Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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Nr. 19 November 2006
Nr. 18 Mai 2006
Nr. 17 Februar 2006
Nr. 16 November 2005
Nr. 15 Juni 2005
Nr. 14 April 2005
Nr. 13 November 2004
Nr. 12 September 2004
Nr. 11 Mai 2004
Nr. 10 Jänner 2004
Nr. 9 November 2003
Nr. 8 September 2003
Nr. 7 Mai 2003
Nr. 6 März 2003
Nr. 5 Jänner 2003
Nr. 4 November 2002
Nr. 3 September 2002
Nr. 2 Juli 2002
Nr. 1 Mai 2002

 

 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Rezensionen

Who Are We – Huntingtons neuer Kreuzzug

Samuel P. Huntington hat ein neues Buch hervorgebracht. Mitte 2004 in den USA erschienen und sofort auf Deutsch übersetzt, hat es zwar nicht die gleichen Verkaufszahlen wie der „Kampf der Kulturen“, ist aber ähnlich interessant. „Who Are We“ gibt Einblick in die Geisteswelt des amerikanischen Rechtsextremismus. Es liefert die Achsen an denen ein wieder erwachter und religiös-ideologisch fundierter amerikanischer Nationalismus weiter entwickelt werden soll. Einiges davon ist politische Propaganda. Anderes besticht durch große Ehrlichkeit. Es sei empfohlen Huntington ernst zu nehmen.



Ein Fleisch, ein Blut,
ein wahrer Glaube.
Ein Ruf, ein Traum,
ein starker Wille
Gebt mir ein Leitbild.
(F. Mercury/Laibach)


Identitätskrise und Leitkultur

Was ist Amerika, worin liegt seine Identität? Huntington kennt die Antwort: Die amerikanische Identität liegt in der „angloprotestantischen Leitkultur“ und dem damit verbundenen „amerikanischen Credo“ (American Creed). Kurz zusammengefasst und etwas vereinfacht: Liberaler Kapitalismus plus arbeitswütige Frömmigkeit, was im allgemeinen unter „protestantischen Werten“ zusammengefasst wird, und seit Max Weber einer dauerhaften Überschätzung zugeführt wurde(*). Die „angloprotestantische Leitkultur“ ist aber auch unmittelbar religiös definiert, denn sie wird mit der amerikanischen „Zivilreligion“ (civil religion) verbunden: Die beständige Bezugsnahme auf Gott (aber nicht auf eine einzelne Kirche), die besondere Gläubigkeit der US-Amerikaner und die Idee eine besondere und einzigartige unter den Nationen zu sein.

„Anglo-protestantisch“: Protestantische Religion und Englische Sprache. Huntington widerspricht der These, dass die USA eine Gesellschaft von Immigranten wären, ein „Schmelztiegel“, der aus den verschiedensten Kulturen eine neue Synthese herstellen würde, oder eine „Gemüsesuppe“ der multikulturellen Vielfalt. Amerika ist eine Gesellschaft von Siedlern, auch demographisch. Etwa 50% seiner heutigen Bevölkerung sind Nachkommen der extremistischen protestantischen Sekten, die ab dem 16. Jahrhundert ihre Gemeinschaften in Neuengland errichtet haben. Der Rest musste sich anpassen.
„Der kulturelle Kern Amerikas ist bis heute immer noch hauptsächlich die Kultur der Siedler des 17. und 18. Jahrhunderts, die diese Gesellschaft gründeten. […] Aufeinanderfolgende Generationen von Immigranten wurden in die Kultur der ursprünglichen Siedler integriert, leisteten ihren Beitrag dazu und veränderten sie. Aber sie verwandelten sie nicht grundlegend.“ (S. 63)
Huntington reicht dafür Beweise nach, etwa die kulturelle Transformation, die „Protestantisierung“ des amerikanischen Katholizismus, oder die umfangreichen Kampagnen der „Amerikanisierung“ in denen an der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert den Einwanderern ihre eigene Sprache ausgetrieben wurde. Freilich, hier beginnt das Problem, „die Krise der amerikanischen Identität“, wie es der Untertitel der deutschsprachigen Ausgabe ausdrückt. Denn die gute alte Zeit ist vorbei, neue Einwanderer werden nicht mehr in ausreichendem ausmaß von englischsprachigen protestantischen Fanatikern unter Druck gesetzt. Das bewundernswerte Werk der großen rechtsradikalen Vereinigungen der Vorkriegszeit droht zu zerbrechen. Die Feinde der amerikanischen Identität sind Ausländer und die liberalen Theoretiker des Multikulturalismus und der „affirmative action“. Die heutigen Immigranten kämen im Wesentlichen aus einem einzigen Kulturkreis (Lateinamerika), sie sprechen alle Spanisch, sind alle Katholiken. Im Gegensatz zu früheren Einwanderungswellen würden sie in geschlossenen Gebieten siedeln (Florida und die Nachbarstaaten Mexikos), weiter Beziehungen zu ihren Heimatländern pflegen und nur geringe Bereitschaft zeigen ihre alte Kultur aufzugeben – wobei sie von den Liberalen unterstützt werden, die etwa Dinge wie zweisprachigen Unterricht durchsetzen. Somit sieht Huntington die „angloprotestantische Leitkultur“ in Gefahr – und deren Ende wäre auch jenes der Vereinigten Staaten. Die Nation sei auch ein politisches Projekt, aber nicht nur: politische Grundsätze allein wären als gesellschaftlicher Kitt unzureichend, sollte die gemeinsame Kultur zerfallen.

Krieg als nationale Rettung

Huntington bietet Lösungsvorschläge für die angebliche amerikanische Identitätskrise: Schluss mit dem Multikulturalismus, gegen die Zweisprachigkeit und die Möglichkeit doppelter Staatsbürgerschaften, Schluss mit der „affermative action“, der positiven Diskriminierung von Minderheiten. Und außerdem: Amerika benötigt den Krieg, um zu sich selbst zu finden:
„Es sei schön zu hassen meinte Josef Goebbels. `Oh, welche Erleichterung, gegen Feinde zu kämpfen, die sich verteidigen´, sagte André Malraux. Dies sind extreme Äußerungen eines im Allgemeinen stärker unterdrückten aber weit verbreiteten menschlichen Bedürfnisses.“ (S 45) Und an einer anderen Stelle: „Der ideale Gegner für Amerika wäre ideologisch feindselig, rassisch und kulturell anders und militärisch so stark, dass er eine glaubhafte Bedrohung für die amerikanische Sicherheit darstellt.“ (S. 333) Unbedeutend ist dabei, dass Huntington die imperialen Ambitionen ablehnt, er möchte Krieg nicht um ein amerikanisches Imperium führen, er braucht ihn zur Stärkung eines identitätsstiftenden Nationalismus. Den Bombardierten wird der feine semantische Unterschied wenig auffallen.
Eines ist festzustellen: Huntington ist kein paranoider Populist, der aus rechtsextremen Kubanern in Miami eine Bedrohung für die Identität Amerikas zusammenzimmert, um die Verkaufszahlen seiner Bücher zu steigern. Huntington kommt aus dem Herzen des US-Establishments. Seine Bücher („Who Are We“, ebenso wie der „Clash of Civilizations“) sind populistisch, entsprechen keinerlei wissenschaftlichen Kriterien, operieren auf absolut primitiver theoretischer Grundlage. Aber das ist eher Grund zur Sorge, als zu intellektueller Überheblichkeit: Huntington schreibt in voller Absicht unter seinem Niveau, tatsächlich nimmt er einen zentralen Platz in der amerikanischen Universitätspolitik ein und ist durchaus in der Lage höchstem wissenschaftlichen Standard zu genügen. Er tut dies nicht, weil er eine politische Kampagne führt - und diese führt er nicht allein. Huntington liefert ideologische Deckung für den amerikanischen Kreuzzug, er rechtfertigt den Krieg für jene rechten Nationalisten, die der liberal-imperialen Mission der Neokonservativen skeptisch gegenüberstehen – weil sich Amerika auf sich selbst konzentrieren müsse, nicht die Welt erobern solle.** Wie der „Kampf der Kulturen“ ist „Who Are We“ voll des Alarmismus, ob einer angeblichen Bedrohung. Die Lösung ist in beiden Fällen die Gleiche: Krieg gegen den Islam.

Stefan Hirsch

* Die „protestantischen Werte“ sollen demzufolge die Grundlage des modernen Kapitalismus sein. Das ist historisch-empirisch kaum nachzuvollziehen. Bayern ist nicht weniger kapitalistisch als Hamburg. Der Kapitalismus beginnt im (katholischen) Italien des Hoch- und Spätmittelalters, und im 18. Jahrhundert ist Frankreich sicher nicht weniger kapitalistisch als England – die längste Zeit auch ökonomisch-militärisch nicht weniger erfolgreich.
** Der beste Ausdruck dieser Position findet sich bei den isolationistisch-republikanischen Betreibern von antiwar.com.