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Nr. 15 Juni 2005

Go West

Der Marshall-Plan und die 2. Republik


Von 17. März bis 2. Oktober 2005 beteiligt sich auch das Technische Museum in Wien am Jubiläumsjahr 2005 mit einer Ausstellung. Mit dem Titel „Österreich baut auf“ werden verschiedene Exponate zum Marshall-Plan ausgestellt. Wer eine kritische Auseinandersetzung mit diesem Thema erwartet wird dort enttäuscht. Es wird die Erfolgsgeschichte eines Aufbauplanes erzählt, der Österreich aus dem geschichtlichen Morast half. Grund genug, sich mit der Geschichte des Marshall-Plans zu befassen. Aus welchen Bedingungen entsprang das European Recovery Programm (ERP), welche Zielsetzungen verfolgte es und welche Konsequenzen hatte dieser Plan für die Linke?

Obwohl die Lieferungen des ERP schon seit 53 Jahren ausgelaufen sind, hat es auch heute noch eine Relevanz. Im Geschichtsbewusstsein der Österreicher hat der Marshall-Plan einen hohen Stellenwert. Ohne Hilfe der Amerikaner hätte man niemals den Wiederaufbau geschafft, so ist oft von Zeitzeugen zu hören. Dieser Mythos des Marshall-Plans wird nicht zuletzt durch Ausstellungen wie jener im Technischen Museum gespeist.
Politisch bedeutete das ERP die Herstellung einer amerikanischen Hegemonie auf dem europäischen Kontinent (1). Diese Form der Einflussnahme, ihr spezifischer ökonomisch-politischer Mechanismus wurde lange Zeit als Modell für Entwicklungshilfe schlechthin betrachtet (2). Darin liegt aber auch die aktuelle Bedeutung des ERP: Die amerikanische Politik auf dem europäischen Kontinent hatte hier einen ihrer Ursprünge. Wenn wir also von der amerikanischer Hegemonie, vom amerikanischen „Imperium“, wie sich die Neokonservativen selbst bezeichnen, sprechen, dann müssen wir eben diese „Aufbauhilfe“ der Amerikaner mit berücksichtigen. Auch die Neutralitätsdebatte in Österreich erhält durch die Beschäftigung mit dem Marshall-Plan eine interessante Komponente. Die österreichische Neutralität hatte sich immer nur auf eine militärische Ebene bezogen. Wirtschaftlich, politisch und kulturell orientierte es sich nach dem Zweiten Weltkrieg immer mehr an den USA. Die Aufgabe der militärischen Neutralität würde lediglich auf militärischer Ebene vollenden, was nach 1947 sukzessive auf allen anderen Ebenen schon vorbereitet wurde.

Das ERP

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Europa verwüstet durch die Herrschaft der faschistischen Machthaber. Die Infrastruktur war zerstört und die Versorgung der Bevölkerung konnte nur schwer gewährleistet werden. Die Form der Kriegsbewirtschaftung, welche von den Nazis errichtet wurde, musste auch noch in den unmittelbaren Nachkriegsjahren aufrecht erhalten werden. Das bedeutete für die Konsumenten, dass sie eine bestimmte Ration von Lebensmittel in Form von Lebensmittelmarken erhielten. Die Ernährungssituation war derart prekär, dass in den schlimmsten Zeiten nur eine tägliche Ration von etwa 500 kcal zur Verfügung stand (3). Erst am 10. November 1946 konnte wieder eine tägliche Ration von 1550 kcal zur Verfügung gestellt werden (4). Die Problematik der Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln hatte eine tiefe soziale Sprengkraft. Als beispielsweise im Winter 1946/47 die Versorgung wieder schlechter wurde kam es zu Demonstrationen, auf denen es zu Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und Demonstranten gekommen ist. Diese sogenannten Hungerdemonstrationen konnten zwar nicht die herrschende Ordnung gefährden, doch sie zeigten deutlich das Vorhandensein antagonistischer Kräfte.
In der ersten Phase nach der Befreiung Österreichs liefen verschiedene Hilfsaktionen an, um die Versorgung mit Lebensmittel zu gewährleisten. Aus den USA kamen CARE-Pakete, im Rahmen der UNO startete das Programm der United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA) und auch kleinere Länder wie etwa die Schweiz starteten Hilfsprogramme. Das wesentliche Problem war jedoch nicht nur die Versorgung mit Lebensmittel, sondern auch der Wiederaufbau der Wirtschaft. Die entscheidende Frage war, unter welchen politischen Bedingungen dieser Wiederaufbau gestaltet werden sollte.
Aus dem Zweiten Weltkrieg ging eine bestimmte Kräftekonstellation hervor, welche die Bedingungen des Wiederaufbaus in Europa bestimmte. Die alten Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich waren deutlich geschwächt. Großbritannien musste nicht zuletzt befürchten, durch einen Staatsbankrott überhaupt ins politische Abseits zu geraten. Die USA gingen jedoch auf allen Ebenen als Kriegsgewinner hervor. Da die Vereinigten Staaten kaum direkte Kriegsschäden auf ihrem eigenen Territorium zu verzeichnen hatten, wurde die Wirtschaft nicht in ihrer Dynamik gebremst. Im Gegenteil: Durch die Ankurbelung der Kriegsproduktion profitierten auch andere Wirtschaftszweige, die mehr oder weniger vermittelt mit diesem Bereich verbunden waren. Auf der politischen Ebene konnten sich die USA endgültig als weltweite Supermacht etablieren. Die Sowjetunion hingegen hatte schwere Kriegsverluste zu verkraften. Auf militärischer und politischer Ebene konnte sie jedoch einen Großmachtstatus beanspruchen.
Für die USA gab es mehrere Gründe, warum der Wiederaufbau Europas von solch entscheidender Bedeutung war. Für das US-amerikanische Kapital stellte die zerstörte europäische Wirtschaft ein ernstes Hindernis für die Wiederherstellung geeigneter Verwertungsbedingungen im internationalen Maßstab dar (5). Durch den Aufbau einer funktionierenden Geld- und Warenzirkulation sowie durch den Aufbau internationaler Produktionsbeziehungen sollten die Akkumulationsbedingungen des amerikanischen Kapitals verbessert werden. Das bedeutet aber, dass der sogenannte Wiederaufbau Europas nie unter dem ausschließlichen Blickwinkel einer Rekonstruktion des europäischen Kapitals, sondern in der Perspektive der Verwertungsinteressen des amerikanischen Kapitals gestaltet wurde.
Gleichzeitig verschoben sich in bestimmten Regionen Europas die Kräfteverhältnisse zugunsten linker Kräfte. In verschiedenen Nachkriegsregierungen, wie etwa in Italien, Frankreich und Österreich, waren kommunistische Minister vertreten. Aus der Perspektive der USA war es notwendig, die kommunistischen Kräfte in Europa zu marginalisieren. Dafür musste jedoch eine wirtschaftliche Grundlage geschaffen werden. Deswegen wird der Marshall-Plan oftmals, vor allem aus fortschrittlicher Perspektive, als eine Truman-Doktrin auf wirtschaftlicher Ebene analysiert (6). Die Frage des Wiederaufbaus Europas war also eng mit der politischen Fragestellung verknüpft, welche Kräfte man in Europa unterstützen und welche ins Abseits drängen will.
In der Diskussion in den USA gab es verschiedene Konzepte für den Wiederaufbau. Neben dem traditionellen Isolationismus wurde diskutiert, ob man den Aufbau innerhalb der UNO oder außerhalb davon ausgestalten sollte (7). Diese Fragestellung befasste sich im Kern mit dem Verhältnis zur Sowjetunion, da im Rahmen der UNO die Sowjetunion bei diesem Projekt eingebunden gewesen wäre. Gerade deswegen entschied man sich für ein Wiederaufbauprogramm außerhalb der UNO, um nicht in dieser Fragestellung mit der Sowjetunion kooperieren zu müssen.
Am 5. Juni 1947 hielt der Außenminister der USA, George C. Marshall, eine Rede auf der Harvard-Universität (8). In dieser Rede stellte er das Programm des Wiederaufbaus für Europa vor. In der Forschung wird die Frage diskutiert, ob es sich bei der Entwicklung des ERP um eine zielgerichtete Strategie handelte oder ob es ein Flickwerk geblieben ist, welches aus ganz konkreten Erfordernissen gewachsen ist (9). Dies ist nicht der Platz, diese Frage im Detail zu diskutieren, doch sei hier nur angemerkt, dass politische Dynamiken nicht immer bewusst von ihren eigenen Akteuren wahrgenommen werden müssen. Die Frage, ob die US-Administration nun die oben genannten Zielsetzung bewusst verfolgt hatte oder nicht, berührt nicht unbedingt die Frage, ob die politische Praxis der USA danach ausgerichtet war.
Die Funktionsweise des ERP war relativ geschickt aufgebaut. Der US-Staat kaufte von US-Firmen v.a. landwirtschaftliche Produkte. Diese Produkte wurden den europäischen Staaten entweder als Geschenk oder als Kredit zur Verfügung gestellt. Der jeweilige europäische Staat verkaufte diese Produkte, wobei er die damit gewonnenen Mittel auf ein Sonderkonto einzahlte. Über diese sogenannten Counterpart-Mittel konnte nur in Abstimmung mit den US-Behörden verfügt werden. Dazu wurde eine eigene Behörde, die Economic Cooperation Administration (ECA), geschaffen. Das bedeutete aber, dass die USA, vermittelt über die ECA und über die Counterpart-Mittel, wesentlichen Einfluss auf die europäische Wirtschaft besaßen.
Mit dieser Funktionsweise des ERP konnten die USA verschiedene wirtschaftliche Zielsetzungen miteinander verbinden. Zunächst einmal wurde der Warenexport aus den USA nach Europa gesteigert. V.a. im landwirtschaftlichen Bereich befürchteten die USA eine drohende Überproduktion. Diese konnte durch diesen enormen Export abgewendet werden. Gleichzeitig wurde mit dem Warenexport aber ein Kapitalexport verknüpft, denn die landwirtschaftlichen Produkte, die von der US-Regierung exportiert wurden, verwandelten sich durch den Verkauf in Counterpart-Mittel und damit in Geldkapital. Da die USA durch politische Einflussnahme mittels der ECA über den Ankauf von Investitionsgüter entscheiden konnte, wurde der Warenexport aus den USA nach Europa zusätzlich gesteigert. Durch die technische Ausrüstung der europäischen Betriebe mit amerikanischer Technologie entstand eine langfristige Abhängigkeit, da die Investitionsgüter mit einem bestimmten Know-How und technischer Wartung verknüpft waren.

Österreich und das ERP

Von 1945 bis 1956 hatte Österreich insgesamt 1,585 Milliarden US-Dollar Auslandhilfe erhalten, davon kamen 87 Prozent aus den USA. Die geschätzten Kriegsschäden in Österreich betrugen jedoch 1,250 Milliarden US-Dollar. Damit überstiegen die ausländischen Lieferungen die geschätzten Kriegsschäden. Pro Kopf zählte Österreich damit zu den zweithöchsten Empfängerstaaten (10). Diese Zahlen verdeutlichen, welche Bedeutung die USA für den Wiederaufbau in Österreich hatte. Diese Rolle der Vereinigten Staaten in der wirtschaftlichen Rekonstruktion wurde auch politisch umgesetzt. Durch diese Waren- und Kapitalflüsse untermauerten sie den Aufbau einer politischen Hegemonie in Westeuropa.
Die volkswirtschaftliche Bedeutung des ERP für Österreich ist relativ ambivalent. 1949 stammten 7-18 Prozent des BIP aus ERP-Mittel. Ende der 1940er Jahre stammten 60 Prozent der Nettoinvestitionen in Österreich aus Counterpart-Mitteln (11). Obwohl der Anteil am BIP deutlich zeigt, dass die österreichische Wirtschaft einen selbstständigen Erholungsprozess startete, zeigt der Anteil der Investitionen umgekehrt, dass die USA großen Einfluss durch Kapitalimport ausübten. In der Forschung ist die wirtschaftliche Bedeutung des Marshall-Plans umstritten. Gerade um gegen den Mythos des Marshall-Plans anzukämpfen, stellten Forscher immer wieder die These auf, dass die Volkswirtschaften den Wiederaufbau auch ohne amerikanisches ERP geschafft hätten. (12). Auch die Ausstellung im Technischen Museum folgt dem Marshall-Plan-Mythos. Auf verschiedenen Schautafeln soll eindrucksvoll die wirtschaftliche Bedeutung der ERP vermittelt werden. Eine genauere, kritischere Auseinadersetzung mit dem Material fehlt jedoch.
Aus österreichischer Perspektive ist hervorzuheben, dass parallel zur wirtschaftlichen Anbindung an die USA durch das ERP die politischen Verhandlungen um den Staatsvertrag verliefen. Neben der wirtschaftlichen Ebene ist für die Analyse des Marshall-Plans auch die politische Orientierung Österreichs im Spannungsfeld des Kalten Krieges interessant.
Die grundsätzliche Position der Amerikaner in den Verhandlungen war, dass der Abschluss des Staatsvertrags solange verschleppt werden sollte, bis sich die Kräfteverhältnisse allmählich zu ihren Gunsten verschoben hatten. Während die Alliierten um eine politische Einigung rangen, bauten die USA langsam eine Hegemonie auf wirtschaftlicher Ebene durch das ERP auf. Im Verhandlungsprozess versuchte die Sowjetunion noch einmal Stärke zu beweisen, indem sie eine Verknüpfung des Deutschlandproblems mit dem Staatsvertrag versuchte. Diese Verhandlungsstrategie war jedoch wenig erfolgversprechend. Als letzter politischer Ausweg blieb ihr nur mehr die militärische Neutralität Österreichs. Doch selbst die Forderung nach Neutralität konnte nicht ohne Weiteres gegenüber den Amerikanern durchgesetzt werden. Nach Äußerungen des amerikanischen Generals Mark Clark, Kommandierender der amerikanischen Streitkräfte in Österreich, sollte Österreich als militärischer Brückenkopf dienen. „Österreich ist für die Vereinigten Staaten ein Brückenkopf auf dem Wege nach dem Nahen Osten und nach Osteuropa.“ (13). Die militärische Neutralität hat diesem Konzept jedoch widersprochen. Letztendlich konnte die militärische Neutralität in den Verhandlungen vereinbart werden und somit der Weg für einen Staatsvertrag geebnet werden.
Betrachtet man nun den Marshall-Plan im politischen Kontext jener Zeit, dann muss man feststellen, dass die USA mit diesem Mittel die Kräfteverhältnisse für sich entscheiden konnten. Während sie auf der wirtschaftlichen Ebene allmählich eine Hegemonie aufbauen konnten, wurden die Verhandlungen zum Staatsvertrag so lange verschleppt, bis sie diesen wirtschaftlichen Erfolg politisch für sich umsetzen konnten. Die einzige Errungenschaft, welche die Sowjetunion in Bezug auf Österreich erkämpfen konnte, war die Errichtung des Neutralitätsstatus. Diese Neutralität bezog sich aber von Anfang an nur auf eine militärische Ebene und wurde parallel dazu unterlaufen mit der wirtschaftlichen (ERP) und politischen (OEEC) Anbindung an die USA.

Der Marshall-Plan und die Linke

Zu Beginn des Marshall-Plans war die Kommunistische Partei noch unentschlossen, wie sie sich verhalten sollte. Der Minister der KPÖ in der Regierung Figl-Schärf, Altmann, stimmte im Ministerrat noch der Teilnahme Österreichs an der Pariser Eröffnungskonferenz 1947 zu. Nach eingehendem Studium des Vorschlages kam man jedoch zur Einsicht, dass der Marshall-Plan eine langfristige Abhängigkeit von den USA erzeugen würde. Politisch war das ERP immer deutlicher gegen die kommunistischen Kräfte in Westeuropa gerichtet. Eine Teilnahme wurde daher immer unwahrscheinlicher. Parallel zum Verlauf des Marshall-Planes kam es zu einer politischen Marginalisierung der kommunistischen Kräfte in Westeuropa. Sowohl in Italien als auch in Frankreich wurden die kommunistischen Minister aus den Regierungen ausgegrenzt. In Österreich hat sich die KPÖ nach der Währungsreform von 1947 selbst in die Opposition begeben. Diese politische Entwicklung der Marginalisierung der KPs verstärkt den Eindruck, dass es sich beim Marshall-Plan um eine ökonomische Form der Truman-Doktrin handelte. Doch gleichzeitig mit der Marginalisierung im politischen System verstärkte sich die Position der kommunistischen Kräfte im außerparlamentarischen Bereich. Die Hungerdemonstrationen in Österreich im Winter 1946/47 wurden vor allem von der KPÖ organisatorisch unterstützt. Diese Demonstrationen richteten sich gegen die Regierung von ÖVP und SPÖ, die unfähig war, die Ernährungsversorgung zu verbessern. Im Rahmen dieser Demonstrationen kam es auch zu militanten Auseinandersetzungen.
Zu Beginn der Zweiten Republik gab es also soziale Probleme, die eine gewisse politische Sprengkraft besaßen. Für die herrschenden Kräfte war es notwendig, den Konflikten diese Sprengkraft zu nehmen. Der Marshall-Plan war dafür ein probates Mittel. Gleichzeitig gestaltete er einen wirtschaftlichen Aufbau, der letztendlich auch die materielle Besserstellung der Arbeiterklasse gewährleisten sollte. Damit sollten die unterdrückten Klassen wirtschaftlich integriert werden, denn nur dadurch ist die Herstellung auch einer politischen Hegemonie zu gewährleisten. Gleichzeitig mit der Entschärfung der sozialen Konflikte forcierten sie aber eine Marginalisierung der linken Kräfte.
Für die KPÖ stellte sich also die Frage, wie man mit dem ERP umgehen sollte. Nach anfänglichen Zögern stellte eine wirtschaftspolitische Kommission beim ZK der KPÖ einen Gegenvorschlag auf. (14). Doch leider erfasste diese Kommission das Wesen des ERP nicht zur Gänze. In ihrer Analyse ging sie davon aus, dass das ERP dazu diene, die österreichische Wirtschaft auszutrocknen. Begründet wurde diese Analyse durch die richtige Tatsache, dass das ERP Österreich mit landwirtschaftlichen Produkten beliefere, die Österreich erstens selber herstellen könne und zweitens bei anderen Lieferanten billiger kaufen könne. Es wurde argumentiert, dass durch die ausländischen Lieferungen der Aufschwung der österreichischen Wirtschaft verhindert werde. Doch dabei übersah die Kommission, dass gleichzeitig durch die Counterpart-Mittel große Investitionen getätigt werden sollten, welche die österreichische Wirtschaft tatsächlich ankurbeln sollten. Diese Analyse führte zwar zu dem richtigen Ergebnis, dass damit eine Abhängigkeit zu den USA entstehen würde. Gleichzeitig kam man aber zu der bedenklichen Schlussfolgerung, dass die österreichische Wirtschaft verkümmern und das Proletariat verarmen würde.
Doch gerade das Gegenteil war der Fall. Durch den Marshall-Plan, oder zumindest durch dessen Initiative, setzte sich eine Nachkriegskonjunktur in Gang, welche einen gesellschaftlichen Reichtum erzeugte, der letztendlich auch Umverteilungsmechanismen zugunsten der Arbeiterklasse ermöglichte. Diese Umverteilungsmaßnahmen sollten eine politische Ordnung im Sinne der USA gewährleisten. Das Jahr 1950 war in dieser Perspektive eine Ausnahme. Aufgrund der Vorgaben der amerikanischen Behörden für gewisse wirtschaftliche Eckdaten musste ein Preis-Lohn-Abkommen geschlossen werden. Dieses Abkommen zielte darauf, die Löhne niedrig zu halten und die Preise kontrolliert zu erhöhen. Der Zweck dieses Abkommen war es, das hohe Preisniveau beizubehalten, ohne eine Preis-Lohn-Spirale in Gang zu setzen. Damit konnten die Unternehmer ihre steigenden Profite realisieren. Dieses Abkommen zwischen der Regierung, Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbänden stieß auf heftigen Protest in der Arbeiterschaft. Es kam zu einer heftigen Streikbewegung gegen die Gewerkschaftsspitze, da diese dem Abkommen zustimmte, ohne vorher über demokratische Mittel die Meinung der Basis einzuholen. Diese Streikbewegung wurde deswegen von der Gewerkschafts- und SPÖ-Spitze als kommunistischer Putschversuch denunziert (15). Gar nicht oft genug kann auf das „Verdienst“ des Gewerkschaftsführers der Bau- und Holzarbeiter Franz Olah hingewiesen werden, der mit seinen brutalen Schlägertrupps gegen Streikende vorging.
Doch dieser Streik 1950, der sich möglicherweise zu einer Krise des Marshall-Plans und damit zu einer Krise der amerikanischen Hegemonie ausweiten hätte können, blieb nur eine Episode der Geschichte. Die kommunistischen Kräfte wurden immer weiter ins Abseits gedrängt. Doch anstatt diese fundamentale Oppositionsrolle anzuerkennen, wurde noch sehr lange an einer Volksfrontkonzeption, also an einem Bündnis mit Teilen der SPÖ und der ÖVP, festgehalten.
Der langfristige Aufbau der österreichischen Wirtschaft ermöglichte auch die politische Integration der Arbeiterklasse und die Marginalisierung antagonistischer Kräfte. Damit wurde letztendlich eine amerikanische Hegemonie aufgebaut, in jenem umfassenden Sinne, wie Gramsci diesen Begriff gebrauchte. Denn um sich in einen herrschenden Konsens zu integrieren, müssen den unterdrückten Klassen auch reale materielle Anreize geboten werden. Die unterdrückten Klassen müssen selbst eine Zukunftsperspektive in der herrschenden Ordnung erkennen, damit sie sich darin integrieren. Die Analyse des ERP als Austrocknung und Verelendung der österreichischen Wirtschaft verstellte die Sicht auf die wahren Gefahren des Marshall-Plans: die politische und materielle Integration der Arbeiterklasse.

Sebastian Baryli, Wien Mai 2005


1. Vgl. Axt, Hans-Jürgen; Deppe, Frank: Der Marshall-Plan und die Anfangsphase der westeuropäischen Integration. Vier Gegenthesen. In: Haberl, Othmar Nikola; Niethammer, Lutz (Hrsg.): Der Marshall-Plan und die europäische Linke. Frankfurt am Main 1986, S. 464.
2. Vgl. Haberl, Othmar Nikola; Niethammer, Lutz: Einleitung. In: dies. (Hrsg.): Der Marshall-Plan und die europäische Linke. Frankfurt am Main 1986, S. 12f.
3. Vocelka, Karl: Geschichte Österreichs. Kultur – Gesellschaft – Politik. Graz, Wien, Köln 2000, S. 318.
4. Vgl. Sandgruber, Roman: Ökonomie und Politik. Österreichische Wirtschaftsgeschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Wien 1995, S. 450. (= Österreichische Geschichte. 10)
5. Vgl. Axt, Deppe a.a.O., S. 468.
6. Vgl. u.a. Ehmer, Josef; Herzog, Rupert: 1945-1955. Von der Befreiung bis zum Staatsvertrag. In: Historische Kommission beim ZK der KPÖ: Die Kommunistische Partei Österreichs. Beiträge zu ihrer Geschichte und Politik. 2. durchgesehene Aufl. Wien 1989, S. 361, 368ff.
7. Vgl. Lackner, Helmut: Österreich baut auf. In: Forum. Magazin Technisches Museum Wien, 2005, H 1, S. 6.
8. Einen Teil dieser Rede kann man im Internet abrufen. Auf der Staatsvertragsseite der Mediathek unter www.staatsvertrag.at ist dieses Dokument zu finden.
9. Vgl. Gimbel: John: Die Entstehung des Marshall-Plans. In: Haberl, Othmar Nikola; Niethammer, Lutz (Hrsg.): Der Marshall-Plan und die europäische Linke. Frankfurt am Main 1986, S. 25ff.
10. Vgl. Sandgruber a.a.O., S. 452.
11. Vgl. Sandgruber a.a.O., S. 453.
12. Vgl. Haberl, Niethammer a.a.O., S. 12f.
13. Zit. nach Fischer, Ernst: Das Ende einer Illusion. Erinnerungen 1945-1955. Wien, München, Zürich 1973.
14. Vgl. Wirtschaftspolitische Kommission beim ZK der KPÖ: Der Weg zum Wohlstand. Ein österreichischer Wirtschaftsplan. Wien o.J. [1948].
15. Vgl. Migsch, Alfred: Anschlag auf Österreich. Ein Tatsachenbericht über den kommunistischen Putschversuch im September-Oktober 1950. Wien o.J.