Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

 Ausgaben

Nr. 21 Herbst 2007
Nr. 20 Frühjahr 2007
Nr. 19 November 2006
Nr. 18 Mai 2006
Nr. 17 Februar 2006
Nr. 16 November 2005
Nr. 15 Juni 2005
Nr. 14 April 2005
Nr. 13 November 2004
Nr. 12 September 2004
Nr. 11 Mai 2004
Nr. 10 Jänner 2004
Nr. 9 November 2003
Nr. 8 September 2003
Nr. 7 Mai 2003
Nr. 6 März 2003
Nr. 5 Jänner 2003
Nr. 4 November 2002
Nr. 3 September 2002
Nr. 2 Juli 2002
Nr. 1 Mai 2002

 

 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Rezensionen

Buntität des Bizzaroiden

Malte Olschewski hat mit „Bomben, Kanonen und Durchwesung“ eine „Chronik des amerikanischen Imperialismus von 1620 bis 2004“ herausgebracht. Weder sich noch dem Leser hat er damit einen großen Dienst erwiesen.


Rennbein ist Mitte 30 und nach einem Mofa-Unfall vor 12 Jahren ins Koma gefallen, was ihn aber nicht daran hindert weiterhin ständig die Klappe offen zu haben und mit seinem Megaphon die anderen Patienten im Krankenhaus zu terrorisieren. Er hat drei Handys und eine Faxmaschine. Kürzlich gewann er einen Redewettbewerb und arbeitet seitdem im öffentlich-rechtlichen Fernsehen bei der Zeit im Bild, dort nennt er sich „Malte Olschewski“.

Grissemann/Stermann


Malte Olschweski ist ein Chronist. Deswegen hat er eine „Chronik des amerikanischen Imperialismus“ geschrieben. Deswegen schreibt er so chronikal, wie er nur kann.

Malte Olschewski war früher beim ORF, worauf jeder Verlag gerne hinweist, der ein Buch von Malte Olschewski herausbringt. Früher war das Mitglied der Osteuropa-Redaktion dafür bekannt, den real existierenden Sozialismus in Grund und Boden zu dokumentieren. Besonders den irreal existierenden: jenen in Kambodscha etwa, oder in Äthiopien. Wie so manche, viel zu wenige seiner Zunft, ist Olschewski angesichts des Aggressionskriegs gegen Jugoslawien ein Licht aufgegangen. Bücher hat er geschrieben und Vorträge gehalten, gegen die einseitige Berichterstattung und die Aggression des Westens, für einen ehemaligen Mitarbeiter des ORF eine durchaus beachtliche Leistung.
Biographien von Olschewski erwähnen meistens, dass er als Reporter schon über 100 Länder der Erde besucht hat. Eins – und das wird bei der Lektüre von „Bomben, Kanonen und Durchwesung“ mehr als deutlich – hat er dabei nicht gelernt: Bücher zu schreiben. Oder vielleicht schreibt Olschewski Bücher einfach so, wie er früher Berichte gesprochen hat. Der quälenden Intonation entspricht eine hemmungslos holprige Satz- und Erzählstruktur.

Durchtriebene Durchwesung

Der Lektor scheint bereits auf der ersten Seite aufgegeben zu haben (und man kann es ihm nicht verdenken, bei fast 400 Seiten Olschewski). Jedenfalls ist »Chronik« im Stil schauerlich und an Grammatikfehlern überreich. Zu allem Überdruss sind einzelne Teile grundlos in eine schwer lesbare Schriftart gesetzt.
Viel schwerer als Form und Stil des Buches wiegt aber dessen eigentümlicher Inhalt. Wie erwähnt, hat Olschewski den Begriff »Chronik« allzu wörtlich genommen, das betrifft das nahe an der Kronen Zeitung angelegte Stakkato seiner Kurzsätze genauso wie das eigentliche und durchgängige Thema des Buches. Olschewski hat einfach alle Schweinereien der USA in den letzten 400 Jahren aneinandergereiht. Mit wenig Sinn für Geschichte, politische Analyse oder tiefgründige Recherche.
Bei Wikipedia würde der Autor Olschewski glatt durchfallen, bei Google rangiert er auf Platz Eins. Mit einer seiner vielen Wortschöpfungen, die er schon im Titel untergebracht hat. „Durchwesung“ kennt nämlich nicht einmal die aktuellste Fassung des Duden und so sind alle Webseiten, auf denen dieser Olschewskismus vorkommt, Verkaufsportale oder Besprechungen eben dieses Werks. Was Durchwesung eigentlich sein soll, das erklärt Olschewski auf seine unnachahmliche Weise: „(...) Durchwesung. Das ist die Durchdringung als schleichende Penetration“. Die Durchdringung als Penetration – das ist ganz schön durchtrieben.

Vier Mädchen

Die Geschichte der Vereinigten Staaten ist eine Geschichte der Kriege, meint der Autor, darauf zielt seine Arbeit ab. Stimmt schon, wenn damit die durchgehend gewalttätige, repressive und aggressive Rolle des amerikanischen Zentralstaats beschrieben werden soll. Deswegen greift man ja auch zu Büchern aus dem Kai Homilius-Verlag und nicht zu einem der tausenden halbkritischen Amerikaaufsätze, die liberale Cheffeuilletonisten monatlich in den großen Verlagshäusern publizieren und in ihrem Geschwafel von der Bedeutung der Aufklärung und demokratischen Traditionen der USA eine brutale, antidemokratische, kriegerische Diktatur nicht sehen wollen. Aber bei „Bomben, Kanonen und Durchwesung“ wird man den Verdacht nicht los, dass die ziemlich wahllose Aneinanderreihung der Gewalttätigkeiten in- und außerhalb des amerikanischen Territoriums alles ist, was Olschewski bieten kann.
Wäre halb so schlimm, würde das Buch zumindest als probates Nachschlagewerk für die politische Kriminalgeschichte der USA taugen, auch wenn sie schon in zahllosen anderen, besseren Werken beschrieben wurde. Aber leider auch hier, im Kern seiner Arbeit, lässt Olschewski gewaltig aus. Kostprobe gefällig? Nachdem der Autor auf den ersten Seiten auf krude Art und Weise die Bedrohung Kanadas und den „Krieg gegen die Mormonen“ als frühe Kapitel der amerikanischen Kriegsgeschichte präsentiert, wendet er sich den Sklavenaufständen zu. Recht rasch, in einem Absatz, ist dabei auch die Bürgerrechtsbewegung abgehandelt: „1963 wurden in Birmingham, Alabama, vier Mädchen durch ein Bombenattentat getötet“. Die entscheidende Tatsache dieses historischen Faktums unterschlägt der nicht ganz sattelfeste Chronist schlicht und einfach: Die Mädchen waren schwarz, in der Sprache von Olschewski würde man „Negerinnen“ oder „Farbige“ sagen. Ein exemplarisches Beispiel dafür, was passiert, wenn man zwar in den Quellenangaben mehr Bücher aufzählt, als in einer durchschnittlichen Städtischen Bücherei herumstehen, aber man nicht einmal gelernt hat, ohne Fehler abzuschreiben.
Exemplarisch auch der Rest des Absatzes: „Der farbige Pastor Martin Luther King verbindet die Bibel mit den Rechten der Schwarzen. Er führt Massendemonstrationen an. In über zwanzig Großstädten wird demonstriert. Präsident Johnson setzt reguläre Truppen ein. 1967 werden hundert Tote gezählt“. In der Oberstufe des Gymnasiums wackelt bei so einer Synopsis der Vierer. Olschewski schreibt so 400 Seiten voll.

Carter, der Humanist

Wirklich ärgern muss sich der antiamerikanische Leser dann im Kapitel III, „Die Kriege der USA von 1945 bis zur Gegenwart“. Hier wird einsichtig, wie seicht und politisch bodenlos die Kritik des Buchautors an der amerikanischen Außenpolitik ist. Da wird die Diktatur Sihanuks in Kambodscha als neutrale Friedenspolitik gelobt, da wird Jimmy Carter als „Humanist“ abgefeiert, der dem sterbenden Schah von Persien Asyl gewährte (da ihn „blindwütige Mullahs zum Erzfeind erklärt“ hätten) und da wird die Niederlage im Vietnamkrieg mit dem „preußischen“ Geist der Nordvietnamesen erklärt und der Heroinsucht der US-Armee. Ein Dorn im Auge ist Olschewski auch, dass die USA durch ihre Militäreinsätze „kommunistische Guerillas“ gestärkt hätten, auf den Philippinen sei es gar zu einem „Schulterschluss der KP mit dem Islam“ gekommen. Eine Analyse, die politisch „neutral“, in den meisten Fällen wertlos und in vielen Fällen ziemlich reaktionär daher kommt und in ihrer Oberflächlichkeit und oftmaligen Dummheit das Lesen des Buchs zur Qual macht.

Schlusspunkt

Im vierten Teil, dem politischen Fazit unter dem abermals misslungenen Titel „Globocop sucht neue Feinde“, offenbart sich dann Olschewskis ganze, völlig beschränkte Geisteswelt. In einer Mischung aus pfaffenhafter Bigotterie und politischer Idiotie begründet er seine wenig stringente antiamerikanische Haltung. Das beginnt mit Kulturkritik im Stil des Pornojägers: „Obszöne Kulte feiern schaurige Rituale. Videospiele lehren das Töten und Schlachten von Menschen. ‚Snuffer’ und ‚Splasher’ zersägen und zerstückeln ihre Opfer und machen mit Videos Profite“, erklärt uns der Autor. In diesem letzten, erschreckenden Abschnitt lernt der Leser dann auch das ganze Schreckenskabinett an Olschewskis Begriffswelt kennen, etwa „Buntität“ oder „bizzaroid“.
Und dann erfährt man, dass Malte Olschewski der „religiöse Terror“ fast genauso ängstigt wie die Weltherrschaft der USA. »Djihad ist gegen McWorld angetreten. Die schiitischen Ayatollahs sind die eigentlichen heimlichen Sieger der letzten amerikanischen Kriege“. Warum dann gegen die USA sein? Weil laut Olschewski in Aserbaidschan (?), auf Zypern (??) und in Südkorea (???) der „Terror“ mit politischen Mitteln beendet wurde. Geht also auch auf Weltebene, weiß der weit gereiste Mann, aber eben nicht so wie’s die Amis machen. Stellvertretend für die gesammelten wirren Ideen des Autors sei nur jene zum politischen Islam im Irak ausgeführt. Für Olschewski hätten die USA mit dem Sturz von Saddam Hussein den schiitischen „Terroristen“ geholfen, die der säkulare Hussein nieder gehalten habe. Da im Irak die Widerstandsfront vor allem aus Sunniten und zweitens aus Baathisten besteht, zeigen sich die Überlegungen des Schreiberlings als so kurz gedacht, dass sie mit Erscheinen des Buches schon falsch und bedeutungslos sind. Eine einzige Durchwesung, eben.

Stefan Kainz