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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

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Nr. 16 November 2005

Kapital und marxistische Wirtschaftswissenschaft

Ende August haben die bruchlinien ein Seminar zum Wiederaufbau der marxistischen Theorie abgehalten. Stefan Hirsch lieferte in diesem Zusammenhang zehn Thesen zum Hauptwerk von Karl Marx und nimmt dabei den alten Streit über Wertgesetz, Arbeitswertlehre und „Transformationsproblem“ wieder auf.


1Das Kapital wird zumeist als das Hauptwerk von Karl Marx angesehen und ohne Zweifel hat Marx einen Großteil seines Lebens in die drei Bände investiert – wobei nur einer von ihm selbst herausgegeben, der Rest nach seinem Tode aus vorliegenden Manuskripten zusammengestellt wurden. Erst die Neue Linke hat die Bedeutung des Kapitals zu Gunsten der Marxschen Frühschriften etwas relativiert.

2Was bedeutet Marxismus? Der Marxismus ist eine wissenschaftliche Methode, die im Zentrum das Verhältnis von Subjekt und umgebender Gesellschaft hat, aber nicht eines beliebigen Subjektes, sondern eines eingreifenden, revolutionären. Der Marxismus ist die Wissenschaft der Zerstörung des Kapitalismus. „Das Kapital“ versucht eine Anatomie dieses Kapitalismus. Dabei ist es kein Katechismus, auswendig zu lernen und bei Aufforderung aufzusagen, sondern Gelegenheit der kritischen Auseinandersetzung.

3Das Kapital liefert keine Grundlage andere Erkenntnisse der Volkswirtschaftslehre, auch der bürgerlichen, einfach zurückzuweisen. Die Immunisierung gegenüber allen anderen, eine Art selbstgewählter Autismus, hat zum Elend der heutigen marxistischen politischen Ökonomie entscheidend beigetragen. Tatsächlich kommen viele Elemente auch des heutigen neoklassischen Mainstreams im Kapital vor, das bedeutendste wohl die implizit große Bedeutung des Marktes, der den zentralen Stellenwert für die Ressourcenallokation erhält – eine Bedeutung die erst durch spätere Beobachtungen über den Monopolkapitalismus ergänzt und verändert wird.

4Der zentrale Unterschied der politischen Ökonomie zum bürgerlichen Mainstream ist die Betonung der Gesellschaft, von Klasseninteressen, der sozialen Struktur der Gesellschaft, von Herrschaft und Ausbeutung, die im Zentrum der Untersuchung stehen, während der neoklassische Mainstream völlig vereinzelte Individuen voraussetzt. (Die Verhaltenstheoretische Grundannahme der neoklassischen Modelle sind Individuen, die am Rande des Waldes Beeren tauschen.) Gerade aus dieser Perspektive ist es interessant, dass Marx zentrale Dinge wie die staatliche Intervention in die Wirtschaft (die auch im 19. Jahrhundert kaum weniger bedeutend war als heute) nicht behandelt. Oft scheinen in dieser Hinsicht Anspruch und Umsetzung ein wenig auseinander zu fallen. Der Staat, aber auch Gewerkschaften... bleiben bei den Modellen, die Marx aufstellt, extern.

5Wert: Einen Schlüssel zum Verständnis des „Kapitals“ stellt der Wertbegriff dar. Marx verwendet „Wert“ in einem doppelten Sinn: Einerseits greift er auf Ricardos Arbeitswertslehre zurück – Wert ist geronnene menschliche Arbeit. Auf der anderen Seite wird Ricardo angegriffen, weil für ihn Wert und Warenproduktion voneinander getrennt sind. Für Marx ist Wert der Warenproduktion eigentümlich, des Herstellens von Dingen für deren Verkauf. Wert ist also ein gesellschaftliches Verhältnis. Diese beiden Sichtweisen werden oft als im Widerspruch stehend bezeichnet (zuletzt etwa in Michael Berger „Das Kapital“) – ein wenig absurd. Wenn wir Wert als gesellschaftliches Verhältnis sehen, bleibt immer noch das Problem der Quantifizierbarkeit - ein gesellschaftliches Verhältnis ist kaum in Zahlen auszudrücken. Um die Wertgröße festzustellen übernimmt Marx daher die alte Sichtweise der Klassik, die damals von allen akzeptierte Arbeitswertlehre – nicht ohne sie in vielen Punkten anzugreifen und mit den Resten der Arbeitswertlehre immer noch ziemliche Schwierigkeiten zu bekommen.

6Ausbeutung und Mehrwert: Auf der Grundlage der Arbeitswerttheorie gelangt man sehr schnell zu Ausbeutung und Mehrwert. Marx war hierin nicht der einzige Linksricardianer. (Der wesentliche Grund für die Angriffe auf diese durch die Grenznutzentheoretiker). Wenn der Wert einer Ware durch die darin enthaltene menschliche Arbeitskraft bestimmt wird, dann findet Ausbeutung statt, wenn einem Arbeiter weniger als der volle Wert der von ihm geschaffenen Produkte bezahlt wird. Die Differenz ist „Mehrwert“.

7Gesamtarbeiter, Mehrwertproduktion und revolutionäres Subjekt: Marx verwendet „produktive Arbeit“ und „Mehrwertproduktion“ praktisch synonym. Subjekt der Mehrwertproduktion ist der „Gesamtarbeiter“: „Um produktiv zu arbeiten ist es nicht mehr nötig selbst Hand anzulegen, es genügt Organ des Gesamtarbeiters zu sein.“ Zum mehrwertproduzierenden Gesamtarbeiter gehört also nicht nur die Belegschaft des Fließbands, sondern auch die im Transport Beschäftigten, das Putzpersonal, der technische Apparat und der Vorsitzende des Aufsichtsrates. Ein schwerer Schlag gegen den Ökonomismus in der Bestimmung eines revolutionären Subjekts. Wer das revolutionäre Subjekt aus der Mehrwertproduktion ableiten möchte, müsste sich auch um den Aufsichtsrat kümmern (tatsächlich die letzte Schlussfolgerung, die der Negrianische Operaismus gezogen hat – was sonst ist die „Multitude“), oder zeigen, warum Marx in diesem Punkt irrt. Dass Marx selbst den „Gesamtarbeiter“ zum revolutionären Subjekt erhebt, dafür findet sich kein Hinweis.
Die Mehrwertproduktion beschränkt sich übrigens nicht auf die Industrie, auch der Lehrer einer Privatschule erzeugt Mehrwert. „Das [der Unternehmer] sein Kapital in einer Lehrfabrik statt einer Wurstfabrik angelegt hat, ändert nichts an dem Verhältnis [der Mehrwertproduktion].“ Welche Bereiche der Gesellschaft Mehrwert produzieren, welche ihn nur umverteilen oder einen Teil des Werts erhalten, den andere geschaffen haben, ist allerdings nicht ganz einheitlich und bedarf oft einiger Verrenkungen. Aus heutiger Sicht (und angesichts der Schwierigkeiten der Arbeitswertlehre) scheinen die Grenzen der Kapitalverwertung die interessantere Fragestellung, deren Ausdehnung in Bereiche wie die Wasserversorgung, das Gesundheitswesen, die Bildung usw. wir in den letzten Jahren beobachten können.

8Organische Zusammensetzung und Fall der Profitrate: Aus dem Kapital kann man verschieden Krisentheorien herausarbeiten, die konsistenteste ist der tendenzielle Fall der Profitrate. Marx unterteilt das Kapital in Konstantes (Maschinen, Gebäude...) und variables Kapital (Löhne). Das Verhältnis von c und v ist die organische Zusammensetzung. Hohe organische Zusammensetzung heißt viel c, wenig v. Mehrwertproduktion ist ausschließlich vom variablen Kapital abhängig, da nur menschliche Arbeit Wert schafft. Gesetzt die Annahme, der Mehrwert sei gleich dem Profit, dann bekommen wir für die Errechnung der Profitrate (den Ertrag des eingesetzten Kapitals in einer Periode: p (Profitrate)= M(Mehrwert)/ C (konstantes Kapital) +V (variables Kapital). Daraus lässt sich eine Tendenz zum Fall der Profitrate ableiten, weil: M ergibt sich aus der Summe gesellschaftlicher Arbeit minus den Löhnen – ist also nach oben begrenzt. V (Löhne) muss einen Wert über Null haben, weil sonst die Arbeiter verhungern. C kann theoretisch unbegrenzt steigen. Bei zunehmendem Kapitalstock wird also der untere Teil des Bruches tendenziell schneller wachsen als der obere. Die Profitrate sinkt.
Auch innerhalb der Grenzen der Arbeitswerttheorie sind Zweifel angebracht (angeführt nur das wichtigste Argument): Technischer Fortschritt entwertet das konstante Kapital - der Computer wird billiger.
Die bürgerliche Nationalökonomie hat in der Schumpeter´schen Krisentheorie übrigens praktisch die gleiche Idee hervorgebracht: Bei gleichem technischem Niveau sinkt der Grenzertrag des Kapitals, Wirtschaftswachstum ist langfristig also nur von Innovationen abhängig, bleiben diese aus, gibt es eine langanhaltende Krise (bis zur nächsten „Basisinnovation“)
Tatsächlich kann man also völlig unabhängig von der Akzeptanz der Arbeitswerttheorie (denn wir können den Fall der Profitrate auch in der Sprache der bürgerlichen Marginalisten formulieren) einige Schlussfolgerungen ziehen: Ein Naturgesetz zum Fall der Profitrate, das den Kapitalismus mit eiserner Gewissheit hinwegspült, gibt es nicht. Krisenhafte Phasen fallender Profitrate sind aber immer wieder zu beobachten (auch wenn es schwer fällt alle Krisen darauf zu reduzieren). Statt sich als Prophet des Untergangs des Kapitalismus zu betätigen, muss sich die politische Ökonomie damit beschäftigen unter welchen Umständen es zum Fallen der Profitraten kommt. Das Hauptproblem Schumpeters ist nicht die marginalistische Sprache, sondern der Technofetischismus, das Ausblenden gesellschaftlicher Strukturen. Die kapitalistische Entwicklung wird durch den Rhythmus der Innovationen erklärt, aber Ein- und Aussetzen von Innovationen kommen ohne innere Begründung aus.

9 Probleme der Arbeitswertlehre: Das Kapital begründet nicht die Arbeitswertlehre, sondern stellt große Teile in Frage, ohne sie ganz aufzugeben. Tatsächlich stellt Marx fest, dass nur bei gleicher organischer Zusammensetzung (gleichem Verhältnis von konstantem und variablem Kapital) in allen Branchen die Preise auch den Wertgrößen entsprechen. Andernfalls müsste in Branchen mit niedriger organischer Zusammensetzung die Profitrate höher sein, was Kapitalzuflüsse auslöst, solange, bis es zu einem Ausgleich der Profitraten kommt (als einfachstes Schema). Wenn man den Ausgleich der Profitraten annimmt (diese sind empirisch zwar tatsächlich unterschiedlich, aber keineswegs in Branchen mit niedriger organischer Zusammensetzung durchgängig höher), erkennt man, dass ein Preis nur per Zufall gleich der Größe des Werts ist. Es gilt also nicht Wert = Preis, wie noch bei Ricardo, sondern Wert ≠ Preis. Die Arbeitswertlehre gilt nur mehr für den Gesamtwert, der den Gesamtpreisen entsprechen müsste, sowie für die Summe der Mehrwerte, die – angenommen vollständige Realisierung – der Summe der Profite entspricht. Für den Kapitalisten sind die Wertgrößen dabei völlig unerheblich, ihn interessieren nur Produktions- und Verkaufspreise. Wir sehen, dass auch Ausbeutung nicht mehr so einfach (gar nicht?) zu quantifizieren ist. Denn Preis der Produkte minus Lohn ergibt nicht den Mehrwert, weil ja in Produktionspreisen gerechnet wird, nicht in Wertäquivalenten. Diese übertragen sich quer durch Betriebe, Branchen und Kontinente und entziehen sich einer praktischen Umrechenbarkeit (Transformation) in Preise. An diesem „Transformationsproblem“ hat sich die politische Ökonomie lange Zeit den Schädel eingerannt. 1960 hat Pierro Sraffa die neuricardianische Schule begründet, das Transformationsproblem auf die Seite geschoben und einfach in Produktionspreisen gerechnet. Darauf aufbauend hat Steedman gezeigt, dass auch die Gesamtsumme des Mehrwerts, nicht der Gesamtsumme der Profite entspricht (außer bei gleicher org. Zusammensetzung), das „Transformationsproblem“ also gar nicht existiert. Die wesentlichen marxschen Schlussfolgerungen bleiben beim Rechen in Marktpreisen unverändert, einiges wird einfacher: Die Ausbeutung etwa kann beim Rechnen in Marktpreisen viel unmittelbarer nachgewiesen werden: Wenn ich Produkte im Wert von x Euro herstelle, aber nur viel weniger bezahlt bekomme – dann hat sich der Chef den Rest angeeignet. Und auch wenn von der Neoklassik einige gute Argumente auch gegen die Neuricardianer vorgebracht wurden (Warum sind langfristige Zinsen höher als kurzfristige? Wie bildet sich der Preis eines Ölfeldes im Naturzustand?) müssen auch die schärfsten Marginalisten zugeben, dass sich der Preis eines Gutes üblicherweise an den Produktionskosten plus Durchschnittsprofit orientiert – übrigens wegen des Ausgleichs der Profitraten (das verrät schon ein Blick auf die Lagebedingungen der heiligen Angebotskurve. Irgendwo versteckt sich eine durchschnittliche Kapitalrendite). Die Neoklassik teilt aber auch ein gewichtiges Problem mit Sraffa: Die Höhe der durchschnittlichen Profitrate bleibt dem Modell extern. 6 Prozent? 10 Prozent? Es fehlt die innere Begründung der harten Arbeitswertlehre. Unbefriedigend, um ein System zu erklären, das sich nur um den Profit dreht. Man kann nicht als gegeben voraussetzen, was man eigentlich erklären müsste.

10 Ausblick: Es scheint als wäre die Bestimmung des Wertes als gesellschaftliches Verhältnis weit entscheidender und fruchtbarer, als ewige Debatten über seine Größenbestimmung. Dieses Herangehen erlaubt nämlich nicht nur die Jammerei eines Robert Kurz (ohne jeglichen Prognosewert) und den Wahnsinn anderer Wertkritiker (die aus dem Wertverhältnis in erster Linie den Antisemitismus ableiten und die Israelsolidarität als politische Schlussfolgerung wählen), sondern auch andere Fragestellungen: Der Widerspruch von gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung (die Unterkonsumptionskrisen begründen kann). Fragestellungen wie die Marktmacht, die es erlaubt Märkte und Preise zu formen – wie sie in der Analyse des Imperialismus als Monopolkapitalismus vorkommt, aber auch die Möglichkeit Nachfrage zu beeinflussen. Die Untersuchung der Bourgeoisie als Agenten der Produktion, der Preise und Nachfrage formt. Die Analyse von Institutionen jenseits der Märkte – Kreditwesen, Staat, korporatistische Verbände... aber auch das Funktionieren von Märkten selbst. (Das Totem der bürgerlichen Volkswirtschaftslehre, die sich kreuzenden Angebots- und Nachfragekurven, beruht auf Annahmen, die in der Realität kaum nachvollziehbar sind: Lässt man die völlig absurde Annahme steigender Grenzkosten der Produktion fallen, dann ergibt das Marktmodell keinen Gleichgewichtspreis, sondern einen Marktkollaps.) Die Aufzählung sei an dieser Stelle beendet, aber auf den Beitrag der Dependenz- und der Regulationstheorie verwiesen. Die marxistische politische Ökonomie muss auf das Terrain des Staates, der Macht und des sozialen Konflikts. Dort muss sie die Philosophie und die Politik treffen, von der sie künstlich getrennt wurde.

Stefan Hirsch