Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 10 Jänner 2004

In Erinnerung an Amilcar Cabral

Amilcar Cabral, Generalsekretär der 1956 gegründeten Afrikanischen Partei für die Unabhängigkeit Guineas und der Kapverden (PAIGC) war zweifellos einer der brillantesten Theoretiker und politisch-militärischer Führer des Befreiungskampfes gegen den portugiesischen Kolonialismus, für die Freiheit und Unabhängigkeit seines Landes und des afrikanischen Kontinents. Am 20. Januar jährt sich zum 31. Mal der Tag seiner Ermordung durch Agenten des portugiesischen Geheimdienstes. Angesichts des barbarischen Zerfalls in weiten Teilen Afrikas nach Jahren neokolonialen wirtschaftlichen Ausblutens, angesichts des neuen neoliberalen Kolonialismus und der brutalen Stellvertreterkriege zur Neuaufteilung Afrikas, scheint heute für diesen Kontinent eine befreite, menschenwürdige Zukunft weiter denn je entfernt zu sein. Um so wichtiger ist die Erinnerung an einen der großen Befreiungskämpfer dieses Kontinents.


Portugal: ein historisch überholter Kolonialismus

Als 1884/85 auf der Berliner Konferenz der afrikanische Kontinent unter den Kolonialmächten aufgeteilt und durch willkürlich gezogene Grenzen zerrissen wurde, war die Stellung Portugals bereits die eines schwachen, wirtschaftlich rückständigen Mitbewerbers, der sich zu lange auf seiner üppigen kolonialen Vergangenheit ausgeruht hatte und von den fortgeschrittenen imperialistischen Industrieländern überholt worden war. Nur mit Unterstützung der Engländer konnten die Portugiesen auf der Konferenz der Kolonialmächte Teile ihrer kolonialen Besitzungen erhalten (Mozambique, Angola, Portugiesisch-Guinea und die Kapverden).
Die portugiesische Kolonialgeschichte in Afrika war wesentlich durch den Sklavenhandel in die koloniale Plantagenwirtschaft am amerikanischen Kontinent geprägt. Die Kapverden, eine dem afrikanischen Festland vorgelagerte, ursprünglich unbewohnte Inselgruppe wurde erst als Station des Sklavenhandels besiedelt. In Guinea zeigte sich die portugiesische Präsenz in wenigen befestigten Stützpunkten an der Küste als Ausgangspunkte für Sklavenjagden und zur Unterdrückung allfälligen schwarzen Widerstandes. Einen ausgedehnten Siedlerkolonialismus, der das Land tiefgreifend durchdrungen und die Sozialstruktur der einheimischen Bevölkerung verändert und zerstört hätte, war das rückständige Portugal in Guinea und den Kapverden nicht in der Lage zu entwickeln. Mit Abschaffung der Sklaverei ging der portugiesische Kolonialismus zum System der massiven Zwangsarbeit im Rahmen der Erdnussproduktion über. Zur Ausbeutung der reichen Erdöl- und Bauxitvorkommen Guineas war jedoch Portugal unfähig: für das Erdöl erhielt die „Standard-Oil Company“ den Zuschlag, das Bauxit wurde dem holländischen Unternehmen „Maatschepij“ 1957 vertraglich zugesichert.
Diese Rückständigkeit Portugals machte ihm einen Übergang zu einer neokolonialen Lösung in seinen Kolonien de facto unmöglich, denn es hätte nicht die Kraft gehabt, ein unabhängiges Land im Konkurrenzkampf mit den weitaus einflussreicheren europäischen Mächten und den USA wirtschaftlich zu kontrollieren. Die letzten Versuche zu Beginn der 70er Jahre von Caetano, Nachfolger des 1927 an die Macht geputschten Diktators Salazar, den Befreiungskampf in den Kolonien durch Reformen und Versprechungen einer Autonomieregelung zurückzudrängen waren völlig unglaubwürdig und taten dem schon in voller Härte geführten kolonialen Befreiungskrieg keinen Abbruch mehr: „Caetanos zynisches Manöver, die sogenannte Autonomie, verstärkt nur unser Streben nach Unabhängigkeit.“ (Exekutivkomitee der MPLA, Angola, 1973) Oder um mit Cabral zu sprechen: „Eine Schlange kann sich noch so oft häuten, sie bleibt doch eine Schlange.“

Für die völlige Unabhängigkeit: eine tiefgehende Veränderung des Landes

Unter Führung Amilcar Cabrals wurde 1956 die PAIGC gegründet. Die anfänglichen Versuche mit Arbeiterstreiks und Demonstrationen in den Städten die Portugiesen unter Druck zu setzen, endeten 1959 im Massaker an den Hafenarbeitern von Pidjiguiti. Daraufhin beschloss die PAIGC den Schwerpunkt ihrer Aktionen auf den ländlichen Guerilla- und Volkskrieg zu setzten, der spätestens 1963 mit Überfällen auf Militärkasernen im größeren Maßstab einsetzte.
Es war eine der Stärken von Amilcar Cabral und der PAIGC ihre politisch-militärische Strategie und Taktik auf eine detaillierte Analyse der sozialen Wirklichkeit in ihrem Land zu stützen, auf den Versuch, theoretisch und praktisch die Rolle der verschiedenen sozialen und ethnischen Gruppen im Befreiungskampf zu begreifen, ohne dass sie in ihrem Kampf für die „Rückerlangung unseres eigenen Schicksals, unserer eigenen Geschichte“ (Cabral) die alten Stammesstrukturen idealisierten. Nur auf der Basis eines realistischen Verständnisses der verschiedenen Völker Guineas, ihrer Sozialstruktur, Kultur und Geschichte konnte die PAIGC im Zuge des antikolonialen Volkskrieges alle Volkgruppen in den Kampf einbeziehen und das enge Bewusstsein, das nicht über die Grenzen des eigenen Dorfes hinausging, zu einem nationalen, antiimperialistischen Bewusstsein machen.
Wegen der geringen Durchdringung des Landes durch die portugiesisch-kapitalistische Produktionsweise blieben die ursprünglichen Besitzverhältnisse und sozialen Beziehungen am Land weitgehend intakt. Dabei stieß die PAIGC einerseits auf Stammesgruppen, die wirtschaftlich und sozial einen ursprünglichen Kollektivismus erhalten hatten (Gemeineigentum an Land, Ältestenrat als höchste Entscheidungsstruktur) wie bei der Gruppe der animistischen Balante, „einer Gesellschaft ‚ohne Staat’“ (Cabral). Zum anderen gab es Stämme wie die moslemischen Fula, deren Produktionsweise Cabral als halbfeudal bezeichnet, bei denen „die Bauern von den Häuptlingen abhängig sind und eine gewisse Arbeitszeit im Jahr für sie aufwenden müssen.“ (Amilcar Cabral, Kurze Analyse der Sozialstruktur in „Portugiesisch“-Guinea, 1964) Die portugiesischen Kolonialisten versuchten mit gewissen Erfolgen die inneren sozialen Konflikte bei den Fula für sich zu nutzen, indem sie den Häuptlingen, die sich als ihre Agenten zur Verfügung stellten, den Schutz ihrer Privilegien gegenüber der Masse der Bauern garantierten. Cabral schreibt daher, dass „die Gruppen ‚ohne Staat’(...) den Kolonialisten viel länger Widerstand entgegengesetzt (haben), und daher sind wir gerade unter ihnen auf die größte Bereitschaft gestoßen, sich der nationalen Befreiungsbewegung anzuschließen.“ (Kurze Analyse...) Wenn die PAIGC also feststellte, dass Guinea „von den traditionellen Häuptlingen ausgebeutet (wurde), von anderen Teilen unserer Gesellschaft und durch die Kolonialmacht“(Diskussion mit Amilcar Cabral, Universität London, 1971), so ging sie von der Notwendigkeit einer tiefgehenden Umwälzung im Kampf für ein unabhängiges Guinea aus, in dem nicht nur die nationale Souveränität hergestellt wird, sondern auch die überlieferten Sozialstrukturen überwunden werden. Amilcar Cabral spricht in diesem Zusammenhang von einer Agrarrevolution, konkret „(glauben wir), dass für eine solche Änderung ein kooperatives System die beste Struktur sein wird.“ Die vorgefundenen Strukturen böten zwar Ansätze für eine solche kooperative Umwälzung, doch „eine wirkliche Kooperative besteht dann nicht, wenn immer noch einige Mitglieder andere ausbeuten – in der Fula-Gesellschaft zum Beispiel, wo die Frauen arbeiten, aber keine Rechte haben (...).“ (Diskussion...)

Weder Kolonialismus noch Neokolonialismus

Die Verspätung der nationalen Unabhängigkeit in den portugiesischen Kolonien durch die Unmöglichkeit und Weigerung des portugiesischen Kolonialismus, zu einer modernen Form der Ausbeutung seiner Kolonien überzugehen, erlaubte es der PAIGC die Entwicklungen in den bereits unabhängig gewordenen afrikanischen Ländern zu beobachten. Diese Erfahrungen waren eine deutliche Warnung, dass die politische Emanzipation von der portugiesischen Fremdherrschaft nicht das Ende des Kampfes bedeuten konnte. Im Gegenteil, die PAIGC war sich bewusst, dass der portugiesische Kolonialismus eine historisch überlebte Form der Unterdrückung war. „Nach dem Zweiten Weltkrieg tritt der Imperialismus in eine neue Phase: einerseits verlegt er sich auf eine neue Politik der Hilfeleitungen, mit anderen Worten, er gewährt den besetzten Ländern die nationale Unabhängigkeit, andererseits konzentrierte er seine Hauptinvestitionen auf die europäischen Länder.“ (Kurze Analyse...)
Das Erreichen der Ziele der PAIGC, Unabhängigkeit, Freiheit und Fortschritt, erforderte daher den fortgesetzten und langfristigen Kampf gegen jede imperialistische Ausbeutung in erneuerter Form. In allen wichtigen Schriften Amilcar Cabrals findet sich diese Sorge über zukünftige Abhängigkeiten und richtungsweisende Überlegungen, wie dem frühzeitig entgegengesteuert werden könne.
„Wir müssen uns die Frage stellen, was bedeutet ‚die Befreiung des Volkes’? Es bedeutet die Befreiung der Produktivkräfte unseres Landes, die Beseitigung aller Formen imperialistischer oder kolonialistischer Herrschaft in unserem Land, dass darüber hinaus alles getan wird, um jede neue Ausbeutung unseres Volkes zu verhindern.“ (Amilcar Cabral, Rede in der Londoner Central Hall, 1971). Und weiter: „Es besteht für uns kein Unterschied zwischen einer Form der Ausbeutung und einer anderen, wenn sich lediglich die Hautfarbe des Ausbeuters ändert. Deshalb: keine weitere Ausbeutung, weder durch Fremde noch durch unser eigenes Volk.“ (Diskussion...)
Amilcar Cabral war sich bewusst, dass die einheimischen Bourgeoisien eine potentielle Gefahr für die nationale Souveränität, Freiheit und Fortschritt darstellten. Da der Kolonialismus in den meisten Ländern die Entstehung einer nationalen Bourgeoisie unterbunden hatte, war deren Geburtsstunde zumeist mit dem Erreichen der Unabhängigkeit und einer neokolonialen Konstruktion anzusetzen. Ihre sozialen Ursprünge lagen dabei im afrikanischen Kleinbürgertum und der Intelligenz, die an der Spitze der antikolonialen Befreiungsbewegungen gestanden ist. In seiner hervorragenden Rede auf der ersten Konferenz der „Trikontinentale“ – jener Organisation, mit der die kubanische Revolution versuchte, den internationalen Befreiungskampf organisatorisch zu verbinden – in Kuba 1966, geht Amilcar Cabral auf dieses Problem, ausgehend von den Erfahrungen der „befreiten“ Länder Afrikas, ein.
„Tatsächlich zeigt die Geschichte, dass unabhängig von der (oft wichtigen) Rolle, die einzelne aus dem Kleinbürgertum im Verlauf einer Revolution gespielt haben, diese Klasse nie im Besitz der politischen Macht war. (Diese) liegt unter den Bedingungen der kolonialen und neokolonialen Gesellschaft in den Händen zweier Größen: des imperialistischen Kapitals und der einheimischen werktätigen Klassen.
Will das Kleinbürgertum die Macht, die die nationale Befreiung ihm überträgt, aufrechterhalten, bleibt ihm nur ein Weg: seinen natürlichen Tendenzen zur Verbürgerlichung freien Lauf zu lassen, die Entstehung einer bürokratischen Bourgeoisie und einer Zwischenhändlerschicht im Warenverkehr zuzulassen, sich in eine nationale Pseudo-Bourgeoisie zu verwandeln, d.h. die Revolution zu verleugnen und sich notwendigerweise dem imperialistischen Kapital unterzuordnen. (...) Will das Kleinbürgertum diese Ziele (der nationalen Befreiung) nicht verraten, bleibt ihm nur ein Weg: sein revolutionäres Bewusstsein zu stärken, die Versuchungen der Verbürgerlichung und das natürliche Streben seiner Klassenmentalität zurückzuweisen, sich mit den werktätigen Klassen zu identifizieren (...). Das bedeutet: um seine Rolle im nationalen Befreiungskampf vollständig zu erfüllen, muss das revolutionäre Kleinbürgertum dazu fähig sein, als Klasse Selbstmord zu begehen, um im revolutionären Arbeiter, der sich voll und ganz mit den tiefsten Bestrebungen seines Volkes identifiziert, wieder aufzuerstehen. (...)
Mit wachsender ‚Verbürgerlichung’ der einheimischen führenden Klasse eröffnet zudem die Entwicklung einer Arbeiterklasse, die sich aus städtischen Arbeitern und Landproletariat zusammensetzt, die alle durch die indirekte Herrschaft des Imperialismus ausgebeutet werden, für die Entwicklung der nationalen Befreiung neue Perspektiven. Diese Arbeiterklasse scheint – unabhängig vom Grad ihres politischen Bewusstseins (über ein Minimum, das Bewusstsein von ihren Bedürfnissen, hinaus) – die wirkliche Avantgarde des Volkes im nationalen Befreiungskampf zu sein, das sich in einer neokolonialen Situation befindet. (Amilcar Cabral, Grundlagen und Ziele der nationalen Befreiung im Bezug auf die Sozialstruktur, 1966)

Weiterentwicklung der Revolution – Veränderung der Avantgarde

Wie sollte die PAIGC nun verhindern, dass das Land nach der Befreiung von den Portugiesen in die Hände einer solchen „nationalen Pseudo-Bourgeoisie“ (Cabral) und mit ihr in eine neue Abhängigkeit vom Imperialismus fällt? Diese Frage stellte sich insbesondere angesichts der Tatsache, dass in Guinea das Proletariat aufgrund des Fehlens einer Industrie als Klasse de facto nicht existierte – ausgenommen eines Teils schwarzer Lohnempfänger („Wir nehmen uns in Acht, diese Gruppe als Proletariat oder Arbeiterklasse zu bezeichnen.“ Kurze Analyse...) im Transport und in den Häfen. Da das revolutionäre Kleinbürgertum die führende Klasse der Revolution und die Führung der Partei stellte, war der Schlüssel zur Lösung des Problems die permanente Veränderung des sozialen Charakters und der politischen Ziele der Befreiungsbewegung selbst, eine Veränderung die einhergehen musste mit den neuen Aufgaben und Inhalten der Revolution nach der Unabhängigkeit.
Amilcar Cabral ging davon aus, dass das kontinuierliche Fortschreiten des Kampfes gegen jede Form der Ausbeutung in einem unabhängigen Guinea notwendigerweise eine Veränderung/Verkleinerung der Klassenbasis des Kampfes mit sich bringen wird. War es im Kampf gegen die portugiesische Fremdherrschaft entscheidend, eine möglichst breite nationale Einheit aller Gegner des Kolonialismus zu suchen (unter denen sich auch jene befanden, die, wie Cabral sagte, „nur gegen die Portugiesen kämpfen, um das Volk selbst ausbeuten zu können“), so bedeutete die soziale Umwälzung der Verhältnisse zugunsten der Bauern und Arbeiter eine Konfrontation mit einem Teil dieser ehemaligen Verbündeten.
Wenn Amilcar Cabral vom Volk sprach, ging er von einer veränderlichen Größe aus: „Die Definition von ‚Volk’ hängt von dem jeweiligen geschichtlichen Augenblick ab. (...) Heute sind für uns in Guinea und Kap Verde all jene Volk von Guinea und Kap Verde, die die portugiesischen Kolonialisten aus dem Land jagen wollen. (...)In einiger Zeit wird es anders sein: nach Erlangung unserer Unabhängigkeit zum Beispiel. Wer dann zwar für die Unabhängigkeit unseres Landes, aber gegen die Befreiung der Frauen ist und sie weiter ausbeuten will, der gehört nur heute zum Volk; morgen wird er nicht mehr zum Volk gehören. (Amilcar Cabral, Die Prinzipien der Partei und die politische Praxis, 1969) Es bedarf also „eines klaren Bewusstsein vom Wert der Einheit als notwendiges Kampfmittel, jedoch nicht als Selbstzweck. (...) Wie jede andere Wirklichkeit ist die Einheit quantitativen, positiven wie negativen Veränderungen unterworfen.“ (Amilcar Cabral, Eine Fackel weist den Weg des Kampfes. Lenin und der nationale Befreiungskampf, 1970)
Die PAIGC war als eine antikoloniale Massenpartei strukturiert, die allen Feinden der Portugiesen Platz bot, die „hart dafür (das Ende der Fremdherrschaft) arbeiten und kämpfen wollen, (sie) sind alle von der Partei. Also ist die Mehrheit unseres Volkes unsere Partei.“ (Die Prinzipien...) Ein Fortschreiten des Kampfes nach er Unabhängigkeit würde damit notwendigerweise die PAIGC selbst verändern müssen, sie von einer Befreiungsbewegung von der portugiesischen Fremdherrschaft zu einer Befreiungspartei der Bauern und Arbeiter machen.
In diesem Punkt scheint Cabral, der immer so großen Wert auf die Analyse der konkreten Wirklichkeit gelegt hat, dennoch ein vom orthodoxen Marxismus sowjetischer und chinesischer Prägung übernommenes Schema angewendet zu haben. Er selbst erkannte an, dass die Bourgeoisie in seinem Land keine Rolle spielte, nicht einmal als solche existierte und daher in keiner Phase der Revolution eine aktive Rolle spielen konnte. Von Anfang an entwickelte sich der Befreiungskampf als eine Kombination aus nationaler und sozialer Revolution. Als führende, weitertreibende Kraft der Revolution hätte die PAIGC auf diese soziale und politische Tatsache daher von Anbeginn mit einer Konzeption einer revolutionären Partei im leninistischen Sinn antworten müssen. Eine Konzept der Parteientwicklung parallel zur Revolution birgt die Gefahr hinter den Ereignissen zu bleiben, die Dynamik der Revolution eher zu bremsen als anzuheizen. Denn die Partei selbst ist es, die die Geschichte bewusst voranbringen kann, während die Massen – die spontane Entwicklung der Revolution – dazu neigen, nach Erreichen von Teilzielen (etwa der Unabhängigkeit) in ihrer Mobilisierung und ihrem Druck nachzulassen. Die Idee von Cabral, die Partei mit dem Fortschreiten der Revolution zu verändern, ist wohl ein Schritt in der Überwindung der dogmatischen und konservativen Idee der nationalen Befreiung ohne soziale Revolution, ohne aber ihre vollen, organisatorischen Konsequenzen zu ziehen. Die entscheidende, unabhängige Rolle des bewussten Eingreifens der Partei wird unterschätzt zugunsten einer „objektiven“ Notwendigkeit der Weiterentwicklung der Revolution.

Revolutionäre Moral und Beteiligung des Volkes – zwei Voraussetzungen für die Entwicklung der Revolution

Um diesen ununterbrochenen Übergang vom breiten Kampf aller Gegner der Portugiesen zur vollständigen, sozialen Befreiung zu garantieren, um nicht in eine neokoloniale Abhängigkeit vom Imperialismus zu fallen, um schließlich zu gewährleisten, dass das Kleinbürgertum sich nicht „mit den reaktionärsten Schichten unseres Landes verbündet, um sein eigenes Fortbestehen als Kleinbürgertum zu gewährleisten, (sondern) sich im Gegenteil (...) mit den Arbeitern und Bauern zusammentut, die ihrerseits in Anbetracht der angestrebten Revolution die Macht übernehmen und kontrollieren müssen. Kurz: (...) dass es (das Kleinbürgertum, d.Verf.) Selbstmord begeht“ (Kurze Analyse...), waren für Amilcar Cabral zwei Elemente entscheidend:
Zum einen hielt er, wie Che Guevara, die revolutionäre Moral der Kämpfer und Führer der PAIGC, ihre absolute, selbstlose Hingabe an den Kampf für ein wesentliches Mittel, ihre spätere Verwandlung in eine neue, vom Volk abgehobene Ausbeuterschicht zu unterbinden. „In der Befreiungsbewegung wie in jedem anderen menschlichen Unterfangen (...) ist der Mensch (seine Mentalität, sein Verhalten) das wesentliche und bestimmende Element.“ (Eine Fackel...) In den Kaderschulungen der PAIGC betonte Cabral daher immer die Bedeutung der revolutionären Moral und Aufrichtigkeit, nicht nur im Kampf zur Überzeugung der Volksmassen und zur Verankerung der PAIGC unter den Bauern, sondern eben auch im Hinblick auf künftige Entwicklungen nach Erreichen der Unabhängigkeit. Jedes Anzeichen, dass ein Kämpfer die Partei als Mittel für seinen persönlichen Aufstieg missbrauchte, wurde mit dem sofortigen Ausschluss sanktioniert. „Das Prinzip der PAIGC, dass der Kampf tatsächlich geführt werden muss und dass alle, ganz gleich wer es sei, kämpfen müssen, hat bei vielen eine Distanzierung von der Partei bewirkt; denn viele Leute begannen sich für die Partei zu interessieren oder wurden sogar Mitglied, weil sie meinten, es ginge um einen Rundfunkkampf und um Ministerposten.“ (Die Prinzipien...) Die ständige Propagierung der internen Kritik und Selbstkritik, auch gegenüber den führenden Kadern, der Kampf gegen Unterwürfigkeit und falschen Gehorsam von Seiten der einfachen Kämpfer sowie deren Ausnutzung durch die Führer, bekommen in diesem Zusammenhang ihren langfristigen politischen Sinn.
Nach dem Rückschlag einer groß angelegten Offensive der Portugiesen im Januar 1964 (der die Portugiesen zwang, ihre Kontrolle auf wenige, befestigte Stützpunkte in den Städten zu beschränken) konnte die PAIGC mit dem Aufbau von Volksmachtstrukturen in den befreiten Gebieten im Süden Guineas beginnen. Die umfassende Beteiligung des Volkes am Befreiungskampf und am Aufbau der Volksmacht, die sich bereits im Zuge des Kampfes als Keim einer zukünftigen Staatsform entwickelte, war die zweite, wesentliche Garantie für Amilcar Cabral, dass nach dem Erreichen der Unabhängigkeit keine neue Form der Ausbeutung um sich greifen würde. Das führte natürlich schon in dieser Phase des Kampfes, noch vor Erreichen der Unabhängigkeit, zu einer Radikalisierung und „Verkleinerung der Volkseinheit“, zur Opposition der privilegierten Häuptlinge, der konservativen und verbürgerlichten Teile des Kleinbürgertums. Die PAIGC förderte durch den Aufbau von Schulen gezielt die Einbindung neuer Partei-Kader aus dem Volk. „Wenn die Führer des Kampfes zu Anfang aus dem Kleinbürgertum stammten und es wenige Arbeiter in der Führung gab, haben allmählich neue Leute die Führung der Partei übernommen. Heute sind die Mehrzahl der Führer Arbeiter und Bauern.“ (Rede...) Die Ausbildung politischer und administrativer Kader während des Kampfes, in den Parteischulen im In- uns Ausland, sollte der PAIGC eine verlässliche Basis von entsprechend ausgebildete Führern aus dem Volk zur Verfügung stellen, die den Wiederaufbau nach Erreichen der Unabhängigkeit im Interesse des Volkes bewerkstelligen könnten.
Nach den zahlreichen Versuchen zur Überwindung jeder Art von Unterdrückung im Zuge einer sozialen Revolution wissen wir heute, dass das Problem der permanenten Revolution, des fortschreitenden Übergangs zum Sozialismus als einer Gesellschaftsordnung in der die soziale und politische Ungleichheit aufgehoben ist, sehr viel schwieriger ist, als es in den Zeiten der weltweiten Offensive des Befreiungskampfes erscheinen mochte (als die Sowjetunion und China noch scheinbar lebendige Beispiele waren, dass und auf welche Weise dieser Übergang zu bewerkstelligen sei.) Weder die revolutionäre Moral, noch die während des Kampfes entstehenden demokratischen Volksmachtstrukturen waren in vielen Fällen eine ausreichende Garantie, die Machtübernahme einer konservativen, anti-revolutionären „Pseudo-Bourgeoisie“ oder Bürokratie zu verhindern.
Die Verteidigung des revolutionären Charakters der Avantgardepartei, die Verhinderung ihrer Umwandlung in einen Apparat zur Verwaltung des Staates, stellt sicher einen wichtigen Faktor dar, der in vielen Fällen der Staatsraison und den Eigeninteressen von Opportunisten und Karrieristen, vor denen Amilcar Cabral unaufhörlich warnte, zum Opfer gefallen ist. Die ständige Mobilisierung des Volkes, die Entwicklung seines Bewusstseins und seine zunehmende Beteiligung an der Macht ist ohne Zweifel der wichtigste Maßstab für das Fortschreiten der sozialen Revolution, doch zeigen die zahlreichen Erfahrungen, dass das Prinzip der Volksbeteiligung und direkten Volksmacht keineswegs einfach umzusetzen ist, dass auch die lebendigsten Organe der Volksmacht, die während des Befreiungskrieges, der Phase größter geschichtlicher Aktivität, Aufmerksamkeit und Bewusstheit der Volksmassen, entstehen, erstarren und ihre Dynamik auf dem langen und steinigen Weg des Aufbaus einer neuen Gesellschaft verlieren können. Zu alledem kommt eine weitere, wesentliche – heute können wir sagen, die entscheidende – Herausforderung für jede Revolution: ihre internationale Weiterentwicklung, ihr Beitrag zur weltweiten Verschiebung der Kräfteverhältnisse und zum endgültigen Sturz des Imperialismus in seinen Zentren.
Einige Hinweise sollen zeigen, dass Amilcar Cabral sich durchaus dieser internationalen Umstände (und Schwierigkeiten) für den Erfolg der Revolution bewusst war.

Das ewige Problem im Westen...

In Anspielung auf die demagogische Äußerung des Militärgouverneurs von Bissau, General Spinola, dass die Portugiesen in Guinea im Zuge ihrer Politik der „progressiven Autonomie“ sogar eine „soziale Revolution“ im Land initiieren würden, sagte Cabral: „Jetzt wäre es uns sehr recht, wenn es in Portugal eine soziale Revolution gäbe. (...) Daher schlagen wir vor, General Spinola soll in sein eigenes Land zurückkehren und dort eine soziale Revolution in Gang setzen.“ (Diskussion...) Amilcar Cabral war sich nicht nur bewusst, dass ein Sturz der portugiesischen Diktatur den Kolonien den Weg zur Unabhängigkeit erleichtern würde, sondern auch dass der fortschreitende Befreiungskampf der Kolonien in Portugal eine soziale Umwälzung hervorrufen würde. Er konnte die konkrete Form dieser dialektischen Beziehung des kolonialen Befreiungskampfes und der sozialen Revolution in Portugal 1974 („Nelkenrevolution“) jedoch nicht mehr miterleben, da er im Januar 1973 von den Portugiesen ermordet wurde.
In seiner Analyse der neokolonialen Herrschaftsform erkannte Amilcar Cabral deren wichtige politische Auswirkungen auf die imperialistischen Zentren selbst. „Was die Kapitalanlage in Westeuropa (Frankreich, Italien, etc) angeht, so bezwecken diese unserer Meinung nach die Entwicklung und Konsolidierung einer Arbeiteraristokratie, die Erweiterung des Spielraums für das Kleinbürgertum und eine sich daraus ergebende deutliche ‚Verzögerung’ der Revolution.“ (Kurze Analyse...)
Die oftmalige Betonung der gänzlichen Unabhängigkeit der PAIGC im Denken und Handeln – trotz ihrer Solidarität mit den sozialistischen Ländern, die dem Kampf materielle Unterstützung zukommen ließen, und ihrer theoretischen Anlehnung an den Marxismus-Leninismus – war nicht zuletzt Ausdruck von Amilcar Cabrals kritischer Sicht der Politik der „sozialistischen“ Länder. „Ich glaube auch, dass es Aufgabe der Linken und der Arbeiterbewegung aller Länder ist, die Staaten, die sich sozialistisch nennen, an ihre Verantwortung zu erinnern und offen alle neokolonialistischen Staaten anzuklagen.“ (Kurze Analyse...) Er schloss diese 1964 am Zentrum Frantz Fanon in Italien gehaltene Rede mit der Bemerkung an die europäische Linke: „Ihr allein müsst entscheiden, ob ihr die friedliche Koexistenz für eine Kampfform haltet oder nicht.“
Amilcar Cabral muss gerade deshalb als eine der größten Persönlichkeiten im afrikanischen Befreiungskampf gesehen werden, weil er die wesentlichen und schwierigen Aufgaben und Probleme, vor denen die internationale Revolution in den 60er und 70er Jahren stand (und scheiterte) erkannt hat und bis zu seinem Tod im Kampf versucht hat, sie im Rahmen des Befreiungskrieges seines Volkes, zu überwinden. Ihre endgültige Lösung liegt in den Händen zukünftiger afrikanischer Revolutionäre.

Gernot Zeiler