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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 11 Mai 2004

Ein mehrdeutiges Symbol

Zur Kopftuchdebatte


Nach den hitzigen Debatten 1989 ist die „Affäre um die Kopftücher muslimischer Schülerinnen“ „les affaires du foulard“) in Frankreich erneut an einem Höhepunkt angelangt. Das jetzt verabschiedete Gesetz ist eine Erneuerung des Gesetzes von 1905, das die freie Ausübung jedes religiösen Kults garantiert, dafür aber den Status „association culturelle“ vorsieht. Das Gesetz beruht auf einem Kompromiss „zwischen jenen Republikanern, die die katholische Religion auf den privaten Bereich zurückdrängen, und denen, die aus der Laizität eine Zivilreligion für die französische Nation machen wollten." (1) Da die katholische Kirche das Gesetz nicht anerkannte, kam es zu einem Kompromiss 1923, der ihr eine spezifische Organisationsform, die association diocésaine (Diözesen-Verein) zubilligte. Dazu kommt, dass die drei Départements Hout-Rhin, Bas-Rhin und Moselle während der Ausarbeitung und Verabschiedung des Gesetzes 1905 unter deutscher Herrschaft standen und dort somit bis heute das System des Konkordats von 1802 gilt. Diese sonderbare Stellung gegenüber „Rest-Frankreich" ließ den protestantischen Theologen Jean Beaubérot schon 1990 schreiben: "In einem französischen Département – Moselle – hängen Kruzifixe in den öffentlichen Schulen. Diese Tatsache scheint die Republik nicht zu bedrohen, obwohl es sich dabei um eine sehr viel schwerwiegendere Abweichung vom Laizitätsprinzip handelt als bei den kopftuchtragenden muslimischen Schülerinnen."

Laizität hat ausgedient

Die islamischen Gruppen organisieren sich in Frankreich mehrheitlich über das Gesetz von 1901, das die Bildung von sozialen und kulturellen Vereinen regelt. Außer einigen wenigen, lokal begrenzten Ausnahmen besitzen die Muslime daher nicht den Status einer Religionsgemeinschaft im juristischen Sinne. Auf diesen Gesetzen basiert ideologisch gesehen auch der Schulunterricht in Frankreich: die moralischen Ideen sollen von ihrem religiösen Aspekt befreit und die Soziologie in den Dienst der gesellschaftlichen Integration gestellt werden. Hundert Jahre später in einer Zeit von Massenarbeitslosigkeit und wirtschaftlicher Ungerechtigkeit wird auch die Schule dem Anspruch der Einheit und Integration nicht mehr gerecht. Noch dazu hat die Laizität in Frankreich den „natürlichen Gegner", nämlich die katholische Kirche und allen voran den Papst, verloren – diese haben sich längst mit der Situation bestens abgefunden und siezu ihrem Vorteil gekehrt. Also ist die Laizität – vormals die „Staatsreligion Frankreichs" mit dem Panthéon als seinen Tempel – ins Alter gekommen, hat ausgedient.

In anderen Ländern

In Bosnien-Herzegowina, Nachfolgestaat Jugoslawiens mit hoher religiöser Durchmischung, gab es bis vor kurzem gar keinen schulischen Religionsunterricht und waren Symbole, die religiöser Natur waren, aus den öffentlichen Räumen verbannt. Das erklärt sich aber aus dem besonderen Werdegang der südslawischen Länder in der Vereinigung unter Tito und nicht aus dem republikanischen, aufklärerischen Laizitätsprinzip Frankreichs. Heute wird die Frage des Religionsunterrichts in Bosnien-Herzegowina kantonsweise geregelt. In den Kantonen mit überwiegend muslimischer Bevölkerung ist der Religionsunterricht entweder optional oder es gibt „Kulturunterricht" mit starkem religiösen Bezug.
In der Bundesrepublik Deutschland, wo ebenfalls die öffentlichen Debatten um das Kopftuch im Schulunterricht eskalierten, liegt die rechtliche Situation, Österreich ähnlich, ganz anders gelagert. Nach dem Zusammenbruch des deutschen Kaiserreichs wurde im Grundgesetz mit Artikel 140 das Verhältnis von Staat und Religion geregelt: die Freiheit zur Vereinigung zu Religionsgesellschaften gibt den religösen Gemeinschaften in Deutschland den Status von Körperschaften des öffentlichen Rechts, was im praktischen Sinne heißt, dass die Kirchen auch ein eigenes Arbeits- und Steuerrecht haben und der Staat auf die Kontrolle der kirchlichen Ordnung verzichtet, was wiederum heißt, dass religiöse Belange im öffentlichen Raum nicht per Gesetz sondern per Vertrag geregelt werden. So ist der Religionsunterricht an den Schulen zum Beispiel mit Verträgen zwischen den katholischen Diözesen und den protestantischen Landeskirchen geregelt.
In Österreich liegt die Regelung beim Bund, wo eine eigene Kultusabteilung im Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur zuständig ist. Bei diesem müssen Religionsgemeinschaften Anträge auf Anerkennung einer öffentlichen Körperschaft stellen. Die bisher einzig genehmigte islamische Gruppierung ist jene des hanefitischen Ritus, was auf einen Gesetzesbeschluss von 1912 zurückgeht.
Das also ist die rechtliche Situation zur Kopftuchdebatte.

Bedeutung des Kopftuchs

Die Frage ist jetzt also, wenn das Kopftuch ein politisches Symbol ist, wofür und wogegen steht es dann? Verglichen mit dem „Palästinenser-Tuch", das primär eine wie auch immer geartete Solidarität mit den Palästinensern und in weiterer Folge mit allen Arabern ausdrückt, auch wenn sich manche(r) Träger(in) dessen nicht bewusst ist, wenn sie/er es als modisches Attribut nimmt, ist beim Kopftuch nicht klar, wofür jene einstehen, die es tragen.
In den Ländern mit mehrheitlich islamischer Bevölkerung verschwinden mit dem Auftreten des Kopftuchs oder einer anderen Form von Schleier die Riten des Volksislams. Dieser war vor allem immer Frauensache. Die Treffpunkte bei „marabouts“ (Heiligengräbern) sind antiorthodox, von fundamentalistischen Islamisten wie von Staatsseite her nicht gern gesehen.
Vor allem in den Ländern, wo Staatsmänner wie z.B. Bourghiba (Tunesien) versuchten mit Staatsgebäuden den Volksislam auf Persönlichkeitskult umzulenken, greift die weibliche Opposition heutzutage auf die Verschleierung zurück und lehnt den Volksislam ihrer Großeltern-Generation ab. Wie Monika Ali, Bangladeshi und Schriftstellerin des Erfolgromans „Brick Lane" in einem Interview sagte: "Diese jungen Menschen tragen das Kopftuch und die Burqa, wie wir früher Jeans und Turnschuhe zum Protest gegen die Elterngeneration trugen."
Es gibt trotzdem einen Unterschied. Die Generation, die den Volksislam als Opposition zu Staat und orthodoxem Islam sah und jene, die Blue-Jeans und Turnschuhe zur Rebellion trugen, haben nicht den Anspruch gestellt, den Islam zu vertreten. Die heutige Generation, die Kopftuchträgerinnen und deren Fürsprecher, erheben sehr schnell den Anspruch, im Namen des Islam zu handeln. Sie erheben also das Kopftuch zum religiösen Symbol.
Das Kopftuch und der Schleier sind aber kein religiöses Symbol. Schon alleine die vielen verschiedenen Arten des Kopftuch- bzw. Schleier-Tragens quer durch die islamische Welt macht uns das deutlich. Verschieden eben deshalb, weil das Kopftuch auf vorislamische Traditionen, stark mit der jeweiligen Region verbunden, zurückgeht. So finden wir die bunt-bestickte Kopfschmuck-Tracht bei den Jemenitinnen, die Nase, Mund und Hals bedecken und mit einem Stirnband verbunden sind – eine Tracht, die schon die legendäre Königin von Sanaa getragen haben soll. Dann die Kopfstulpe mit angehefteter bodenlanger Glocke, die nur einen transparenten Augenschlitz aus Häkelspitzen freilässt, die vor allem in Nordindien, Afghanistan und Nordpakistan getragen wird. Sowie den bekannten Tschador („Zelt"), der hauptsächlich in den Städten Irans und Aserbaidschans getragen wird. Am Land wird im Iran auch kaum bis gar nicht der Tschador getragen, weil das für die Arbeit am Feld nicht praktikabel ist. Zudem war das Schleier-Tragen im Iran traditionell immer nur eine Angelegenheit der Oberschicht, die sich damit von der Unterschicht abhob. Auch ein Hinweis darauf, warum er heute nur in den Städten getragen wird. Vergessen hat man den radikalen Schritt von Schah Reza Pahlevi, der 1936 das Tragen des Tschadors verbot und mit brutaler Polizeigewalt dieses Gesetz durchsetzte, als Schritt die traditionelle Machtstruktur der Oberschicht zu brechen.
Das Tragen der verschiedenen Schleier hat auch sehr viel mit Aberglauben, dem Bösen Blick, zu tun sowie mit den klimatischen Verhältnissen der jeweiligen Region. Schließlich zeigt er auch die Stammeszugehörigkeit an.
Dass die Kopfbedeckungen und Verhüllungen traditionell immer auch Männer betraf, darüber gibt es sehr viel ethnologische Literatur und auch heute finden wir in Ländern Asiens, Afrikas und Südeuropas noch genügend Hinweise dafür, auch dass männliche Kopfbedeckungen Gegenstand von Gesetzesbeschlüssen waren. Ein immer wieder zitiertes Beispiel ist der Gesetzeserlass Sultan Mehmet II, 1828, der den Turban verbot und stattdessen den Fez einführte.

Schleier im Outlet-Store

Vergessen wird auch, dass die Textilerzeugung von Anfang an ein maßgeblicher Wirtschaftszweig in der islamischen Welt war. Von Seide aus Damaskus bis Baumwolle vom Nil gab es alles, bis die qualitativ schlechte Billigware der Kolonialmutterländer (England, Frankreich, aber auch Filz aus Böhmen - aus dem Habsburger Reich) die Situation dramatisch änderte. Diese Bedingungen hatten zur Folge, dass die Vorgabe vom Propheten Mohamed, sich dezent zu kleiden und vor allem die „dekadente Seide" (Ausnahme bei Hautleiden) zu meiden, bald vergessen wurde.
Auch heutige Kopftuchträgerinnen scheinen dieses religiöse Gebot zur Kleidungsfrage oft zu vergessen. Wichtig scheint nach wie vor in Sachen Mode - H&M, Zara, Mango, etc. - adäquat gekleidet zu erscheinen. Farbe und Muster von Kopftuch und Schleier werden angepasst. In Indonesien ist es inzwischen so, dass das Kopftuch-Tragen der ältesten Tochter des Präsidenten zu einer so großen Nachfrage führte, dass Modedesigner kaum mehr mithalten können. Die teuren Designermodelle werden als billigere Ware kopiert und massenweise für die Outlet-Stores auf den Markt geworfen.
Auch in Ägypten haben die populären TV-Shows des Jungpredigers Amr Khalid zu einer Modewelle mit locker sitzendem Kopftuch geführt.
Das Kopftuch, wie es in Deutschland und Österreich vor allem Frauen, aus der Türkei stammend, tragen, geht auf die byzantinisch–sassanidische Tradition zurück, die von Frauen der Oberschicht im Osmanischen Reich Ende des 18., Anfang 19. des Jahrhunderts aufgegriffen wurde. Begleitend dazu sind bei jungen Erwachsenen in der Türkei wie bei uns Begriffe des Osmanischen in geworden, ganz ähnlich wie bei uns Anglizismen.
Wenn muslimische Frauen das Kopftuch-Tragen religiös begründen, weisen sie immer auf eine Sure im Koran hin. Tatsache ist aber, dass in dieser Sure nur die dezente Kleidung und das Vermeiden von Schmuck aufgezählt wird. Diese Gebote sind im Gedanken der islamischen Gemeinschaft zu sehen: Gleichheit ist das Gebot, Neid und Eifersucht erregen, soll vermieden werden. Also ist jegliche Art, sich dezent zu kleiden, für den Moslem angebracht. Wenn frau das durch Tragens des Kopftuchs vollbracht sieht, ist es ihre persönliche Entscheidung. Tatsache ist, dass Prophet Mohamed nicht den Schleier anordnete. Von zwei seiner Frauen ist überliefert, dass sie aber sehr wohl Kopfbedeckung trugen und auf diese Überlieferung berufen sich auch jene Muslime, die das Kopftuch als ausdrückliches Gebot sehen wollen. Dass die Sure selber immer wieder zu völligen Missdeutungen aus Unwissenheit führt, zeigt auch das Buch von Rita Breuer, die den Schleier sogar als islamisches Identitätsmerkmal hinstellt. (2) Mit solchen Äußerungen fühlen sich muslimische Frauen, die das Kopftuch nicht tragen wollen, vor den Kopf gestoßen und diskriminiert.
Eine viel wichtigere Frage ist jedoch die des Umgangs mit der unterschiedlichen Gesellschaftsauffassung im islamischen und christlichen Kontext. Das Wort „hidschab“, das auch immer wieder als Schleier bzw. Kopftuch übersetzt wird, aber viel komplexer ist und kein deutsches Synonym hat, steht jedoch für die Auffassung der räumlichen Geschlechtertrennung in der islamischen Gesellschaftsordnung. Auch da gibt es vor allem aus dem arabischen und persischen Raum traditionelle Muster aus der vorislamischen Zeit, die dann übernommen, zum Teil auch im Koran festgelegt wurden. Die Begriffe Innen– und Außenwelt kehren dabei immer wieder. Dass der von Edward Said zu recht angeprangerte Orientalismus zum Beispiel die traditionellen Frauenräume haram als Lustzimmerchen herunterspielte, gehört zu dieser Auseinandersetzung. Aber auch die Frage, warum Cafés im Orient Männern vorbehalten sind. Diese Gedanken, alle im Begriff hidschab enthalten, würden hier jetzt aber zu weit führen und müssen an anderer Stelle diskutiert werden.
Zum Abschluss möchte ich anmerken, dass die Argumente der fundamentalistischen Islamisten in den 1980ern und 1990ern, nämlich dass nur mit staatlicher Überwachung, mit dementsprechenden Gerichtshöfen und einer durchgreifenden Polizei, sich die Menschen noch an den Islam und seine angeblichen Gesetze erinnern würden, eine ebenso maßlose Beleidigung der Kultur des Islams waren wie jetzt jene Menschen darstellen, die die Religion nur durch das Tragen von Kopftuch und Vollbart gewahrt sehen wollen. Aber auch jene europäischen Politiker, die nur mit dementsprechenden Gesetzen und deren Durchsetzung mit Androhung auf Strafen, die Bürger an die Existenz des Staates erinnern glauben zu können, diskriminieren nicht nur Muslime, sondern auch jene mit anderer beziehungsweise ohne Religionszugehörigkeit.

Sabeth Belhayania

(1) Nikola Tietze, „Islamische Identitäten. Formen muslimischer Religiosität junger Männer in Deutschland und Frankreich", Hamburger Edition, 2001
(2) Rita Breuer, Familienleben im Islam – Traditionen – Konflikte – Vorurteile, Herder-Verlag 1998, s.z.B. S. 86