Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

Verkaufstellen:: Beiträge:: Impressum&Kontakt:: Abo:: Info mail:: Werben
suche:

 

 Aktuell

Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

 Ausgaben

Nr. 21 Herbst 2007
Nr. 20 Frühjahr 2007
Nr. 19 November 2006
Nr. 18 Mai 2006
Nr. 17 Februar 2006
Nr. 16 November 2005
Nr. 15 Juni 2005
Nr. 14 April 2005
Nr. 13 November 2004
Nr. 12 September 2004
Nr. 11 Mai 2004
Nr. 10 Jänner 2004
Nr. 9 November 2003
Nr. 8 September 2003
Nr. 7 Mai 2003
Nr. 6 März 2003
Nr. 5 Jänner 2003
Nr. 4 November 2002
Nr. 3 September 2002
Nr. 2 Juli 2002
Nr. 1 Mai 2002

 

 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 11 Mai 2004

Rettet Lenin!

Gedanken zum 80. Todestag von Vladimir Ilich Lenin


Die Auseinandersetzung mit Lenin findet heute vor allem aus zwei Perspektiven statt: der diffamierenden Medienhistoriographie der amerikanistischen Totalitarismustheoretiker und der Heilandssuche des verblassenden dogmatischen Marxismus. Die Zeiten der tiefgehenden historischen und philosophischen Auseinandersetzung mit Lenin, wie sie die 20er, 60er und 70er Jahre prägten, sind mit der Krise sozialistischer Perspektiven untergegangen. Ein dritter Weg der Reflexion über Lenin, den wir hier versuchen wollen, ist der vom Standpunkt der Entwicklung neuer revolutionärer Theorie im antiimperialistischen Kampf. Für diese Sicht auf Lenin, die die Herausforderungen der aktuellen weltpolitischen Auseinandersetzungen in den Mittelpunkt stellt, geht es neben historischen Erfahrungen aus dem versuchten Übergang zum Sozialismus vor allem um die Frage nach einem möglichen methodischen Fundament für marxistische Neuformulierung und revolutionäre Politik.
Die Parole dieses Versuchs ist: Rettet Lenin vor seinen Anwendern. Denn wie Marx entwickelte Lenin seine wesentlichen Thesen als Antwort eines Revolutionärs auf die politischen, sozialen und ideologischen Auseinandersetzungen seiner spezifischen historischen Epoche. Das Destillat dieser Konfrontation - Marx’ theoretische Interpretationsinstrumentarie zum Verständnis der Geschichte und Gesellschaft als Klassenkampf und Lenins theoretische und praktische Konkretisierung des Marxismus zu einem Instrument des politischen Kampfes - gilt es „neoleninistisch“ im antiimperialistischen Kampf zu verarbeiten. Die künftigen politischen Kämpfe um die Überwindung des Kapitalismus werden sicher ohne Zitate aus Marx und Lenin auskommen und vielmehr wiederum neue Erkenntnisse aus konkreter revolutionärer Praxis sein, praktisch-revolutionärer Politik auf der Basis moderner sozioökonomischer Gesellschaftsanalyse. Für uns stellt sich daher die Frage der Aktualität Lenins nicht als Frage der Aktualität etwa seiner Imperialismustheorie, als vielmehr als Frage nach einer stabilen Grundkonzeption revolutionärer Politik, die den amerikanistischen Imperialismus zu verstehen und überwinden hilft.

Auflösung statt Aufhebung

Leider ist diese Zielstellung der Aufhebung des historischen Kommunismus in einer neuen revolutionären Orientierung auf der Basis eines funktionsfähigen Grundkonzepts revolutionärer Politik nicht einmal als Problemstellung akzeptiert. Damit hat der Marxismus und Leninismus mit wenigen Ausnahmen weltweit aufgehört, eine reale politische Kraft darzustellen. Im Gegensatz zur politischen Theorie und Ideologie der Bourgeoisie, die die politisch-ökonomischen Ziele der herrschenden Oligarchie zu jeder Zeit mit wirksamen ideologischen Hegemonieinstrumenten begleitet – ein Zeichen, dass das „vor dem leuchtenden Stern der Arbeiterklasse verfaulende Bürgertum“ leider eine vitale und kämpfende Klasse bleibt – ist der Marxismus als gesellschaftliche und politische Wissenschaft sowie Praxis der Unterklassen verschwunden. Der Grund dafür mag einerseits ein „objektiver“ sein. Die westlichen Unterklassen sind bisher nicht in die Kampfarena gegen den heute amerikanistischen Imperialismus eingetreten und unter den rebellierenden Pariern der Dritten Welt haben sich andere politisch-praktisch Konzeptionen durchgesetzt. Der andere, „subjektive“ Grund ist die Trennung der marxistische Theorie, zumindest seit dem Niedergang der revolutionären Versuche der frühen 70er Jahre, von der radikalen Praxis, der den Untergang zum Dogmatismus der Phrase oder zum neoliberalen Diskurs der Vielfalt eingeleitet hat.
Der aktuelle antiimperialistische Befreiungskampf hat mit dem Leninismus eine einzigartige Kraft verloren, die man mit Gramsci als „Pessimismus der Intelligenz und Optimismus des Willens“ bezeichnen könnte. Also eine effektive Kombination von moderner wissenschaftlicher Erkenntnis der gesellschaftlichen Tendenzen und Widersprüche und der unerschütterlichen humanistischen Passion für menschliche Gleichheit. Darin liegt unserer Ansicht nach heute ein wichtiges Element der Schwäche und Instabilität der vorhandenen Rebellion der Armut in der Peripherie gegen das US-Imperium. Gleichzeitig drängt sich die lehrreiche Erkenntnis auf, dass der Marxismus nichts mit einer „natürlichen“ oder gar der „einzigen“ Ideologie der ausgebeuteten Klassen zu tun hat, sondern nur durch das organisierte und effiziente Eingreifen einer kommunistischen Kraft zum Leitfaden des Kampfes der Unterklassen werden kann.
Die Tiefe dieser Krisenerscheinung revolutionärer Konzeption folgt einer exponentiellen Kurve von der Peripherie ins Zentrum. Während die periphere Rebellion mit all ihren ideologischen und strategischen Unsicherheiten in der erzwungenen, radikalen Auseinandersetzung mit den herrschenden Zuständen oft bewundernswerte Effektivität und Kraft zeigt, ist in den herrschenden Ländern die Krise des Marxismus zu einer umfassenden Krise jeglichen gesellschaftskritischen und -verändernden politischen Denkens und Handelns geworden. Alle Wesenselemente des Leninismus sind aufgelöst: die Fähigkeit der kühlen politischen Analyse ist oberflächlichen moralischen Imperativen gewichen, die Erkenntnis der Widersprüche im Massenbewusstsein und ihrer möglichen Entwicklung zu politischem und Klassenbewusstsein sind ersetzt durch eine elitäre politisch korrekte Subkultur der liberalen Mittelschichten, die Disziplin effektiver Organisation hat der angepassten Bequemlichkeit Platz gemacht, der mit lächerlicher Scheinpolitik getünchten Resignation vor scheinbar ewigen Zuständen politischer Stagnation, die nur mehr pragmatischen Institutionalismus als praktische Alternative zulassen.

Ultralinke und Postlinken

Aus heutiger Perspektive hat Lenin somit nicht nur den Kampf gegen den Kapitalismus verloren, sondern auch für den Marxismus. Hatte er mit der Oktoberrevolution und unter dem Feuer des Ersten Weltkrieges die reformistische, pro-bürgerliche und zögerliche Strömung der Soziademokratie zurückgedrängt, stand er ab 1918 einer Heilandsversion des Marxismus gegenüber, die unter dem Eindruck des gekommenen Paradieses in Russland mit einem messianischen Ultraradikalismus und proletarisch-marxistischer Reinheit für die großen politischen Möglichkeiten der europäischen Revolution genauso hinderlich wurde wie einst der Reformismus. Der radikale kommunistische Dogmatismus von Bucharin über Lukács bis Bordiga drohte Lenins Kampf um einen politischen Marxismus der Praxis in einer neuformulierten Heilslehre des Proletariats, das wie ein Engelsheer aus dem Jenseits der bürgerlichen Welt alle bestehenden Zustände hinwegfegt, zu vernichten. Fabrikproletarier standen als „neue Menschen“ dem Rest der Welt gegenüber, einzig der Gefahr ausgesetzt ihre Reinheit durch Kompromisse mit der alten Welt zu beschmutzen. Prinzip gegen Prinzip. Lenin war diese Konzeption eines proletarischen Messias gänzlich fremd. Er konkretisierte das abstrakte Konzept des Proletariats als natürlicher Träger der antikapitalistischen Befreiung im Sinne des politischen Begriffes der handelnden Klasse für sich, die wiederum ihre revolutionäre Handlungsfähigkeit nur organisiert als Partei erreichen kann. Die negative Seite dieses im Kampf aufzubauenden, handelnden Subjekts der sozialistischen Revolution war das Proletariat als in den bürgerlich-imperialistischen Block eingebundene, privilegierte, korrumpierte „aristokratische“ Schicht. Die breite Mitte stellte die Masse der auf Reformen und Verbesserungen hoffenden Werktätigen. (Nicht zu vergessen, dass die 20er Jahre mit ihrer Massenarbeitslosigkeit schon einen bloßen Arbeitsplatz zu einem kleinen Privileg machten.) Der Widerspruch Arbeit und Kapital im leninistischen Sinn bedeutet daher einerseits den historischen Antagonismus zwischen Sozialismus und Imperialismus, andererseits den praktischen Widerspruch zwischen den kämpfenden Subjekten, dem bürgerlich-imperialistischen Block und dem revolutionären Block, die beide klassenübergreifende Allianzen darstellen. Dem liegt Lenins theoretisches Verständnis des Kapitalismus als ökonomischer Gesellschaftsformation (1) zugrunde, die sich durch vielfältige Widersprüchlichkeit und daraus entstehende soziale und politische Brüchen auszeichnet. Diese gilt es für die „organisierte Klasse“ – also die organisierten Kräfte des historischen Projekts Sozialismus - für den Sieg der Revolution durch Bündnispolitik und Isolation des Feindes zu nutzen. Lenin war jedoch kein allein maquiavellistisch denkender Realpolitiker, kein politischer „Utilitarist“ oder Populist, dessen Praxis sich auf die Perfektionierung der Mittel zur Zusammenführung aller Gegner des herrschenden Blocks als Ziel an sich reduzierte. Die Essenz des Leninismus ist die Kunst revolutionärer Politik, welche Theorie und Praxis, Philosophie und Tagespolitik, strategisches Projekt und taktische Allianz auf der Basis der konkreten Analyse der sich verändernden politischen Situation vereint. Dieses Konzept nannte Lukács „Totalität“. (2)
War die Totalität die Basis politischer Handlungsfähigkeit mit revolutionärer Perspektive, so findet sich eine konzeptionelle Verbindungslinie der europäischen Ultralinken der 20er Jahre über die kulturrevolutionären Bürgerschrecke der 68er bis zur zivilgesellschaftlichen Bewegung der „anderen möglichen Welt“ der gegenwärtigen postsowjetischen Ära des amerikanischen Reichs. Trotz politisch gegensätzlicher Ziele – der totalen Revolution der 20er Jahre bis zum reformistischen „Exodus“ aus dem Klassenkampf eines Toni Negri – findet sich eine Art des „Totalitarismus des reinen Prinzips“, heute „political correctness“ genannt. Der Versuch der gesellschaftsverändernden Politik dagegen, die aus den bestehenden Verhältnissen und realen Bruchlinien der Gesellschaft heraus in der Praxis des Kampfes revolutionäres Bewusstsein zu entwickeln sucht, wird anklagt, nicht den hohen Prinzipien der aufgeklärte, erleuchtet Elite zu entsprechen.

Russe und Weltrevolutionär

Trotzki beschreibt Lenin als die Verbindung der fortgeschrittensten politischen und philosophischen Ideen Europas, nicht nur des Marxismus, und des russischen Revolutionärs in der Tradition der bäuerlich sozialrevolutionären Nardoniki, dessen Persönlichkeit das politische Fühlen und den aufgestauten Hass der vom Zarismus in Elend und Krieg gedrängten Unterklassen aufnimmt. Beides verbindet sich mit dem Ziel der organisierten Praxis. Erst diese Verbindung machte Lenin zu dem unumstrittenen Führer der russischen Revolution, im Gegensatz zu brillanten Intellektuellen wie Trotzki oder schroffen russischen Radikalen wie Stalin.
Lenin konkretisierte Marx* philosophische Überlegungen in den „Thesen über Feuerbach“ zu einem Leitfaden der revolutionären Politik. Im Gegensatz zu einem naturwissenschaftlichen Labor findet sich die Lösung der gesellschaftspolitischen Fragen und Unsicherheiten des Kampfes „in der menschlichen Praxis und im Begreifen dieser Praxis“. (3) Dieses ständige Wechselspiel von strategischer Idee, Handeln und Interpretation des Handelns liegt der Politik und theoretischen Produktion Lenins zugrunde. Lenin war in der Lage, das soziale und politische Gären in den russischen Unterklassen aus der Perspektive der vorzubereitenden Revolution zu interpretieren, die Bereitschaft der Volksmassen zum Angriff oder die Notwendigkeit des Rückzuges zu begreifen, die Verarbeitung von politischen Ereignissen wie die Juli-Tage 1917 in den verschiedenen Schichten des Volkes aufzunehmen und daraus die Möglichkeiten und Aufgaben der revolutionären Führung zu formulieren. Auf dieser Grundlage war Lenin einer der wenigen marxistischen Theoretiker, die das ewige Problem von Masse, Klassenbewusstsein und Avantgarde zu lösen vermochten. In dem unübertroffenen und nach Lukács für Lenins Denken selbst dem Titel nach charakteristischen Werk „Was tun?“ legt Lenin das politische Handeln ins Zentrum der Aufmerksamkeit der Partei. Politik ist jedoch keine simple Fortsetzung oder logische Konsequenz des sozialen Kampfes, sondern in gewissem Sinn seine Aufhebung, seine Übertragung auf die Ebene der Totalität, die alle Seiten des Kampfes aus der Perspektive des historischen Projekts Sozialismus beurteilen kann. Denn das elementare Bewusstsein der Massen bleibt immer von der Unmittelbarkeit ihrer Erfahrungen geprägt, während die revolutionäre Politik nicht nur die Bereitschaft der Massen sich einem sozialistischen Projekt anzuschließen reflektieren muss, sondern genauso die Fähigkeit des Feindes seine Herrschaft (politisch-militärisch und ideologisch) zu halten. Nur vom Standpunkt der Totalität kann der revolutionäre Moment des Umsturzes von einer erfahrenen politischen Führung erkannt, organisiert und genutzt werden.
Damit ist jedoch nicht nur die negative Beschränktheit des vom Kapitalismus geprägten Massenbewusstseins gefasst, das nur in Momenten tiefer Krise des herrschenden Systems - wie in der Apokalypse des Ersten Weltkrieges und der Modernisierungskrise des feudal geprägten Imperialismus des Zarenregimes – zur revolutionären Umwälzung bereit ist. Gleichzeitig impliziert dies die Anforderung an die revolutionäre Organisation, die Tendenzen und Dynamiken im Massenbewusstsein als Ausgangpunkt ihres Handelns in jedem Moment richtig zu interpretieren. Eines Bewusstseins, das von der den Menschen unterdrückenden, entfremdenden und verrohenden Kultur des Kapitalismus geformt ist und seine Ablehnung der herrschenden Zustände nicht in den Formen und Begriffen des marxistischen Diskurses ausdrückt. Nur eine zutiefst mit der unterdrückten Bevölkerung, ihrer Kultur und ihrem Denken verbundene Organisation – in diesem Sinne eine sozialrevolutionäre Organisation nationaler Prägung – kann die Richtung dieser elementaren Tendenzen in den Massen für das revolutionäre Projekt politisch interpretieren. Die ist die Voraussetzung um durch Organisation und richtige Aktion zur richtigen Zeit die Lähmung und Bindung der Unterklassen an den hegemonialen kapitalistisch-imperialistischen Block aufzubrechen.
Das herrschende Bewusstsein ist das Bewusstsein der herrschenden Klasse. Die unausweichlichen sozialen und politischen Brüche im herrschenden System aber erlauben es diese vereinigende Hegemonie der imperialistisch-kapitalistischen Kultur aufzubrechen. Die Form dieses Bruches wird geprägt durch die erlernten und ererbten Begriffe des herrschenden Systems, die aber durch den Gegensatz zum dominanten Block bei den in Bewegung kommenden Unterklassen einen neuen realen Inhalt zu bekommen beginnen. In der Erkenntnis dieser elementaren Brüche liegt die Chance ihre Organisierung und Weiterentwicklung durch die revolutionäre Partei um ein Projekt der sozialen Befreiung. Im revolutionären Kampf werden die ersten Elemente des Aufbaus einer neuen kulturellen Hegemonie und der Entstehung eines befreiten, sozialistischen Menschen entstehen. Alles andere ist elitäres Klassendenken, das den Pöbel mehr fürchtet als das „aufgeklärte“ neoliberale Imperium der USA.

Aktualität der Revolution

Lukács sieht das zentrale Element der Interpretation des Leninismus in der Aktualität der Revolution. (4) Nur so wäre ein Standpunkt der Totalität, von dem aus revolutionäre Realpolitik als dialektische Vereinigung von Tagespolitik und Revolution, denkbar. Und nur so ist nach Lukács das Konzept der revolutionären Partei – der organisierten Form dieser Praxis - sinnvoll. Es stellt sich nun die Frage, ob der Leninismus als besondere und bisher höchste Form revolutionärer Politik in Zeiten der Nichtaktualität der Revolution, also in Zeiten des Widerstandes gegen das US-Imperium, der Defensive, als Leitfaden revolutionärer Organisation und Praxis – als Leninismus - sinnvoll ist. Oder ist Lenin nur eine der geschichtlichen Erfahrungen des Kampfes um die Macht und des Übergangs zu einer neuen, sozialistischen Gesellschaft, die neben anderen Erfahrungen aus über zwei Jahrtausenden des Kampfes um menschliche Emanzipation und zahlreichen revolutionären Versuchen im Zeitalter des Kapitalismus in das neu zu konfigurierende Konzept gesellschaftlichen Umsturzes und Neuaufbaus eingehen wird?
In der langen Reihe marxistischer Gesellschaftsanalyse und -theorie finden sich sicher ökonomische, philosophische und soziologische Autoren, deren spezifische Beiträge in ihren Fachgebieten denen Lenins an Tiefgang und Aktualität überlegen sind. Lenin war weder Philosoph noch Ökonom, sondern revolutionärer Politiker. Er war jedoch in der Lage die neuesten Erkenntnisse seiner Zeit, nicht nur auf dem Gebiet der marxistischen Theorie, sondern auch weiter Bereiche der bürgerlichen Wissenschaft, aufzunehmen und im Sinne des revolutionären Kampfes zu vertiefen. Wissenschaftliche Erkenntnis und Analyse als Teil einer auf ein zukünftiges sozialistisches Projekt gerichteten revolutionären Praxis ist ohne Zweifel der Kern einer realistisch-effizienten und gleichzeitig revolutionär-umwälzenden Politik. Das Mittel der disziplinierten Avantgardeorganisation bildete dabei die Brücke zwischen Wissenschaft und Massendenken, den Leitfäden für die Formulierung einer flexiblen, radikalen und die bestehenden Zustände negierenden Politik.
Die Geschichte der revolutionären Bewegungen hat diese Einzigartigkeit revolutionärer Politik weder vor noch nach Lenin auf eine derartige Höhe bringen können, in der strategisches Ziel (Aufbau des Sozialismus) und tägliche Erfahrung nicht als unüberwindlicher Gegensatz, sondern als Einheit erscheinen.
Hervorragende politische und militärische Führer der Revolution finden sich viele, deren Erfahrungen verarbeitet werden müssen und können, genauso wie Theoretiker, deren Beiträge uns vielleicht näher an die Interpretation des amerikanisierten Imperialismus bringen als die Streitschriften Lenins.
Beide Elemente erhalten ihre Nützlichkeit jedoch nur über die Interpretation auf der Basis einer umwälzenden Praxis. Bloch interpretierte den Marxismus als „dialektisch-historische Tendenzwissenschaft“ oder „Zukunftswissenschaft der Wirklichkeit plus der objektiv-realen Möglichkeiten in ihr; all das zum Zweck der Handlung“. (5) Dies als Grundlage der Politik geschichtlich wirksam werden zu lassen ist die Essenz des Leninismus, die der Perspektive menschlicher Emanzipation damit ihre effektivste Waffe gibt, nicht nur in der unmittelbaren Konfrontation mit dem imperialistischen Feind, sondern auch in der ständigen Weiterentwicklung und Weiterführung des Kampfes zum Ziel der sozialistischen Gesellschaft und des neuen, sozialistischen Menschen.
Die Perspektive der Aktualität der Revolution mag heute eher negativ formuliert gültig sein, als Drohung der imperialistischen Barbarei aus Krieg, Armut und Entmenschlichung durch ein amerikanisches Imperium. Gültig aber ist sie insofern, als diese drohende Perspektive jedem Kampfelement, von der Verteidigung der Demokratie, der Menschenwürde und der sozialen Gerechtigkeit, einen radikalen Inhalt gibt. Es bleibt die Aufgabe der Revolutionäre über die effektivste Form der Organisierung die gesellschaftlichen Widersprüche und Antagonismen in ihrer Totalität, in ihrer möglichen revolutionären Dynamik zu erfassen, zu entwickeln, zu organisieren und in den Kampf um die soziale Revolution zu führen.

Gernot Bodner

(1) siehe: Lefèbvre, Henri (1965), Probleme des Marxismus heute, edition suhrkamp, Frankfurt am Main 1969, S. 100
(2) Lukács, Georg (1924), Lenin, Luchterhand Verlag, Berlin, 3. Auflage, 1969
(3) Marx, Karl (1845), Thesen über Feuerbach, in: Marx und Engels, Ausgewählte Werke, Globus Verlag Wien, 1983, S. 28
(4) Lukács, a.a.O., S. 7 ff.
(5) Bloch, Ernst (1968), Weltveränderung oder die elf Thesen von Marx über Feuerbach, in: Über Karl Marx, edition suhrkamp, Frankfurt am Main 1968, S. 104