Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

 Ausgaben

Nr. 21 Herbst 2007
Nr. 20 Frühjahr 2007
Nr. 19 November 2006
Nr. 18 Mai 2006
Nr. 17 Februar 2006
Nr. 16 November 2005
Nr. 15 Juni 2005
Nr. 14 April 2005
Nr. 13 November 2004
Nr. 12 September 2004
Nr. 11 Mai 2004
Nr. 10 Jänner 2004
Nr. 9 November 2003
Nr. 8 September 2003
Nr. 7 Mai 2003
Nr. 6 März 2003
Nr. 5 Jänner 2003
Nr. 4 November 2002
Nr. 3 September 2002
Nr. 2 Juli 2002
Nr. 1 Mai 2002

 

 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 16 November 2005

Mittelalterliche Gotteskrieger?

Özgürder entstand anlässlich des türkischen Kopftuchstreites, in Verteidigung des Rechts auf freie Religionsausübung in der Türkei. Das vorliegende Interview mit Murat Kurt, Repräsentant von Özgürder in Duisburg, wurde im Juni 2005, also vor den Anschlägen in London vom Juli 2005, aufgezeichnet. Vor diesem Hintergrund ist die Stellungnahme von Özgürder zur Situation der Muslimen in Europa, zu ihrer vermeintlichen Gewaltbereitschaft sowie der Verantwortung
dafür von besonderem Interesse.


Können Sie die Entstehung von Özgürder beschreiben und die wichtigsten Aktionsfelder der Bewegung in der Türkei?

Özgürder leistet auf dem Gebiet von Kultur-und Bildungsarbeit sowie zur Weiterentwicklung der Meinungsfreiheit in der Türkei einen wichtigen Beitrag. Auch auf dem Gebiet der Pressefreiheit und gegen Menschenrechtsverletzungen jegliche Art setzt sich Özgürder intensiv ein. Wir arbeiten auch mit anderen NGOs zusammen. Gegründet wurde Özgürder 1999. Seit dem wurden sieben weitere Zweigstellen eröffnet; drei die sich auf kurdischen Gebieten befinden.
Nach dem postmodernen Putsch des türkischen Militärs am 28. Februar 1997 haben sich verschiedene Vereinigungen insbesondere auch Stundentenvertretungen zusammengeschlossen, um sich gegen die Freiheitsberaubung auf dem Gebiet Bildung- und Menschenrechte zu wehren. Als man jedoch festgestellt hat, dass ein unorganisierte Kampf gegen diese neue Sitiaution nicht effektiv sein kann, ist mann dazu übergegangen, neue Vereine und Arbeitsgruppen zu gründen, die sich insbesondere mit diesen Missständen beschäftigen sollen. Die „Periode des 28. Februar“ war gekennzeichnet durch großangelegte gesetzliche und militärische Repressionen gegen Muslime. Frauen mit Kopftuch demonstrierten für ihr Recht auf ein Universitätsstudium. Die Polizei setzte Knüppel gegen die Demonstrierenden ein und verhängte Arreststrafen. Im weiteren Verlauf wurde das Kopftuchverbot auch auf Beamtinnen ausgeweitet.
Es werden Aktivitäten gegen jegliche Art von Menschenrechtsverletzungen auf der ganzen Welt organisiert. Als Beispiele sind das Kopftuchverbot in Frankreich an öffentlichen Schulen, das Kurdenproblem, die Situation der politischen Gefangenen in türkischen Gefängnissen des F-Typ, die Folter und Schändigungen zu Unrecht gefangen gehaltener Menschen durch die USA in Guantanamo, die illegale Besatzung des Iraks und Afghanistans aufzuzählen. In diesem Zusammenhang werden Pressekonferenzen- und Erklärungen abgehalten, Protestaktionen, Kundgebungen, Seminare und alternative Bildungsprogramme organisiert.

Wie beurteilt Özgurder die derzeitige Situation in der Türkei? Hat die Regierung ihre Wahlversprechen eingelöst? Hat sich hinsichtlich der Menschenrechtssituation etwas verbessert?

Özgürder hat vor den Wahlen am 3. November 2002 den Parteien, die zur Wahl standen, zwanzig Fragen gestellt. Hierzu haben wir auch eine Broschüre veröffentlicht. Z.B. haben wir gefragt, ob die Parteien den Status des Nationalen Sicherheitsrates (MGK), der in der politischen Wirklichkeit als ein verdeckter und zugleich bestimmender „Koalitionspartner“ der Regierung empfunden wird, in ein ratgebendes Organ umwandeln würden. Wir haben darauf hingewiesen, dass das Rechtsystem völlig in den Dienst der Politik gestellt wird, so dass de facto von einer Gewaltenteilung und Unabhängigkeit der Justiz nicht die Rede sein kann. So haben wir auch gefragt, ob se den immer lauter werdenden Stimmen aus den Gefängnissen des F-Typ mehr Gehör schenken werden.
Im Bezug auf das Bildungssystem haben wir gefragt, ob die traditionellen Praktiken wie z.B. Uniformpflicht selbst auf Grundschulen, das tägliche Aufsagen der Nationalhymne vor Schulbeginn, die an eine Militärausbildung erinnern, abgeschafft werden.
Des Weiteren haben wir gefragt, ob an der Struktur des Amtes für Religionsangelegenheiten, die unsere Moscheen und die Bediensteten als Propagandisten des herrschenden Systems einsetzen, Änderungen vorgesehen sind.
Die Parteien wurden auch danach gefragt, ob sie diplomatischen Beziehungen zu Israel, das alle UN-Resolutionen ignoriert und auf brutalste Weise das palästinensische Volk unterdrückt, abbrechen werden. Des Weiteren wurde die Frage gestellt, ob man sich den USA, die internationales Recht verletzt und den Irak besetzt hält, entgegenstellen wird.
Ähnliche Fragen haben wir auch zum Kurdenproblem und zum Kopftuchproblem gestellt.
Sie könnten jetzt fragen, ob sich etwas geändert hat. Sicherlich haben auch Sie über die Medien verfolgen können, dass sich in der Türkei nichts zum Positiven geändert hat, ganz im Gegenteil hat sich einiges, wie auch am Bespiel des Kopftuchverbots zu erkennen ist, eher verschlechtert. Leider wurde eine andere Version des Verbotes eingeführt.
Die Erfolge (z.B. einstellige Inflationsrate; Streichung von sechs Nullen aus der Währung und das große Wirtschaftswachstum) der neuen Regierung auf dem Gebiet der Wirtschaft haben die Missstände im Hinblick auf die Menschenrechtslage in den Hintergrund gedrängt. Im Rahmen der künstlich erzeugten EU-Beitritts-Euphorie konnte die Regierung einen Schein von Reformwillen erzeugen. Mit Rücksicht darauf, dass die Regierung sich sehr stark an die Vorgaben des IWF hält, braucht man kein Prophet zu sein, um vorhersagen zu können, dass diese Erfolge mit Sicherheit nicht lange anhalten werden.

Bruchlinien: Gibt es eine Zusammenarbeit mit linken Organisationen in der Türkei, etwa gegen die US-Besatzung im Irak oder zu Fragen der Menschenrechte in der Türkei?
Natürlich arbeiten wir auch mit linken NGOs zusammen. Aus diesem Grunde wurden wir von konservativen Kreisen kritisiert. Dies hat dazu geführt, dass wir uns von diesen Leuten distanziert haben. Eine Zusammenarbeit dieser Art gab es zum ersten Mal in der Türkei und in England. So haben wir gemeinsam Aktivitäten gegen die Situation der politischen Gefangenen in den Gefängnissen des F-Typ, sowie gegen die Besatzung des Irak durch die USA organisiert.
Wir haben an den Vobreitungstreffen des Welt Sozial Forums teilgenommen. Im vergangenen Jahr haben wir am Antiimperialistischen Sommerlager in Assisi-Italien zusammen mit der HDR teilgenommen.
Vor der Besatzung Iraks haben wir als Özgürder im Zusammenarbeit mit der Plattform „Nein zu Krieg und Besatzung“, die aus England angereisten so genannten „lebenden Schutzschilder“ empfangen. Auch haben wir uns an einer internationalen Konferenz des Welt Sozial Forums in Jakarta beteiligt.
Nicht zu vergessen: Uns eint der Widerstand gegen den Imperialismus. Die USA und ihre Komplizen haben die Welt in ein Schlachtfeld verwandelt. Daher müssen alle ehrenhaften und würdevollen Menschen sich gemeinsam gegen die imperialistische Besatzung und ihre Folgen widersetzen. Dies sind die ehrenvollen Träger, der Fackel der „Globalen Intifada“ gegen den globalen Imperialismus.

Die Unterdrückung der kurdischen Bevölkerung in der Türkei ist nach wie vor aufrecht. Welche Haltung nimmt Özgürder in dieser Frage ein?

Das kurdische Volk wird seit Jahrzehnten auf Grund seiner ethnischen Zugehörigkeit unter Druck gesetzt, assimiliert und verleugnet. Es ist eine Tatsache, dass das kurdische Volk mit seiner Jahrhunderte zurückreichenden Vergangenheit als unstreitige Realität des Landes zählt. Jedoch werden die Kurden trotz dieser Tatsache als „die anderen“ ausgegrenzt und diskriminiert. Sie werden nicht mal als Minderheit behandelt. Hieran wird sehr deutlich, dass die herrschende Nationalität alle Minderheiten in sich auflösen und sie somit ihrer natürlichen Rechte berauben will. Auch die im Rahmen der Beitrittsverhandlungen zur EU gemachten Zusicherungen im Hinblick auf Minderheitenrechte und die Verbesserung der allgemeinen Menschenrechtssituation werden nicht ausreichen, die Unterschiede zwischen der herrschenden Nation und den „anderen“ in ein gerechtes Miteinander zu verwandeln. Wenn mehr Gleichberechtigung und mehr Freiheiten für das kurdische Volk verlangt wird, gerät man sehr leicht als Vaterlandverräter ins Abseits.

Im Westen herrscht ein sehr negatives Islam-Bild in den Medien und auch bei einem Großteil der Bevölkerung vor, insbesondere hinsichtlich der Rolle der Frau. Das hat sich zuletzt bei der Debatte um das Kopftuch gezeigt. Bei Özgürder scheinen jedoch Frauen auch eine sehr aktive Rolle zu spielen. Können Sie diese Rolle beschreiben und die Vision des Islam zur Stellung der Frau aus der Sicht von Özgürder erläutern.

Im Verlauf der Geschichte ist die Frau zu einem Geschöpf zweiter Klasse abgestuft worden. Aus islamischer Sicht ist die Frau jedoch im Hinblick auf ihre Rechte und Pflichten gegenüber dem Mann gleichberechtigt. Jedoch bestehen zwischen Mann und Frau, die einander in Keuschheit begegnen müssen, Unterschiede, die aus ihrer natürlichen Veranlagung resultieren. Leider schenken die in traditionelle, vom Quran nicht bestätigte Vorstellungen verfallenen islamischen Gesellschaften der Frau bezüglich ihrer Verantwortung keine Beachtung. Die westliche Zivilisation behandelt die Frau als einen Gebrauchsgestand.
In den Antikriegsaktivitäten haben die Frauen eine besondere Stellung, der sie sich auf Grund ihrer Verantwortung gegenüber ihrem Schöpfer verpflichtet fühlen. Sie beteiligen sich an diesen Aktivitäten nicht, um sich einen weltlichen Vorteil zu verschaffen, sondern lediglich um das Wohlgefallen ihres Schöpfers zu gewinnen. Es geht ihnen lediglich darum ihrer menschlichen, natürlichen und islamischen Verantwortung gerecht zu handeln. Sie fühlen sich verpflichtet sich nicht nur gegen Kopftuchverbote zu erheben, sondern Vorbild zu sein im Bezug auf einen ungebrochenen Widerstand gegen Unterdrückung, Ungerechtigkeit, Diskriminierung und Ausbeutung jeglicher Art. Daher sind die Frauen auch bei den Aktivitäten gegen die Situation der politischen Gefangenen in den Gefängnissen des F-Typ, als auch bei allen anderen Veranstaltungen unverzichtbare Mitkämpfer.
Der Tyrann tyrannisiert die Welt nicht in einem bestimmten Bereich. Wenn er sich auf den Weg macht, die Welt zu tyrannisieren, so achtet er nicht auf das Geschlecht seiner Opfer. Beide, Mann und Frau sind Menschen. Der Mensch muss sich seinem Wert sowohl als Frau, als Mann bewusst sein und sich gegen jegliche Art von Unterdrückung, Tyrannei und Besatzung im innerlichen Zusammenschluss mit allen Menschen, die dieses Bewusstsein haben, erheben. Das schreibt uns unser Glaube vor.

In Deutschland arbeitet Özgürder im Menschenrechtsverein HDR mit. Seit dem 11. September 2001 hat in Europa, speziell in Großbritannien aber auch in Deutschland, die Repression gegen Moslems sehr stark zugenommen. Wie engagiert sich HDR um die Rechte der moslemischen Bevölkerung zu verteidigen?

Es ist das Grundrecht eines jeden Menschen, nach seinem Glauben zu leben und sich gegen jeden gegen seine Persönlichkeit und Identität gerichteten Angriff zu verteidigen. Die im Westen lebenden Muslime befinden sich in einer sehr schwierigen und bedrückenden Situation. Abgesehen von den alltäglichen Diskriminierungen und tätlichen Angriffen sind auch die meisten Nachrichten und Berichte über die Muslime bzw. den Islam negativ. Es ist allgemein bekannt, dass seit den 80er Jahren die rassistische und ausländerfeindliche Bewegung in Europa immer mehr an Zulauf gewinnt und sich spätestens seit den Angriffen des 11.September in einen islamfeindlich geprägten Rassismus verwandelt hat. Leider sind die Muslime nicht homogen. Den Muslimen obliegt es, sich noch stärker an ihren Glauben und Werten festzuhalten und in diesem Sinne eine noch größere Einsatz- und Widerstandsbereitschaft auszuüben. Mag sein, dass trotzdem das angestrebte Ziel von Freiheit und Gerechtigkeit nicht erreicht werden kann, aber eins ist sicher; Einsatz ist befreiend.
HDR hat nach den Anschlägen des 11.September einen Bericht über die gegen Muslime begangenen Menschenrechtsverletzungen in türkischer Sprache herausgebracht, es wurden Protestaktionen, Podiumsdiskussionen, Briefaktionen und Vorträge gehalten, mit denen man auf die ungerechte Behandlung der Muslime, die seit dem 11.September immer noch unter Generalverdacht gehalten werden, aufmerksam machen wollte. Sehr traurig dabei empfinden die Muslime die Tatsache, dass der weitaus größte Teil der europäischen Bevölkerung angesichts dieser Ungerechtigkeit gegenüber den Muslimen schweigt, obwohl man seit nunmehr über 40 Jahren miteinander lebt und ganz genau weiss, dass die Menschheit sich vor den Muslimen nicht zu fürchten braucht, wenn man sie nicht angreift. Wenn Muslime in der islamischen Welt sich gegen Ausbeutung, Unterdrückung, Ermordung, Vergewaltigung, politische Bevormundung und somit sich gegen den westlichen Imperialismus und die Führung der USA wehren, so ist dies ihr legitimes Recht, ja sogar ihre Pflicht. Warum stellt man sich nie die Frage, warum die Muslime in den islamischen Staaten angeblich so gewaltbereit sind, aber von den Muslimen in Europa kaum eine nennenswerte Gewalt ausgegangen ist? Warum fragt man sich im Westen nie, warum Staaten mit christlicher Bevölkerung (Polen, Tschechien, Slowakei, Lettland, Estland, Ukraine usw.) ohne Blutvergießen ihre Freiheit und Unabhängigkeit erhalten, während in Tschetschenien, Kashmir, Irak, Bosnien, Palästina usw. das Blut in Strömen fließt?
Es ist nicht auszuschließen, dass auch einige Gruppierungen der im Westen lebenden Muslime immer gewaltbereiter werden, wenn die Ungleichbehandlung der Muslime weiter anhält .Wenn sogar der europäische Gerichtshof für Menschenrechte sehr viele Fälle, bei denen es um die Rechte der Muslime geht, mit zweierlei Maß misst und gegen die Muslime entscheidet, darf man sich nicht wundern, wenn irgendwann auch einigen in Europa lebenden Muslimen der Kragen platzt. Dann wird es wieder heißen: „Die Muslime sind gewalttätig“. Aber wer dafür verantwortlich ist, interessiert keinen.

Vielen Dank für das Gespräch.