Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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Nr. 2 Juli 2002
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 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 12 September 2004

Muqtada und die Nase des Kamels

Der iranische Einfluss im Irak stützt sich auf Interventionen im sozialen Bereich und eine vorsichtige Politik gegenüber der USA und den schiitischen Kräften. Der irakische Widerstand ist hingegen für die Herrscher in Teheran eher ein politisches Hindernis.


Seit der bis dahin weitgehend von sunnitischen Kräften getragene nationale Befreiungskampf im Irak Unterstützung durch die „Al-Mahdi-Armee“ des schiitischen Predigers Muqtada as-Sadr erhalten hat, wird insbesondere in US-amerikanischen Medien und politischen Kreisen erneut die Frage nach der Rolle gestellt, die die – schiitische – „Islamische Republik Iran“ im Irak spielt und entsprechend die Frage nach der gegenüber diesem Mitglied der von Präsident Bush so genanten „Achse des Bösen’“einzuschlagenden Politik.
Seit der Besetzung der US-Botschaft in Teheran nach der Revolution, die mit dem Schah einen der engsten Verbündeten der USA in der Region beseitigt hat, bestehen zwischen den USA und dem Iran keine diplomatischen Beziehungen mehr. Ungeachtet dessen und der Platzierung des Irans auf jener Achse wäre es aber zumindest verkürzt, das Verhältnis zwischen beiden Staaten eindimensional in diesem Sinn zu betrachten. Das aber scheint nicht unerwartet die Sichtweise der neokonservativen Extremisten zu sein, die unter George W. Bush einen bis dahin nicht gekannten Einfluss erlangt haben. So haben neokonservative Propagandisten wie Michael Rubin, Larry Diamond, Leitartikler der „Washington Times“ oder William Safire in der „New York Times“ nicht gezögert, die Erhebung der Mahdi-Armee zu nutzen, um ihre schon zu Beginn der Besatzung vorgetragene Position, dass es jetzt an der Zeit sei, mit dem Regime im Iran aufzuräumen, mehr oder weniger offen zu bekräftigen.
Wie u.a. der Rücktritt von Richard Perle, einem der lautesten Vertreter dieser Politik, vom Vorsitz des „Defense Policy Board“ deutlich gemacht hatte, hatten diese Kräfte in letzter Zeit eher etwas an Einfluss verloren. Dazu haben zweifellos auch der Zusammenbruch ihrer Voraussagen über irakische Massenvernichtungswaffen und insbesondere über die all gemeine Unterstützung, die die Besatzungstruppen zu erwarten hätten, beigetragen.

Zweifel an den Thesen
der Neo-Cons

Was dem Iran und in einem Aufwasch auch einem weiteren Achsenmitglied in der Region, Syrien, aktuell vorgeworfen wird, ist eine finanzielle aber auch direkte Unterstützung des Aufstands durch Irans Revolutionsgardisten und die auch vom Iran unterstützte libanesische Hizbullah. Dieser Vorwurf wird nicht nur von neokonservativen Ideologen erhoben, sondern auch von Teilen des US-Militärs. Am 12.März beschuldigte des Chef des US Central Command, General John Abizaid, beide Länder der Einmischung, weigerte sich allerdings den Vorwurf zu präzisieren. Als Begründung für die angebliche Politik des Irans gegenüber dem Irak wurde von Rowan Scarborough in der „Washington Times“ bezugnehmend auf ungenannte militärische Quellen angeführt, dass „ein demokratischer Irak die Todesglocken für die Mullahs bedeutet“. Zu den – ungenannten – Stichwortgebern für die Anhänger dieser Position gehören im übrigen die iranischen Volksmojahedin, die im Interesse ihrer im Irak von den US-Kräften internierten Kräfte, alles daran setzen, jegliche Verständigung zwischen den USA und dem iranischen Regime zu untergraben. Sie behaupten deshalb seit langem, dass die Mullahs zehntausende Revolutionsgardisten und Agenten und entsprechende Mengen an Waffen in den Irak geschickt hätten, um dort eine ihnen hörige Islamische Republik zu installieren.
Bei genauerem Hinsehen muss aber an der These der US-Neocons einiger Zweifel angemerkt werden. Die irakischen Schiiten einschließlich ihrer auf religiöser Basis organisierten Kräfte können keineswegs umstandslos als Anhänger des iranischen Regimes betrachtet werden. Die dem Regime in Teheran am engsten verbundene Kraft ist der „Oberste Rat der Islamischen Revolution im Iran“ (SCIRI), dessen Badr-Brigaden vom Revolutionswächtercorps aufgebaut wurden. Der SCIRI jedoch sitzt zusammen mit der schiitischen Da’wa-Partei, die in der Saddam-Ära ebenfalls Zuflucht im Iran gefunden hatte, im von der Besatzungsmacht etablierten „Regierenden Rat’“(IGC). Der oberste religiöse Führer der Schiiten im Irak, der im Iran geborene Großayatolla Alial- Sistani, gilt nicht als Anhänger der Herrschaft der islamischen Rechtsgelehrten, des der iranischen Verfassung zugrunde liegenden Prinzips der „Velayat-e Faqih“.

Irans soziale Intervention
im Irak

Anhänger der Velayat-e Faqih jedoch ist zweifellos Muqtada as-Sadr. Er verdankt seine Stellung im Irak nicht seinem eigenen religiösen Rang, sondern zum einen der Tatsache, dass er der Sohn eines Ayatollah ist, der vom Saddam-Regime ermordet wurde, und zum anderen, dass er im April 2003 vom im iranischen Qom residierenden aber irakischen Groayatollah Kadhim Husseini al-Hairi zu seinem Stellvertreter im Irak ernannt wurde. Muqtada aber gilt wie seine Familie gleichzeitig als irakisch-nationalistisch und erkennt deshalb die Führung von Irans Revolutionsführer Ali Khamenei über die Gesamtheit aller Zwölfer-Schiiten nicht an.
Der Iran ist natürlich daran interessiert, seinen Einfluss im Nachbarland insbesondere gestützt auf die rund 60 Prozent der Bevölkerung stellenden Schiiten auszudehnen. Das dient gleichzeitig der Sicherung der Grenze gegen die arabisch-nationalistischen Ansprüche, wie sie zuletzt in den 80er Jahren blutig vom Regime Saddam Husseins vorgetragen wurden. Gleichzeitig dient das der Wiederherstellung der regionalen Hegemonie wie sie zu Zeiten des Schahs bestand und vor allem der Stabilisierung der klerikalen Herrschaft in Teheran. Zu diesem Zweck baut das iranische Regime seit dem Sturz Saddams seine Beziehungen zu möglichst vielen schiitischen Kräften aus. Allerdings geschieht das offenbar weniger durch militärische Unterstützung, die im Irak angesichts der jahrzehntelangen Militarisierung der gesamten Bevölkerung ohnehin kaum jemand braucht, als vielmehr mittels des Ausbaus eines sozialen Netzes über die Moscheen. Dieses Netz ist angesichts der Unfähigkeit der Besatzung, die sozialen Nöte der Bevölkerung zu lindern, von eminenter Bedeutung.
Auf dieser Grundlage ist die iranische Politik gegenüber dem Irak und der Besatzung langfristig angelegt und durch ein vorsichtiges Taktieren gekennzeichnet. Auch wenn Revolutionsführer Khamenei jüngst verkündete „früher oder später werden die Amerikaner gezwungen sein, den Irak in Schande und erniedrigt zu verlassen”, ändert das nichts daran, dass der Iran keineswegs daran interessiert ist, den Falken in Washington irgendeinen Vorwand für ihre Aggression zu liefern. Offensichtlich geht es dem iranischen Regime vielmehr darum, langfristig eine mit ihm sympathisierende schiitische Herrschaft zu ermöglichen und gleichzeitig den Druck auf die amerikanische Besatzungmacht auf einem Niveau zu halten, der dieser nicht etwa einen Vorwand für einen Angriff auf den Iran gibt, sondern sie vielmehr die Vermittlung des Irans suchen lässt. Genau das ist schließlich auch geschehen. Mitte April betonte Irans Außenminister Kamal Kharazi, es habe eine Menge an Kontakten mit den USA bezüglich des Iraks gegeben und die USA hätten den Iran ersucht, dabei zu helfen, die Krise dort zu lösen. In diesem Sinne bemühe sich der Iran.

Das ganze Zelt

Etwa gleichzeitig räumte auch General Abizaid ein, dass es im Iran „Elemente“ gebe, die den Einfluss von Muqtada as-Sadr zu begrenzen suchten. Natürlich kann der Iran nur dann eine entsprechende Rolle im Irak spielen, wenn die Besatzungsmacht dort Probleme hat. Das iranische Regime, das in den Wahlen vom 20.Februar seine ohnehin unfähige liberale Fraktion definitiv ausgebootet hat, bereitet sich darauf vor, sich unter der starken politischen Hand der um Ayatollah Khamenei und Hojatolleslam Rafsanjani gescharten rechten Fraktion wirtschaftlich dem Westen weiter zu öffnen und nach chinesischem Modell erneut zur regionalen Hegemonialmacht aufzusteigen. Eine Explosion im Irak mit unbekanntem Ergebnis und bestenfalls partieller Kontrolle durch Teheran liegt nicht im Interesse einer solchen Perspektive.
Wieweit die USA die iranische Strategie nutzen oder verhindern können liegt andererseits wesentlich an der Entwicklung des Widerstands im Irak. Der amerikanische Nahostexperte Prof. Juan Cole erinnert angesichts der jetzigen Vermittlungsrolle des Irans eine arabische Geschichte. Angesichts der Kälte draußen erlaubt ein Beduine seinem Kamel, die Nase unter das Zelt zu stecken. Dann jedoch schiebt es langsam den Kopf hinein, um schließlich das gesamte Zelt einzunehmen, während der unglückliche Hausherr die kalte Nacht im Freien verbringen muss.

Anton Holberg