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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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Aktuell

Die Lehren aus dem Kampf der Zapatisten

Die bruchlinien sprachen mit der mexikanischen Linken und Intellektuellen Oralba Castello-Nájera über Werdegang und Politik des EZLN und über die Perspektiven für die revolutionären Kräfte in ihrem Land.


Bruchlinien: Wie sah das mexikanische politische und gesellschaftliche System des PRI-Regimes aus (1), als 1994 das EZLN (Zapatistische Herr der Nationalen Befreiung) erstmals in Erscheinung trat? Wie waren die gesellschaftlichen Umstände beschaffen, die diesen Aufstand möglich machten?

Oralba Castillo-Nájera: 1994 war Carlos Salinas de Gortari Präsident Mexikos. Er war es auch, der für die Umsetzung des Freihandelsvertrages verantwortlich zeichnete. Er wurde damals von den USA als wichtigster Mann Lateinamerikas bezeichnet. Salinas de Gortari hat in Harvard studiert, einer Universität, die als Kaderschmiede für Politiker mit einer starken pro-US-amerikanischen Haltung gilt. In jenen Jahren sprach man offiziell davon, dass Mexiko bald Einzug in die Erste Welt halten würde.
Die Gesellschaft wurde im US-amerikanischen Stil umgestaltet, es ging darum, geeignete Strukturen für die Umsetzung des Freihandelsvertrages zu schaffen. Man baute Banken, führte Kreditkarten ein, eröffnete Shopping Center wie jene in den USA. Der offizielle Diskurs nahm vom mexikanischen Nationalbewusstsein Abstand und begann stattdessen davon zu sprechen, dass wir keine Mexikaner mehr wären, sondern Weltbürger. Wir würden, sagten sie, in eine historisch völlig neue Periode eintreten. Auf kultureller Ebene wurde die Ausstellung „Schätze aus drei Jahrhunderten“ gefördert, die durch Europa und die USA tourte und vom rechten Intellektuellen Octavio Paz zusammengestellt wurde. Bezeichnend war, dass in dieser Ausstellung die Schule der mexikanischen Malerei, der Muralismus, nur wenig Beachtung fand, während religiösen Objekten aus der Kolonialzeit viel Platz eingeräumt wurde. Das ganze Projekt war so umfassend angelegt, dass es schien, als ob wir Mexikaner gar nichts anderes tun könnten, als resignierend zu akzeptieren, wie man uns platt walzte.
Der Aufstand des EZLN am 1. Januar 1994 verblüffte alle. Die Rebellen hatten ein strategisches Datum dafür ausgewählt, den Tag des In-Kraft-Tretens des Freihandelsabkommens. Es war keineswegs ein Zufall, dass dieser Aufstand im Südosten des Landes passierte, denn diese Zone kann als schwächstes Glied des mexikanischen kapitalistischen Systems bezeichnet werden, wo auch der Einfluss der Guerillabewegungen aus Nikaragua, El Salvador und Guatemala spürbar ist. Das Auftreten des EZLN strafte die Vorstellung Lügen, dass es keine Möglichkeiten zur Veränderung mehr geben würde.

Können Sie die soziale und politische Situation, in der das EZLN entstanden ist, etwas genauer beschreiben, um das politische Projekt, das es propagierte, besser verstehen zu können?

Zum Zeitpunkt seines Auftretens versicherte das EZLN, dass es am 1. Januar 1994 entstanden sei. Es gab keinerlei Anerkennung der langen Geschichte der Volkskämpfe, auch der Guerillabewegungen, beispielsweise der FLN (Kräfe zur Nationalen Befreiung) (2). Das EZLN erkannte zu diesem Zeitpunkt seine eigene Geschichte nicht an. Es setzte den 1. Januar als Beginn der Guerillabewegung in dieser Zone fest.
In den ersten Versammlungen, die danach in Mexiko-Stadt abgehalten wurden, gab es das Bedürfnis, diese Tatsache zu diskutieren. Vielen erschien es wichtig, zu betonen, dass dieses Volksheer Wurzeln hatte, die schon vor der Konstitution als EZLN existierten. Doch es gab keine Debatte, das EZLN selbst gab die Losung aus, darüber dürfe nicht diskutiert werden.
Die soziale Basis des EZLN wird vor allem von der indigenen, bäuerlichen Bevölkerung gebildet, mit starken christlichen Wurzeln, wo auch die Theologie der Befreiung, diese für die politischen und sozialen Bewegungen Lateinamerikas so wichtige Volkskirche, großen Einfluss hat. In der Region gibt es auch die ARIC, die Ländliche Vereinigung der Kollektiven Interessen, die mit dem zapatistischen Aufstand eine Spaltung erfuhr. Grundlegendes einigendes Element in dieser Region ist der Kampf um das Land, das in den Händen weniger Großgrundbesitzer ist, die meist eigene bewaffnete Kräfte zum Schutz ihrer Interessen unterhalten.
Ein weiteres wichtiges Element der Gesellschaft in Chiapas ist der Rassismus, ein Charakteristikum, das noch aus der Zeit vor der mexikanischen Revolution von 1910-1917 stammt. Auf der einen Seite gibt es in Chiapas sehr reiche Schichten, die in der Provinzhauptstadt San Cristobal de las Casas leben. Unter diesen Schichten sind rassistische Einstellungen und Verhaltensweisen gang und gäbe, diese Leute ließen die Indigenas nicht einmal auf dem Gehsteig gehen, sondern zwangen sie dazu, die Fahrbahnen zu benutzen. Die sozialen Beziehungen waren einfach kolonialistisch.
Auf wirtschaftlicher Ebene leidet der Südosten Mexikos an brutaler Unterentwicklung, vor allem auf dem Land. Das führt zu Hunger, Todesfällen aufgrund von heilbaren Krankheiten, Analphabetismus, alle Probleme eben, die für die extreme Armut typisch sind.
Es ist bezeichnend, dass in dieser Region die mexikanische Revolution keinen Einfluss hatte. Chiapas war auch nicht Teil der nationalen Entwicklungspläne, die aus der Revolution heraus entstanden sind. Die soziale Zusammensetzung ist vorrangig indigen und die Probleme, die es zu lösen gilt, sind inzwischen fünfhundert Jahre alt.
Als Salinas de Gortari den Artikel 27 der Verfassung, der den Landbesitz betrifft, änderte und die kommunalen Böden zur Privatisierung freigab, sagte das EZLN: Basta! Die Verteidigung der kommunalen Böden ist ein zentraler Punkt des zapatistischen Kampfes. Das Land hat in der indigenen Konzeption eine viel weitergehende Bedeutung als nur die wirtschaftliche, es ist die Grundlage der kulturellen Organisation, die Basis für das Überleben als indigenes Volk.

Entstehung und Entwicklung des zapatistischen Kampfes

Wenn wir nun von dieser spezifischen sozialen und historischen Realität ausgehen, was propagiert das EZLN zur Lösung dieser Probleme, sowohl für die indigene Bevölkerung in Chiapas als auch für die gesamte Nation?

Was den Kampf zusammenhält, ist der kommunale Landbesitz, und dies weit über die indigenen Zonen Chiapas’ hinaus. Die Losung ist die Verteidigung der indigenen Territorialität und Autonomie, ihrer Sitten und Gebräuche, so wie es die Abkommen von San Andrés (3) fordern, die wiederholte Male von zwei PRI-Regierungen in den Schmutz gezogen wurden, von Salinas de Gortari und Ernesto Zedillo, sowie von der heutigen PAN-Regierung (4) unter Vicente Fox. Die Frage der Territorialität und Autonomie tritt in direkten Konflikt mit den wirtschaftlichen und neoliberalen Projekten.
Um kurz auf die Chronologie der Entwicklung einzugehen: In der Ersten Deklaration aus der Selva Lacandona erklärte das EZLN der mexikanischen Bundesarmee und dem Präsidenten Salinas de Gortari den Krieg. Es verkündete, bis zur Hauptstadt marschieren zu wollen. Die Gruppe um Salinas wurde von den Ereignissen und ihrer Dimension überrascht.
Andere Organisationen, etwa die Guerrillabewegung PROCUP-PDLP (Klandestine Revolutionäre Arbeiterpartei Volksunion – Partei der Armen), die in den 70er Jahren rund um den populären Bauernführer Lucio Cabañas entstanden war, führten eine Reihe von Akten bewaffneter Propaganda durch. Es flogen in mehreren Bundesstaaten Strommasten in die Luft, in Mexiko-Stadt erschienen Aufschriften mit zapatistischen Losungen, die die Existenz von EZLN-Ablegern in anderen Teilen des Landes proklamierten. Zu diesen Formen der Solidarität kamen spontane Mobilisierungen hinzu. Viele Leute riefen bei transnationalen Konzernen an, Niederlassungen von US-Unternehmen, und behaupteten, dass auf ihrem Betriebsgelände Bomben gelegt worden wären. Die Polizei spielte verrückt. Es gab zwar keine Bomben, doch die Stadt war aus den Fugen. Das EZLN distanzierte sich von diesen Ereignissen, also bekannte sich die PROCUP-PDLP zu den Bomben. Ich persönlich glaube, dass das EZLN so eine Gelegenheit vergab, sich auf nationaler Ebene mit anderen politischen Kräften aus der Tradition des Volkskampfes in Verbindung zu setzen. Andere wiederum denken, dass das EZLN gut daran tat, seine eigene Geschichte gerade aus der Abgrenzung gegenüber anderen Organisationen zu definieren.
Diese Position wurde anlässlich der Nationalen Demokratischen Konvention (CND) geklärt, die im August 1994 stattfand. Einmal mehr ließ das EZLN das historische Gedächtnis aufleben, indem es zu einer Zweiten Konvention aufrief und damit auf die erste anspielte, die von den bewaffneten Revolutionären im Jahr 1914 einberufen worden war und an der die Delegationen von Emiliano Zapato und dem General Francisco Villa teilgenommen hatten. Die Konvention des Jahres 1914 wurde niedergeschlagen und das bedeutete den Triumph der mexikanischen Bourgeoisie in der Revolution von 1910 bis 1917. Der Aufruf zur CND schien zunächst wirklich breit zu sein, alle, sagten sie, müssten an der Auswahl und Vorbereitung der Themen und Organisationsformen beteiligt sein. Doch es war nicht so. Das EZLN selbst entschied im Verband mit einer Gruppe der Zivilgesellschaft, wer an der CND teilnehmen durfte. Zum ersten Mal wurde klar, dass die Demokratie, von der sie sprachen, einen Filter für jene sozialen oder politischen Organisationen bedeutete, die auf eine Tradition des Kampfes zurückblicken konnten, d.h. die so genannte traditionelle Linke. Von den Medien in diffamierender Art und Weise als Radikale bezeichnet, wurde ausgeschlossen. Das EZLN wollte seinen eigenen Weg gehen. In jenen Momenten hatte es auch die Kraft, sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene, um das zu tun.
Im Januar 1995 erscheint die Dritte Deklaration aus der Selva Lacandona, in der zur Formierung der „Bewegung zur Nationalen Befreiung“ aufgerufen wird. Auch Cuauthémoc Cárdenas, Präsidentschaftskandidat des PRD, wurde eingeladen, sich an die Spitze dieser Bewegung zu stellen. Doch das Projekt macht keine Fortschritte. Dagegen bildete sich 1997 die FZLN (Zapatistische Befreiungsfront) als Brücke zwischen der COCOPA (einer Organisation bestehend aus Repräsentanten von politischen Parteien, deren Ziel es war, die Verhandlungen mit der Regierung weiterzuführen) und dem EZLN. Ziel war es, einen Dialog der Verständigung und Befriedung aufzubauen, der wiederholte Male von Seiten der Regierung abgebrochen worden war. Die FZLN wurde zu einem Resonanzkörper für die Kommuniqués des Subcomandante Marcos. Es gelang ihr nicht, die Zusammenarbeit und Diskussion mit Organisationen zu etablieren, die nicht zu den von den Zapatisten selbst gewählten zählen.
In dieser Periode war der „Marquismus“ im Aufwind, eine Art Caudillismo rund um den Subcomandante Marcos, darüber hinaus wurde der „Indigenismus“ stark betont und die Regionalisierung des Kampfes ausschließlich in Chiapas. Ich halte dies für Schwachpunkte des EZLN, welche die ersten Jahre der Bewegung charakterisierten. Da trotz der gegenteiligen Rhetorik die Bewegung praktisch einen gewissen Rückgang erlebte, identifizierten sich auch Sektoren und soziale Klassen mit dem Zapatismus, die nicht auf den Bundesstaat Chiapas beschränkt waren. Der Zapatismus hatte sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene großen Einfluss. Was dem EZLN allerdings nicht gelang, war, eine Massenorganisation zu konsolidieren. Die FZLN, von der Zivilgesellschaft dominiert, reproduzierte die Schwachpunkte des EZLN.
Im Februar 1995 ordnete Präsident Ernesto Zedillo im Rahmen des Abbruchs des Dialogs und angesichts der großen Popularität des EZLN eine Offensive gegen die Bewegung und ihre Sympathisanten an. Im Bundesstaat Veracruz wurde ein armer Bauernhof besetzt, wo Gewehre, die aus militärischer Sicht bedeutungslos waren, versteckt waren. Personen wurden inhaftiert. In Mexiko-Stadt beginnt eine Hexenjagd um das Volk einzuschüchtern. Die Regierung wollte die Identität Marcos‘ enthüllen, ihm die Maske herunterreißen, um sein Charisma zu untergraben.
Die Region Chiapas wurde mit Armeeeinheiten und Paramilitärs umstellt. Es handelte sich nicht mehr, wie in der Anfangsphase, darum, die Region wahllos zu bombardieren, sondern die Strategie des Krieges niedriger Intensität anzuwenden. Ähnliche Methoden wie in Guatemala wurden benützt, nämlich in das soziale Netz der Bevölkerung mittels religiöser Sekten, etwa den Zeugen Jehovas, oder anderer US-Organisationen, einzudringen. Diese schürten Konflikte, schaukelten Widersprüche innerhalb der Gemeinschaften auf und nützten dabei die Probleme rund um Landbesitz, Religion oder Gebräuche aus. Anführer der Indigenen wurden eingekauft, korrumpiert. Doch das EZLN hatte bereits Eingang in die Herzen und in den Geist der Menschen gefunden und so wandte sich der Schlag gegen die Aggressoren: Die Menschen organisierten sich und gingen in den Dschungel, sie formierten Schutzgürtel um die Zapatisten. Das alles war sehr eindrucksvoll.

Das Revolutionäre Volksheer EPR als zweite Kraft

Wie hat die radikale Linke auf den Aufruf des EZLN reagiert? Welche Anstrengungen hat sie unternommen um sich in den Prozess zu integrieren?

Ich glaube, die radikale Linke wurde von den Ereignissen überrascht und war im Grunde desorganisiert. Doch es gab Bemühungen. Viele nahmen an der CND teil, doch viele der als radikal bezeichneten Organisationen wurden letztendlich ausgeschlossen, isoliert. Ich denke, dass diese Linke sich mit dem Erscheinen des EPR – Revolutionären Volksheeres – am 28. Juni 1996 in Aguas Blancas positioniert hat. Das war der Jahrestag der Ermordung von 17 Bauern durch Paramilitärs. Während der Gedenkfeierlichkeiten erschien das PDPR-EPR (Revolutionär-Demokratische Partei des Volkes – Revolutionäres Volksheer). Das Manifest von Aguas Blancas baut sich auf Thesen auf, die klar als jene der traditionellen radikalen Linken erkennbar sind. Das EPR betonte, dass sein Ziel die Machtergreifung ist, dass es sich selbst als politisch-militärische Partei verstand. In dieser Periode unterschied man zwischen der so genannten Linken „light“ und der radikalen Linken.
Damals hatte das EZLN eine Gruppe von reformistischen Intellektuellen, Salinas-Anhängern wie Enrique Krauze oder auch korrupte Gewerkschaftsführer wie Elva Esther Gordillo, die für die Ermordung demokratischer Lehrer verantwortlich war, eingeladen, um Vereinbarungen hinsichtlich der indigenen Rechte zu diskutieren. Die Zivilgesellschaft wuchs wie Pilze an allen Ecken aus dem Boden. Niemand durfte den Subcomandante Marcos kritisieren. Demgegenüber zeigte das EPR eine andere Seite des Kampfes. Im Gegensatz zum EZLN, das seine eigene Geschichte auslöschte, anerkannte das EPR Teil eines Prozesses zu sein, in dem 13 Organisationen mit unterschiedlichen Traditionen und Entwicklungsprozessen zusammenkamen. Seine Wurzeln liegen in den Bewegungen von Lucio Cabañas und Genaro Vázquez, der Guerillabewegung der 60er und 70er Jahre. Das ist sehr interessant, denn dadurch ist es möglich, dass EPR als ein Heer zu erkennen, das dem Volk angehört.
Doch es blieb ihm nicht sehr viel Zeit, um seine Positionen zu propagieren. Es wurde von der Armee umstellt und stieß auf eine enorme Leere unter dem Volk, mit Ausnahme jener Bevölkerungsschichten, die bereits überzeugt waren. Das EPR hatte viel weniger Möglichkeiten seine Positionen auf internationaler Ebene zu verbreiten, die Medien verschlossen sich ihm, es wurde isoliert, verfolgt, geschlagen. Ganze Dörfer, wie beispielsweise das Dorf Loxicha im Bundesstaat Oaxaca, wurden in Geiselhaft genommen, gewaltsame Entführungen, brutale Folter waren übliche Mittel.
Zu dem Zeitpunkt, als das EPR erschien, hatte die PRD (Partei der Demokratischen Revolution), eine elektoralistische linke Partei mit einem sozialdemokratischen Diskurs, gute Beziehungen zum EZLN. Cuauthémoc Cárdenas, ihr Führer, bezeichnet das EPR als Pantomime. Später sprach die Presse von einer guten und einer bösen, stalinistischen Guerilla. Die Umzingelung, sowohl die militärische als auch die ideologische, des EPR war sehr stark. Ich denke, dem EPR gelang es 1998 einen beeindruckenden Schlag mit nationaler Reichweite auszuführen. Sieben Kasernen in unterschiedlichen Bundesstaaten wurden angegriffen. So zeigte das EPR auf militärischer Ebene seine Fähigkeiten und auf politischer seine Orientierung auf den Sozialismus. Die Linke, die sich nicht vom EZLN angesprochen fühlte, orientierte sich auf das EPR.
Doch das Voranschreiten des EPR wurde auch mit einer gewissen Angst verfolgt. Es war die Zeit der Lockerung des schmutzigen Krieges, wie der Krieg gegen das Volk in den 60er und 70er Jahren genannt wird, im Zuge dessen Guerilleros, Familien und Unterstützungsstrukturen einfach vernichtet worden waren. Dieser Völkermord wurde verschwiegen, nur seine Opfer wussten von ihm, und jene, denen die Geschichte des Volkes am Herzen lag.
Damals war das EZLN in einer Phase, die man als faszinierenden Caudillismo der Figur des Subcomandante Marcos bezeichnen könnte. Interessant ist, dass Marcos 1997, als das EPR brutal zerschlagen wurde, die nationale und internationale Presse zusammenrief um das Zweite Interkontinentale Treffen für die Menschheit und gegen den Neoliberalismus, die Wurzel und Basis der Antiglobalisierungsbewegung, zu präsentieren. Obwohl er alle Medien zu seiner Verfügung hatte, verlor er kein Wort der Kritik über das, was in anderen Teilen Mexikos geschah. Er erwähnte nicht die Repression gegen das Dorf Loxichas oder jene in den Bundesstaaten Guerrero oder Veracruz. Das war ein wichtiger Zeitpunkt, um zu verstehen, was mit der Linken passierte. In jenen Monaten wurde die Spaltung der radikalen Linken und der zapatistischen Linken, zwei unterschiedliche Linien, sichtbar.
Die Position der radikalen Linken ist es, alle Formen des Kampfes, auch den bewaffneten Aufstand, anzuerkennen. Doch nicht die gesamte radikale Linke war davon überzeugt, dass es dem EPR gelingen würde, ausschließlich mit militärischer Kraft die Macht zu ergreifen. Die Frage war, ob dieses Heer die politische und soziale Kraft hat, um sein politisches Projekt in die Realität umsetzen zu können. Letztendlich verlor sich das EPR in einem schmerzhaften Prozess der Spaltungen, der es aus dem Panorama der Linken auf nationaler Ebene entfernte.

Gelang es dem EPR, nun nicht mehr als organisierte politisch-militärische Kraft, sondern als politische Strömung, sich als solche innerhalb der mexikanischen Linken zu konsolidieren, einen Pol zu bilden?

Ich denke, Spaltungen produzieren Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung, außerdem waren diese Spaltungen nach außen hin alles andere als klar. Das Kommuniqué des ERPI (Revolutionäres Heer des Aufständischen Volkes), eine der ersten Spaltungen, enthält wenig politische Klarheiten, im Gegenteil, es bedient sich sogar einer gewissen messianischen Rhetorik. Das EPR wurde schwächer. Mir fallen in diesem Zusammenhang die Worte des Che ein, der sagte, dass ein revolutionäres Heer, wenn es in Erscheinung tritt, ständig voranschreiten muss, Schlachten gewinnen muss, Siege erringen muss, ohne sich aufhalten zu lassen, denn nur so kann das Volk die Gewissheit erlangen, dass das Volksheer siegreich sein und dem Feind eine Niederlage beibringen kann. Das EPR war nicht in der Lage, dem Volk zu erklären, was vorging, das ist das Problem.

Die mexikanische Linke unter dem neuen Regime

Ist es möglich vorauszusehen, ob die Linke in ihrer Gesamtheit, von heute bis ins Jahr der nächsten Wahlen 2006, eine weitere Schwächung erfahren wird?

Ich glaube ja, und davon wird auch die sozialdemokratische Linke betroffen sein, die von der PRD repräsentiert wird. Die PAN führt seit den ersten Märztagen dieses Jahres einen schmutzigen Propagandakrieg gegen die PRD. López Obrador, der Vorsitzende der Landesregierung von Mexiko-Stadt, hatte gute Aussichten darauf, die Präsidentschaftswahlen 2006 für sich zu entscheiden. Doch die Kampagne der Rechten gegen ihn wurde mit großem Geschick geführt. Sie zeigte auf, dass auch in der PRD Korruption existiert. Viele Menschen sprechen López Obrador weiterhin ihre Unterstützung aus, doch der Schlag war erfolgreich.
Was die radikale Linke betrifft, so ist diese kaum sichtbar. Es gibt interessante soziale Bewegungen, wie etwa die Front gegen den Neoliberalismus, den Kampf der demokratischen Strömung innerhalb der Gewerkschaft der Energiebediensteten, die Stadtbewegung der Bauern von Atenco, oder auch Organisationen zur Verteidigung der politischen Gefangenen oder Bauernbewegungen wie „La tierra no aguanta más“ („Das Land erträgt es nicht mehr“). Wichtig waren ebenso die Anti-Globalisierungs-Demonstrationen in Cancún, wo ein koreanischer Bauer aus Protest Selbstmord beging, oder auch die Bewegung in Guadalajara, der zweitgrößten Stadt Mexikos, die zu vielen Verhaftungen führte.
Man sieht, dem Volk ist es gelungen, gegen einige neoliberale Projekte ein Veto einzulegen, oder diese sogar definitiv zu Fall zu bringen, doch es scheint mir, dass es keinen Fortschritt in Richtung einer Einheit gibt, die einen klaren Bruch mit dem Neoliberalismus zum Ausdruck bringen würde. Ich denke, dass die Linke, die tatsächlich die Gesellschaft von der Wurzel her verändern möchte, in diesen Bewegungen arbeiten müsste.

Ist es der neuen Regierung gelungen, die doch einen ganz anderen Charakter hat als jene der PRI, die Gesellschaft tiefgreifend umzugestalten und dadurch die Bedingungen für die Linke grundlegend zu erschweren?

Die PAN weist große Schwächen auf. Die wichtigste ist, dass Präsident Fox und seine Frau keinen Tag verstreichen lassen, ohne in diverse Fettnäppchen zu treten. Die Leute der PAN sind einfach keine traditionellen Politiker vom Format der PRI, die zwar für das Volk sehr schädlich waren, aber doch professionelle Politiker, Kenner der Geschichte des Landes, die sie zwar in ihrem Sinne auslegten, aber doch von ihrem Geschäft etwas verstanden. Fox ist in dieser Hinsicht ein Desaster. Stellen Sie sich vor, dass in einem Land, das seit dem 19. Jahrhundert eine liberale Ausrichtung verfolgt, das einzige Land in Lateinamerika, in dem die Trennung zwischen Staat und Kirche durchgezogen wurde, dieser Señor daherkommt und religiöse Handlungen vornimmt, die nur peinlich wirken, wie etwa bei öffentlichen Anlässen mit dem Kreuz in der Hand aufzutreten.
Das Wichtigste jedoch ist, dass die Menschen, die für die PAN gestimmt haben, auf eine Veränderung hofften. Inzwischen haben sie verstanden, dass alles so wie bisher weitergeht, ja, dass es schlimmer wird. Es gibt keine Arbeit, die sozialen Dienstleistungen, von denen vor allem die unteren Bevölkerungsschichten profitierten, werden abgebaut. Jetzt sind die Kürzungen im Pensionswesen an der Reihe. Der Neoliberalismus schreitet voran. Wenn man zu diesen Angriffen auf das Gemeinwohl noch die Betrügereien hinzuzählt, die Fox mit seinen unterschiedlichen Privatstiftungen unternommen hat, um dem Volk das Geld aus der Tasche zu ziehen und es in jene der Mächtigen fließen zu lassen, sehen wir, dass es in der Bevölkerung eine große Desillusionierung hinsichtlich der PAN gibt. Ich fürchte allerdings, dass unter diesen Bedingungen die PRI an die Macht zurückkehren wird. Doch das Problem ist nicht der Wechsel der Parteien an der Regierung, sondern dass beide Strömungen der herrschenden Clique eine starke Pro-US-Linie verfolgen und die Pläne der transnationalen Konzerne weiter umgesetzt werden. Das wird so lange so sein, bis das ganze Volk „Basta!“ sagt.

Wie reagiert das EZLN auf diese Situation?

Der letzte spektakuläre Auftritt des EZLN war der Marsch für die Würde des Bodens im März 2001. Unbewaffnet zogen sie durch mehrere Bundesstaaten der Republik. Der Marsch war in Form eines „Caracol“ (Schneckenhaus), ein indigenes Symbol, organisiert, also spiralförmig. Eine riesige Menschenmenge begleitete sie. Auf ihrem Weg bestimmten sie die Zeiten und die Bewegungsrichtung, sie eroberten öffentliche Räume für sich und konfrontierten sich so treffsicher mit dem herrschenden Regime. Sie machten Fox und seine Camarilla lächerlich. Sie bewiesen die moralische Überlegenheit der Volksbewegung und das hatte große Bedeutung. Während des Marsches revitalisierten sie das Geschichtsbewusstsein und auch das, der Erhalt der Geschichte der Völker, ist ein wichtiger Punkt in der Auseinandersetzung mit dem Neoliberalismus. Sie ließen Traditionen und Riten der mexikanischen Volkskultur wieder aufleben, in Form von Transparenten, indigenen Ritualen.
Der beeindruckendste Aspekt war, dass eine Guerillaformation, die dem Staat den Krieg erklärt hatte, mit dem Gesicht zum Volk gewendet durch das Land zog. Die Regierung hatte keine Möglichkeit, sie aufzuhalten. Nationale und internationale Intellektuelle, wie etwa Saramago oder Garcia Márquez, begleiteten sie. Doch ich bedaure, dass diese ganze Kraft schließlich nur in einen neuen Versuch mündete, dem mexikanischen Kongress die Übereinkommen von San Andrés zu übergeben und ihre Umsetzung zu fordern. Damit erneuerte das EZLN sein Angebot an den Staat, den Dialog aufzunehmen und Kompromisse einzugehen.
Nach einer langen Periode des Schweigens, im August 2003, entstanden die „Municipios Autónomos Rebeldes“ (Autonome Rebellengemeinden) und „Juntas de Buen Gobierno“ (Gute Regierungen), die auch die Bezeichnung „Caracoles“ (Spiralen oder Schneckenhäuser nach dem indigenen Symbol) des Widerstandes tragen. Der Subcomandante Marcos verabschiedete sich in einem Video und erklärte, dass er sich mit dem Zapatistenheer in die Selva Lacandona zurückziehen werde. Die Stimme und auch die Führung der Bewegung überließ er den Caracoles. „Das Heer dient zur Verteidigung des Volkes“, sagte er, „nicht dazu, es zu regieren. Daher liegt jetzt die Weiterführung und Organisation der Bewegung bei den Caracoles. Ihnen obliegt es, die autonome Territorialität zu erhalten.“
Seit damals gibt es in der Öffentlichkeit Schweigen. Die Presse ist daran gewöhnt, die Reden Marcos’ an prominenter Stelle zu veröffentlichen, doch nicht daran, den Stimmen der Indigenas Aufmerksamkeit zu schenken. Wir wissen, dass die Bundesarmee die Caracoles umstellt, dass in der Region Repression und Vertreibungen vorkommen, doch es gibt kaum Nachrichten darüber, was im Inneren geschieht. Im letzten Kommuniqué gab der Subcomandante Marcos bekannt, dass die Trainingslager von zwei auf acht aufgestockt würden. Man muss auch in Rechnung stellen, dass die Indigenas ihre eigenen Zeitmechanismen und Bewegungsformen haben.
Es scheint mir, dass die Linke, die sich die Umwälzung des neoliberalen Kapitalismus von der Wurzel her auf die Fahnen schreibt, aufhören sollte, das EZLN zu kritisieren, im Sinne dessen, ihm vorzuwerfen, was es nicht hat und was es, nach Ansicht der Linken, haben sollte, wie etwa einen nationalen Plan zum Bruch mit dem Neoliberalismus, einen sozialistische Orientierung etc. Ich glaube, dass es notwendig ist, die Lehren aus dem, was dem EZLN gelungen ist, zu ziehen und uns zu fragen, was wir tun können, damit die aktiven und kämpfenden Kräfte sich auf einen klaren Bruch mit den Neoliberalismus orientieren. Wie können wir dazu beitragen, dass die starken und entschlossenen Kräfte des Volkes sich in Richtung einer gesellschaftlichen Transformationen ohne Kompromisse weiterentwickeln. Das ist die Aufgabe der Linken.

Interview: Gernot Bodner
Übersetzung: Margarethe Berger



(1) PRI – Partei der Institutionalisierten Revolution, aus der mexikanischen Revolution 1910 – 1917 entstanden und bis 2000 mexikanische Regierungspartei
(2) Die FALN (Bewaffnete Kräfte zur Nationalen Befreiung), später FLN (Kräfte zur Nationalen Befreiung) waren die aus den Studentenprotesten und sozialen Kämpfen um 1968 entstandene Guerillagruppe, in der das EZLN seinen Ursprung hat.
(3) Das Abkommen von San Andrés über indigene Rechte und Kultur wurde im Februar 1996 zwischen der mexikanischen Regierung und dem EZLN geschlossen. Es sollte Teil eines umfassenden Abkommens über grundlegende Reformen des Landes sein, wurde jedoch selbst hinsichtlich des unterzeichneten Teils über indigenen Rechte bis heute nicht umgesetzt.
(4) PAN – Partei der Nationalen Aktion, konservative, neoliberale Partei aus der Tradition historischen klerikalen Rechten, seit 2000 Regierungspartei unter Präsident Vicente Fox.