Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 12 September 2004

Volksaufstand im Irak 1920 und 2004

Nach nunmehr anderthalb Jahren Besatzung des Iraks hat die Euphorie im Weißen Haus der Ernüchterung Platz gemacht. Für Washington wäre die „indirect rule“ des ehemaligen britischen Imperiums eine


Ohne dass der Krieg richtig begonnen hätte, implodierte das baathistische Regime in Bagdad angesichts des politischen Moments, das der von den neokonservativen Feldherrn in Zivil ersonnene Blitzangriff zu entfalten in der Lage war. Saddam Hussein war von allen sozialen Schichten und politischen Kräften des Landes verlassen worden. Weder die Unterklassen, auf die sich eine nachhaltige Verteidigung des Staates hätten im Kern stützen müssen, noch die sozialen Eliten zeigten sich zum Kampf gegen die USA bereit.
Etwa seit 1991, wahrscheinlich schon früher, wurde die mit dem Staatsapparat eng verflochtene Bourgeoisie durch das Regime Saddams nicht mehr repräsentiert. Die Schwierigkeiten mit dem Imperialismus schnitten sie vom Weltmarkt ab und ließen sie weitgehend verkümmern. Unter diesem Blickwinkel betrachtet ist der politische Verrat der Generalität, die integraler Bestandteil der in Substanz kapitalistischen sozialen Eliten war, nur folgerichtig.Aus dieser Interessenslage heraus war es keineswegs verfehlt anzunehmen, dass der seiner Spitze beraubte baathistische Staatsapparat durchaus zur Kooperation mit den siegreichen USA bereit gewesen wäre.
Vielfach ist der in vielerlei Hinsicht hinkende Vergleich der „Entbaathisierung“ mit der Entnazifizierung im besiegten Deutschland nach 1945 bemüht worden. Tatsächlich passierte die Entnazifierung in der Substanz nicht. Gegen die UdSSR und ihren Vorschlag eines auf neutraler Basis vereinigten Deutschland bediente sich die USA des entkernten NS-Staatsapparates. Nur dieser schien ihr verlässlich antikommunistisch, während Washington im Kalten Krieg selbst der spärliche bürgerliche Liberalismus als Gefahr erschien. So erklärt sich auch warum die heute hochstilisierte Stauffenberg-Strömung für Jahrzehnte in der historiografischen Versenkung verschwunden blieb.
Der Vergleich hinkt auf der anderen Seite natürlich auch vor allem dadurch, dass die Baath-Regierung nicht das geringste mit einem faschistischen Regime zu tun hatte. Während eines der grundlegenden Charakteristika des Faschismus die aufs höchste gesteigerte imperialistische Aggression ist, behielt der Baathismus trotz einiger Schwankungen und sogar zeitweiliger systematischer Kooperation doch immer ein antiimperialistisches Moment.
Das ist auch der wesentliche Grund warum die Neokonservativen nicht in alter Tradition des amerikanischen Pragmatismus mit dem enthaupteten Baathismus kooperierten, sondern ihn exorzieren zu müssen glaubten. So verlangt es jedenfalls die Doktrin des permanenten Krieges. Jeder, der es wagt das amerikanische Reich nicht zu unterstützen, wird zum Schurken und Terroristen erklärt und hat als Strafmaßnahme mit militärischer Gewaltanwendung zu rechnen. Es geht dabei nicht allein und so sehr darum, welcher reale Widerstand von diesen Kräften ausgegangen ist, sondern um die Symbolik. Weder vom Irak Saddams und noch viel weniger von den geschlagenen Resten seiner Baath-Partei ging eine reale Bedrohung für die amerikanische Herrschaftsarchitektur aus. Doch es musste exemplarisch für die Welt Rache genommen und ein Exempel statuiert werden, so wie nach dem 11. September 2001 die Taliban als Sündenböcke hatten herhalten müssen.

Analogien mit dem britischen Imperium

Vielfach ist die Frage gestellt worden, ob sich Washington wohl darüber den Kopf zerbrochen habe, wie dem Irak ein proamerikanisches Regime aufoktroyiert werden könne.
Zur Orientierung drängte sich jedenfalls das englische Modell auf. Als die Briten im Gefolge des Ersten Weltkrieges den heutigen Irak unter ihre Kontrolle nahmen, dachten sie zuerst ebenfalls an das, was sie „direct rule“ zu nennen pflegten. Der Irak sollte unter direkter kolonialer Verwaltung ausgebeutet werden.
Sehr schnell entwickelte sich der Widerstand gegen die neuen Kolonialherren, der auch die Eliten mit einschloss. Diese waren um die Versprechungen, mittels derer sie auf der Seite der schließlich siegreichen Entente gegen die Osmanen gezogen wurden, geprellt worden. 1920 wuchs die Bewegung zu einem richtiggehenden Volksaufstand an, dessen treibende Kraft die von ihren Grundherren ausgebeuteten schiitischen Bauernmassen waren. Der antiimperialistische Kampf verschmolz mit einer sozialen Revolte der bäuerlichen Unterklassen. Die britische Mandatsmacht reagierte darauf, in dem sie der zuvor geschassten sunnitischen Offizierskaste und Handelsbourgeoisie die Monarchie, also „indirect rule“, anbot. Angesichts der Kraft des Aufstands, der auch ihre eigene soziale Basis bedrohte, willigten die sunnitischen Eliten, die schon während der osmanischen Herrschaft eine privilegierte Stellung inne hatten, in den Handel ein. Isoliert und von seiner klerikalen Führung für deren Partikularinteressen missbraucht, büßte der schiitische Bauernaufstand seine Kraft ein und entschlief, versickerte. Insofern stellte sich die angesichts des Aufstands eingeschlagene britische Strategie der Einbindung der alten Eliten als durchaus erfolgreich heraus. Es sollte fast ein weiteres halbes Jahrhundert dauern, bis das immer wieder flexibel modifizierte britische Herrschaftskonstrukt seines Fundaments verlustig ging und es im Zug eines revolutionären Prozesses schließlich 1958 gründlich hinweggefegt wurde.
Der von General Quassem angeführte antibritische Militärputsch führte – trotz aller Wechselfälle – zu einem mit dem Imperialismus in Konflikt stehenden Regime mit festen Wurzeln in den Unterklassen. Selbst als in der zweiten Hälfte der 70er Jahre die Baath-Partei die Kommunisten auszurotten versuchte, gelang ihr das, weil sie zuvor deren Programm – allen voran die Verstaatlichung der Ölindustrie – durchgeführt hatte.
Trotzdem blieb die Macht in den Händen einer sunnitischen Elite, dessen Exklusivität sich mit der Integration in das imperialistische Weltsystem im Laufe der 80er Jahre nur weiter akzentuierte, während sich die schiitischen Massen zunehmend abwandten. Der schiitische Aufstand von 1991, der von Saddam-Regime unter stillschweigender Duldung der USA niedergeschlagen wurde, legt davon Zeugnis ab.
Den USA hätte sich also fast organisch 2003 eine dem britischen Modell nachempfundene Architektur der Macht aufgedrängt, die sie jedoch ausschlugen.

Schiitische Integration?

Immer wieder wurde seitens der westlichen Medienmaschine auf die Unterdrückung der Schiiten hingewiesen, zu deren Befreiung die USA eingeschritten wären. Es drängt sich also die Frage auf, ob die USA eventuell ein auf die schiitischen Eliten gestütztes Regime im Schilde führten?
Zuvor aber noch eine Richtigstellung: diese mediale Präsentation ist insofern verzerrend, als das Baath-System eine wirklich säkulare Diktatur war. Niemand wurde auf grund seiner religiösen Zugehörigkeit verfolgt, im Gegenteil, der Säkularismus bot den Minderheiten effektiven Schutz. Das was das Regime tatsächlich nicht duldete, war politischer Widerstand jeglicher Couleur und Provenienz. Nachdem nun der politische Islam in erster Linie unter den Schiiten unter Mitwirkung von Teilen des Klerus Fuß gefasst hatte, erschien dessen Unterdrückung als religiös motiviert.
Doch nicht nur Saddam fühlte sich vom schiitischen politischen Islam bedroht, sondern auch seine Feinde in Washington, die Teheran als einen der gefährlichsten Schurkenstaaten betrachten. Aus der Aversion gegen die gegenüber den USA ihre Selbständigkeit bewahrende klerikale Herrschaft im Iran, erklärt sich das Fallenlassen des schiitischen Aufstands. Dessen Erfolg hätte entsprechend dem amerikanischen Kalkül Teheran in die Hände gespielt. Über ein ganzes Jahrzehnt gaben die USA einem schwachen Saddam gegenüber starken persischen Mullahs den Vorzug.
So wird klar, warum die USA das zweite denkbare Herrschaftsmodell, nämlich ein proamerikanisches Regime auf den schiitischen Klerus und seinen Massenanhang abzustützen, ebenfalls nicht verfolgten. Zwar versuchten sie Kollaboration zu fördern und unterstützen explizit quietistische Tendenzen im Klerus. Eine substantielle Integration hätte aber eines großzügigen Angebots bedurft, das die Besatzer nicht zu machen bereit waren.
Der gleich nach dem Zusammenbruch aus London eingeflogene Ayatollah al-Khoi wurde umgehend von radikalen Kräften ermordet. Die zur Kollaboration bereiten pro-iranischen Kräfte um den al-Hakim-Clan beteiligten sich zwar am Regierungsrat, doch verloren sie schnell an Bedeutung. Der ranghöchste und einflussreichste Ayatollah, al-Sistani, zeigte sich zwar prinzipiell zur Zusammenarbeit bereit, doch ließ er sich nicht durch einige Brosamen abspeisen. Unter der Annahme, dass baldige Wahlen einer dem Klerus nahestehenden politischen Formation mit hoher Wahrscheinlichkeit den Sieg bringen würden, forderte er diese nicht nur vehement, sondern machte sie auch zu Bedingung – auf die die Besatzer nicht einzugehen bereit waren. Die Radikalisierung des Widerstands und seine Ausdehnung auch auf die schiitische Sphäre verunmöglicht diese Variante immer mehr.
So scheint es tatsächlich so als ob die Neokonservativen in den Krieg gezogen wären und sich dabei gänzlich auf ihre überwältigende militärische Überlegenheit verlassen hätten. Einerseits gehen sie davon aus, dass aller politischer Widerstand militärisch in den Griff zu bekommen sei. Andererseits scheinen sie ihre eigene Propaganda über die heilenden Kräfte des Marktes, die, einmal durch anfängliche militärische Gewalt zur Wirkung gebracht, an jedem beliebigen Ort eine kapitalistische Gesellschaft nach dem US-amerikanischen liberalistischen Modell schaffen würden, selbst zu glauben. Ein detailliertes Konzept über einen amerikanischen Irak hatten sie jedenfalls nicht in der Tasche.

Doppelter Volksaufstand

Noch schneller als der britischen Kolonialmacht seinerzeit blies ihren amerikanischen Nachfolgern der Wind des Widerstands ins Gesicht. War es anfangs in erster Linie der sunnitische Widerstand, der zweifellos breite Teile des ehemaligen Staatsapparates einschließlich der Armee umfasste, so wuchs nach und nach auch die Opposition im schiitischen Bereich an, um schließlich im April in einen richtiggehenden bewaffneten Volksaufstand überzugehen.
Dem von den Besatzern installierten Regierungsrat gelang es nie Fuß zu fassen. Er blieb von Anfang an isoliert, so dass auch den USA die Notwendigkeit seiner ehebaldigen Ablösung klar wurde – genannt „Machttransfer“ oder „Souveränitätsübertragung“.
Zuvor gedachten die USA aber ganz in machiavellistischer Manier den zwei grundlegenden Tendenzen des Widerstands eine militärische Lektion zu erteilen und damit eventuell die moderaten und kooperationswilligen Tendenzen zu fördern.
Erster Brennpunkt dieses Versuches war Falluja, die Handelsstadt am Euphrat, die sich als Avantgarde des Widerstands etabliert hatte. Nachdem das erzürnte Volk am 31. März vier amerikanische Privatsöldner gelyncht hatte, legte die US-Marineinfanterie einen Besatzungsring um die Stadt. Nach fast einem Monat des ungleichen Kampfes zeigte der fest mit der Bevölkerung verschmolzene Widerstand, der in der Stadt die Macht übernommen hatte, noch immer keinerlei Anstalten aufzugeben. Die amerikanische Blockade sowie die Angriffe mit schwerem Kriegsgerät drohten die Belagerung zu einem Massaker an der Zivilbevölkerung werden zu lassen. Die mutige Berichterstattung des arabischen TV-Kanals al-Dschazira aus der eingeschlossenen Stadt ließen den zu erwartenden politischen Preis eines Blutbades bald als zu hoch erscheinen. Aus dem gesamten Irak gab es Solidaritätsbekundungen. Von besonderer politischer Bedeutung war die Unterstützung durch die schiitische Bewegung Muqtada al-Sadrs, die die amerikanischen Hoffnungen, einen Keil zwischen Sunniten und Schiiten treiben zu können, enttäuschte. Ein ziviler überkonfessioneller Entsatzmarsch auf Falluja zeigte die vereinigende und anfachende Wirkung der Verteidigung der Stadt.
So willigten die Besatzer schließlich auf ein Angebot der Honoratioren von Falluja ein, eine von ehemaligen hohen baathistischen Offizieren geführte Falluja-Armee einzurichten, die die Kontrolle über die Stadt übernehmen sollte. Dies schien eine Kompromisslösung zu sein, die beide Seiten nachträglich zu ihren Gunsten zu verschieben hofften.
Einerseits nahmen die lokalen Honoratioren an, dass sie die Kämpfer des Widerstands und die Falluja-Armee in ihren Dienst stellen können würden. Andererseits zielten die USA darauf ab, die Offiziere in einen sich langsam bildenden loyalen Staatsapparat integrieren zu können. Nicht umsonst stemmten sich verschiedenen Berichten zufolge ein erheblicher Teil der Mudschaheddin gegen den Kompromiss.
Aus dem Abstand von mehreren Monaten betrachtet, kann ohne Übertreibung gesagt werden, dass sich der Widerstand durchgesetzt hat. Von der von den USA geforderten Entwaffnung kann keine Rede sein, während die Besatzer die Stadt nicht mehr zu betreten wagen. Die Falluja-Armee selbst ist ohne die Zustimmung des Widerstands handlungsunfähig. Jünsten Meldungen zufolge planen die Marines sogar die Auflösung und Entwaffnung der Fallujah-Armee – ein untrügliches Eingeständnis ihres Scheitern.
Die erfolgreiche Verteidigung Fallujas löste nicht nur eine Welle der Solidarität aus, sondern ließ den Widerstand auch andernorts selbst zum Aufstand übergehen. So gelang es in einigen Hochburgen wie Samarra zumindest für einige Tage oder Wochen die Kontrolle zu übernehmen.
Politisch am bedeutungsvollsten war jedoch der von Muqtada al-Sadr geleitete Schiitenaufstand. Der Führer des radikalsten Flügels des schiitischen Klerus war bis dahin einem bewaffneten Konflikt mit den Besatzern aus dem Weg gegangen. Doch die USA zwangen ihn durch eine Kette von eskalierenden Provokationen bewusst zum bewaffneten Hervortreten, denn alles andere wäre ihm als Kapitulation ausgelegt worden. Sie erwarteten sich dadurch eine Möglichkeit zur Zerschlagung seiner Bewegung.
In zahlreichen mehrheitlich schiitischen Städten sowie in den schiitischen Armenvierteln Bagdads vertrieben die Milizionäre Muqtadas die von den Besatzern ernannten Lokalverwaltungen und ersetzen sie durch ihre eigenen. Die Dynamik des Volksaufstandes reichte weit über den direkten Einflussbereich Muqtadas im städtischen Subproletariat hinaus. Breite Kreise sowohl der schiitischen als auch sunnitischen Mittelschichten schlossen sich an.
Zwar gelang es den Besatzern durch ihre drückende Überlegenheit und die militärische Unzulänglichkeit von Muqtadas Mahdi-Armee die verlorenen Positionen Schritt für Schritt zurückzuerobern, doch eigentliches Ergebnis war nicht die Zerschlagung der Bewegung Muqtadas, sondern deren Eintritt in den bewaffneten Widerstand und deren weitere politische Stärkung. Der aktuell herrschende De-facto-Waffenstillstand kann keinesfalls als Niederlage interpretiert werden. Aus den oft widersprüchlichen Stellungnahmen Muqtadas geht jedenfalls hervor, dass er die neue, von den USA installierte Übergangsregierung und ihre Verbreiterungsversuche nicht unterstützen und den Kampf gegen die Besatzung weiterführen wird.
Insgesamt kann der Volksaufstand vom Frühjahr als Erfolg eingeschätzt werden, insofern er als Generalprobe verstanden werden kann. Während die USA nicht tabula rasa machen konnten, bewies der Widerstand seine Verankerung und Kraft. Sollte es den USA misslingen ihrem Marionettenregime eine einigermaßen solide Basis zu geben, so ist es der Ausbruch eines abermaligen, verallgemeinerten Aufstandes möglich.

Amerikanisches Einlenken

Um diese Eskalation hinanzuhalten, müssten die USA wie die Briten 1920 einlenken und den Eliten ein glaubwürdiges Angebot auf Kooperation und damit verbunden einen gewissen selbständigen Handlungsspielraum einräumen.
Die von ihnen inszenierte Machtübertragung ist sicher als ein solcher Versuch intendiert. Doch seine Glaubwürdigkeit bleibt aufgrund der Erfahrungen grundlegendem Zweifel ausgesetzt. Einige der wichtigsten Souveränitätsrechte, wie beispielsweise die militärische Kontrolle über das Staatsterritorium, bleiben weit davon entfernt „übertragen“ zu werden. Bisher lastet die Bürde des gescheiterten Regierungsrat noch zu schwer auf der neuen Regierung.
Der nächste Versuch der USA besteht in der Selektion einer Nationalversammlung, die die Wahlen für das kommende Jahr vorbereiten und der Übergangsregierung als Zierparlament beigestellt werden soll. Dabei kann nicht ausgeschlossen werden, dass es den Besatzern gelingen sollte, die politischen und sozialen Eliten unterschiedlicher Provenienz auf ihre Seite zu ziehen. Denn diese verteidigen tatsächlich nur ihre Interessen, nämlich als solche anerkannt zu werden und ihre traditionelle Rolle spielen zu können. Die Besatzungsverwaltung, so wie sie das vergangene Jahr kennzeichnete, blieb für sie unakzeptabel und trieb sie in den Widerstand. Doch eine prinzipiell antiimperialistische Position kann ihnen nicht unterstellt werden.
Vieles wird davon anhängen wie breit die Beteiligung am Wahlprozess sein wird. Einiges deutet darauf hin, dass gerade aus dem arabisch-nationalistischen Bereich des Widerstands viele mit einer Teilnahme kokettieren.

Der Widerstand als
politische Alternative

Was den militärischen Aspekt des Widerstands betrifft, so wurde dieser durch die Bildung einer irakischen Übergangsregierung kaum beeinträchtigt. Das Niveau der Angriffe auf die Besatzungskräfte sowie ihre lokalen Hilfstruppen bleibt unvermindert hoch.
Doch die von den Besatzern inszenierten und von diesen gelenkten Wahlen werden nicht verhindert werden können, solange der Widerstand keine politische Alternative zu bieten in der Lage ist. Im Gegenteil, sie könnten zu einer politischen Marginalisierung des Widerstands führen.
Bisher scheint die Bildung einer gemeinsamen politischen Front der verschiedenen Kräfte des Widerstands durch ihre gegenseitigen Widersprüche behindert worden zu ein. Die arabisch-nationalistische Tendenz, in deren Zentrum sich die Reste der Baath-Partei befinden, schien angesichts ihrer militärischen Kraft die Führungsrolle in Anspruch zu nehmen, was insbesondere vom schiitischen Islamismus Muqtada al-Sadrs abgelehnt wurde. Dessen Teilnahme am Widerstand wandte die Kräfteverhältnisse jedoch deutlich zu seinen Gunsten. Vieles deutet darauf hin, dass sich auch im sunnitischen Widerstandsmilieu die Verhältnisse zugunsten eines nationalistischen Islamismus verschieben, dem Falluja als Vorbild gilt. Dieser darf nicht mit al-Qaida verwechselt oder gar gleichgesetzt werden, die im Irak zwar über Militante verfügt und Operationen durchführt, aber dennoch keine festen Wurzeln schlagen konnten. Ganz im Gegensatz zur vom Wahhabitismus kommenden al-Qaida, die einen strengen Antischiitismus predigt, spricht sich die anwachsende sunnitische nationalislamische (und nicht so sehr islamistische) Tendenz für einen nationalen Schulterschluss mit dem schiitischen Widerstand aus. Die gegenseitigen Solidaritätsbezeugungen während des Volksaufstandes geben Anlass zu Hoffung auf diesen unumgänglichen politischen Brückenbau.
Das stärkste Potential liegt aber auf jeden Fall bei der Bewegung Muqtada al-Sadrs, die den nationalen mit dem sozialen Kampf verschmelzen kann, nicht nur weil seine Anhängerschaft weitgehend mit den ärmsten Schichten der Bevölkerung kongruent ist, sondern weil im schiitischen Islam ein sozialrevolutionärer Aspekt mitschwingt, der sich auf eine lange Tradition stützt und leicht freigelegt werden kann.
Obwohl keine der drei Widerstandskräfte explizit für eine demokratische konstituierende Nationalversammlung eintritt, so steht Muqtadas Bewegung dieser Schlüsselforderung mit Sicherheit am nächsten. Mehrfach sprach er sich für demokratische Wahlen unter Einschluss aller Bevölkerungsgruppen aus. Dies impliziert einmal grundsätzlich die Volkssouveränität und steht im stillschweigenden Gegensatz zum iranischen Modell der Herrschaft des Klerus (Vilayat-e Fakih). Mag der Klerus zu den Wahlen antreten, seine Macht erhält er nach dieser Konzeption kraft des Volkes Willen und nicht der Mittlerrolle des Klerus zu Gott. Dieser grundsätzlich demokratische Zugang, der die grundlegende Voraussetzung einer vereinigen politischen Widerstandsfront ist, scheint bei den sunnitischen Kräften sowohl mit islamischer als auch mit nationaler Färbung viel weniger gegeben zu sein. Dort ist die Rolle der traditionellen Eliten, die die Macht für sich allein beanspruchen, viel stärker verankert und intakt.

Konsequenzen für das amerikanische Reich

Die neokonservativen Architekten des amerikanischen Empires konzipierten nicht so sehr den Krieg gegen Afghanistan, sondern jenen gegen den Irak als Grundlegung ihres Gebäudes. Afghanistan blieb eine Ouvertüre, bei der es um Rache und um die prompte Wiederherstellung der verlorenen Ehre ging.
Im Irak ging es ums Prinzip, das es gegenüber der ganzen Welt exemplarisch durchzusetzen galt. Kein Staat der Welt darf sich den amerikanischen geostrategischen Interessen widersetzen. Alle müssen sich Washington bedingungslos unterwerfen oder mit der militärischen Vernichtung rechnen – ungeachtet jeden Völkerrechts oder selbst des amerikanischen Rechts. Die monopolare Welt mit dem Zentrum USA ist auf der Basis des Rechts des Stärkeren widerspruchslos zu akzeptieren – so die Realverfassung des amerikanischen Reiches.
Erfolg oder Misserfolg im Irak bemisst sich nicht allein danach, ob der Widerstand die US-Militärmaschine besiegen und schließlich zu vertrieben vermag. Dies bleibt das Maximalziel, welches aber angesichts der internationalen Kräfteverhältnisse auf absehbare Zeit schwer zu erreichen sein wird. Für die USA besteht ein Misserfolg allerdings bereits in der Notwendigkeit dem von ihnen im Irak eingesetzten Regime soviel Selbständigkeit geben zu müssen, dass es nicht mehr vollständig zur Durchsetzung ihrer geopolitischen Interessen dient bzw. – in Vermeidung einer solch misslichen Lage – die Schaffung eines dauerhaften Konfliktherdes, der das Risiko der Ausbreitung in der Region in sich birgt.
In beiden Fällen wäre der Versuch, den Irak zu einer richtiggehenden Provinz des US-Reiches zu machen, gescheitert. Das zöge weitreichende internationale Konsequenzen nach sich, insofern als damit anderen Kräften signalisiert wäre, dass sie sich ebenfalls widersetzen könnten.
Daher bleibt die Annahme richtig, dass sich im Irak das Schicksal des amerikanischen Reiches entscheidet – jedoch nicht als katastrofistisches Szenario bei dem zwischen Affirmation und Zusammenbruch kein Raum bleibt, sondern als wichtiger Meilenstein eines historischen Konfliktes der in der ganzen Welt ausgetragen wird.
Je stärker der irakische Widerstand ist, je mehr er sich in der Lage erweist, die imperialistischen und insbesondere auch die speziell imperialen Pläne der USA zu durchkreuzen, desto mehr wird das im Aufbau begriffene amerikanische Reich nicht nur behindert, sondern desto kraftvoller und schneller kann sich der antiamerikanische Widerstand formieren, der dem Reich den Garaus machen muss.

Willi Langthaler