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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 14 April 2005

Der Sozialismus und die Frage der Tamilen

Der seit mehr als zwanzig Jahren währende Bürgerkrieg in Sri Lanka zwischen den Tamil Tigers und der Zentralregierung ist nicht nur ein Beweis dafür, dass der Kampf für die nationale Befreiung auch unter den ärmsten Massen der kolonialen und halbkolonialen Länder nach wie vor existiert. Der bewaffnete Konflikt in Sri Lanka ist auch eine tragische Erinnerung daran, wie die Fehleinschätzung der nationalen Frage die Hoffnungen auf eine politische und soziale Revolution, die auch hätte sozialistisch sein können, zunichte gemacht hat.


Der Bürgerkrieg begann 1983. Seitdem stehen sich das den bürgerlichen Interessen treu ergebene Militär und die berüchtigten „Tamil Tigers“ unter der Führung des legendären Velupillai Prabhakaran gegenüber. Dieser Bürgerkrieg hat zwar alte Wurzeln, ist aber zweifellos ein Resultat des modernen Kapitalismus, der Unterentwicklung, des Kolonialismus. Die zwei großen Bevölkerungsgruppen, die sich gegenüber stehen, sind die buddhistischen Singhalesen und die hinduistischen Tamilen, die den Norden der Insel und das Hochland bewohnen. Obwohl die tamilische Besiedlung der mehrheitlich singhalesischen Insel schon lange zurück liegt, hat erst die britische Kolonisierung massiv tamilische Arbeiter aus dem indischen Tamil Nadu nach Sri Lanka gebracht um sie als Arbeitskräfte auf den Teeplantagen im Hochland einzusetzen. Über Jahrhunderte lang benachteiligt, genossen die Tamilen unter britischer Herrschaft zumindest einen gewissen Schutz. Das ist wohl auch mit ein Grund dafür, dass in der singhalesischen antikolonialen Befreiungsbewegung chauvinistische Untertöne nie ganz fehlten. Heute stellen die Tamilen zweifellos den ärmsten Teil der Bevölkerung Sri Lankas.

Sri Lanka wurde 1948 von den Briten in die Unabhängigkeit entlassen, ohne dass es einen bewaffneten Konflikt gegeben hätte. Die räuberische und infame Bourgeoisie Sri Lankas, traditionell vertreten in der reaktionären United National Party (UNP), hat sich in Dankbarkeit für die unblutige Machtübergabe in besonderer Treue gegenüber dem Imperialismus ausgezeichnet. Wenn die Singhalesen auch die Mehrheit der Bevölkerung stellen, so befinden sich doch alle Hebel der Macht, seien diese wirtschaftliche, politische oder militärische, in den Händen derer, die wir als Super-Bourgeoisie bezeichnen können. Sie ist nicht kreolisch, hat ihre Ursprünge nicht in einer Vermischung mit den Kolonisatoren, lässt sich nicht auf eine Kreuzung mit den Weißen zurückführen, sondern auf eine Verpflanzung der alten, vorkapitalistischen Kastenstruktur in den Körper eines korrupten und degenerierten Kapitalismus. Die Muttersprache dieser Super-Bourgeoisie ist Englisch, sie wird in westlichen Colleges erzogen und ausgebildet, sie ist nicht in der Lage, die zwei nationalen Sprachen zu schreiben und beherrscht sie mündlich wenn überhaupt nur schlecht. Diese Klassen-Kaste steht über allem und besetzt eine Position mit sehr hohem sozialem Prestige. Sie gibt ihre Macht mit nepotistischen Methoden weiter und versperrt allen anderen Gruppen und sozialen Klassen den Zugang zu ihr.

Die Linke Sri Lankas

Wir haben hier einen Kapitalismus sui generis und eine Bourgeoisie sui generis vor uns, doch auch die Linke und die nationale Frage sind sui generis. In Sri Lanka ist die Arbeiterbewegung sehr früh und interessanterweise unter der Schirmherrschaft des Trotzkismus entstanden. Doch die Führung der Armen hat immer eine anglophone Intelligentsia gestellt, die mit tausend Fäden an die herrschende Klassen-Kaste gebunden war, eine Art revolutionärer Körper mit einem bürgerlichen Kopf.

In den 60er- und 70er-Jahren vollzieht sich eine tiefgreifende Veränderung innerhalb der Linken: Unter den ärmsten Klassen-Kasten, sowohl Singhalesen als auch Tamilen, bringt die radikalisierte Jugend zum ersten Mal eine politische Avantgarde hervor, die nicht von oben, sondern von unten, aus den ärmsten Schichten, aus dem wirklichen Proletariat kommt. Der offensichtlichste Fall ist die JVP, die sich unter den Singhalesen rasch entwickelt, während im Nordosten des Landes eine radikale Linke ihre ersten Schritte setzt, deren äußerster Punkt die LTTE Prabhakarans darstellt. Ende der 60er- und Anfang der 70er-Jahre nimmt diese neue Linke eine Position zur nationalen Frage an. Und hier beginnt sich der Abgrund aufzutun. Auf der einen Seite lehnt Rohana Wijeweera (JVP), es ab sich die Parole der nationalen Selbstbestimmung zu eigen zu machen. Er nähert sich in dieser Hinsicht den Kritikern Lenins wie etwa Rosa Luxemburg und Pjatakow an. Auf der anderen Seite wählt Prabhakaran auf maoistisch-stalinistischer Grundlage den bewaffneten Kampf für die nationale Befreiung als einzig möglichen Weg, um für sein auf der für Buddhisten heiligen Insel zweifellos unterdrücktes Volk, die Tamilen, Freiheit und Sozialismus zu erlangen. Während also Wijeweera den Sozialismus als einzige radikale Lösung betrachtet und hofft, dass diese revolutionäre Perspektive es ihm erlaubt, alle Nationalitäten des Landes zu vereinen, vertritt Prabhakaran die Ansicht, dass der Kampf für die nationale Unabhängigkeit der einzige Weg zur Abschaffung der kapitalistischen Unterdrückung und zur Erlangung des Sozialismus ist. Während die Führungsgruppe der JVP nach der Niederlage des städtischen Aufstandes von 1971 im Gefängnis sitzt, beginnt Prabhakaran den Aufbau einer Landguerillabewegung indem er unter der Jugend der untersten Kasten rekrutiert.

Das Schicksal und die politischen Entscheidungen der JVP und der LTTE haben dafür gesorgt, dass ihre Wege einander nie treffen, während es offensichtlich ist, dass ihr Bündnis zumindest in der Periode zwischen 1987 und 1989 die entscheidende Wende bedeuten hätte können. Kämpften schließlich nicht alle beide gegen die indischen „Friedenstruppen“, die nach Sri Lanka entsendet wurden, um im Bürgerkrieg zu vermitteln, in Wahrheit allerdings um die regional-imperialistischen Interessen Indiens zu verteidigen? Betrachteten etwa nicht alle beide die Regierung in Colombo als ihren Hauptfeind?

Sri Lankas Geschichte seit der Unabhängigkeit hat gezeigt, dass die Revolution nicht möglich ist, solange die singhalesischen und die tamilischen Massen an entgegengesetzten Fronten kämpfen. Ihre Vereinigung zu erlangen, ist das historische Problem der Linken Sri Lankas.

Die Linke und der Sinhala-Chauvinismus

Die JVP, nach der Krise der trotzkistischen Organisationen lange Zeit die einzige proletarische und wirklich antiimperialistische Kraft von einer gewissen Stärke in Sri Lanka, vertritt die Ansicht, dass die Teilung des Landes im Interesse des Imperialismus, in erster Linie des amerikanischen (der endlich eine strategische Marinebasis in Trincomalee will) wäre und dass daher der Unabhängigkeitskampf von Prabhakarans Tigern reaktionär sei. Damit wischt sie die nationale Frage vom Tisch und verweigert den Tamilen das Selbstbestimmungsrecht. Statt dessen verspricht sie ihnen den Sozialismus als einzig mögliche, endgültige Lösung. Damit ignoriert sie nicht nur die leninistische Politik zur nationalen Frage. Vielmehr noch schafft sie eine unüberwindliche Barriere, anstatt eine Brücke zu den Jugendlichen und den tamilischen Volksmassen zu schlagen. Denn die Einheit kann nicht auf Basis einer „negativen Politik“ hergestellt werden, sondern nur durch eine positive und aktive Politik. Kommunisten, die keine demokratische Lösung für die nationale Frage vorschlagen können, die keine vermittelnde und realistische Lösung aufzeigen können um den Massakern ein Ende zu setzen, Kommunisten, die sich darauf beschränken zu versprechen, dass die Lösung im sozialistischen Paradies liegt, werden nie das Vertrauen der Tamilen gewinnen können, ohne deren Unterstützung aber kein Erfolg möglich ist.

Tatsächlich hat die radikal-ablehnende Politik der JVP zur nationalen Frage die Position der Tamilen erhärtet, dass auch die singhalesischen Kommunisten trotz ihrer internationalistischen Versprechungen nichts anderes als Nationalisten sind, die dem Druck des singhalesischen Chauvinismus nachgeben.

Die Entwicklung der JVP ist dafür wohl der tragische Beweis. Nachdem die Partei im Bruch mit Trotzkismus, Stalinismus und Maoismus entstanden war; nachdem sie die Bestrebungen der singhalesischen Massen nach sozialer und politischer Befreiung aufnahm und weiterführte, als die traditionellen Parteien der Linken längst an den Rockzipfeln der Bourgeoisie hingen; nachdem sie in zwei Aufständen – 1971 und 1987/89 von der Regierungsrepression fast vollständig vernichtet worden wäre, ist sie nun Teil der links-chauvinistischen Regierung von Chandrika Bandarainke Kumaratungas SLFP. Seit dem Jahr 2000 beschränkte sich das politische Programm der JVP fast vollständig darauf, die Niederschlagung der tamilischen Rebellion zu fordern, die sie als faschistisch bezeichnete. Dies geschah ganz offensichtlich unter dem Druck des anwachsenden singhalesischen Chauvinismus, dessen unmissverständliche Ablehnung in Verteidigung der tamilischen Minderheit für die JVP als Isolation von ihrer singhalesischen Massenbasis angesehen wurde. Tatsächlich hat sich die Anhängerschaft der JVP vervielfacht, sie stellt nun vier Minister in einer Koalition, deren Basis ein Programm der nationalen Einheit darstellt.

Doch was bedeutet die Politik der JVP von einem marxistischen Gesichtspunkt aus betrachtet? Auch wenn man einräumen würde, dass die Teilung der Insel nicht im Interesse des Volkes ist; wenn man annehmen würde – was aber nicht notwendigerweise der Wahrheit entspricht – dass die Tigers nicht die legitimen Ansprüche auf nationale und soziale Gerechtigkeit der unterdrücktesten und ärmsten Sektoren verkörpern, sondern nur Marionetten des Imperialismus sind (in Wirklichkeit ist es jedoch die Regierung in Colombo, die vom Imperialismus unterstützt wird); wenn man einräumen würde, dass Prabhakaran nur eine rassistische Marionette tamilisch-hinduistischer Ausrichtung ist, so haben singhalesische Kommunisten dennoch die unbedingte Pflicht dem Volk eine Antwort auf die Frage zu geben, wie dieser blutige Bruderkrieg beendet werden kann und wie es möglich ist sich von Prabhakaran zu befreien. Über die „negative Politik“ der JVP wird indirekt der Einfluss des Nationalismus auf die Massen verstärkt und Prabhakaran in seiner sezessionistischen Politik unterstützt. Die Massen befreien sich nicht durch bürokratische Dekrete von ihren nationalistischen Vorurteilen, sondern nur, wenn sie das Scheitern des Nationalismus auf ihrer eigenen Haut fühlen können. Marx paraphrasierend kann man sagen, dass man um den Nationalismus zu besiegen diesen erst verwirklichen muss.

Die Behauptung, die Tamil Tigers seien Werkzeuge des Imperialismus hält hingegen keiner Analyse stand. Abgesehen davon, dass die LTTE in den USA auf der Liste ausländischer Terrororganisationen steht, will der Imperialismus das Regime in Colombo nicht zerstören. Aus dem einfachen Grund, dass die SLFP-geführte Regierung seine Interessen bestens verteidigt. Ebenso wenig will der Imperialismus die Teilung der Insel, sondern er möchte sie in ihrer Gesamtheit unter seinem Kommando halten – so wie das jetzt der Fall ist.

Tatsächlich kann nur eine radikale Absage an den chauvinistischen Kurs der Regierung die Basis für einen gemeinsamen Kampf der beiden Völker und einen gemeinsamen Staat legen. Dieser wiederum wird nur in einem Bruch mit der pro-imperialistischen Bourgeoisie und als sozialistischer Staat existieren können, auch wenn diese Aussage rhetorisch erscheinen mag. Denn in Sri Lanka haben nicht die einzelnen bürgerlichen Koalitionen versagt, sondern die Bourgeoisie als solche ist kläglich gescheitert. Eine Bourgeoisie, wohlgemerkt, die zwar mehrheitlich singhalesisch ist, doch geschickt sowohl die tamilische als auch die moslemische Bourgeoisie einzubinden vermag. Tatsächlich ist der Kapitalismus in Sri Lanka multiethnisch: Die Bourgeoisie verteidigt gemeinsam ihre Interessen auf Kosten der gesamten Nation und der drei Völker die in ihr unter erschreckend unwürdigen Bedingungen leben. Die Tragik der langen Geschichte des sozialen und politischen Befreiungskampfes dieser Völker ist es, dass alle ihre Organisationen, insbesondere jedoch die singhalesische Linke, letztendlich immer den Spaltungen erlegen sind, die ihnen von jener Bourgeoisie auferlegt wurden, die zu stürzen sie angetreten waren.

Moreno Pasquinelli
Übersetzt und überarbeitet
von Margarethe Berger