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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

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Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 16 November 2005

Der Gott der Hoffnung

Der Marxismus greift die christliche Eschatologie auf, säubert sie von den transzendenten, fatalistischen Aspekten, verankert sie in Gesellschaft und Geschichte und erzeugt damit eine subversive Kraft...


Im Oktober 2004 hat der italienische Marxist Moreno Pasquinelli dem Verleger Yurii Colombo ein Interview gegeben, das eine Reihe von Fragen der notwendigen Erneuerung des Marxismus anspricht. In dem wenig später bei GiovaTalpa erschienen Buch ist der Redaktion der bruchlinien das letzte Kapitel als besonders originell aufgefallen: Unter dem Titel „Der Gott der Hoffnung“ erfolgt eine differenzierte Betrachtung der Religion – zweifelsohne ein Bruch mit dem Mainstream des Linksradikalismus, der seit der französischen Revolution durch den radikalen Atheismus gekennzeichnet war. Wir veröffentlichen hiermit einen Auszug.

Marx hat einmal gemeint, Religion sei „Opium für das Volk“…

Marx hat viel zur Religion geschrieben, einiges sehr zutreffend, anderes weniger. Marx verstand zum Beispiel die gewaltigen Kämpfe, die Europa vom 11. bis zum 17. Jahrhundert erschütterten und die im Allgemeinen die Form religiöser Dispute annahmen, als soziale Kämpfe, als Klassenkämpfe. Und Marx ist es auch nicht entgangen, dass es zu den anthropologischen Konstanten des Menschen gehört, einen Sinn im Leben zu suchen, die „Wahrheit“ zu finden.
Das historische Faktum, dass man es für zweitausend Jahre mit einem tyrannischen und obskurantistischen Katholizismus zu tun hatte, hat die italienische Arbeiterbewegung (und nicht nur diese) mit einem radikalen Antiklerikalismus durchdrungen. Dennoch war der Antiklerikalismus auch der Träger eines Virus, nämlich eines bürgerlich-aufklärerischen Atheismus.
Man hat vergessen, dass in der Religiosität der Massen sich ein ursprüngliches Bedürfnis von Gerechtigkeit und Brüderlichkeit versteckt. Vor dreißig Jahren hat Ambrogio Donini gesagt: „Wie im Urchristentum finden sich in den zahlreichen messianischen Befreiungs- und Erlösungsbewegungen der kolonialen und unterdrückten Völker heute echte revolutionäre Strömungen, die auch dann noch wirken, wenn die Ziele der Gläubigen in eine jenseitige, illusorische oder gar reaktionäre Richtung gelenkt werden.“ Ein Abgrund trennt diese Ansichten von der aktuellen „Linken“, die völlig blind und herzlos geworden ist und das faschistische Paradigma des „Krieges gegen den Terrorismus“ zu dem ihren gemacht hat.
Bei Donino sehen wir eine wirkliche Vorahnung für den heutigen Aufstieg des Islam; nur dass viele Strömungen des „Djihadismus“ die ausschließlich jenseitige und transzendente Orientierung aufgegeben haben. Der Ruf zum „heiligen Krieg“ ist der Weg der Immanenz, der Geschichte.
Der aktivistische Islam von heute bricht mit dem fatalistischen Quietismus, der lähmenden Transzendenz. Der Angriff auf die imperiale Bestie erfolgt nicht um das Gewissen vor Gott zu beruhigen, oder Zuflucht im Jenseits zu suchen. Es geht darum, die aktuelle Gesellschaft umzuwälzen. Mit diesem äußerst modernen Islam kann man nun einverstanden sein, oder nicht, es ist in jedem Fall Fakt, dass er die globale Ordnung des Imperialismus stört.
Zurück zur Metapher des „Opium“. Wenn die politisch Gemeinschaft keine Antwort gibt, falls die Existenz, der Schmerz und das Leid ohne Sinn erscheinen, dann sucht der Mensch dennoch nach einem „Thelos“ einem Sinn-Ziel des Lebens, oder besser der Geschichte und er tut das auch über die Religion.
Ernst Bloch hat die gemeint, dass die religiöse Eschatologie (Heilslehre) Hoffnung ausdrückt, die Suche nach endgültiger Befreiung. Das ist eine Tendenz zur Utopie, die wir aufgreifen müssen, und die der Kommunismus in seiner besten Phase auch aufgegriffen hat, freilich ohne es je zuzugeben.
Die Suche nach einem Sinn des Lebens, auf die die Religion Antwort geben will, liegt in der menschlichen Natur. Der Stern des Kommunismus ist auch deswegen gefallen, weil er ab einer bestimmten Zeit aufgehört hat diese Antworten zu geben; weil er den Menschen missbraucht hat, vorgab ihn zu formen und neu zu schaffen, seine transzendenten Bedürfnisse verleugnend. Der kommunistische Aktivismus ist auch deswegen zurückgegangen, weil diese Art der kommunistischen Politik, diese Art Kommunist zu sein, weder Hoffnung gibt, noch existenziellen Sinn. Der Kommunismus ist zu einer kalten Rechnung geworden. Die Kommunisten haben vergessen, dass der Mensch keine biologische Maschine ist, sondern ein Wesen mit spirituellen Bedürfnissen. Ohne spirituellen Antrieb werden sich die Massen niemals in die Leiden einer Revolution werfen. Heute sehen wir nicht nur den Aufstieg des Islam, sondern auch den Aufstieg des christlichen Fundamentalismus in den USA und die Krise des laizistischen Zionismus in Israel. Ich glaube nicht, dass Europa immun gegenüber diesen Phänomenen ist.

Die Analyse Ernst Blochs enthält die Suche nach einem Punkt der Berührung zwischen Materialismus und „konkreter Utopie“. Glaubst Du nicht, dass diese immanetistische Eschatologie (weltliche Erlösungsvorstellung) am Ende Zugeständnisse an die konkreten Notwendigkeiten machen wird? Ich denke da an das Drama des kommunistischen Totalitarismus, von Stalin bis Pol Pot, dass das Verhältnis von Mitteln und Zielen wieder gebrochen wird, dass der humanistische Zug der Revolution verloren geht?

Aber der Berührungspunkt zwischen Materialismus und „konkreter Utopie“ ist ja nicht theoretisch, sondern spielt sich auf der realen Welt ab, innerhalb der sozialen Auseinandersetzung, der Klassenkämpfe. Diese überwinden die Motive, wegen derer sie begonnen wurden, weil in ihnen die Gemeinschaft, der Kommunismus vorweggenommen wird. Hier gibt es ein Problem, wenn der Kommunismus es verabsäumt die Utopie in die sozialen Kämpfe hineinzutragen, sie auf die reine Politik beschränkt und rationalisiert. Die Politik ist nicht alles, sie ist nicht Anfang und Ende des sozialen und gemeinschaftlichen Handelns. Das Scheitern des Kommunismus des 20. Jahrhunderts ist auch die Trennung von Utopie und Politik, oder tatsächlich die Degeneration der revolutionären Politik in „Realpolitik“.
Bloch hat in seinem „Prinzip Hoffnung“ im Wesentlichen Recht: Der Mensch hat ein Bedürfnis nach Utopie, die Unterdrückten hungern danach. Die Gegenwart ist, was wir sind. Die Vergangenheit gibt es nicht mehr, aber sie lebt in uns weiter, ohne sie könnten wir auch nicht sein, wer wir sind. Aber es existiert auch die Zukunft, eine Erwartung, die in uns ebenso real ist. In dem Moment, wo wir versuchen diese Erwartungen zu beeinflussen, versuchen wir die Geschichte in eine Richtung zu lenken – statt einer anderen, also versuchen wir dem Leben Sinn zu geben. Transzendenz und Immanenz treffen sich, fallen in Eines.
Dem Mensch reicht es nicht zu existieren, er fragt sich nach dem Warum dieser Existenz. Der Kapitalismus hat keine befriedigende Antwort. Er schlägt entweder einen nihilistischen Relativismus vor, einen sinnentleerten Hedonismus, oder einen christlichen Fundamentalismus, der sich in Richtung eines extrem reaktionären Obskurantismus bewegt.
Wir haben vom biologischen Menschen gesprochen, jenem aus Fleisch und Blut. Auch hier hat die Religion ein außergewöhnliches Element: die Kraft des Glaubens. Der Glauben ermöglicht es den Individuen über sich hinaus zu wachsen, sich Ziele zu setzen, die über die reine materielle und biologische Existenz hinausgehen, er erlaubt es an etwas teilzuhaben, das über die biologische Existenz hinausgeht. Wenn wir das verstehen, dann kann der Marxismus wieder erstehen, wenn nicht, dann wird er verschwinden.
Wenn man so will, dann war der Kommunismus eine verweltlichte und nicht-klerikale Form einer eschatologischen Tendenz, die es in der gesamten Menschheitsgeschichte gegeben hat. Nach einer Zeit hat er seine Seele verloren und wurde zu einem klerikalen und militarisierten System.
Jeder Mensch muss mit dem Tod, dem Schmerz, der Tragödie umgehen. Der Materialismus hat daher Schwachpunkte, wenn er sich darauf beschränkt von sozialen Strukturen, Klassenkämpfen und Produktivkräften zu sprechen. Die existenziellen Spannungen lassen sich nicht beseitigen. Aus diesem Grund ist die Religion nicht ein vorübergehendes Phänomen, oder reine Ideologie, sondern erneuert sich beständig.
Es gibt die etwas abgenützte Formulierung von Pascal, mit der er Descartes und auch Spinoza in Diskussion stellt: „Das Herz hat seine Gründe, die die Vernunft nicht kennt.“ Wir sind zu stark geprägt vom cartesianischen Geist, vom aufklärerischen Rationalismus. Das müssen wir überwinden, Descartes und der aufklärerische Rationalismus sind Programm des Kapitalismus. Es geht nicht darum, dem Rationalismus den Irrationalismus entgegenzustellen, sondern darum den Rationalismus in einem Meta-Rationalismus aufzuheben. Überwunden muss die illusorische Dichotomie Materialismus-Idealismus werden, denn, wie der junge Marx angemerkt hat, der Idealismus ist die Grundlage des Aktiven, Subjektiven, wirklich Revolutionären.
Noch einmal zurück zum Islam: Der heutige Islam ist tatsächlich auch eine Antwort auf die Krise des europäischen Materialismus und Rationalismus (der Amerikanismus ist dabei eine Degeneration dieser Tradition, ein Zeichen der Auflösung). Und diese Antwort ist keine quietistische Flucht aus der Realität, sondern aggressiv, ein totales Gegenmodell zum westlichen Imperialismus. Wir sehen, dass der Glaube ein entscheidendes Element für die politische Aktivität der Islamisten ist. Wenn wir nicht den gleichen Glauben, die gleiche Zuversicht in den schlussendlichen Sieg aufbringen, dann wird es uns niemals gelingen die kommunistische Bewegung wieder zu errichten. Der Marxismus greift die christliche Eschatologie auf, säubert sie von den transzendenten, fatalistischen Aspekten, verankert sie in Gesellschaft und Geschichte und erzeugt damit eine subversive Kraft.

Aber ein „kommunistischer Glaube“ kann ja nicht „geschaffen“ werden, das braucht Zeit, nach dem Zusammenbruch des 20. Jahrhunderts. Kann man nicht in Versuchung kommen in Nihilismus und Existenzialismus zu verfallen, in die „Revolution um der Revolution willen“ und der „Subversion um der Subversion willen“?

Tatsächlich lässt sich Glaube nicht „schaffen“, geschaffen werden Kulte und Riten. Der Glaube existiert mit dem Menschen, während die Kulte geschichtlich bedingte Überbauphänomene sind. Ein weiteres Problem des Kommunismus des 20. Jahrhunderts ist, dass es verabsäumt wurde tatsächlich mit dem Nihilismus abzurechen – das Problem wurde einfach auf die Seite geschoben, indem man die dämliche Behauptung aufstellte Nietzsche sei ein Protofaschist gewesen. Nietzsche ist tatsächlich nur die extreme Konsequenz der skeptizistischen Zerstörung der christlichen Moral und Ethik, des Rationalismus und der Aufklärung. Wie Heidegger gesagt hat, Nietzsche ist der authentischste Prophet der bürgerlichen Modernität. Der Nihilismus hat gewonnen, in dem Sinne, in dem die wirkliche Zivilreligion des Kapitalismus die Vergötzung der Technik und Naturwissenschaft geworden ist. Der Nihilismus lebt im kokainsüchtigen Bürger, der behauptet, dass das Leben keinen Sinn hätte, jenseits des eigenen Deliriums der Allmacht. Aber welchen Ausweg kann der Nihilismus liefern? Nietzsche sagt „Gott ist tot“. Heute können wir sagen, dass Nietzsche stirbt, der Gott der Hoffnung aber lebt.

Aus: Moreno Pasquinelli, Politicamente Scorretto, I comunisti nella guerra imperialista di civilta, Milano 2004