Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 15 Juni 2005

Einheit und Spaltung

Die inszenierten Wahlen konnte das US-Marionettenregime nicht stabilisieren, zeigen aber auch die Schwächen des Widerstands


Wahlen – letztes Mittel der Besatzung

Nach zwei Jahren der Besatzung sind alle Anstrengungen der USA, ihr Marionettenregime zu stabilisieren als gescheitet zu betrachten. Die Widerstandsbewegung ist nicht nur militärisch stark geblieben, sondern übt in der Bevölkerung beträchtlichen Einfluss aus.
An den Oberläufen des Euphrat und Tigris und in der sunnitischen Bevölkerung im Allgemeinen, wo traditionelle Familien- und Clanbeziehungen stärker erhalten geblieben sind, genießt der Widerstand überwältigende Zustimmung. Sie stellt die Grundlage für Volksaufstände dar, wie sie sich in Falludscha, Ramadi, Samarra, Baquba und sogar in Teilen der Metropolen Mosul und Bagdad entfalteten. Ein anderer unverkennbarer Beweis der Stärke des Widerstands ist der totale Boykott der Wahlen. In dieser Sektion der irakischen Bevölkerung kann der Widerstand sogar auf die Unterstützung weiter Teile der Mittelklassen sowie der sozialen Eliten zählen, die ihrer historischen Rolle im Staatsapparat verlustig gegangen sind.
Aber auch die städtische Armut und der Süden, beide überwiegend schiitisch, lehnen die Besatzung ab. Dennoch erweist sich der militärische Widerstand in diesem Segment als deutlich schwächer. Er verfügt weder über systematischen noch dauerhaften Charakter. Indes kam es zu zwei Aufstandbewegungen, einer im April 2004, die mit der Schlacht um Falludscha zusammenfiel, und einer zweiten im August 2004 in Nadschaf. Beide konnten eindrucksvolle Unterstützung mobilisieren und sind als politischer Erfolg zu werten. Militärisch erwiesen sie sich allerdings als unhaltbar. Deren Führung um Muqtada al-Sadr blies zum Rückzug und rief seine Unterstützer zur Abgabe der Waffen auf – so den politischen Erfolg wieder relativierend. Diese Schwankungen charakterisierten die Bewegung von al-Sadr von Beginn der Besatzung an. Das drückt sich unter anderem in der Tatsache aus, dass Muqtada nicht zum Wahlboykott aufrief. Einige seiner Leute kandidierten sogar auf der von al-Sistani ins Leben gerufenen Liste, freilich ohne Muqtadas öffentliche Unterstützung.
Ihrem aggressiven und offensiven Geist entsprechend unternahmen die herrschenden Neokonservativen in den USA den Versuch, diese zwei Hauptkomponenten des Widerstands mit roher militärischer Gewalt auszuschalten. So sollten die Bedingungen für eine anschließende integrative politische Operation geschaffen werden, die die Kooptierung von Teilen der traditionellen Eliten sowie ihre ins Volk reichenden Einflusssphären ins Regime bezweckte. Die erste Militäraktion fand im April 2004 statt. Fast gleichzeitig wurde Falludscha belagert und Muqtadas Bewegung provoziert. In vereinigter Abwehr der Attacke flossen die zwei Widerstandsströmungen zusammen, welches den Weg zum ersten allgemeinen Volksaufstand in rund einem Dutzend Städten ebnete. Politisch ging der Widerstand aus dem Konflikt überaus gestärkt hervor, während er militärisch keine größeren Verluste einzustecken hatte. Damit konnten die Vorbedingungen für den so genannten „Machttransfer“ nicht hergestellt werden. Dieser konnte die politische Isolierung des von den USA eingesetzten Regimes nicht aufheben und lief somit ins Leere.
In Washington verstand man – einschließlich der neokonservativen Falken –, dass nur mehr die Abhaltung von Wahlen ihrem Regime die dringend nötige Legitimität geben könnte. Andernfalls riskierten sie seinen völligen Zerfall. So konnte der Forderung weiter Teile der schiitischen Bevölkerung und insbesondere ihres Mittelschichtenanteils entgegen gekommen werden. Während letztere es leid sind von jeglicher politischer Partizipation ausgeschlossen zu bleiben, so wie es auch schon unter Saddam der Fall war, richten sie sich gleichzeitig gegen eine Eskalation des Befreiungskampfes. Sie folgen der klerikalen Führung um Ayatollah al-Sistani, der für eine Verhandlungslösung mit den USA steht. Die Ayatollahs wissen die feste Unterstützung Teherans im Rücken, das den antiimperialistischen Volkswiderstand fürchtet. Das Problem dieses soziopolitischen Blocks bleibt, dass Washington den Einfluss, den die Geistlichkeit auf die Staatsgeschäfte zu erlangen wünscht und dessen sie bedarf um ihre Basis bei der Stange zu halten, ihr nicht zugestehen will.
Gleichzeitig sollte die Anziehungskraft der Idee von der demokratischen Beteiligung mittels Wahlen auch in den Unterklassen nicht unterschätzt werden. Die großen Mobilisierungen al-Sistanis im Januar 2004 für die Abhaltung von Wahlen legen davon Zeugnis ab. Auch die weiche Haltung Muqtadas zu den Wahlen spiegelt zumindest teilweise diese Stimmung im Volk wider. Trotz der Tatsache, dass die städtische Armut sich Hals über Kopf in zwei bewaffnete Aufstände gestürzt hat, hofft sie gleichzeitig auf die Wirkung des unbekannten Mittels der Wahlen für ein „regime change“.
Alles hängt folglich davon ab, ob diese mit den Wahlen verbundenen Versprechungen und Hoffnungen erfüllt werden. Sollten die USA sich nicht zu Zugeständnissen bewegen lassen, wird das nicht nur ihre Isolierung verlängern, sondern auch den Mittelschichtenblock zersetzen, der bislang das wichtigste politische Hindernis für den Widerstand darstellt.

Die Auswirkungen der Wahlen

Während im sunnitischen Bereich von einem fast vollständigen Boykott ausgegangen werden kann, konnte die Sistani-Liste die große Mehrheit jener Stimmen auf sich vereinigen, die in den schiitischen Gebieten abgegeben wurden – bei einer moderaten Wahlbeteiligung. Indes wurden die offen kollaborationistischen Kräfte vernichtend geschlagen – mit Ausnahme der kurdischen Liste, die als einzige die Besatzung befürwortende Kraft über tiefe Wurzeln in der Bevölkerung verfügt.
Die Zusammensetzung der neuen Regierung zeigt jedoch, dass die Liste Sistanis durch keinerlei kohärentes Programm zusammengehalten wird. Sie verschwand einfach, sich in ihre Bestandteile auflösend, ohne den USA zumindest einen gewissen Bewegungsspielraum abtrotzen und damit Spuren von Unanhängigkeit vorweisen zu können. Diese Tatsache deutet darauf hin, dass der Klerus kaum dazu fähig sein wird eine politische Führung herauszubilden, die die Interessen der Mittelklassen vertreten kann.
Talabani von der PUK als Präsident und Jaafari von einer Fraktion der Dawa als Premier können von jenen, die ihre Stimme der schiitischen Liste gaben, nur als Schlag ins Gesicht aufgefasst werden. Es handelt sich nichts weniger als die einfache Fortsetzung des Marionettenregimes von zuvor. Die kurdische Führung hat unter den arabischen Massen nicht den geringsten Kredit, da sie die Hauptverbündete der Besatzer ist. Die Dawa-Partei mag nicht ganz so verbraucht sein, wie die als CIA-Mitarbeiter bekannten Chalabis und Alawis, aber weit her ist es mit ihrer Reputation ebenso wenig.
Daher erscheit es als unwahrscheinlich, dass die neu gebildete Regierung ihren Einflussbereich wird ausweiten können. Sie ist letztlich dazu verdammt das zu bleiben, was sie war und damit früher oder später die Vorschußlorbeeren zu verspielen. Das Mittelschichtenprogramm wird gleichermaßen vom Unwillen der Besatzer und dem Fehlen einer fähigen Führung verunmöglicht. Das schafft den Boden für ein weiteres Wachstum des Widerstands, der nicht nur das Marionettenregime in die völlige Isolation zwingen, sondern auch die kollaborationistischen Führungen, die sich hinter der Autorität des Klerus verschanzen, marginalisieren können. Ob es dazu kommt, hängt weitgehend von der Fähigkeit des Widerstands ab eine politische Alternative zu bieten.

Das Ausbleiben der Politischen Front

Um ein vom Imperialismus eingesetztes Regime zu stürzen und ein von diesem unabhängiges einzusetzen, müssen die um die Macht kämpfenden Kräfte eine umfassende Gegenmacht aufbauen, die sich auf einen ausgedehnten Konsens unter den Volksmassen stützt. Der Einfluss in der militärischen, politischen und kulturellen Sphäre muss mehr oder weniger einhergehen. Ohne militärische Mittel kann die politische Macht nicht ergriffen werden, aber ohne die politische Organisierung der Volksmassen läuft der bewaffnete Kampf ins Leere – zumindest unter den gegenwärtigen Bedingungen des Amerikanischen Reiches. Dafür gibt es aber gewaltige Hindernisse. Im nächsten Abschnitt werden wir versuchen diesen nachzugehen.

Baaths Bürde

Es ist offensichtlich, dass die militärischen Hauptkräfte, die den Kampf gegen die Besatzung aufgenommen haben, sich im Wesentlichen aus dem Reservoir der früheren Armee rekrutieren und stark vom Baathismus geprägt sind. Indes ist der Widerstand, der den Charakter einer wirklichen Volksbewegung angenommen hat, viel breiter. Von einem Kommando der Baath-Partei, die keine Staatspartei mehr ist, kann nicht die Rede sein. Sie könnte treffender als Strömung bezeichnet werden. (Das schließt nicht aus, dass sie nach wie vor über eine organisierte politische Führung verfügt.) Am besten kann der Widerstand vielleicht als arabisch-islamisch gefasst werden. Das Verfließen von arabisch-nationalen und islamischen Stimmungen darf indes nicht mit Islamismus verwechselt werden. Der Islam wird als Teil des nationalen Erbes verstanden, der in keinerlei Gegensatz zu diesem begriffen wird. Dies schlägt sich nicht einmal mit dem Baath eigenen Säkularismus. Letzterer ist im Grunde Teil der sunnitischen Tradition von Staatlichkeit, in der die weltlichen Herrscher weder von religiösen Institutionen abhängig, geschweige denn diesen untergeordnet sind.
Nichtsdestotrotz behaupten die Baath-Anhänger nicht nur die unangefochtene Führung des Widerstands durch die Partei, sondern sogar, dass dieser nach einem „Plan B“ ausgeführt würde, der vorab von Saddam Hussein persönlich ausgearbeitet worden sei. In diesen Annahmen finden sich mehrere Elemente, die Ausfluss des baathistischen Geschichtsverständnisses und allgemeiner des panarabistischen sind. Wir halten diesen Zugang weder für fähig die Realität in geeigneter Weise abzubilden, noch Grundlage für politische Leitlinien abzugeben, mit denen das irakische Volk in seiner ganzen Breite mobilisiert werden könnte.
So sehr die Entschlossenheit des Kampfes gegen die US-Besatzer mit dem jakobinischen Charakter des Baathismus erklärt werden kann, so wenig ist es ihr einziger Grund. Es darf nicht verschwiegen werden, dass Baath ebenso zum Ausgleich mit dem Imperialismus bereit war, wie es von 1975 an der Fall war, wiewohl dies nicht mit einer vollständigen Kapitulation verwechselt werden darf.
So sahen wir, dass die baathistischen Streitkräfte nicht dazu bereit waren eine ernsthafte Verteidigung gegen den US-Angriff von 2003 zu entfalten. Tatsächlich trugen die USA durch das politische Moment ihres Blitzkriegs den Sieg davon, der zum Kollaps der Militärhierarchie und deren Kapitulation führte. Diese Tatsache steht im Zusammenhang damit, dass die Volksmassen in Bagdad nicht zur Unterstützung der Verteidigung drängten und die Spitze um Saddam isoliert blieb. Die gängige arabisch-nationalistische Erklärung dieses Kapitels der Geschichte, die in tausenden Artikeln und auf der Straße erzählten Geschichten zum Ausdruck kommt, folgt dem Muster der Verschwörung. Die Schuld wird der Verwendung einer neuen Generation von Nuklearwaffen zugeschrieben, die Saddam überzeigt haben soll sich von der Staatsmacht zurückzuziehen und den Guerillakrieg entsprechend Plan B einzuleiten.

Man darf sich nicht über die offensichtliche Tatsache hinwegtäuschen, dass der Baathismus die Unterstützung im Volk, die er in den 70er Jahren genoss, verloren hat. Um nur das schlimmste Ereignis zu erwähnen, das diesen Prozess antrieb, sei auf den reaktionären Krieg gegen den Iran hingewiesen, der beide Staaten sich gegenseitig im Interesse des US-Imperialismus ausbluten ließ. Die bis 2003 gültige Strategie der „doppelten Eindämmung“ ward geboren. Ein Jahrzehnt des Krieges, den die schiitische Mehrheit weder wollte, geschweige denn über ihn entschieden hatte, entfremdete letztere dem Baath-Regime völlig und akzentuierte dessen diktatorischen Charakter weiter. Den unfehlbaren Beweis dafür liefert der schiitischre Aufstand von 1991.
Mit dem Angriff der imperialistischen „Heiligen Allianz“ von 1991 änderte sich die Situation abermals. Anders als so viele andere aus nationalen Befreiungsbewegungen hervorgegangene Regime kapitulierte der Baathismus nicht. Er enthält unzweifelhaft ein kompromissloses nationalistisches Moment, das vor allem von der Standhaftigkeit Saddam Husseins selbst repräsentiert wird. Diese traf auf die Intransigenz der USA, die am Beispiel des Iraks die Welt warnen wollten. Über die Periode des Embargos verlor Saddam mehr und mehr die Unterstützung der sozialen Eliten, die nach der Reintegration in die Weltwirtschaft verlangten. Jedoch stützten ihn antiimperialistische gesinnte intellektuelle Schichten. Die Unterschichten akzeptierten Baath passiv. Sie betrachteten die Regierung als das kleinere Übel im Vergleich zum Imperialismus. Zunehmend sich auf die al-Tikriti-Familienbeziehungen als auf die Parteihierarchie verlassend, konnte Saddams Regime dem Embargo standhalten, aber nicht dem direkten imperialistischen Angriff. Der Staatsapparat viel in sich zusammen, die militärischen Eliten kapitulierten, während die Massen passiv blieben.
Der ausschlaggebende Grund dafür, dass der Widerstand so schnell ansprang, liegt im amerikanischen Bestreben den baathistischen Staatsapparat gänzlich zu zerschlagen, während ihnen keine Alternative zur Verfügung stand. In ihrem militaristisch-avantgardistischen Zugang verabsäumten es die Neo-Cons offensichtlich, die möglichen politischen Post-Saddam-Szenarien zu erwägen. Die Euphorie der Allmacht war noch nicht verflogen.
Das trieb beträchtliche Teile des baathistischen Staatsapparates und insbesondere der Armee zum Widerstand, wobei sie die Unterstützung der sunnitischen sozialen Eliten im Rücken wissen, die um den Verlust ihrer historischen Rolle ernsthaft fürchten müssen. Im Unterschied zum städtischen schiitischen Milieu erhielt sich die traditionelle patriarchale soziokulturelle Einheit der verschiedenen sozialen Schichten im sunnitischen Bereich in einem viel größeren Ausmaß. Die Tatsache, dass selbst die Eliten den Widerstand unterstützen, gab den Volksmassen und unter ihnen besonders den Soldaten nicht zu unterschätzenden zusätzlichen Antrieb sich an der Guerillabewegung zu beteiligen. So kann sich der Maquis in bestimmten Zonen auf die überwältigende Zustimmung entlang der gesamten sozialen Stufenleiter stützen. Falludscha ist dabei das am meisten hervorstechende Beispiel für Kräfteverhältnisse, die an den Oberläufen der zwei mesopotamischen Ströme überwiegen.
Tatsächlich wünschen sich viele Unterstützer des Widerstands und insbesondere natürlich die Anhänger der Baath-Partei die Fortsetzung der Herrschaft derselben. Andere, die sich der Notwendigkeit der Vereinigung aller gegen die Besatzung opponierender Kräfte bewusster sind und damit implizit den Verlust des politischen Konsenses einräumen, halten dennoch einem bonapartistischen Staatsmodell die Stange, das an seiner Spitze die sunnitischen Eliten vorsieht, die sich auf ihren sozialen Block stützen können, der auch Teile der unteren Klassen umfasst. Die imperialistischen Medien und in der Folge auch die weltweite öffentliche Meinung assoziieren diese Charakteristika gewöhnlich mit den letzten 30 Jahren der Herrschaft der Baath-Partei. Indes kann dieses Modell viel länger zurückverfolgt werden. Seine Wurzeln gehen auf die abbasidischen Kalifen zurück. Später wurde es von den Osmanen und den Briten für den Kapitalismus adaptiert. Der revolutionäre Prozess, der 1958 seinen Höhepunkt fand, versuchte es zu überwinden. Qassem und seine Nachfolger, einschließlich der Baath-Partei, konnten den exklusiv sunnitischen Charakter der Staatsmacht zumindest dämpfen. Mit dem Anwachsen der Widersprüche sowohl innerhalb des Landes als auch gegenüber dem Imperialismus erlebte der historische Zug des sunnitischen Bonapartismus in Form der exklusiven Herrschaft Saddams und seines al-Tikriti-Clans einen neuen Höhepunkt.


Kapitalismus ohne sunnitische Herrschaft?

Das führt uns zur Frage, ob ein stabiles Regime basierend auf kapitalistischen sozialen Verhältnissen, das nicht auf das sunnitische Modell aufbaut, überhaupt realistisch gedacht werden kann – so wie es die USA zurzeit zu etablieren versuchen. Dies auch eingedenk der Tatsache des totalen Scheiterns des US-amerikanischen „state“ und „nation buildings“ in Afghanistan.
Die Geschichte Iraks ist sicher unterschiedlich, denn Mesopotamien war immer integraler Bestandteil der Weltwirtschaft. Dennoch, wenn man die gegenwärtigen US-Versuche, einen völlig neuen Staatsapparat aus dem Boden zu stampfen, vor dem Hintergrund der Geschichte untersucht, drängt sich auch in diesem Fall die Schlussfolgerung auf, dass ihr Scheitern wahrscheinlich ist, zumindest solange die Starrköpfigkeit der Neo-Cons die Rückkehr zum osmanisch-britischen Modell versperrt.
Es muss mit dem positivistischen Geschichtsverständnis gebrochen werden nach dem der Kapitalismus automatisch zur Auflösung der alten sozialen Beziehungen und zur Herausbildung reiner kapitalistischer Klassen, das heißt dem Bürgertum und dem Proletariat, führen würde. Selbst in den ersten kapitalistischen Nationen verlief die Geschichte keineswegs nach diesem Schema. Was tatsächlich stattfand war die entschiedene Zerstörung jener sozialen Formationen, die dem Aufstieg des Kapitalismus Widerstand entgegensetzten. Aber einmal unterworfen wurden ihre Überreste in den Kapitalismus integriert und in eine Panzerung der Herrschaft der Bourgeoisie transformiert. Gerade die längste und stabilste Expansionsperiode des Kapitalismus war im Westen durch die Bildung starker korporatistischer Assoziationen geprägt, wie sie im liberalistischen Modell des Kapitalismus eigentlich keinen Platz haben. Klassenorganisationen wurden oftmals in Standesverbände umgewandelt. Selbst in der heute führenden kapitalistischen Nation, den Vereinigten Staaten, die erfolgreich die Herausbildung der Arbeiterklasse als politisches Subjekt verhindern konnten, findet sich nicht nur das von den liberalistischen Ideologien konzipierte völlig „freie Individuum“ bar jeder über den Markt hinausgehenden sozialen Beziehung.
Diese allgemeine Tendenz des Kapitalismus trifft noch viel mehr auf die unterdrückten Länder zu, die einen integralen Bestandteil des kapitalistischen Weltsystems bilden. So führte die Einführung des Kapitalismus im Irak durch die Osmanen und Briten erst zur Herausbildung einer feudal-kapitalistischen Klasse, die zuvor nicht existiert hatte. Die Spaltung zwischen Sunniten und Schiiten wurde durch die Tanzimat-Reformen, die sich die kapitalistische Modernisierung des osmanischen Reichs zum Ziel setzten, akzentuiert. Die Vergabe privater Landbesitztitel, genannt Tapu, an die schiitischen Eliten, führte zur Bildung eines kapitalistischen Klassenwiderspruchs. In klassischer Weise gab die wachsende landlose Bauernschaft einen ständigen Strom von Arbeitskraft an die städtischen Zentren ab. Währenddessen durchlief die sunnitische Bevölkerung diese drastischen Veränderungen nicht. Ein entgegenstehender Faktor war der Mangel an bewässerbarem Land in ihren Siedlungsgebieten, ein anderer mag die stärkere soziale Kohäsion in der sunnitischen Kultur gewesen sein.
Die Einführung eines Schul- und Wehrwesens betraf nur die sunnitische Bevölkerung, die so die Kader für den Staatsapparat stellte. Entgegen den Vorstellungen der positivistischen Historiografie stärkte der Kapitalismus ererbte historische Tendenz und führte nicht zu ihrem Ausklingen.
Während eine kleine schiitische Elite vom Regime kooptiert wurde, blieb dieses im Wesentlichen auf das sunnitische Milieu beschränkt. Diese koloniale Konfiguration ließ ein schiitischen städtisches Proletariat und um dieses gelagerte Armut entstehen, die die Basis für die kräftige kommunistische Bewegung stellte. Die von Qassem und später auch Baath unternommenen sozialen Reformen sowie die außerordentliche Auswirkungen der Ölrente, die dem Land nach den Verstaatlichungen zur Verfügung stand, schufen eine gebildete und kommerzielle städtische Mittelklasse, die, obwohl schiitischer Herkunft, sich rapide säkularisierte. Nichtsdestotrotz blieben ihr Spitzenpositionen immer verschlossen.
Folge davon war, dass die schiitische Bevölkerung über keine organische Verbindung zur herrschenden Klasse verfügte. Es gab keine soziale Schicht, die ihr gegenüber die Herrschaft und den Einfluss der Sunni-Elite vermittelte. Eine sozio-kulturelle Kraft, die die Rolle der „Zivilgesellschaft“ im Gramscischen Sinn hätte spielen können, gab es schlicht nicht. So tendierten nicht nur das Proletariat zur politischen Opposition, sondern auch die Mittelschichten. Erst in den frühen 70er Jahren mit einen ungeheuren sozialen Veränderungen dank des Einströmens der Petrodollar wurden diese Strukturen gedämpft, jedoch nicht an der Wurzel beseitigt.
Sich über diese historische Bruchlinie Rechenschaft abzulegen heißt keineswegs den Irak als Nation in Frage zu stellen (oder zumindest seine überwiegend arabische Komponente), so wie es die westliche Medienmaschine tut. Obwohl der Kolonialismus durchwegs willkürliche Grenzziehungen hinterlassen hatte, affirmierte die nationale Befreiungsbewegung den Irak als eine Nation – im Unterschied beispielsweise zu Afghanistan, das sich nicht als Nation konstituierte. Es geht letztlich darum zu verstehen, dass der Kapitalismus eine ererbte Differenzierung verwendete und fortentwickelte. Er ordnete vorkapitalistischen Formationen kapitalistische soziale Funktionen zu.
Ursprünglich hatten der britische Kolonialismus versucht seine „direct rule“ zu etablieren, aber die antikoloniale Revolution von 1920 machte dieses Projekt unhaltbar. Die Rebellion der sunnitischen Eliten verband sich mit der Bewegung der schiitischen Unterklasse, die auf eine soziale Revolution hinsteuerte. Um die gemeinsame Front zu zerbrechen, setzten die Briten eine Monarchie ein, um die sich die sunnitische Elite lagern konnte. Die schiitische Revolution, geführt vom Klerus, wurde so isoliert.
Die gegenwärtige Situation scheint einige Analogien aufzuweisen, obwohl die USA offenbar auf das andere Pferd zu setzen versuchen. Während die Aufstandsbewegung des sunnitischen politisch-sozialen Blocks voll im Gang ist, oszilliert die Führung des schiitischen Klerus zwischen Kollaboration und Opposition. Die Mittelklassen ziehen mehr Richtung Kollaboration, die Unterklassen Richtung Widerstand. Insgesamt scheint es zweifelhaft, ob die schiitische Gemeinschaft zur Bildung einer Führung fähig ist, die den Irak auf kapitalistischer Grundlage zu lenken vermag – ein Spagat der gleichzeitig die imperialistischen Interessen zu befriedigen, die eigene Unterstützerbasis bei der Stange zu halten, sowie den sunnitischen Widerstand zu befrieden erfordert. Diese Rolle fiele dem Klerus zu, doch aus historischen und aktuellen Gründen scheint dieser unfähig die Aufgaben der Bourgeoisie zu übernehmen und den Kapitalismus so zu verwalten wie es seinesgleichen im Iran tut.

Der irakische Schiitismus: vom Kommunismus zum politischen Islam

Obwohl sich die Kommunistische Partei wesentlich auf die schiitischen Unterklassen stützte, stand sie für das Aufbrechen des kolonialen Modells, das sich auf die Spaltung zwischen Sunniten und Schiiten und seiner kapitalistischen Funktionalisierung basierte. Sie hätte diese historische Teilung überwinden können, indem sie ihre Grundlage, die in besonderer Form ungleichen Eigentumsverhältnisse beseitigte und durch eine neue soziale Formation ersetzte, die Kollektiveigentum an den Produktionsmitteln and soziale Gleichheit vorsah. In Anbetracht des gescheiterten historischen Experiments jener Gesellschaften, die diese Umwandlung wagten, wäre das sicher keine einfache und konfliktfreie Aufgabe gewesen. Die historische Spaltung hätte auch weiterhin ein wichtiges Problem dargestellt und, ohne einen Modus zu entwickeln, der die neue Gesellschaft aus den Traditionen der alten heraus zu entwickeln vermocht hätte, wäre sie ebenso gescheitert. Allerdings versuchte es die IKP gar nicht, obwohl es für sie in der Zeit um 1958 möglich gewesen wäre die Macht an sich zu reißen. Seit diesem Zeitpunkt wurde die IKP nicht mehr als unabhängige Führung betrachtet, die eine neue historische Möglichkeit eröffnet, sondern als Anhängsel der verschiedenen Regime, die dem Staatsstreich von 1958 folgten.
Die IKP ordnete sich ihren Regimen in opportunistischer Weise unter, nachdem sie zur Tatsache geworden waren. So stellten sie diesen bonapartistischen Regimen die soziale Unterstützerbasis, deren sie zu ihrer Stabilisierung bedurften. In dem die herrschende Baath-Partei zumindest teilweise die antiimperialistischen sozialen Reformen durchführte, für die die IKP gestanden war (zu aller erst die Nationalisierung der Ölindustrie), bedurfte sie der IKP nach und nach nicht mehr. Das gilt für die Zeit nach 1975 und insbesondere ab dem Angriff auf den Iran, der zu einer Zurückwendung der Baath zum Imperialismus führte. Letztlich war die IKP zum Opfer eines bonapartistischen Systems geworden, das sie selbst aufzubauen geholfen hatte. Die Tragödie endete damit, dass die IKP sich vollständig zum Instrument des Imperialismus machte, indem sie die dessen Aggression von 1991 an unterstützte.
Mit dem Absterben der IKP verflüchtigte sich auch das einzige historisch-konkrete Modell, das die auf die Sunniten gestützte bonapartistische Herrschaft zu überwinden versprach. Eine neue Tendenz erwachte zuerst innerhalb der schiitischen Mittelklassen und später auch in der städtischen Armut, namentlich der politische Islam. Dieses Phänomen kann nicht begriffen werden ohne einen Blick auf die Rolle des schiitischen Klerus zu werfen.
Im Unterschied zu den sunnitischen Gesellschaften brachten die schiitischen einen Klerus hervor, der dem katholischen ähnelt, jedoch nicht zentralisiert ist. Indes erwies sich der irakische schiitische Klerus in der modernen Geschichte des Landes im Unterschied zu seinem iranischen Widerpart als verhältnismäßig marginalisiert. Er verfügte weder über das Eigentum der Waqf-Stiftungen noch über die Unterstützung der Handelsbourgeoisie. So blieb er im Wesentlichen vom iranischen Klerus abhängig und hat bis heute sogar in einem erheblichen Ausmaß persische Wurzeln.
Ein wichtiges Charakteristikum der Imamiyya (12er-Schia) ist, dass sie trotz ihrer Rolle als persische Staatsreligion im Wesentlichen vom Staat unabhängig blieb oder sogar in Opposition zu diesem stand. Das ist nicht nur die Grundlage für eine antiwestliche Haltung, während die Monarchie zunehmend mit dem Imperialismus zu kooperieren gezwungen war. Es erlaubte auch reformerische und demokratische Tendenzen. So unterstützten beispielsweise bedeutende Strömungen des Klerus die konstitutionellen Reformen Anfang des 20. Jahrhunderts.
So stellte sich auch der irakische Klerus 1920 auf die Seite der Revolte der Volksmassen. Die Briten zogen daraus die Konsequenz ihn an den Rand zu drängen.
Im Angesicht des Aufstiegs des Kommunismus und der zunehmenden Säkularisierung der städtischen Schiiten, begriffen Teile des Klerus die Notwendigkeit tief greifender Veränderungen um ihre Auslöschung hintanzuhalten. Sie traten der IKP entgegen, in dem sie ihrerseits zur Bildung politischer Massenparteien aus Laien schritten, die für die Dämpfung der vom Kapitalismus hervorgebrachten sozialen Differenzen eintraten. Das entscheidende Problem verblieb allerdings die Rolle des Klerus. Hinsichtlich dieser Frage gab es sehr konservative Tendenzen wie jene von Ayatollah Khomeini, der für die exklusive Herrschaft des Klerus, gefasst in seinem Konzept Vilayat-e Faqih, eintrat. Andere legten mehr Wert auf die Beteiligung der Massen, wie jene von der Sadr-Familie vertretene Richtung, die den Weg zur späteren Bildung des antiimperialistischen sozialen Reformismus der libanesischen Hisbollah ebnete. Diese Differenzierung spiegelt natürlich auch die Unterschiede der nationalen Umgebung wider. Während im Iran der Klerus sich stark genug fühlte, um seine Alleinherrschaft zu formulieren, musste eine solche Konzeption für den Irak und noch mehr für den Libanon als verfehlt erscheinen. Sie konnte nur zur Selbstisolation und so schließlich zum Scheitern führen.
Angesichts der baathistisch-kommunistischen Koalition wurde der politische Islam zur wichtigsten Kraft der Opposition. Zuerst wurde sein Einfluss in den Mittelschichten spürbar. Mit dem Niedergang der IKP verbreiteter er sich zunehmend auch auf die Armen. Dabei stellt der Krieg gegen den Iran den Wendepunkt dar. Obwohl alle schiitischen islamistischen Strömungen sich auf die Seite Persiens schlugen, folgten ihnen die schiitischen Volksmassen nicht. Sie bestätigten damit eindrucksvoll, dass die irakisch-arabische nationale Identität über jener religiös-kulturellen schiitischen steht. Indes verlor der Baathismus im Verlauf dieses extrem blutigen und reaktionären Krieges weitgehend die Unterstützung, die er zuvor auch innerhalb der Schiiten genossen hatte. So fiel es der klerikalen Führung zu, das politische Vakuum unter den Schiiten zu füllen.
Ein weiterer untrüglicher Beweis dafür stellt der schiitische Aufstand unmittelbar nach der Aggression der Heiligen Allianz von 1991 dar. Trotz der Tatsache, dass die Revolte einen Volkscharakter hatte, kam sie den imperialistischen Interessen zu gute (obwohl diese beschlossen den Aufstand nicht zu nutzen). In der nun folgenden Periode des Embargos hielten die islamistischen Kräfte nicht nur ihre engen Beziehungen zu Teheran aufrecht, sondern beteiligten sich in einem mehr oder weniger großen Ausmaß an den US-Anstrengungen zum Aufbau einer proimperialistischen Oppositionsfront - mit dem klar formulierten Ziel der Ersetzung der Baath-Regierung.
Die US-Besatzung führte zu einer weiteren Differenzierung des vom Klerus geführten politischen Feldes, auch deswegen, weil dieser keine eindeutige Hierarchie aufweist und so zum Richtungsstreit tendiert. Auf der einen Seite befindet sich ein Pol um den Marja Ayatollah Ali al-Sistani als gemeinsames Dach für all jene Kräfte, die nach einer Verhandlungslösung mit den USA streben, unter ihnen sogar die offen kollaborationistische Gruppe von al-Hakim mit seiner al-Badr-Miliz. Soziologisch gesprochen stützen sich diese Kräfte auf die schiitischen Mittelschichten, die jedoch ein Kontinuum zu den ärmeren Schichten bilden. Gerade das Manöver der Wahlen verschaffte ihnen erhebliche Unterstützung unter den armen Klassen.

Die Bewegung Muqtada al-Sadrs

Um den anderen Pol sammelt sich die städtische Armut, die unmissverständlich das Ende der Besatzung einfordert. Er wird vom Muqtada al-Sadr angeführt, der in der religiösen Hierarchie nur einen untergeordneten Rang einnimmt, sich jedoch auf die Reputation der Sadr-Familie stützen kann, die einige der wenigen arabischen Gruppen innerhalb des Klerus stellt. Die Position Muqtadas zum Widerstand gestaltete sich von Anfang an zwiespältig. Auf der einen Seite ruft er immer wieder zum sofortigen Abzug der Besatzungstruppen auf und erklärt die von diesen eingesetzten Institutionen als illegitim. Darin spiegeln sich die Interessen der der Volksmassen wider. Als er im April 2004 zeitgleich mit der Abwehrschlacht gegen den amerikanischen Angriff auf Falludscha zum bewaffneten Aufstand rief, gewann seine Führung die Unterstützung der Massen wie im Flug – weit über seinen traditionellen Einflussbereich hinaus. Nicht nur Anhänger Sistanis und anderer schiitischer Parteien beteiligten sich, sondern auch sunnitische und christliche Kräfte schlossen sich der Bewegung an, die in Volksaufständen in rund einem Dutzend Städte führten. Dieses Szenario wiederholte sich im August desselben Jahres. Der ungleichen Konfrontation zwischen Muqtadas Madhi-Armee und den US-Streitkräften in Nadschaf wurde durch die Ankunft al-Sistanis ein Ende bereitet, der gezwungen war den sicheren Abzug der Kräfte Muqtadas zu ermöglichen. Eine fast sichere politische Niederlage wurde so zu einem halben politischen Sieg.
Diese zwei Episoden zeugen von der vereinigenden Dynamik des Kampfes gegen die Besatzung sowie enormen Macht, die er entfalten könnte. Es kam nicht nur zu zahlreichen Bekundungen der Absicht des Zusammenschlusses, sondern auch zu konkreter gegenseitiger Unterstützung.
Auf der anderen Seite will Muqtada die Brücken zu den kollaborationistischen Kräften und ihren Hintermännern in Teheran nicht abbrechen. Er versucht die Tür zu einem Abkommen mit dem USA nicht gänzlich zuzuschlagen, falls sie bereit sein sollten einen gewissen Grad an Unabhängigkeit und genug Bewegungsspielraum zuzugestehen.
Der Aufruf zur Abgabe der Waffen und die Auflösung der Mahdi-Armee nach dem Zusammenprall von Nadschaf können nur als ein In-die-Knie-gehen interpretiert werden – auch wenn die Behauptung seiner Anhänger, dass die Waffen in der Praxis nicht abgegeben wurden, weitgehend wahr sein dürfte. Politisch bedeutet das nichts anderes, als dass Muqtadas Bewegung sich nicht systematisch am bewaffneten Widerstand beteiligt. Die logische Konsequenz daraus ist die mehrdeutige Position zu den von den USA inszenierten Wahlen. Muqtada rief weder zum Boykott noch zur Beteiligung auf. Er überließ die Initiative einfach den kollaborationistischen Kräften, während einige seiner Leute auf Sistanis Liste kandidierten. Hätte sich Muqtada an der Boykott-Kampagne beteiligt, so hätten die Wahlen jegliche Legitimität und für die USA jeden Wert verloren.
Die Massendemonstrationen am zweiten Jahrestag des Falls von Bagdad veranschaulichten dieses Dilemma. Mehrere Hunderttausend Anhänger Muqtadas folgten seinem Aufruf und forderten das Ende der Besatzung und gleichzeitig einen zügigen Prozess gegen Saddam Hussein. Dabei verbrannten sie nicht nur die Puppen Bushs and Blairs, sondern auch jene Saddams, den sie damit mit den ersteren auf eine Ebene stellten. Hier kommen wir zum Kern des Problems, das sich bereits beim schiitischen Aufstand von 1991 in ähnlicher Weise gestellt hatte.
Es ist plausibel, dass die schiitischen Anti-Besatzungskräfte die Herrschaft von Baath weiterhin ablehnen und ihrer Kritik an Saddam Ausdruck verleihen. Hingegen Saddam mit den imperialistischen Führern gleichzusetzen, negiert den Widerstand der Baath-Partei gegen die Aggression der US-Allianz. Noch schlimmer, sie verneint den gegenwärtigen kraftvollen Volkswiderstand, der zwar nicht direkt von Baath geleitet, doch zumindest vom Baathismus inspiriert wird. Unter den heutigen Bedingungen Saddam den Prozess machen zu wollen kommt einem Prozess gegen den Widerstand gleich.

Die Überwindung des baathistisch-sadristischen Risses

Die Probleme bei der Formierung einer gemeinsamen Front des Widerstands haben nicht nur historische Wurzeln. Sie sind auch gegenwärtig wechselseitig verursacht. Auf der einen Seite ist es offensichtlich, dass die entscheidende militärische Schlagkraft von den sunnitisch national-islamischen Kräften gestellt wird, dessen integraler Bestandteil Baath ist. Doch bleiben diese mit einem Herrschaftsmodell verbunden – das man sunnitischen Bonapartismus nennen könnte –, welches die schiitische Mehrheit entschieden ablehnt. Auf der anderen Seite sind da die schiitischen Unter- und Mittelklassen, die der Besatzung in unterschiedlicher Intensität und Radikalität feindlich gegenüber stehen. Sie verlangen nach dem Ende des sunnitischen Bonapartismus und einer vollwertigen Beteiligung an der Macht. Doch ihr Ruf nach Demokratie lässt sich für die Zwecke eines Vasallenregimes nach den amerikanischen Vorstellungen von Demokratie kanalisieren, wie es anhand der zumindest partiellen Beteiligung an der Wahlfarce vom Januar 2005 zu sehen war. Darin drückt sich auch aus, dass die demokratischen Hoffungen durchaus bürgerlichen Charakter aufweisen.
Um den US-Plänen zur Stabilisierung des Marionettenregimes einen Strick durch die Rechnung zu machen und so die politisch-militärische Niederlage der USA vorzubreiten und den Abzug ihrer Truppen zu erzwingen, muss der von den sunnitischen national-islamischen Kräften geführte Widerstand unter allen Umständen die schiitischen Volksmassen für die Beteiligung an der bewaffneten Befreiungsbewegung gewinnen. Ohne die Ausweitung des bewaffneten Widerstands in einen Volksbefreiungskrieg kann der Sieg nicht errungen werden.
Um dieses Ziel zu erreichen ist es nicht genug, den Riss zu leugnen, den Imperialismus dafür zu beschuldigen (was natürlich richtig ist) und die Einheit zu beschwören. Auch können politische Probleme nicht allein militärisch gelöst werden. Die einzige Chance die historische Kluft zu überbrücken besteht in der Perspektive der Volkssouveränität. Das heißt nichts anderes als eine Regierung, die sich auf den organisierten Willen der breiten Mehrheit des Volkes stützt. Dafür erscheint eine patriotische konstituierende Versammlung als geeignetes Instrument. In ihr können alle Kräfte die die Besatzung bekämpfen entsprechend ihrer Unterstützung im Volk zusammenkommen. Selbstverständlich kann eine solche vom Volk gewählte patriotische Versammlung erst nach dem Ende der Besatzung zusammentreten. Doch bereits der Kampf für sie vermag den Riss zwischen den verschiedenen Kräften des Volkswiderstands zu schließen. Das ist die einzig vorstellbare politische Grundlage für eine politische Front, die gleichzeitig als Embryo einer zukünftigen Regierung der Volksmacht dienen kann.
Es sei abschließend noch erwähnt, dass der beschriebene Bruch nur eine Seite der Medaille darstellt. Die andere ist die Tendenz zur Einheit. Historisch betrachtet überwog der Drang zur Einheit in den großen Mobilisierungen des Volkes gegen den Imperialismus. Diese Tradition kann von der anti-britischen Rebellion von 1920 und der Revolution von 1958, über die Verteidigung des Landes im Krieg gegen den Iran als dieser Aggressionscharakter annahm, und dem Widerstand gegen das UN-Embargo, bis hin zur heutigen Partisanenbewegung, verfolgt werden. In den letzten zwei Aufständen konnte man sowohl die spontane als auch die organisierte Tendenz zur Vereinigung beobachten. Weiterhin ist da der konstante Aufruf beider Komponenten zur Vereinigung und gegen den konfessionellen Streit – so wie ihn die Okkupanten und vielleicht auch einige Wahabi-Gruppen in Nachahmung pakistanischer Verhältnisse anzuzetteln versuchen.
Entsprechend unternehmen verschiedene Kräfte Anstrengungen zur Bildung einer politischen Front. Hier sei die „Irakische Patriotische Allianz“ (IPA) erwähnt, die auch nach der Verschleppung ihres Vorsitzenden al-Kubaysi ihre Bemühungen fortsetzt. Die überkonfessionelle Parteienallianz „Irakischer Nationaler Gründungskongress“ (INFC), die vom schiitischen Scheich al-Khalesi geführt wird, erlebte ihren ersten Aufschwung in der Kampagne zum Boykott der Wahlen und versucht nun sich als zivile Front gegen die Besatzung zu etablieren. Die gegen Saddam gerichtete Schlagseite gereicht ihr jedoch zur erheblichen Beschränkung, da sie de facto die baathistischen Kräfte ausschließt. Der notwendigen Unterstützung durch die bewaffneten Kräfte sich selbst beraubt habend – wiewohl sie deren Legitimität durchaus anerkennt –, neigt diese Koalition zum Appell, das bestehende Regime zu demokratisieren anstatt es zu zerschlagen. Um noch ein drittes Beispiel unter zahlreichen zu nennen, sei auf den Umstand hingewiesen, dass die sadristischen Massendemonstrationen vom 8. April 2005 auch von der „Vereinigung Muslimischer Gelehrter“ (AMS) unterstützt wurden.
Last but not least steht der Widerstand noch vor einem anderen historischen Problem, nämlich dem kurdischen.

Die kurdische Frage

Die kurdischen Parteien sind die einzigen Verbündeten der Besatzungsmacht, die auf eine breite Unterstützung im Volk verweisen können. Die große Mehrheit des kurdischen Volkes hofft, dass sie unter einer schwachen, von den USA kontrollierten Regierung in Bagdad am ehesten ihre Autonomierechte werden erhalten können. Daher geben sie dem Marionettenregime ihre Unterschützung, dessen wichtigste Stütze die kurdische Führung ist. Es ist kein Zufall wenn der kürzlich eingesetzte Präsident des Irak, Jalal Talabani von der „Patriotischen Union Kurdistans“ (PUK), den Einsatz der kurdischen Peschmerga-Milizen zur Unterdrückung des arabischen Aufstands vorschlug.
Neben dem baathistisch-sadristischen Riss ist der kurdisch-arabische Konflikt das Hauptproblem des Widerstands, der das kurdische Volk auf die Seite des Imperialismus drängt.
Historisch kann das Leid der Kurden der Türkei mit der Situation im Irak nicht verglichen werden. Der türkische Nationalismus steht in einer strategischen Koalition mit dem Imperialismus – seit einer ganzen kurzen Phase unmittelbar nach der Staatsgründung. Es handelt sich um einen der rassistischsten Nationalismen überhaupt, der den Genozid an den Armeniern zu verantworten hat. Dem kurdischen Volk wurde überhaupt die Existenz abgesprochen und die Bezeichnung „Bergtürken“ verpasst.
Im Gegensatz dazu spielt der arabische Nationalismus eine antiimperialistische Rolle und tendiert entsprechend dazu, sich der Unterstützung der Unterklassen zu versichern. Doch schützt kein Befreiungskampf automatisch vor chauvinistischen Abweichungen.
Die mehrheitlich von Kurden bevölkerten Regionen sind sozioökonomisch rückständig, ein Umstand der nicht nur im Irak zur kollektiven Benachteiligung führt. Auch das kurdische Volk kämpfte seinerseits ein halbes Jahrhundert lang für den Aufbau seiner Nation, die nicht nur in Konflikt mit dem reaktionären türkischen Nationalismus, sondern auch mit dem progressiven arabischen kam.
Der arabische Nationalismus und der irakische Baathismus betrachteten die kurdischen Regionen immer als arabisches Territorium und verweigerten den Kurden in der Substanz das nationale Selbstbestimmungsrecht. Im Unterschied zur Türkei unternahm man zur Stabilisierung des irakischen Staats aber mehrere Versuche einen Ausgleich mit der kurdischen Führung zu finden. Diese Abkommen führten zu einem Autonomiestatus, der jedoch partiell blieb und die kurdischen Forderungen nicht vollständig erfüllen konnte. Der entscheidende Wendepunkt kann mit 1975 datiert werden, als Baath – unter Zustimmung Washingtons – ein Abkommen mit dem Schah von Persien schloss, in dem man sich gegenseitig die Unterdrückung der kurdischen nationalen Bestrebungen garantierte. Das stieß die kurdischen Kräfte strategisch auf die Seite des Imperialismus. Seit 1991 bot ihnen dieser die Unterstützung gegen Bagdad an, die sich dankend annahmen.
Die gegenwärtige Situation ist dazu angetan die nationalen Spannungen weiter zu vertiefen. Die historische arabische Vorherrschaft, die immer auch ein Element des Chauvinismus mit sich führt, verbindet sich heute mit der Ablehnung des kurdischen Volkes als eines Verbündeten der Besatzer. Die Tatsache, dass sich kurdische Peschmergas an der Massakrierung Falludschas beteiligten, wird nicht so rasch vergessen werden.
Der irakische Widerstand verteidigt den Irak und seine territoriale Integrität. Die Umstände treiben ihn dazu jegliche föderative Lösung, geschweige denn das Selbstbestimmungsrecht, zurückzuweisen. Politisch kann dieser scheinbar unverrückbare Standpunkt die amerikanisch-kurdische Allianz nur stärken.
Der Aufstieg der IKP in den 40er und 50er Jahren war mit dem Einschluss der Kurden in die irakische Nation verbunden. Heute kann man ähnlich geartete Tendenzen unter dem Banner des Islam beobachten, der das vereinigende Band zwischen Arabern und Kurden zu bilden versucht. So ist Ansar al-Islam, eine wahabistische Organisation mit Verbindungen zum afghanischen Netzwerk, die einzige antiimperialistische Kraft unter den Kurden, die gegen die Besatzung kämpft. Ihr Zelotismus und ihre kulturelle Rigidität, scheinen aber weder für die ländliche kurdischen Bevölkerung verdaulich, noch für die arabischen Iraker, die den Wahabitismus zurückweisen. Insbesondere der antischiitische Impetus pakistanischen Typs gießt weiter Öl ins Feuer des sunnitisch-schiitischen Risses.
Trotz der Anziehungskraft des Islam als moderne Identität gegen den Imperialismus, kann er nationale Bestrebungen nicht aus der Welt schaffen. Wir haben das Scheitern der Taliban an der nationalen Frage in Afghanistan erwähnt. Im Irak handelt es sich in der Substanz um einen arabischen nationalen Widerstand, der den Islam als Bestandteil der irakischen Nation aufgenommen hat und nicht umgekehrt. Ihm das nationale arabisch-irakische Moment zu nehmen und es durch einen Panislamismus zu ersetzen, kann nicht funktionieren. Daher bleibt der einzig gangbare Weg den arabisch-kurdischen Riss zu kitten und eine antiimperialistische Allianz zu schmieden, die wechselseitige Bestätigung des Rechts auf Selbstbestimmung gegen den Imperialismus.

Historische Herausforderung

Der irakische Widerstand stellt eine außergewöhnliche und entscheidende Herausforderung für das im Entstehen begriffene Amerikanische Reich dar. Zwei Jahre lang hinderte er die mächtigste Armee in der Geschichte der Menschheit daran, ein stabiles Marionettenregime einzusetzen. Es ist anzunehmen, dass die Wirkung ihres letzten Mittels, der Wahlen, bald nachlassen wird. Die Unfähigkeit eine Regierung zu bilden, die zumindest sich eines gewissen Konsenses erfreuen kann, und der damit verbundene Rückfall zu den abgenutzten Marionetten, die durch die Wahlen hätten ausgetauscht werden sollen, ist ein Zeichen anhaltender Isolierung. Die Möglichkeiten des Widerstands bleiben also intakt. Ihre militärische Schlagkraft gegen die Besatzer hat sich seit den Wahlen keineswegs vermindert. Das Haupthindernis für die weitere Ausbreitung des Widerstands bleibt die Integration der schiitischen städtischen Armut, sowie ihrer Repräsentanten und Organisationen.

Willi Langthaler
April 2005