Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

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 Aktuell

Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

 Ausgaben

Nr. 21 Herbst 2007
Nr. 20 Frühjahr 2007
Nr. 19 November 2006
Nr. 18 Mai 2006
Nr. 17 Februar 2006
Nr. 16 November 2005
Nr. 15 Juni 2005
Nr. 14 April 2005
Nr. 13 November 2004
Nr. 12 September 2004
Nr. 11 Mai 2004
Nr. 10 Jänner 2004
Nr. 9 November 2003
Nr. 8 September 2003
Nr. 7 Mai 2003
Nr. 6 März 2003
Nr. 5 Jänner 2003
Nr. 4 November 2002
Nr. 3 September 2002
Nr. 2 Juli 2002
Nr. 1 Mai 2002

 

 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 10 Jänner 2004

Schöne neue Linke...

Zum zweiten Mal fand vom 12. bis 16. November ein gesamteuropäisches Sozialforum, diesmal in Paris, dem intellektuellen Zentrum der „anderen Globalisierung“, statt. Im Mittelpunkt stand die Kritik der europäischen Verfassung.


Örtlich und thematisch war vom ESF 2003 ein moderates Signal zu erwarten. ATTAC-Frankreich, Le Monde Diplomatique und die französischen Postkommunisten der PCF, in ihrer Weise auch die Trotzkisten der LCR (Revolutionär Kommunistische Liga), sind Grundpfeiler der moderaten Globalisierungskritik. Das Thema Europäische Union war über die Forderung des „sozialen Europas“ als Reformalternative immer ein fruchtbarer inhaltlicher Boden, auf dem die Kräfte „der Verständigung“ und „des Dialogs mit der Globalisierung“ über eine sichere Hegemonie verfügen. Mit der Krise der EU durch das Scheitern ihres Verfassungskonvents sehen die pro-europäischen Globalisierungskritiker neue Chancen als die besseren Europäer zu punkten. („Attac bedauert die Gründe für das Scheitern der Regierungskonferenz in Brüssel. ‚Nationalistische Gründe sind immer ein schlechtes Argument für Rückschläge in der Europäischen Integration’, meint Cornelia Staritz, Vorstandsmitglied von Attac Österreich“, Presseaussendung von ATTAC am 14.12.2003).
Versucht man die Dynamik der Kräfte am ESF 2003 einzuschätzen – kein einfaches Vorhaben bei einer Versammlung, die sich das Ausbleiben einer gemeinsamen politischen Positionierung als ewiges Statut verschrieben hat – so kann man drei Richtungen ausmachen. Die moderaten Realpolitiker konnten punkten, insofern das europäische, insbesondere das französische Establishment sich mehr und mehr auf die verbale Globalisierungskritik einlässt. Der Disput mit den USA während des Irakkrieges sowie die Uneinigkeit auf der WTO-Tagung in Cancún haben in Europa die Globalisierungskritiker einen Schritt weiter hoffähig gemacht. Es winkt eine Zukunft als Experten der sozialen Optimierung eines nachhaltigen Kapitalismus. Die postkommunistischen Parteien Frankreichs, Spaniens, Italiens und Österreichs, ein anderer Ausdruck der Anpassung an den Status Quo unter dem Gewand der „anderen möglichen Welt“, drängen zu einer gemeinsamen Kandidatur bei den Wahlen zum europäischen Parlament, die ein Ausdruck der „neuen antikapitalistischen Bewegung“ sein soll. Damit hoffen diese Parteien in der einzigen ihnen vertrauten Arena des Institutionalismus wieder an Boden zu gewinnen, nachdem die parteifeindliche Antiglobalisierungsbewegung ihre Heiratsanträge freundlich zurückwies und der alternative Orientierungspunkt des antiimperialistischen Widerstandes von den Postkommunisten zum verdammenswerten Feind ihrer privilegierten „möglichen Welt“ erklärt wurde.
Dieser antiimperialistische Pol klopft, wenn auch immer noch nicht in einer koordinierten und sichtbaren Form, an die halbverschlossenen Türen der Sozialforen. War doch die Mobilisierung gegen den Irakkrieg das prägende Ereignis für die europäischen oppositionellen Bewegungen im letzten Jahr mit Millionen auf der Straße, denen die tragische Wirkungslosigkeit ihrer massenhaften Proteste mit dem Angriff und der Besetzung des Iraks vor Augen geführt wurde. Neben diesem Druck zur Analyse und Diagnose der eigenen Rolle drängte der für viele unangenehme irakische Widerstand, gemeinsam mit dem palästinensischen und der Frage der islamischen Opposition gegen den Westen (besonders in Frankreich ein brisantes Thema) als prägende weltpolitische Themen zu einer Positionierung. Der Konsens des Aktionstages gegen die Besatzung am 20. März wird nicht darüber hinwegführen, gegenüber dem Widerstand als einzige Kraft, die zumindest die Möglichkeit birgt, dieser illegalen Besatzung ein reales Ende bereiten zu können, Position zu beziehen.
Die dritte Richtung am ESF war die schweigende Mehrheit. Übertriebene Hoffnungen in eine rasche Politisierung der zivilgesellschaftlichen Bewegung, und noch weniger ihrer mehrheitlichen antiimperialistischen Positionierung sind trotz der zunehmenden Brüche in der amerikanischen Weltordnung weiterhin nicht angebracht. Die Antiglobalisierungsbewegung hat zwar ein neues kritisches Milieu geschaffen, das aber tiefgehend entpolitisiert ist und dem politischen Konflikt mit einer ethisch-moralischen Stellung gerecht zu werden glaubt. Die Selbstverständlichkeit des Enthusiasmus für die – allesamt bewaffneten - antikolonialen und antiimperialistischen Befreiungsbewegungen von Kuba, Vietnam bis Nikaragua in der Linken haben einer westlichen Mittelschichtmentalität Platz gemacht, die den Widerstand mit Skepsis und Ablehnung betrachtet. Dieser Panzer organischer Antipathie gegenüber dem antiamerikanischen und antiimperialistischen Verteidigungskampf der unterdrückten Völker wird kaum von innen aufzubrechen sein. Die Struktur der Sozialforen, die mit ihrer verführerischen Offenheit die kollektive Auseinandersetzung und politische Konfrontation wirksam verhindern, um gleichzeitig die Position der in den Organisationskomitees dominanten moderaten Persönlichkeiten ungestört nach außen tragen zu können, erhöhen das Problem der wirksamen Kritik von innen. Dazu bedarf es eines gesellschaftlich relevanten antiimperialistischen Pols, der sich erst langsam durch die Schläge der Fedayyin im Irak, in Palästina, Kolumbien, Venezuela gegen die Architektur des US-Imperiums in Europa herauszubilden beginnt.

Gernot Bodner