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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 13 November 2004

Aufdecker der Nation

Seymour Hersh gilt als einer der wichtigsten Investigativjournalisten der USA. Sein Buch „Chain of Command“ umfasst einige seiner wichtigsten Artikel der letzten Jahre. Nach Afghanistan, Guantanamo und Abu Ghraib enthüllt er jetzt neue Greueltaten der amerikanischen Armee im Irak.


Seit den Flugzeuganschlägen vom 11. September 2001 hat niemand dermaßen viel zur Aufhellung der dunklen Seite des von der Regierung George W. Bush ausgerufenen, so genannten „globalen Antiterrorkriegs“beigetragen wie Seymour Hersh. Der 67jährige, aus Chicago stammende Investigativjournalist, der bereits 1970 für seine Enthüllung des von der US-Armee begangenen Massakers in dem südvietnamesischen Dorf My Lai mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet worden war, ist Autor zahlreicher Politbestseller wie beispielsweise der 1983 erschienenen Henry-Kissinger-Biographie „The Price of Power“ oder des 1991 erschienenen Buchs „The Samson Option“ über das israelische Atomwaffenprogramm. In den letzten drei Jahren hat Hersh mit seinen Artikeln in der Monatszeitschrift New Yorker neue Maßstäbe der regierungskritischen Berichterstattung gesetzt. Diese Leistung Hershs ist umso achtenswerter, als er sie in der Zeit nach dem „Tag, an dem sich die Welt veränderte“, erbrachte, während sich die allermeisten US-Medien gegenseitig an in staatstragendem Konformismus und in den Lobpreisungen der Bush-Regierung überboten.
Dank der gut recherchierten, häufig regelrecht spektakulären Enthüllungsgeschichten Seymour Hershs hat der altehrwürdige, traditionell eher der schönen Literatur zugewandte New Yorker in den letzten Jahren seine Auflage um 20 Prozent gesteigert und sich zu einem der angesagtesten Politblätter Amerikas gemausert. Ein Blick auf die Berichte Hershs aus der Zeit nach dem 11. September 2001 soll diese Entwicklung verdeutlichen. Im Oktober 2001 hatte Hersh als erster Reporter die Pleiten und Pannen beim gerade begonnenen Feldzug der US-Streitkräfte gegen die afghanischen Taliban gemeldet und vier Wochen später von geheimen Plänen der USA und Israels berichtet, für den Fall des Sturzes des Diktators General Pervez Musharraf das pakistanische Atomwaffenarsenal zu beschlagnahmen.
Noch im Januar 2002, als der großer „Terroristenjäger“ Bush auf dem Gipfel seiner Popularität stand und unter tosendem Beifall des US-Kongresses den Irak, den Iran und Nordkorea zu einer „Achse des Bösen“ erklärte, wartete Hersh im New Yorker mit einem entlarvenden Bericht auf, wonach zahlreiche Mitglieder von Taliban und Al Kaida von der pakistanischen Luftwaffe Ende November 2001 mit Einverständnis des US-Militärs aus der belagerten Stadt Kundus nach Pakistan ausgeflogen worden waren. Wenn nun Senator John Kerry, der demokratische Bewerber bei der diesjährigen US-Präsidentschaftswahl, Amtsinhaber Bush zum Vorwurf gemacht hat, Ende 2001 Al-Kaida-Führer Osama Bin Laden und seinen Schwager, den Taliban-Chef Mullah Omar, entkommen gelassen zu haben, berief er sich unter anderem auf die früheren Recherchen Hershs.
Im März 2003 sorgte ein New-Yorker-Artikel Hershs über ein Treffen des Pentagon-Beraters Richard Perle, bekanntlich der mächtige und einflussreiche Oberguru der Kriegstreiber-Fraktion in Washington, zwei Monate zuvor in Südfrankreich mit dem seit den Iran-Contra- und BCCI-Skandalen berüchtigten Waffenhändler Adnan Khashoggi und dem schwerreichen saudischen Industriellen Prinz Saleh Al Zuhair für Aufsehen. Einzelheiten des „privaten Mittagessens“ waren zu diesen Zeitpunkt der libanesischen und saudischen Presse bekannt, doch hieß es dort, Perle hätte im Auftrag der Bush-Regierung einen Katalog von Forderungen an Saddam Hussein übermittelt, welche bei Erfüllung den drohenden Irakkrieg überflüssig machen würden. Nach Angaben von Seymour Hersh ging es bei dem Treffen in erster Linie um mögliche Aufträge seitens des saudischen Königshauses in Millionenhöhe für den Sicherheitskonzern Trireme, an dem Perle beteiligt ist. Laut Hersh hätte Likud-Freund Perle das Angebot gemacht, er würde, käme Trireme mit Riad ins Geschäft, im Gegenzug seine antisaudische Polemik zurückfahren.
Als am 9. März 2003 in der CNN-Sendung Late Edition Wolf Blitzer Perle mit der jüngsten New-Yorker-Enthüllung konfrontierte, beschimpfte der Donald-Rumsfeld-Intimus Hersh vor aller Welt als „Terroristen“, der „verantwortungslos“ schreibe und regelmäßig mit „versteckten Andeutungen“ und „Verdrehungen“ arbeite. Damals versprach Perle, Hersh wegen Verleumdung zu verklagen. Doch weil die im Artikel gemachten Angaben offenbar stimmten, ist es zu der angedrohten Aktion nicht gekommen. Statt dessen musste Perle wegen der aufgekommenen Diskussion um Amtsmissbrauch zum Zwecke der persönlichen Bereicherung im März 2003 von seinem Posten als Vorsitzender des Defense Policy Board des Pentagons zurücktreten und in Februar dieses Jahres vor dem Hintergrund seiner Rolle bei dubiosen Machenschaften der international agierenden Hollinger-Verlagsgruppe sogar aus dem erlauchten Gremium ausscheiden. Seitdem muss er sich mit seiner Position als tonangebender Kopf bei der in Washington ansässigen Denkfabrik American Enterprise Institute (AEI) begnügen.
Im Mai 2003 hatte Hersh für einen erneuten Paukenschlag gesorgt, als er in dem New Yorker ausführlich die haarsträubenden Manipulationen der Geheimdiensterkenntnisse über den Irak durch die Washingtoner Kriegsbefürworter offen legte. Als wichtigste Koordinierungsstelle der Manipulationen nannte Hersh das von Paul Wolfowitz und Douglas Feith im Pentagon geschaffene Office of Special Plans (OSP). In seinem damaligen New-Yorker-Artikel berichtete Hersh davon, wie 2002 Rumsfeld, Wolfowitz und Feith wegen ihrer Enttäuschung über die mangelnden Beweise der CIA und der DIA für die angebliche Gefährlichkeit Saddam Husseins im Pentagon eine Sonderabteilung geschaffen hatten, welche den für sie inakzeptablen Umstand beheben sollte. Unter der Leitung des Leo-Strauss-Schülers Abram Shulsky hat das OSP dank „Erkenntnissen“ von Achmed Chalabi, dessen Irakischer Nationalkongreß (INC) nicht zufälligerweise seit Jahren von den neokonservativen, zionistischen Kreisen um Wolfowitz und Richard Perle protegiert worden war, „Beweise“ für Saddams Massenvernichtungswaffen sowie dessen Kontakte zu Osama Bin Ladens Schattenarmee Al Kaida ﷓ und damit auch den Kriegsgrund ﷓ erfunden.
Doch den bisher schwersten Schlag hat Hersh dem neokonservativen Klüngel am Hofe Bush mit der Veröffentlichung des Artikels „Torture at Abu Ghraib“, in dem es um Misshandlung, Folter und Ermordung von Häftlingen in den amerikanischen Kriegsgefangenenlagern in Afghanistan, im kubanischen Guantánamo Bay sowie im Irak ging, versetzt. Dieser Artikel, der in der Mai 2004-Ausgabe des New Yorker erschien, löste bei seiner vorzeitigen Veröffentlichung auf der Website der Zeitschrift am 30. April einen gigantischen Skandal aus.
Auf der Basis seiner New-Yorker-Artikel der letzten drei Jahre hat Hersh das neue Buch „Chain of Command“ über die unilateralistische, imperialistische Außen- und Sicherheitspolitik der Bush-Regierung verfaßt. Seit zwei Wochen steht das Buch ganz oben auf der Bestsellerliste der Sachbücher in den USA. Anlässlich des Erscheinens von „Chain of Command“ trat Hersh am 8. Oktober als Gastredner an der kalifornischen Universität Berkeley auf. Die Einladung hierzu hatte er von der Graduate School of Journalism in Berkeley und der California First Amendment Coalition erhalten. Bei der Diskussion in der mit mehr als 400 Besuchern völlig überfüllten North Gate Hall erklärte Hersh nach Angaben des UC Berkeley NewsCenter, die Regierung von George W. Bush jage nicht nur ihm selbst, sondern auch „jeder Menge wichtiger Leute beim Militär und beim Geheimdienst, die nicht offen sprechen dürfen, eine Höllenangst ein“. Über diese Personen, von denen er offenbar einen Großteil der Hinweise und der Aussagen für seine Artikel erhält, sagte Hersh, sie wüssten viel mehr als der einfache US- Bürger, welch klaffenden Unterschied es zwischen dem, was die Bush- Regierung behauptet, und der Realität ﷓ etwa im Irak oder in Afghanistan ﷓ gäbe. Zur Lage im Irak meinte Hersh, der Krieg gegen die Aufständischen dort sei für die USA bereits „nicht zu gewinnen“, und erklärte: „Ich arbeite an einer Alternativgeschichte des Krieges ﷓ aus der Innenansicht sozusagen ﷓ seit dem 11. September. Die Insider, unter denen es viele gute Leute gibt, haben Angst, eben jene Angst, wie die Leute hier heute Abend meiner Meinung nach haben sollten. Denn Bush, sollte er wiedergewählt werden, wird mit Sicherheit eines machen, nämlich das Land (den Irak ﷓ Anm. d. Red.) in Grund und Boden bombardieren. Damit hat er bereits begonnen, ohne dass die Presse besonders Notiz davon genommen hätte, was mich mächtig ärgert. Seit Bush am 28. Juni die Marionettenregierung mit Allawi an der Spitze eingesetzt hat, ist die Zahl der Bombenangriffe im Irak sprunghaft angestiegen. Doch es gibt keine offiziellen Zahlen darüber, wie viele Bomben abgeworfen werden. Es gibt weder eine Buchführung darüber, noch wird eine von der Presse verlangt. Das einzige, was man jedoch weiß, ist, dass wir einen umfassenden Luftkrieg gegen einen unsichtbaren Feind führen, den wir nicht finden können und über den wir keine Erkenntnisse haben. Also bombardieren wir das, was wir sehen können.“
Was den Folterskandal um Abu Ghraib und andere Gefangenenlager des Pentagons und der CIA betrifft, so wusste Hersh weitere brisante Details zu berichten: „Meine Regierung verfügt seit Dezember 2001 über eine geheime Sondereinheit, die Leute genauso verschwinden lässt, wie es früher die Brasilianer und die Argentinier getan haben. Nach dem 11. September entschied sich Rumsfeld, dass er nicht länger warten konnte, woraufhin der Präsident ein Geheimdokument unterzeichnet hat... Es gibt eine Gruppe Spezialisten, die mit unmarkierten Flugzeugen unter anderem vom Typ Gulfstream reisen, ihre eigenen Hubschrauber haben und keine US-Reispässe bei sich tragen. Sie schnappen sich die Leute einfach so.“
Später am Abend, laut dem UC Berkeley NewsCenter der emotionalste Teil seiner Rede, berichtete Hersh von weiteren, entsetzlichen Gräueltaten des US-Militärs im Irak. Er erzählte von einem Anruf, den er von einem Leutnant der US-Armee erhalten hatte, der Befehlshaber einer Einheit war, die auf halber Strecke zwischen Bagdad und der syrischen Grenze in der Nähe eines Dorfs ihre Zelte aufgeschlagen hatte. Die Einheit hatte rund 30 Dorfbewohner angeheuert, den örtlichen Kornspeicher zu bewachen. Es gingen einige Wochen vorbei, die US-Soldaten lernten die von ihnen angeheuerten Iraker allmählich kennen und kamen mit ihnen gut klar. Irgendwann erfuhr die Einheit von dem Befehl, dass das Dorf „gesäubert“ werden sollte. Es kamen die Mitglieder eines anderen Zugs der gleichen Kompanie vorbei und richteten alle irakischen Kornspeicherwächter hin. Dazu Hersh: „Er sagte, sie hätten sie einen nach dem anderen erschossen, woraufhin er, seine Männer und die restlichen Dorfbewohner ausflippten. Er war hysterisch, völlig hysterisch. Also ging er zum Kompaniehauptmann, der ihm sagte, ‘Nein. Sie verstehen es nicht. Das ist eine gelungene Operation. Wir haben 36 Aufständische erwischt. Lesen Sie nie die Artikel, in denen die Amerikaner sagen, sie hätten eine Operation durchgeführt und dabei seien 15 Aufständische getötet?’ Also Leute, wir haben es wieder mit Vietnam-Verhältnissen, mit den so genannten Body-Counts, zu tun. Und wissen Sie, was ich ihm sagte: ‘Junge, Sie machen den Hauptmann verantwortlich. Er weiß, dass Sie denken, er hätte gemordet. Die Mitglieder Ihrer Einheiten wissen, dass die Kameraden gemordet haben. Also halten Sie die Klappe. Bringen Sie ihren Dienst im Irak hinter sich. Halten Sie die Klappe, sonst kriegen Sie eine Kugel in den Rücken!’ Und so sieht unsere Lage in diesem Krieg aus.“

aus: Schattenblick, elektronische Zeitschrift, 14. Oktober 2004
ma-verlag.redakt.schattenblick@gmx.de

Der Text wurde geringfügig redaktionell bearbeitet.