Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 13 November 2004

Theo Van Gogh und seine Ritualmörder

Der Tod des holländischen Regisseurs und seine Kommentierung zeigt einmal mehr, dass Islamfeindlichkeit und Antisemitismus strukturelle Ähnlichkeiten aufweisen.


„Es schien fast, als wolle er den radikalen Islam unter allen Umständen herausfordern, endlich sein wahres Gesicht zu zeigen.“ Meint das linksliberale Kulturmagazin des linksliberalen MDR. Dieses Gesicht ist offenbar ritualmörderisch: „Das war ein Ritualmord“, darf Harry Mulisch, angeblich Schriftsteller aus den Niederlanden, des Rätsels Lösung verkünden. Kein Mensch kennt Harry Mulisch, mit seiner Meinung steht er aber nicht allein da. Auch die rechtsliberale Welt erkennt „eine Art Ritualmord“ an jemandem, der „es gewagt hat den menschenverachtenden Umgang marokkanischer Männer mit ihren Frauen zu thematisieren.“ Der „Straßenkampf“ der Kulturen habe begonnen. Freilich gibt es noch mehr: „Ritualmord an van Gogh“ meint die Frankfurter Rundschau. „Ritualmord an Theo Van Gogh“ der Deutschlandfunk. Und laut Spiegel haben die Ritualmörder offenbar das große Kesseltreiben begonnen – auch einer belgischen Senatorin wurde nun ein „Ritualmord“ angedroht. Das „Deutsche Kolleg“ des Ex-RAF Anwalts Horst Mahler, heute offener Rechtsradikaler, legt noch ein bisschen nach: Es handele sich nämlich um einen „Semitischen Ritualmord“. Von den Ritualmördern sind alle bedroht: „Nun fällt es den Niederländern wie Schuppen von den Augen: Wir haben ein Integrationsproblem, weil wir ein Einwanderungsproblem haben. Schließlich werden in wenigen Jahren mehrere niederländische Städte moslemische Bevölkerungsmehrheiten haben. […] Spät, für ihn selbst und für van Gogh zu spät, erfährt Pim Fortuyn [rassistischer Rechtspopulist, vor zwei Jahren erschossen S.H.] eine schrittweise Rehabilitierung.“ Die Aussage ist klar: Die gefallenen Kameraden mahnen, nun ist es an der Zeit der islamischen Hydra entgegenzutreten. Man braucht aber keinen Nazi, um Pim Fortuyn zu rehabilitieren, und ein Einwanderungsproblem zu konstatieren. Von Horst Mahler ist nur der „semitische Ritualmord“, der Rest des Zitats erschien am 4. November in der Welt.
Derweil geht man in Holland eifrig an die Umsetzung deutscher Ratschläge - seit dem Mord an Van Gogh brennen im ganzen Land Moscheen und islamische Schulen. Auf Grund der Straftat eines Einzelnen wird in Anwendung eines Prinzips der Kollektivschuld eine ganze Bevölkerungsgruppe zu Tätern erklärt.
Freilich wurde Van Gogh auf recht brutale Art umgebracht, der „Ritualmord“ ist dabei aber eindeutig eine ideologische Konstruktion. Tatsächlich wurde durch den Mörder eine Szene aus einem antiislamischen Hetzfilm Van Goghs nachgestellt. Ein religiöses Menschenopfer kennt der Islam natürlich ebenso wenig wie das Juden- oder Christentum. Jenseits ihres Wahrheitsgehalts ist die neue Ritualmordlegende schon recht populär. Man gebe „Ritualmord“ und „Van Gogh“ in die google-Suchmaschine und wiederhole den Vorgang mit „Ritualmord“ und „Anderl“. Der Hüter der Meinungsfreiheit und im übrigen rechtsextreme Regisseur schlägt das selige Anderl vom Rinn mit 145 zu 119 Treffern. Ob er in Zukunft auch Wallfahrten auslösen kann?
Der Mythos des „Ritualmords“ ist tatsächlich nur eine Parallele zwischen dem alten Antisemitismus und der Islamfeindlichkeit. Bei allen festzustellenden Unterschieden gehen diese Parallelen tiefer. Antisemitismus und Islam- beziehungsweise Araberfeindlichkeit weisen strukturelle Ähnlichkeiten auf – und dafür braucht es auch nicht das Deutsche Kolleg, das einen darauf hinweist, dass es sich bei Arabern ebenfalls um „Semiten“ handelt.
Moslems und Arber erscheinen heute, genauso wie die Juden, als Teil einer verschworenen Gemeinschaft. Selbstverständlich gibt es eine arabische Identität und Nation, selbstverständlich gibt es eine muslimische Identität, ebenso wie es immer auch eine jüdische Identität gegeben hat. Aber keine dieser Identitäten ist homogen und widerspruchsfrei – und doch wurde und wird ein mehr oder weniger geheimnisvolles gemeinsames Ziel unterstellt. Die „jüdische Unterwanderung“ die Westeuropa bedrohte – sei es durch die Intrigen des „jüdischen Geldes“, oder die jüdische Zuwanderung aus Osteuropa, spiegelt sich heute in der Gefahr durch „terroristische Schläfer“ und drohenden muslimischen Mehrheiten in unseren Großstädten. Und selbst Michael Moore stellt sich in Fahrenheit 9-11 die Frage warum die Saudis ihr Kapital an der Wall-Street anlegen, und welchen Einfluss sie damit auf die amerikanische Politik ausüben – statt das Offensichtliche anzunehmen (die saudische Oberschicht ist Teil des internationalen Finanzkapitals, das grundsätzlich einmal Geld zu mehr Geld machen will, deshalb auf die USA ausgerichtet ist) scheinen diese nämlich irgendwelche obskuren Pläne zu verfolgen. Hat man einmal die finsteren Machenschaften vermutet, dann wird jede Handlung unter diesem Blickwinkel betrachtet. Meint der Imam einer Berliner Moschee, dass die Deutschen stinken, weil sie sich nicht die Achseln rasieren, dann schlägt auch der Wiener Kurier (am 8. November) Terroralarm und entdeckt gefährliche Parallelgesellschaften. Man stellt sich die Frage, ob in der Zukunft die Wega auch jeder besoffenen Stammtischrunde die Tür eintreten wird, die sich über stinkende Kanaken auslässt. Oder ob man vorschlagen wird, in Wirtshäusern dürfe nur mehr Hochdeutsch gesprochen werden, um eine bessere Integration dieser Parallelgesellschaften zu erzwingen?
Am 21. November verkündete der Kurier („Islam in Österreich“), dass es 140 Moscheen in Wien gebe, in drei davon auch gefährliche „Radikale“. Dabei sind diese Moscheen allesamt „unauffällig“ in Kellern oder ähnlichem untergebracht. Ein Bedrohungsszenario wird gezeichnet, aber es bleibt diffus. Welche drei Moscheen? Wo liegen sie? Was für strafbare Handlungen unternehmen die „Radikalen“, welche bereiten sie vor? Nun ist der Kurier nicht gerade für Qualitätsjournalismus bekannt, kann sein, dass das in der Polizeiinformation, die man abgeschrieben hat, einfach nicht erwähnt wurde. Aber im Endeffekt wird der Eindruck erzeugt, dass von einer ganzen Bevölkerungsgruppe unbestimmte und daher besondere Gefahr ausgeht. Sie treffen sich in „unauffälligen“ Kellern, sie sprechen über „radikale“ Dinge, sie werden immer mehr – Unterwanderung und Verschwörung. In den USA wechselt die „Terrorwarnstufe“ aus unbekannten Gründen („vertrauliche Informationen“) zwischen Gelb und Rot. Auf Grün sinkt sie nie. Vorschlag an die Chefredaktion: Vielleicht könnte der Kurier einen täglichen „Moslemalarm“ auf der Titelseite einführen. Den kann man dann zwischen „schwerem Alarm“ und „mittelschwerem Alarm“ schwanken lassen.
Wie früher die Juden sind heute die Moslems das radikal Fremde, das Andere. Früher konnte in Abgrenzung von Juden und anderen rassisch Minderwertigen die Klassen übergreifende deutsche Volksgemeinschaft konstruiert werden. Heute schafft das Feindbild Islam die Gemeinschaft der westlichen Werte. Die Möglichkeit Konflikte nach Außen zu verlagern, auf „die Anderen“, die Moslems zu projizieren, erklärt die Funktionalität dieses Feindbildes für den modernen Kapitalismus und Imperialismus. Gegen den Islam lassen sich praktisch alle vereinen: Laizisten, wie der französische Republikanismus, die um die sekuläre Gesellschaft fürchten, mit konservativen Katholiken, die das christliche Erbe in Gefahr sehen. Echte Rassisten, die alle Ausländer abgeschoben sehen wollen, mit linksliberalen Feministinnen, die ob des muslimischen Kopftuch, um die Emanzipation der Frau der Frau fürchten. Antisemitische Rechtspopulisten, wie den Vlaams Blok, die um die ethnische Reinheit ihres Landes besorgt sind, mit linken und rechten Zionisten, die Israel als das erste Opfer „islamischen Terrors“ verkaufen wollen. Und all diese marschieren dann letztlich im amerikanischen Kreuzzug für die westlichen Werte. Wie auf das Stichwort kommentiert Andreas Schwarz am 19.11. im Kurier, dass „die Bedrohung durch den Terror“ Österreichs Beteiligung an europäischen „Battle Groups“ rechtfertigen würde. 200 Anti-Terror-Krieger werden dafür sorgen, dass Österreich im Kampf der Kulturen nicht als „Drückeberger“ (O-Ton Schwarz) bei Seite steht.

Stefan Hirsch