Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

 Ausgaben

Nr. 21 Herbst 2007
Nr. 20 Frühjahr 2007
Nr. 19 November 2006
Nr. 18 Mai 2006
Nr. 17 Februar 2006
Nr. 16 November 2005
Nr. 15 Juni 2005
Nr. 14 April 2005
Nr. 13 November 2004
Nr. 12 September 2004
Nr. 11 Mai 2004
Nr. 10 Jänner 2004
Nr. 9 November 2003
Nr. 8 September 2003
Nr. 7 Mai 2003
Nr. 6 März 2003
Nr. 5 Jänner 2003
Nr. 4 November 2002
Nr. 3 September 2002
Nr. 2 Juli 2002
Nr. 1 Mai 2002

 

 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 14 April 2005

Flüchtlingsrückkehr – z.B. Bosnien

Während Kroatien als fixer EU-Anwärter gehandelt wird, rügt Brüssel die Republik Bosnien und Herzegowina immer wieder: einerseits wegen vermeintlicher Nicht-Kooperation bei der Zusammenarbeit fürs Den Haager Kriegsverbrechertribunal, andererseits wegen dem schleppenden Willen zur Flüchtlingsrückkehr.


Zwischen 2 Millionen und 2,5 Millionen haben zwischen 1991 bis 1995 während der Kriege in Ex-Jugoslawien ihr Zuhause in Bosnien und der Herzegowina (BiH) verlassen. Zum Teil waren es Übersiedlungen von einer Region in eine andere, zum Teil zogen sie nach Mittel-Westeuropa, aber auch nach Kanada und in die USA. Im Dezember 2004 gab die bosnische Regierung eine Rückkehrerzahl von rund einer Million Menschen in ihr ursprüngliches Zuhause an. Diese Zahl ist auf den ersten Blick beeindruckend. Bei genauerer Betrachtung stellt man fest, dass die Rückkehrer ältere Einwohner mit einem Durchschnittsalter von 55-60 Jahren sind. Die Jungen, die es mit ihren Eltern oder später durch das Studium in die Städte verschlug, bevorzugen heute die größeren Städte, Sarajevo, Banja Luka und Tuzla in BiH, Belgrad, Novi Sad, Zagreb, Split in den Nachbarstaaten.
Für jene, die zurückkehren wollten, dauerte es im Durchschnitt fünf Jahre bis sie ihre Wohnungen oder Häuser wieder beziehen konnten, da diese inzwischen von anderen bewohnt wurden und für diese wiederum neue Quartiere gesucht werden mussten. Die Erklärung dafür liegt in einem Muster von Behinderung und Diskriminierung, das sich bei allen Regierungen und den lokalen Beamten vorfindet.

Leerstehende Häuser

Eine maßgebliche Geldsumme wurde investiert, um kaputte Häuser aufzubauen und neue zu errichten. Das meiste stammte aus EU-Töpfen und für die Investierung wurden verschiedene NGOs vor Ort beauftragt. Niemand hat bisher jedoch konkret nachgefragt, wofür und wie das Geld verwendet wurde. OHR, UNHCR, OSCE, EC und auch die bosnische Regierung wurden nie nach einer Strategie für den Wiederaufbau und der Flüchtlingsrückkehr gefragt. Gibt es überhaupt eine? Wenn ja, welche?
Anfangs bestand der Ansatz, jenen, die zurückkehren wollen, finanziell rasch unter die Arme zu greifen. Aber von 1999 an, als jene, die zurückkehren wollten oder von den EU-Ländern aus zur Rückkehr gezwungen wurden, schon im Land waren, ist die Frage, wofür die Gelder zur Flüchtlingsrückkehr überhaupt verwendet wurden und werden? Denn ab etwa 1999 war die Rückkehr abgeschlossen. Trotzdem fahren die oben genannten Institutionen fort, neue Häuser zu bauen, wo keine Infrastruktur (Elektrizität, Straßen) vorhanden ist und, noch verheerender, keine Arbeitsplätze zu finden sind. Warum also fährt man fort, neue Siedlungen zu bauen, leer stehende Häuser herzurichten, wenn man weiß, dass keine Leute einziehen werden? Trostlos die langen Reihen von Fertigteilhäusern mit Bramac-Schindeln, die irgendwo in der Landschaft, irgendwo im Nichts stehen. Warum sollten hierher auch Leute ziehen wollen, fragt sich der kritische Zeitgenosse.
Unsere Praxis zeigte uns mehrmals, dass die Menschen für die gebaut wird, nicht gefragt werden, wo sie eigentlich leben wollen, ob sie denn überhaupt wieder umgesiedelt werden wollen. Die letzten Erhebungen zeigen, dass nur 30 maximal 40 Prozent der neu gebauten und wieder instand gesetzten Häuser wirklich bewohnt, beziehungsweise teilweise, bewohnt werden.

Eine Stadt für die Internationalen

Auf der anderen Seite dürfen nach wie vor keine offiziellen Erhebungen zu den beiden Hauptstädten Sarajevo (Föderationshauptstadt) und Banja Luka (Hauptstadt der serbischen Republik) durchgeführt werden. Inoffiziell spricht man aber von schlechten Lebensbedingungen für die Zugezogenen bis zur Slumbildung. Die Infrastrukturen entsprechen nicht mehr den tatsächlichen Einwohnerzahlen. Schulen sind ein großes Problem. Kindergartenplätze sind so gut wie keine vorhanden – eine Katastrophe für die vielen berufstätigen Mütter, die sich zum Teil auch nicht mehr auf Familienstrukturen verlassen können, da diese im Bosnienkrieg erschüttert wurden.
Da es zu wenige Arbeitsplätze gibt (offizielle Arbeitslosenzahl 43%, inoffiziell weit über 50%), blühen die Schwarzmärkte, vor allem eben in den großen Städten. Viele Fragezeichen wirft die Sanierung des derzeit größten Schwarzmarkts Ex-Jugoslawiens, genannt „Arizona“, südlich der bosnischen Stadt Tuzla gelegen, auf, der mit Mitteln aus EU-Töpfen bezahlt wird. Hingegen liegt eine Strategie zur Schaffung von Infrastruktur in Sarajevo und Banja Luka aber nicht vor.
In Sarajevo stellen sich Bosnier auch immer öfters die Frage, wie viele von den angeblich rund 500.000 Einwohnern überhaupt Bosnier sind und wie viele Internationale im Vergleich dazu in der Stadt leben. Denn die geschaffenen Strukturen (Casinos, Restaurants der oberen Preisklasse, Hubschrauberlandeplätze) dienen bisher nur den Internationalen, die in unzähligen NGOs und ausländischen Firmen in und um Sarajevo tätig sind. Bei Banja Luka ist die Zahlenangabe in offiziellen Statistiken bedenklich. Obwohl für den Staat BiH Banja Luka eindeutig die zweitgrößte Stadt des Landes ist und jeder, der einmal dort war, sich dessen auch leicht überzeugen kann, wird in west- und mitteleuropäischen Statistiken Banja Luka als nur dritt- oder gar fünftgrößte Stadt geführt. So auch geschehen im renommierten Fischer-Almanach, Neuausgabe 2005. Da die Vergabestellen der verschiedenen Wiederaufbaufonds aber auf solche Quellen zurückgreifen, erklärt sich, warum signifikant niedrigere Beträge nach Banja Luka und weiter in die Serbische Republik fließen und proportional höhere nach Sarajevo und weiter in die Bosniakisch-Kroatische Föderation.

Häuserbau am Beispiel Srebrenica

Srebrenica ist der internationalen Gemeinschaft ein besonderes Anliegen, meinen sie doch hier ihre vermasselte Ex-Jugoslawien-Mission wieder gut machen zu können.
Nimmt man als Ausgangspunkt die demographische Statistik zu Srebrenica 1991 her, lebten in der Stadt rund 36.600 Einwohner in 19 administrativen Einheiten, also war Srebrenica vor dem Bosnienkrieg eine mittelgroße Stadt in Bosnien und der Herzegowina. Zwischen 1948 und 1991 wuchs die Bevölkerung um 62,5%. Die Wachstumsrate war 1.1% pro Jahr. Die Abwanderung betrug zwischen 3.900 und 5.000 Einwohnern in einer Dekade, was rund 10% des Negativtrends für Nordost-Bosnien entsprach. Der Beweggrund war die Arbeitsplatzsuche, demnach lag das Alter der Abwanderer zwischen etwa 18 bis 60 Jahre, was 65,28% der Gesamtbevölkerung ausmachte. 27,66% der Bevölkerung bestritten die unter 15-Jährigen. Also war Srebrenica das, was man eine junge Stadt bezeichnet.
Die 1991-Statistik weist weiter auf: 51,48%Männer, 48,52%Frauen. Ethnische Einteilung: 75,20% Bosniaken, 22,68% Serben, 2,12% andere.
Zwischen 1992 und 2005 hat sich Srebrenicas demographisches Bild aufgrund der Abwanderungen während des Bosnienkrieges und danach komplett verändert. Die momentane Bevölkerungsstruktur wird mit rund 6.000 Serben und 3.500 Bosniaken angegeben, also rund 9.500 (heute) zu 36.600 Einwohnern (vor dem Bosnienkrieg). Die heutigen Einwohner sind durchschnittlich 58 Jahre alt.
Sieht man sich diese Zahlen an, stellen sich automatisch folgende Fragen:
Warum wird dann nach Srebrenica immer noch investiert, als hätte man es mit einer 36.600-Einwohnerstadt zu tun? Warum wird nach Srebrenica die neueste Gasleitung gelegt, während diesen Winter wieder viele Leute in Sarajevo und Banja Luka erfrieren werden? Warum wird die Wasserleitung nach Srebrenica generalsaniert, wenn in Sarajevo und Banja Luka mit der Qualitätssicherung des Trinkwassers gekämpft wird, die dort liegenden Flüsse Bosna und Vrbas dringend neue Kläranlagen benötigen?
Diese Fragen, die dem kritischen Beobachter bei näherer Betrachtung sofort auf dem Mund liegen, scheinen die großen Institutionen OHR, OSCE, etc. sich nicht zu stellen, da es für sie einzig und allein darum geht, die Investitionen für BiH im Westen gut verkaufen zu können. Und noch kann mit den richtigen Bildern das schlechte Gewissen der West- und Mitteleuropäer wach gehalten werden, um einen Einsatz der Gelder für Srebrenica zu rechtfertigen.

Schauen wir 15 Jahre in die Zukunft: die heutige Bevölkerung Srebrenicas wird dann beinahe ausgestorben sein; die Studentin aus Srebrenica, die heute in Sarajevo oder Banja Luka studiert, wird dort bleiben – erstens, weil sie nur in den Städten eine Chance hat Arbeit zu finden, zweitens, weil sie nichts mehr an den Ort binden wird, die sie mit ihren Eltern als 10-, 9-, 8-Jährige verließ. Wie werden dann die genannten Institutionen erklären, dass die beste Infrastruktur BiHs für eine Geisterstadt aufgebaut worden ist?

Anonyme NGOs in
Bosnien-Herzegowina