positivistischen Wissenschaftsglauben befreien. Unsere Vision der Zukunft, unsere Programmatik wird nicht aufgrund unserer Erkenntnisfähigkeit ihren wissenschaftlichen Charakter erhalten, sondern vielmehr durch die Fähigkeit, diese Ideen gesellschaftlich umzusetzen, diese Programmatik als gesellschaftlichen Kollektivwillen zu setzen.

Sebastian Baryli

(1) Dlubek, Rolf: Das Kommunistische Manifest in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. In: Hildebrandt, Gunther; Wittwer, Walter (Red.): 125 Jahre Kommunistisches Manifest und bürgerlich-demokratische Revolution 1848/49. Referate und Diskussionsbeiträge. Berlin (Akademie-Verlag) 1975, S. 23-41.
(2) Marx, Karl; Engels, Friedrich: Manifest der Kommunistischen Partei. In: MEW. Bd. 4, S. 467.
(3) Mehring, Franz: Karl Marx. Geschichte seines Lebens. In: ders.: Gesammelte Schriften. Bd. 3, Berlin 1960, S. 155ff.
(4) Engels, Friedrich: Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten. [Einleitung zum Neuabdruck von Marx’ „Enthüllungen über den Kommunisten-Prozeß zu Köln“ (1885)]. In: MEW. Bd. 8, S. 592f.
(5) Engels, Friedrich: Vorrede [zur englischen Ausgabe von 1888]. In: MEW. Bd. 4, S. 579.
(6) Gramsci, Antonio: Philosophie der Praxis. Gefängnishefte 10 und 11. Hamburg 1995, H. 11 § 12, S. 1377, 1379.
(7) Ebenda, H. 11 § 15, S. 1400.
(8) vgl. u.a. Konstantinow, F. W.; Berestnew, W. F.; Dynnik, M. A. u.a.: Grundlagen der marxistischen Philosophie. 2. Aufl. Berlin 1960, S. 98ff.
(9) Marx, Karl: [Thesen über Feuerbach]. In: MEW. Bd. 3, S. 5.
(10) Marx, Karl; Engels, Friedrich: Manifest der Kommunistischen Partei. In: MEW. Bd. 4, S. 472.