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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 11 Mai 2004

Zur Ideologie der Vereinigten Staaten

Samir Amin ist Professor der Wirtschaftswissenschaften in Dakar und einer der bedeutendsten Intellektuellen der Dritten Welt. Im vorliegendem Aufsatz setzt er sich mit den religiösen und gesellschaftlichen Grundlagen der USA auseinander.


Die politische Kultur ist das langfristige Produkt der Geschichte. Wenn das gilt, dann ist sie selbstverständlich für jedes Land spezifisch.
Die politische Kultur der Vereinigten Staaten unterscheidet sich deutlich von jener des europäischen Kontinents. Genozid an den indigenen Völkern, Sklaverei der Afrikaner, gesellschaftlich marginalisierte ethnische Gruppen – Resultat der Einwanderungswellen – diese gesellschaftliche Konfiguration ist seit der Besiedlung Neuenglands durch extremistische protestantische Sekten entstanden.
Die Moderne, der Säkularismus und die Demokratie sind nicht das Resultat einer Evolution des Glaubens, weder des religiösen, noch des revolutionären. Im Gegenteil: Um den Anforderungen dieser neuen Kräfte gerecht zu werden, musste sich der Glauben anpassen. Diese Anpassung gab es nicht nur im Protestantismus, sondern auch in der katholischen Welt, wenn auch auf andere Art und Weise. Es bildete sich ein neuer religiöser Geist, der von allen Dogmen befreit schien. Auch wenn die Thesen von Weber in den protestantischen Gesellschaften Europas breit akzeptiert werden, so war es dennoch nicht die Reformation, die die Voraussetzungen für die kapitalistische Entwicklung geschaffen hat. Sie repräsentiert auch keine ursprüngliche (frühchristliche) Interpretation des Christentums, sondern einfach eine primitive und konfuse Form des Bruches.
Die Reformation war das Werk der herrschenden Klassen, abgeschlossen in der Gründung von Nationalkirchen (anglikanisch oder lutheranisch) die von ihnen kontrolliert wurden. Diese Kirchen repräsentierten einen Kompromiss zwischen der aufsteigenden Bourgeoisie und den Großengutbesitzern, welche auf diese Weise die Bedrohung durch die Armen und die Bauern kontrollieren konnten.
Die effiziente Marginalisierung katholisch universalistischer Vorstellungen mittels der Nationalkirchen, stärkte vor allem die Macht der Monarchie, als Vermittler zwischen den Kräften des ancien régime auf der einen Seite und der Bourgeoisie auf der anderen. Damit wurde die Entwicklung neuer Formen des Universalismus verzögert.
Ohne Zweifel wurden andere Aspekte der Reformation von den Unterklassen bestimmt, als Hauptleidtragende der sozialen Transformation, die durch die Geburt des Kapitalismus ausgelöst wurde. Diese protestantischen Bewegungen der Unterklassen stützten sich auf traditionelle Formen des Kampfes, übernommen von den millenaristischen Bewegungen des Mittelalters. Weit davon entfernt einen neuen Weg zu öffnen, waren sie prädestiniert die Notwendigkeiten ihrer Zeit aufzuhalten. Die unterdrückten Klassen mussten bis zur französischen Revolution – mit ihrer demokratischen, popularen, laizistischen und radikalen Mobilisierung – und dem Beginn des Sozialismus warten, um Formen des Ausdrucks für ihre Bedürfnisse zu finden, die an die neuen Bedingungen angepasst waren. Die ersten modernen protestantischen Gruppen haben sich im Gegenteil in fundamentalistischen Illusionen eingemauert, die Folge waren unter anderem die endlosen Spaltungen, die bis heute den amerikanischen Protestantismus prägen.
Jene protestantischen Sekten, die im 17. Jahrhundert gezwungen waren, England zu verlassen, entwickelten eine Form des Christentums, die sich sowohl vom Katholizismus als auch von der Orthodoxie beträchtlich unterschied. Ihre Vorstellungen wurden auch von der Mehrheit der europäischen Protestanten nicht geteilt, Anglikaner eingeschlossen, die die Mehrheit der herrschenden Klasse Großbritanniens stellten.

Biblische Legitimität´

Die aktuelle Ideologie der Vereinigten Staaten wird immer noch von dieser spezifischen Form des Protestantismus aus Neuengland geprägt. Zuerst hat er die Eroberung des „Neuen Kontinents” erleichtert, diese Inbesitznahme des gelobten Landes wurde mit Verweis auf die Bibel legitimiert. Später dehnten die USA den Wirkungskreis ihrer von Gott erhaltenen Mission auf die ganze Erde aus. Die Gesellschaft der USA hat begonnen sich selbst als „erwähltes Volk“ zu betrachten. Das ist die Bedrohung der wir uns heute gegenübersehen. Deswegen wird der amerikanische Imperialismus brutaler sein als viele vorhergegangenen, die, in der Mehrzahl der Fälle, keine göttliche Mission für sich beanspruchten.
Ohne Zweifel hat die USA ihre Gründungsgeschichte nicht überwunden. Das stimmt nicht nur für die „Amerikanische Revolution“, sondern auch für die fortgesetzte Kolonisierung des Landes mittels immer neuer Wellen von Einwanderern.
Jenseits der aktuellen Versuche ihre Tugenden zu loben, war die „Amerikanische Revolution“ niemals mehr als ein Krieg um Unabhängigkeit, de facto ohne soziale Dimension. Während ihrer Revolte gegen die britische Krone haben die Siedler niemals versucht die ökonomischen und sozialen Verhältnisse zu ändern; sie haben sich lediglich geweigert weiterhin Gewinne mit den herrschenden Klassen der Metropole zu teilen. Sie wollten die Macht für sich selbst, um mit mehr Bestimmtheit und höheren Profitmargen das Gleiche wie zuvor zu tun. Das wesentliche Ziel war es mit der Kolonisierung des Westens fortzufahren, die unter anderem den Genozid an den Indianern implizierte. Eben sowenig haben die Siedler die Sklaverei beendet. In der Tat waren die meisten revolutionären Führer Sklavenbesitzer.
Auch in der Logik der göttlichen Mission enthalten war der Genozid an den Indianern. Bis 1960 wiesen die Hollywood-Filme voller Stolz auf diesen Aspekt der Geschichte hin, dem indianischen Teufel wurde das Gute in Gestalt des Cowboys gegenübergestellt.
Ähnlich verhielt es sich mit der Sklaverei. Nach der Unabhängigkeit musste noch ein weiteres Jahrhundert bis zu ihrem Ende verstreichen, und auch die Aufhebung der Sklavengesetze erfolgte nicht aus moralischen Impulsen, sondern lag darin begründet, dass sie für die kapitalistische Expansion nicht mehr notwendig waren. So mussten die Afroamerikaner noch ein weiteres Jahrhundert auf ihre Bürgerrechte warten und bis heute ist der Rassismus tief in den herrschenden Klassen verankert.

Immigration und Individualismus

Die ständigen Immigrationswellen haben ihrerseits die amerikanische Ideologie verstärkt. Zwar sind die Immigranten in keiner Weise für Not und Unterdrückung verantwortlich, die sie ins Exil gezwungen hat. Sie verließen ihre Heimat als Opfer. Dennoch bedeutet Immigration immer eine Absage an den kollektiven Kampf um die Verhältnisse im Herkunftsland zu verändern; die Entwurzelung bedeutet auch die Übernahme der individualistischen Ideologie des Ziellandes USA. Dadurch verzögert sich auch die Entwicklung von Klassenbewusstsein, das vor der Ankunft der nächsten Immigrationswelle kaum entstehen kann, die den Abbruch der politischen Bewusstwerdung begünstigt. Offensichtlich trägt die Immigration auch zur ethnischen Fragmentierung der Gesellschaft bei. Die Idee individuellen Erfolges schließt das entstehen starker ethnischer Beziehungen gegenseitiger Unterstützung nicht aus (zum Beispiel unter den Iren oder Italienern), ohne die die individuelle Isolierung unerträglich wäre. Auch diese ethnische Zusammengehörigkeit erschwert das Entstehen von echtem Klassenbewusstsein.
Während das Volk von Paris in der Kommune von 1871 den Sturm auf den Himmel vorbereitete, waren die Städte der USA Schauplatz von Bandenkriegen, Banden gebildet aus verschiedenen Nationalitäten armer Einwanderer, zynisch manipuliert von den herrschenden Klassen.
In den USA gibt es heute keine Arbeiterpartei und es hat sie auch nie gegeben. Die mächtigen Gewerkschaften waren immer unpolitisch, im weitesten Sinn des Wortes. Ihnen fehlen Verbindungen zu jeglicher politischer Partei, über die sie ihre Sorgen und Vorstellungen ausdrücken könnten, sie waren auch nicht in der Lage eine eigene sozialistische Vision zu entwickeln. Im Gegenteil unterstützen sie wie alle anderen gesellschaftlichen Kräfte die dominante liberale Ideologie, die auf diese Weise völlig widerspruchslos bleibt. Wenn sie kämpfen, dann tun sie das auf einem sehr beschränkten und konkreten Programm, das den Liberalismus in keiner Weise in Frage stellt. In diesem Sinn waren und sind die Gewerkschaften postmodernistisch.

Glaube und Vernunft

Ein wenig beachteter Aspekt des Unterschiedes zwischen den verschiedenen europäischen Ideologien und der amerikanischen, ist der Einfluss der Aufklärung auf deren Entwicklung. Wir wissen, dass die Aufklärung entscheidend war für die Herausbildung der modernen europäischen Ideologien und politischen Kulturen, und ihr Einfluss ist auch heute noch vorhanden, sowohl in den protestantischen Zentren kapitalistischer Entwicklung (Holland, Großbritannien) als auch den katholischen (Frankreich), aber auch in Deutschland und Russland.
In den USA hat die Aufklärung nur marginale Bedeutung gehabt, sie hat nur eine aristokratische Minderheit angezogen, die die Geschichtsschreibung mit den Namen Jefferson, Madison und wenigen anderen verbindet und die sich im Übrigen aus Unterstützern der Sklaverei zusammensetzte. Im Allgemeinen waren die protestantischen Sekten Neuenglands wenig beeindruckt vom kritischen Geist, ihre Kultur blieb näher beim Hexer von Salem als dem Empirio-Rationalismus.
Die Früchte dieser Weigerung sind mit der Yankee-Bourgeoisie Neuenglands gereift. Es ist ein simplistischer und falscher Glaube entstanden, nach dem die Naturwissenschaften die Entwicklung der Gesellschaft bestimmen sollten. Die Substitution der Religion durch die Naturwissenschaften erklärt einige fundamentale Aspekte der amerikanischen Ideologie: Sie erklärt warum die Philosophie unbedeutend ist, reduziert auf einen verkürzten Empirismus, und auch die frenetische Anstrengung, die Human- und Sozialwissenschaften in Naturwissenschaften („harte Wissenschaft“ genannt) zu verwandeln. So ist es die reine Ökonomie, die den Platz der politischen Ökonomie eingenommen hat und die Genetik ersetzt Soziologie und Anthropologie.
Die Aufklärung hat uns, neben anderen Dingen, gelehrt, dass die Physik jene Wissenschaft ist, die bestimmte Aspekte des Universums erforscht, nicht das Universum in seiner Gesamtheit. Letzter Ansatz ist eher als metaphysisch, denn wissenschaftlich zu bezeichnen. Auf dieser Ebene ist das amerikanische Gedankensystem näher an den prä-modernen Versuchen Glaube und Vernunft zu verbinden, als an der modernen Wissenschaft. Es ist perfekt an die Vorgaben der protestantischen Sekten und jenen omnipräsenten Typus religiöser Gesellschaft angepasst, den diese hervorgebracht haben. Diese Art von Regression bedroht heute Europa.

Markt und Demokratie

Wir haben nun zwei wesentliche Faktoren analysiert, die dominante biblische Ideologie und das Fehlen einer Arbeiterpartei. Tatsächlich haben sich beide kombiniert um eine historisch völlig neue Situation zu schaffen: ein System, das de facto von einer Einheitspartei dominiert wird, der Partei des Kapitals. Die beiden Segmente dieser Einheitspartei vertreten die gleiche fundamentale Konzeption des Liberalismus. Gemeinsam führen sie nur jene Minderheit (40 Prozent der Wahlberechtigten) die noch an dieser impotenten und leeren Demokratie teilnehmen. Weil die werktätigen Unterklassen nicht wählen gehen, hat jede Hälfte der Einheitspartei ihr eigenes Klientel unter den Mittelschichten, auf das der Diskurs zugeschnitten ist.
Die aktuelle Demokratie der Vereinigten Staaten ist das fortgeschrittenste Modell der „Demokratie niedriger Intensität“. Ihr Funktionieren basiert auf der völligen Trennung zwischen politischem Leben und ökonomischer Sphäre, die einzig von den Gesetzen der Kapitalakkumulation regiert wird. Ohne Zweifel zerstört diese Separation jedes kreative Potential der politischen Demokratie und kastriert ihre repräsentativen Institutionen, die im wesentlichen dem Diktat des Marktes unterworfen werden. Republikaner oder Demokraten zu wählen ist letztendlich gleichgültig, denn die Zukunft des amerikanischen Volkes ist nicht das Resultat der Wählergunst, sondern ergibt sich aus der Bewegung der Finanz- und anderen Märkte.
Als Resultat existiert der amerikanische Staat nur um der Wirtschaft zu dienen, also dem Kapital, hat alle soziale Verantwortung aufgegeben. Der Grund warum das möglich ist: Der historische Prozess der Entwicklung der US-amerikanischen Gesellschaft hat die Entwicklung eines politischen Bewusstseins der arbeitenden Klassen verhindert.
Auf der anderen Seite waren die europäischen Staaten (und das können sie wieder werden) das Forum, in dem sich die Konfrontation zwischen sozialen Gruppen und Interessen entwickelt hat.
Hier liegt der Grund warum in Europa immer wieder soziale Kompromisse stattfinden konnten, die als demokratische Praktiken mit echter Bedeutung erwiesen haben. Wenn der Klassenkampf – oder andere Formen des politischen Kampfes – den Staat nicht dazu zwingen, auf diese Weise zu funktionieren, dann kann er auch keinerlei Autonomie gegenüber der einzigen Logik der Kapitalakkumulation gewinnen. Die Demokratie wird eine völlig belanglose Übung, reduziert auf sinnlose Rituale und einen Wahlkampf, der von Animateuren bestritten wird.

Ideologie und Kapital

Die fundamentalistischen Ideologen stellen nicht die Führung der USA und zwingen ihre Logik auch nicht den realen Machthabern, dem Kapital und dessen Dienern in der Regierung, auf. Die Entscheidungen werden vom Kapital selbst getroffen, und erst danach wird die Ideologie mobilisiert, um diesen Entscheidungen zu dienen.
Dank dieses Kontextes hat die herrschende Klasse der USA einen totalen Zynismus entwickelt, der einem externen Beobachter sofort auffällt, in gewissem Sinn den US-Amerikanern selbst aber oft verborgen bleibt. Das Regime ist dabei aber sofort bereit zur Gewalt zu greifen, wenn sich die Notwendigkeit ergibt.
Wie alle Ideologien wird auch jene der Vereinigten Staaten „immer älter und unbrauchbarer“. In den Perioden der Ruhe (gekennzeichnet von starkem Wirtschaftswachstum) verringert sich der Druck der herrschenden Klassen auf das Volk natürlicherweise. Daher muss das System von Zeit zu Zeit der Ideologie neues Leben einhauchen. Dabei werden die klassischen Methoden angewandt: Ein Feind wird ausgemacht (dieser muss Ausländer sein, denn die Gesellschaft der USA ist gut per Definition), „das Imperium des Bösen“, „die Achse des Bösen“, ein Feind, der die Mobilisierung aller Mittel notwendig macht, um ihn zu vernichten. In der Vergangenheit war es der Kommunismus: Der McCarthyismus begann den kalten Krieg und marginalisierte Europaheute ist der „Terrorismus“ ebenso ein Vorwand um das Projekt der herrschenden Klasse durchzusetzen: militärisch den Planeten kontrollieren.


Der Text wurde in der Nummer 2/3 2003 der Zeitschrift „Latinoamerica” veröffentlicht. Für die bruchlinien wurde er redaktionell bearbeitet und gekürzt.