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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 14 April 2005

Der Antisemitismusvorwurf

Seit dem Ausbruch der Zweiten Intifada wurde verstärkt gegen verschiedene Strömungen der Linken der Vorwurf des Antisemitismus erhoben. Welchen politischen Ursprung und welche Konsequenzen haben diese Polemik und damit der Antisemitismusvorwurf? Diese Problemstellung ist für die Linke von Bedeutung, denn sie führt zu den Antworten auf die grundsätzlichen Fragestellungen, welchem Phänomen sie gegenüber steht und welche politischen Aufgabenstellungen daraus erwachsen.


Philosemitismus und Antisemitismus

In der Antisemitismusforschung besteht darüber Konsens, dass Philosemitismus und Antisemitismus auf ähnlichen stereotypen Vorstellungen beruhen (1). Insbesondere die Vorstellung eines besonderen Wesens des Judentums, die es den anderen religiösen und ethnischen Gemeinschaften gegenüber auszeichnen würde, ist eine gemeinsame Grundlage. Diese Besonderheit des Judentums wird auf verschiedene Weise argumentiert. Ihnen ist gemeinsam, dass diese Argumentationen zu einer Überhöhung bzw. Diskriminierung des Judentums führt.

Es besteht also ein innerer Zusammenhang zwischen Antisemitismus und Philosemitismus. Dieser äußert sich auch in der konkreten historischen Entwicklung. So gibt es eine gewisse historische Gleichzeitigkeit bzw. einen ständigen Wechsel von diesen beiden Phänomenen. So ging der Antisemitismus des Faschismus nahtlos in eine philosemitische Welle der Nachkriegszeit über. Dieser Philosemitismus existierte aber auch gleichzeitig mit einer gewissen Kontinuität des Antisemitismus.
Eine besonders interessante Problemstellung ist, aus welchen gesellschaftlichen Grundlagen diese Gemeinsamkeit entspringt. Große Teile der Antisemitismusforschung haben dafür oft nur vulgärpsychologische Ansätze geliefert. So wird meist die These vertreten, dass die Menschen sich aufgrund ihres Antisemitismus schuldig gemacht hatten und nun durch ihr philosemitisches Verhalten sich dieser Schuld entledigen wollen (2). Diese These beruht zumeist auf der Vorstellung einer Kollektivschuld und reduziert politische und gesellschaftliche Entwicklungen auf tiefenpsychologische Phänomene. Die Frage nach dem gesellschaftlichen Ursprung der Gemeinsamkeit von Antisemitismus und Philosemitismus bleibt also weiterhin ungelöst.

Die Nachkriegsära

Die Antisemitismusforschung stellte nach 1945 einen enormen Aufschwung philosemitischen Verhaltens fest. „Der öffentliche antisemitische Konsens des Dritten Reiches wurde in der Nachkriegszeit durch einen ebenso öffentlichen philosemitischen Konsens abgelöst.“ (3) Wie schon erwähnt erklärte die Antisemitismusforschung dies mit der Kollektivschuldthese und psychologisierenden Ansätzen. Aus linker Perspektive müssen wir jedoch ganz andere Aspekte in Betracht ziehen und insbesondere die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse berücksichtigen.
Der Faschismus sowohl in Österreich als auch in Deutschland führte zu einer enormen Schwächung linker Kräfte. In der unmittelbaren Nachkriegsordnung konnte sich die Linke nicht von dieser Niederlage erholen. Die Nachkriegsordnung basierte auf einem Bündnis zwischen nichtfaschistischen, reaktionären Kräften und rechten Teilen der Arbeiterbewegung. Die antikommunistische Haltung dieser Allianz war ein wesentliches Moment, welches diesen Konsens ermöglichte und eine gemeinsame Identität stiftete. Große Teile der westeuropäischen Linken wurden relativ einfach in dieses politische Bündnis der Herrschenden integriert. Ein wesentlicher Teil dieses politisch-ideologischen Konsenses war der Philosemitismus. „Im reformorientierten linken Spektrum herrschte bis Mitte der 1960er Jahre unangefochten ein pro-israelischer Konsens, viele zeigten eine regelrecht philosemitische Begeisterung für den ‘Pionierstaat’ Israel und das ‘sozialistische Experiment’ der Kibbuzim.“ (4).
Diese neue ideologische Basis stellte einen deutlichen Bruch mit dem Faschismus dar. Innerhalb der herrschenden politischen Allianz vollzog sich ein Wechsel hin zu einem Antifaschismus. Das bedeutete, dass der Antifaschismus in der Nachkriegordnung zu einem Bestandteil des hegemonialen Konsenses wurde (5). Mit dieser Umstrukturierung der herrschenden Ideologie veränderte sich auch die Haltung gegenüber dem Antisemitismus. Antisemitische Vorstellungen wurden von den herrschenden politischen Kräften nicht mehr akzeptiert und so verlor auch der politische Antisemitismus an Bedeutung. Keine der Parteien, die sich in die Nachkriegordnung integrieren wollten, durfte mit antisemitischen Vorstellungen offen Politik machen. Dies erforderte größtenteils eine innere Distanzierung innerhalb der Parteien von ihrer eigenen politischen Vergangenheit.
Retrospektiv betrachtet stand die Linke vor einer Umbruchsituation. Sie hätte auf diesen Wandel von der faschistischen Herrschaft zu einem antifaschistischen, philosemitischen Konsens angemessen reagieren müssen. Sowohl der Kampf gegen den Faschismus als auch der Kampf gegen den Antisemitismus hatten ihre gesellschaftliche Bedeutung und ihre sprengende Kraft verloren. Die entscheidende Aufgabestellung wäre der Kampf gegen den neuen herrschenden Konsens gewesen.

Aufbruch von 1968

Das Jahr 1968 brachte einen Aufschwung für linke Kräfte in Westeuropa. Sowohl durch die Studentenbewegung als auch durch die antikolonialen Kämpfe kam es zu einem Erstarken und zu einer Radikalisierung der Linken in Europa. Dies wiederum bewirkte eine stärkere Polarisierung in verschiedenen politischen Fragestellungen. Durch diesen Aufschwung erlangte die politische Aufgabenstellung des Angriffes auf den hegemonialen Konsens der Herrschenden eine wichtige Stellung. Außerdem stand die Erarbeitung einer Allianz mit den kämpfenden Kräften des Trikonts auf der Tagesordnung. Der Antizionismus stellte die Möglichkeiten für die Lösung dieser Aufgaben zur Verfügung. Deshalb gewann er in der europäischen Linken immer mehr an Bedeutung (6).
Gleichzeitig kristallisierte sich die philosemitische, pro-zionistische Position innerhalb der herrschenden Fraktionen noch deutlicher heraus (7). Es gab aber trotzdem auch dort Fraktionen, die Israel kritisch gegenüber standen. Vor allem nach 1967, nach dem israelischen Aggressionskrieg, wurden auch Stimmen der Kritik gegenüber Israel laut. Entscheidend war jedoch, dass das Existenzrecht Israels dabei nie infrage gestellt wurde. Damit blieb diese Position, trotz kritischer Ansätze, immer noch auf der politischen Basis der Herrschenden.
Für die europäische Linke erfüllte die antizionistische Positionierung entscheidende politische Aufgabenstellungen. Zunächst war diese antizionistische Position geeignet den philosemitischen, pro-zionistischen Konsens anzugreifen. Außerdem schuf der Antizionismus eine ideologisch-politische Grundlage für eine Allianz mit den antiimperialistischen Kämpfen des Trikonts. Die antizionistische Position richtete sich also konkret gegen den rassistischen Konsens der Herrschenden, als deren konkreter Ausdruck der Philosemitismus dominant war (8). Die Positionierung der radikalen Linken seit 1968 stellte somit die emanzipatorische Überwindung sowohl des Antisemitismus als auch des Philosemitismus dar. Dies lässt sich nicht nur inhaltlich argumentieren, sondern auch, wie man sieht, anhand der konkreten politischen Kämpfe aufzeigen.

Integration in den herrschenden Konsens

Schon Ende der 1970er Jahre veränderten sich die Kräfteverhältnisse in Europa wieder zuungunsten der Linken. Die Jahre nach 1989, der Zusammenbruch der sozialistischen Staatenwelt, zeigte offensichtlich diese Schwächung. Dies stellte aber keinen Wendepunkt der Entwicklung dar, sondern brachte nur an die Oberfläche, was schon seit längerem strukturell vorhanden war.
Teile der ehemaligen Linken machten nun Anstalten, angesichts dieser neuen Kräfteverhältnisse, sich in einen neuen Konsens der herrschenden politischen Fraktionen zu integrieren. Ihren Ursprung nahm diese Bewegung in der Gruppe „Radikale Linke“. Aus dieser Initiative entsprangen die antinationalen und antideutschen Strömungen. Vor allem über die Affirmation des Philosemitismus schafften sie eine ideologische und politische Integration in die herrschende politische Allianz. Der Antisemitismusvorwurf gegen die Linke hat in diesem Zusammenhang betrachtet im Wesentlichen die Funktion, den Linken einen Weg in den herrschenden Konsens zu öffnen.
Seit 1945 ist der Philosemitismus eine wesentliche Säule der herrschenden Ideologie. Er stellt somit keine neue Erscheinung dar, doch in den aktuellen Verhältnissen nimmt er neue Formen an. Außerdem wirkt er heute deswegen so erdrückend, da sich die Kräfteverhältnisse seit 1968 deutlich zu den Ungunsten der Linken verschoben haben. Der Antisemitismusvorwurf muss in diesem Zusammenhang begriffen werden. So richtet sich dieser Vorwurf fast ausschließlich gegen linke Positionen, in konkreter Form gegen antizionistische aber auch gegen antikapitalistische Positionen im Allgemeinen (9). In den gesellschaftlichen Kämpfen erfüllt der Antisemitismusvorwurf zum einen die Funktion die Linke zu desavouieren und ihnen einen Weg in den herrschenden Konsens zu ermöglichen. Außerdem werden die antiimperialistischen Kämpfe weltweit diskreditiert, womit eine Entsolidarisierungsbewegung gefördert werden soll (10).

Politische Aufgaben

In der Nachkriegsordnung wurde sowohl der Antifaschismus als auch der Philosemitismus Teil des herrschenden ideologisch-politischen Konsenses. Die Linke stand vor dem Problem, dass dieser Bruch, die Restrukturierung der herrschenden Ideologien, die politischen Aufgabestellungen deutlich verändert hatte. Sowohl der Kampf gegen Faschismus als auch gegen Antisemitismus hatten an Bedeutung verloren. Das besagt natürlich nicht, dass die linken Positionen nicht grundsätzlich antifaschistisch und antirassistisch wären. Lediglich in den aktuellen gesellschaftlichen Kämpfen hat sich deren konkreter Ausdruck gewandelt.
Bis heute ist der herrschende politisch-ideologische Konsens durch den Philosemitismus geprägt, obwohl sich die konkreten Kräfteverhältnisse immer wieder verändert haben. Heutzutage kann sich keine ernstzunehmende politische Kraft, die Bestandteil der herrschenden politischen Allianz sein will, offen zum Antisemitismus bekennen. Selbst jene politischen Strömungen, die sich in ihrer Geschichte auf den Antisemitismus berufen hatten (Deutschnationale, politischer Katholizismus) mussten sich nach 1945 von ihrer eigenen Geschichte in diesem Zusammenhang distanzieren (VdU, ÖVP). Der politische Antisemitismus hat heute für die herrschenden politischen Fraktionen keine Bedeutung mehr.
Für die Linke stellt sich nun die Frage, wie sie den herrschenden ideologisch-politischen Konsens aufbrechen oder zumindest ankratzen kann. Die antizionistische Positionierung ist hierfür sicherlich ein wichtiges Mittel. Hierbei ist jedoch problematisch, dass sich diese Position auf einen konkreten Konflikt bezieht, in dem die Kräfteverhältnisse sehr ungünstig für die fortschrittlichen Kräfte stehen (11). Ein weiteres Mittel, welches diese Aufgabenstellung bewältigen könnte ist der Kampf gegen den Antiislamismus. Der Antiislamismus hat heute in der herrschenden Ideologie eine besonders wichtige Stellung. Dies könnte eine politisch-ideologische Grundlage für eine Allianz mit Teilen des politischen Islam bilden. Diese Allianz ist für Linke in Europa entscheidend, da die kämpfenden Teile des Islam eine moderne Form des antiimperialistischen Kampfes im Trikont darstellen. Außerdem könnte der Kampf gegen Antiislamismus auch ImmigrantInnen in Europa selbst ansprechen.

S.B.

(1) Vgl. u.a. Stern, Frank: Philosemitismus statt Antisemitismus: Entstehung und Funktion einer neuen Ideologie in Westdeutschland. In: Benz, Wolfgang (Hrsg.): Zwischen Antisemitismus und Philosemitismus. Juden in der Bundesrepublik. Berlin (Metropol-Verlag) 1991, S. 51. (= Reihe Dokumente, Texte, Materialien. 1)
(2) Vgl. Benz, Wolfgang: Reaktionen auf den Holocaust. Antisemitismus, Antizionismus und Philosemitismus. In: Tribüne. Zeitschrift zum Verständnis des Judentums, 37. Jg. (1998), Nr. 148 der Gesamtfolge, S. 133.
(3) Stern a.a.O., S. 49.
(4) Haury, Thomas: Der neue Antisemitismusstreit der deutschen Linken. In: Rabinovici, Doron; Speck, Ulrich; Sznaider, Natan (Hrsg.): Neuer Antisemitismus? Eine globale Debatte. Frankfurt am Main (Suhrkamp Verlag) 2004, S. 144. (= Edition Suhrkamp. 2386)
(5) Dieser antifaschistische Konsens der politisch Herrschenden hat sich bis heute fortgesetzt. Die ständige Beschwörung der Konzepte von Freiheit und Demokratie von beispielsweise der US-Administration darf nicht nur als „Täuschung“

verstanden werden, sondern spiegelt durchaus das eigene Selbstverständnis wieder.
(6) Vgl. Haury a.a.O., S. 144ff.; Ullrich, Peter: Antisemitismus etc. Bedingungen und Grenzen der (linken) Solidarität mit Palästina/Israel. http://www.dpg-netz.de/dpg2003/aktuell/Antisemitismus.pdf, abgerufen im Februar 2005.
(7) Vgl. Ullrich a.a.O.
(8) Vgl. Elken, Dieter: Israel und die deutsche Linke. Ein Beitrag zur Kritik der Flugschrift der Radikalen Linken. Berlin 1991, http://www.ak-marxismus.de, abgerufen im Februar 2005.
(9) Dies wird vor allem durch die Argumente der wertkritischen Schule möglich, welche die Antikapitalismuskritik vollkommen simplifizieren.
(10) Vgl. Pirker, Werner: Herrschaftsideologie Philosemitismus. Der schwarze Kanal. In: junge Welt, vom 06.12.2003.
(11) Der palästinensische Befreiungskampf steckt, trotz der neuen Dynamik durch den politischen Islam, in einer politischen Krise. Die politischen Gegner Israel und USA sind zu stark, als das sich mittelfristig bessere Positionen erkämpfen lassen könnten.