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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 14 April 2005

Die Flut bringt’s an den Tag

Ein Kommentar über die westliche Herrenrasse und ihre Massenpsychose


Die Flutkatastrophe in Südostasien von Ende Dezember 2004 entblößt die westliche Gesellschaft. Nach wochenlanger Mediendominanz der Flutwelle und ihrer Folgen drängt sich eine Frage auf: Hätten die westlichen Medien mehr als halbseitige Berichte produziert, die westlichen Regierungen mehr als lächerlich geringe Summen versprochen, wenn es bei der Naturkatastrophe nicht auch westliche Touristen erwischt hätte?

Brutaler Zynismus und politisches Kapital

Es genügt sich wenige Beispiele vor Augen zu führen um die Absurdität des gegenwärtigen Medienspektakels aufzuzeigen. Seit 1999 tobt in der Demokratischen Republik Kongo ein blutiger Krieg, bei dem es um Diamanten, Gold und andere im Westen begehrte Stoffe geht. Während dieses Konfliktes sind Schätzungen zufolge mehr als drei Millionen Menschen in wenigen Jahren zu Tode gekommen, womit der Kongo-Krieg der blutigste Konflikt seit dem Zweiten Weltkrieg ist. Wann konnten wir das letzte Mal etwas vom Kongo in den Medien hören? Ich wage zu behaupten, dass ein nicht unbeträchtlicher Anteil der westlichen Journalisten nicht einmal weiß, wo dieses Land liegt.

Während täglich rund 35 000 Kinder in der so genannten Dritten Welt an den Folgen von Unterernährung und Krankheiten und im Übrigen unbemerkt von den hiesigen Medien sterben, entdecken diese gerade die nationalen Konflikte in Sri Lanka und im indonesischen Aceh. Mit gehöriger Verspätung wohlgemerkt, denn sowohl in Aceh als auch in den Tamilengebieten im Norden Sri Lankas tummelten sich zum Zeitpunkt der Flutwelle nur wenige westliche Touristen. Dafür müssen nun gerade diese Krisengebiete als Vorwand für den größten Einsatz der US-Streitkräfte in der Region seit dem Vietnamkrieg herhalten. Gleichzeitig versucht die US-Regierung politisches Kapital aus der Katastrophe zu schlagen um ihr lädiertes Image in der Welt aufzumöbeln. Dazu müssen die US-Truppen gleich bis zu sechs Monaten in der Region stationiert bleiben, Verlängerungen sind nicht ausgeschlossen. Wir erinnern uns, dass die Aufstockung der US-Militär-Präsenz in Südostasien seit Jahren Teil der geostrategischen Pläne der US-Regierung war.

Der Zynismus dieser Hilfsbereitschaft könnte indes offensichtlicher nicht sein. Wie man weiß, hatten spezialisierte Institutionen in westlichen Ländern, etwa die amerikanische National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA), das Herannahen des Bebens im Indischen Ozean rechtzeitig erkannt und waren auch durchaus in der Lage die Folgen, nämlich die verheerende Flutwelle, abzuschätzen. Allein, es bestand kein Bedürfnis danach, dieses Wissen mit den Behörden der voraussichtlich betroffenen Länder zu teilen. Das NOAA sandte lediglich eine sofortige Warnung an die US-Marine Station in Diego Garcia.

Auch der Umgang mit den Folgen der Katastrophe macht die zynische Werteskala des menschlichen Lebens deutlich. Die größte und technisch entwickelteste Interpol-Aktion zur Erkennung der Leichen wird nun ins Leben gerufen. Zweifellos nicht wegen der mehr als zweihundert tausend asiatischen Toten. Es geht darum, besorgte Bürger der betroffenen westlichen Länder von der Effizienz ihrer Regierungen zu überzeugen, zumal auch noch hohe Versicherungssummen im Spiel sind.

Die Flut an Mitleidsbekundungen und der Wettstreit der Hilfsbereitschaft offenbaren in erster Linie Eines: Der Wert eines weißen Menschen übersteigt, der herrschenden Gutmenschen-Ideologie zum Trotz, den eines Menschen mit dunkler Hautfarbe um ein Vielfaches. Die alte Vorstellung der weißen Herrenrasse hat sich schlicht und einfach in neuer und moderner Form konsolidiert und tritt vor allem seit dem 11. September 2001 immer deutlicher zu Tage: Die westlichen Gesellschaften und allen voran die USA sind tatsächlich über alle Klassengegensätze hinweg zu einem monolithischen Block verschmolzen, der geeint und unerschütterlich seine Überlegenheit verteidigt: gegen „das Böse“ in den Aggressionskriegen in Afghanistan und im Irak; mit paternalistischem Mitleid, wenn eine Naturkatastrophe überdurchschnittlichen Ausmaßes es, aufgrund einer gewissen Anzahl an weißhäutigen Opfern, den westlichen Gesellschaften unmöglich macht, die Augen zu verschließen und, wie ansonsten üblich, die braunhäutigen Hungerleider im Dreck des globalisierten Kapitalismus verrecken zu lassen.

Dem einen oder der anderen LeserIn mit marxistischer Bildung mögen die folgenden Ausführungen durchhaus unorthodox erscheinen, wird doch postuliert, dass die Zugehörigkeit zur weißen Herrenrasse in den westlichen Gesellschaften zu einem determinierenden Element des Massenbewusstseins geworden ist, das jenes der Klassenzugehörigkeit an Bedeutung übersteigt. Mehr noch, der vorliegende Kommentar versucht die Hartnäckigkeit, mit der jenseits von Klassengegensätzen die Zugehörigkeit zu dieser Herrenrasse verteidigt wird, als eine Art Massenpsychose darzustellen. Doch vielleicht können uns gerade die folgenden Reflexionen veranschaulichen, dass der Kapitalismus tatsächlich zu einem weltumspannenden System geworden ist und die marxistischen Kategorien ausschließlich in dieser Weltperspektive ihre ursprüngliche Bedeutung und antagonistische Sprengkraft erhalten können.
Wahrnehmungsstörungen

Deutlicher noch als der Tsunami veranschaulichten die Ereignisse nach dem 11. September eine im Westen häufig verbreitete Form der Wahrnehmungsstörungen: die selektive Identifikation mit dem Leid der anderen. Während der Tod von US-Amerikanern infolge der Attentate auf das World Trade Center bei den Westbürgern Entsetzen hervorrief, entlockte ihnen das Elend der Opfer der US-Aggressionen in Afghanistan bestenfalls paternalistisches Mitleid. Bestürzung zeigte sich auf ihren Gesichtern angesichts der in sich zusammenfallenden Zwillingstürme, Gleichgültigkeit, Zustimmung oder Freude sobald die Bilder von den bombardierenden US-Kampfflugzeugen über den Bildschirm flimmerten. Als Leid wurde der Tod von sauberen Geschäftsmännern in maßgeschneiderten Anzügen empfunden, Lachen riefen dagegen die absonderlich wirkenden Afghanen in ihren folkloristischen Trachten hervor.

Ganz offensichtlich kann das Leid dieser Menschen auch in der Vorstellungswelt nicht als das eigene empfunden werden, zu himmelschreiend sind die Unterschiede in den Lebensbedingungen. Der Identifikation mit dem Schicksal der Menschen im Süden der Welt sind offenbar Grenzen gesetzt, die nur dann vorübergehend und partiell überbrückt werden können, wenn, wie während der Flutkatastrophe, alle technische, politische und rechtliche Überlegenheit die Westbürger nicht davor bewahrt, dieses Schicksal teilen zu müssen. Die ungleiche Behandlung der westlichen und asiatischen Opfer, sobald der Augenblick der Katastrophe vorbei ist, lässt die Unüberbrückbarkeit der Kluft jedoch umso deutlicher erscheinen.

Die Ausnahmesituationen bestätigt, dass im Normalfall keine Identifikation mit den Menschen der ausbeuteten Teile der Welt stattfindet. Der Westbürger erkennt sich in einer hungernden Afrikanerin oder in einem Opfer amerikanischer Bombardierungen offenbar nicht selbst wieder, sehr wohl aber in einem amerikanischen Geschäftsmann. Sein imaginäres Ebenbild, das sich seinen humanitären Gefühlen wie Mitleid, Trauer oder Schmerz würdig erweist, ist der weiße US-Amerikaner mit Kreditkarte und Aktenkoffer, nicht der bärtige irakische Gefangene oder die Burqa-beschürzte Afghanin. Und so kommt es, dass für den Westbürger, der seine humanitären Gefühle für sein Ebenbild aufspart, das Menschsein selbst offenbar irgendwo hinter dem Ural (oder schon davor?) aufhört.

Wenn es als schrecklich empfunden wird, dass Menschen sterben, so sind mit Menschen zweifellos weiße gemeint, seien sie Banker im World Trade Center oder Touristen auf den Malediven. Und noch deutlicher beweisen die Folterungen von Abu Ghraib und Guantánamo, wie dünn und unglaubwürdig der humanitäre Lack der westlichen Gesellschaft ist. Wenn aus gefangenen Menschen Hunde an der Leine werden, an deren Schmerz und Beschämung sich die Peiniger delektieren, kann auch die spätere Bestrafung der unmittelbaren Täter nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Verweigerung des Mensch-Seins für Nicht-Mitglieder der westlichen Gesellschaften System hat. Die Herrenrasse hat wieder Gestalt angenommen und grenzt sich erbarmungslos von den Parias, den Nicht-Menschen ab.

Zerrbild Terrorismus

Ihren politisch-aggressivsten Ausdruck finden die westlichen Wahrnehmungsstörungen wohl in der absurden Verwendung des Begriffs „Terrorismus“. Das simple Nachschlagen in einem Lexikon würde genügen (Duden: „Terrorismus = Das Verbreiten von Terror (= Zwang, Druck) durch Anschläge und Gewaltmaßnahmen zur Erreichung eines bestimmen [politischen] Ziels“), um die politisch wertfreie Bedeutung des Terminus klarzustellen. Allein, Terrorismus bedeutet in der gängigen Verwendung etwas ganz anderes, nämlich so ungefähr „unerlaubte Gewaltanwendung gegen den Westen und seine politischen/ökonomischen/militärischen Interessen“.

Die gleichen Handlungen – Gewaltanwendung zur Erreichung von bestimmten Zielen - von Seiten des Westens, wie sie tausendfach in Form von offenen oder versteckten Militärinterventionen, Folterungen, Tötungen oder Zerstörungen vorgekommen sind, werden als vollkommen gerechtfertigte Maßnahmen zur Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung wahrgenommen. Bemühte sich der Westen in früheren Jahren noch durch die Einbindung der UNO seinen laut Dudendefinition terroristischen Gewaltakten völkerrechtliche Deckung zu geben (z.B. im ersten Krieg gegen den Irak 1991), so scheint die Sehschwäche der westlichen Massen heute bereits so weit fortgeschritten zu sein, dass selbst dies nicht mehr nötig ist. Die militärischen Angriffe auf Jugoslawien bedurften keines UNO-Mandats mehr, ebenso wenig wie die als Verteidigungskrieg bezeichnete Aggression gegen Afghanistan. Der Überfall auf den Irak vor zwei Jahren wurde überhaupt gegen den Willen der UNO und in eklatanter Missachtung ihrer Prinzipien durchgeführt. So nimmt es auch nicht Wunder, wenn der irakische Widerstandskampf gegen die völkerrechtswidrige Besatzung per definitionem zum Terrorismus wird, während das brutale amerikanische Alltagsgeschäft im Irak weiterhin als quasi-humanitäre Mission gilt.

Ein nicht weniger beeindruckendes Beispiel semantischer Verschiebung findet sich in der Verwendung des Terrorismusbegriffs in Bezug auf den Konflikt in Palästina. Die Gewaltanwendung von Seiten der seit mehr als fünfzig Jahren unterdrückten und geknechteten Palästinenser zur Durchsetzung ihrer international verbrieften Rechte wird samt und sonders als Terrorismus bezeichnet. Hingegen gilt die nicht nur dem Völkerrecht, sondern auch jedem bürgerlich-demokratischen Rechtsverständnis Hohn sprechenden gezielten Ermordungen von Palästinensern durch die israelische Armee als notwendige und gerechtfertigte militärische Sicherheitsmaßnahme. Vielmehr noch als das, macht sich die israelische Gesellschaft nicht einmal die Mühe, das Recht der Palästinenser auf Sicherheit zu negieren. Allein die Vorstellung, dass auch sie Anspruch auf Sicherheit haben könnten, erscheint so absurd, dass sie aus dem kollektiven Bewusstsein der Israelis gestrichen wurde. Sicherheit ist etwas für Menschen. Für Ungeziefer - so, wird berichtet, bezeichnet mancher Israeli in Machtpositionen die Palästinenser - stellt sich diese Frage nicht.

Selbstherrlichkeit und Größenwahn

Die Folge der Wahrnehmungsstörungen des Westbürgers ist eine ausgeprägte Selbstherrlichkeit, die in den letzten Jahren die Diskurse von Politikern, Intellektuellen und Kulturschaffenden in gleicher Weise geziert hat. Der weitaus beliebteste Topos ist hierbei die Überlegenheit des Christentums gegenüber dem Islam, die nicht selten zum notwendigen Kreuzzug des westlichen Humanismus gegen die islamische Barbarei oder wahlweise den islamischen Faschismus wird. In der Variante Kulturkampf findet er gegen das Kopftuch und seien Trägerinnen auch in den westlichen Ländern Anwendung. Geht es um den Islam, wird aus dem Recht der Frau auf Selbstbestimmung die Pflicht zur Entblößung.

Bisweilen nimmt diese vermeintliche Überlegenheit auch die Züge von Größenwahn an, wenn etwa das Tun der US-Administration den vermeintlichen missionarischen Auftrag der US-Gesellschaft gegenüber der Welt offenbart. Der US-Angriff auf Afghanistan war denn auch ganz nach der Vorstellung des Handelns eines überlegenen, gottähnlichen Wesens konzipiert. Gott straft und Gott vergibt, Gott ist zornig, doch Gott streckt auch die Hand zur Versöhnung aus. Gott schließlich ist besorgt um das Wohl der Erdlinge. Doch vor allem ist Gott allmächtig. Der moderne Gott, das ist ein US-Gott der Bomben und der Erdnussbutter.

Hysterie

Gott ist für gewöhnlich auch unverwundbar und als am 11. September 2001 zwei Flugzeuge den Stolz des Erdnussbuttergottes wie Kartenhäuser in sich zusammenbrechen ließen, da bekam die Selbstherrlichkeit einen Riss. Die Folge war tiefe Verunsicherung, die sich in den USA in Form einer aggressiven Massenhysterie Luft machte. Diese Hysterie ist uns in den letzten Wochen wieder begegnet, wenn auch nicht in ihrer aggressiven, sondern eher in ihrer paranoiden Form. Die Flutwelle hat, als Ausnahme, die bekanntlich die Regel bestätigt, auch ein paar wenige weiße Menschen mit in den Tod gerissen. Die zu Hysterie führende Unerklärlichkeit dieser Tatsache ist nicht so sehr der Tod, als vielmehr, dass er vor der Unverwundbarkeit der Herrenrasse nicht Halt gemacht hat.

Doch was hinter der Hysterie des Westbürgers steckt, ist nicht so sehr die Angst davor, das nackte, sondern vielmehr das bequeme Leben im Westen zu verlieren, den opulenten und obszönen Reichtum, den American Way of Life, dessen er sich bis zum 11. September sicher wähnte.

Für die Menschwerdung der Parias

Es ist diese Massenhysterie, die Massenangst, den gottähnlichen Status eines privilegierten Westbürgers zu verlieren und zu den Verarmten, Elenden, den Verdammten und Ausgestoßenen, den Parias dieser Erde, den Nicht-Menschen herabsteigen zu müssen, die den westlichen Regierungen den Konsens der erdrückenden Mehrheit der Bevölkerung über alle Klassengrenzen hinweg sichert. Die Kriege der US-Regierung sind auch die Kriege der übergroßen Mehrheit der westlichen Bevölkerungen. Was in Afghanistan aktiv eingefordert wurde, wird im Irak mitunter mit Missfallen doch letztendlich mit apathischem Desinteresse mitgetragen, auch von den Arbeiterklassen. Die Fronten sind klar: Der reiche Westen steht den vollkommen verarmten und entrechteten Massen der Dritten Welt gegenüber.

Der Anspruch der westlichen bürgerlichen Gesellschaft, erstmals formuliert in der Menschenrechtserklärung der Französischen Revolution, die Gleichberechtigung ihrer Bürger zu garantieren, ist auf Weltebene jämmerlich gescheitert. Dem Menschenrechtsimperialismus zum Trotz ist es dem Westen nicht gelungen, auch nur in oberflächlicher, vermeintlicher Weise diesen Anspruch auf Weltebene zu verwirklichen. Im Gegenteil, die Spaltung der Weltbevölkerung in Herrenrasse und Parias ist vollkommen, sie ist tiefer denn je.

Um sie zu überwinden, wird vielleicht genau dort angesetzt werden müssen, wo die Französische Revolution gescheitert ist und schließlich ihr Ende fand. Als die Bewegung der Enragés, der Erzürnten, der Radikalsten und Unnachgiebigsten unter den Sansculotten, die unter den Armen die Ärmsten vertraten, von der französischen Nationalversammlung die Menschenrechte auch für die Volksmassen einforderten, da wurden sie, die die Revolution mehrmals vor dem Ansturm der Reaktion gerettet hatten, verhaftet, verurteilt und hingerichtet. Und so hat die Französische Revolution nicht das Zeitalter des allgemeinen Glücks für das Volk, sondern das Zeitalter des Kapitalismus eingeläutet, das Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit nur für eine Klasse, das Bürgertum, gebracht hat. Heute verweigert dieses Bürgertum in seiner modernen Ausformung des Westbürgers den verarmten Massen nicht nur die Menschenrechte, sondern selbst das Mensch-Sein.

Es gilt das Vermächtnis der Enragés aufzunehmen und zweihundert Jahre später die Menschwerdung der Ärmsten der Armen zu fordern.

Margarethe Berger