Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 10 Jänner 2004

Die Michael Moore-Furche

Shooting Star einer amerikakritischen Generation ohne revolutionäre Belange: Michael Moore macht den radikalen Reformismus wieder salonfähig.


Michael Moore ist zurzeit Hauptfigur des politischen Entertainments. Er tritt dort auf, wo sonst Kabarettisten und Schauspieler durch’s Programm führen (in amerikanischen Sporthallen, im Wiener Volkstheater, bei der Oscar-Verleihung) und präsentiert sich dabei im Wesentlichen witzig. Dafür sorgt schon seine äußerliche Erscheinung: Ein Abziehbild des weißen, amerikanischen Mittelschichtlers der die weißen amerikanischen Mittelschichtler karikiert und verspottet hat die Lacher auf seiner Seite, in der amerikanischen wie in der europäischen Unterhaltungsgesellschaft.
Moore nützt ein Prinzip, dass die offizielle Politik (die Parteien) schon lange erkannt haben: Politik muss Spaß machen. Emotionen hervorrufen. Unterhaltung bieten. Sein erster Film, „Roger & Me“ (die erfolgreichste Dokumentation aller Zeiten) geriet im Wesentlichen zu einer unpolitischen Allerweltsanklage gegen die Macht der großen Unternehmen. Jahre verbrachte er mit „TV Nation“, einer Fernsehshow über die Verrücktheiten des amerikanischen Lebens, ohne Bedeutung für den Rest der Welt. Am 20. Jänner 2001 allerdings schlug seine große Stunde, gleichzeitig mit dem Amtsantritt des neuen Präsidenten George W. Bush.
Gleich wie das deutsche Kabarett die 80er-Jahre mehrheitlich mit dümmlichen Helmut Kohl-Imitatoren bestritt, war die Wahl von George W. der Wendepunkt in der Karriere des Gesellschaftskritikers Michael Moore. Was folgte waren drei Bücher („Stupid White Men“, „Downsize This“, „Dude, Where’s My Country“) und ein weltweit erfolgreicher Dokumentarfilm („Bowling for Columbine“), keineswegs mit dem Präsidenten in der Hauptrolle, aber ohne ihn wäre es wohl nie zum schnellen Moorschen Aufstieg gekommen.

Feind der Zahnärzte

Ein Michael Moore-Buch plätschert ähnlich seinen Filmen unterhaltsam dahin, im Episodenstil, auf die zahlreichen Pointen bedacht. Da, wo er in seinen Filmen schreckensreiche Szenen mit Musik kontrastiert (etwa in „Roger & Me“, wo er „Wouldn’t It Be Nice“ für die Ansicht der Armut in seiner Heimatstadt Flint wählt, oder in „Bowling for Columbine“, wo er die Aufzählung der Auslandseinsätze des US-Militärs und ihrer Toten mit „(What A) Wonderful World“ untermalt), da setzt er in den Büchern seine zahlreichen Rufzeichen. Aussagen und Taten der Gegenseite stehen am Anfang, dann werden sie seziert, mit Statistiken widerlegt, oder ganz einfach mit aller Kunst der plumpen Satire durchaus witzig ins Lächerliche gezogen. Ein Witz am Anfang erleichtert das Lesen der nächsten Seiten: „Ich glaube nicht an Verschwörungstheorien, außer jenen die wahr sind oder Zahnärzte betreffen“ steht am Anfang eines Kapitels aus „Dude, Where’s my Country“, dass sich mit den Beziehungen der Bush-Familie und dem Bin Laden-Klan auseinandersetzt (über das Thema plant Moore auch seinen nächsten Dokumentarstreifen). Umgangssprache ist Pflicht, oft wendet Moore den einfachen Trick an, die Personen der Kritik direkt anzusprechen (das tat er schon in „Roger & Me“, wo er vergeblich versucht, den Vorsitzenden von General Motors, Roger Smith, zu der Entlassung von 30.000 Arbeitern zu befragen).
Die Wahl der Argumente folgt in keinem der Bücher und Filme einem konkreten politischen Anliegen, weswegen die Aussage, die Moore zweifelsfrei treffen will, oft mehr als unbestimmt bleibt. Etwa geht er in „Bowling for Columbine“ zwei Stunden der Frage nach, warum in den USA die Zahl der Toten durch Schusswaffen so hoch sei, ohne dabei einer einzelnen Spur zu folgen. Zum Schluss des Films beschränkt er sich auf peinliche moralische Gesten, bleibt eine Antwort schuldig. Aber in den verstrichenen Szenen hat er keineswegs mit Kritik gespart und so seine Opposition ausgedrückt, ohne dem amerikanischen Gesellschaftsmodell auf den Grund zu fühlen.

Vertreter der Arbeitklasse

Wo ihm die Kritiker „Populismus“ vorwerfen, fordern sie ihn auf, sich auf die beliebte journalistische Methode der wertfreien Beliebigkeit zurückzuziehen. Michael Moores Methode ist hingegen die eines Politikers. Seine Filme und Bücher präsentieren auf einfache, prägnante Weise das Programm, seine öffentlichen Auftritte werden zu Wahlveranstaltungen. Moores Propaganda ist einen Schritt weiter als die anderer Dokumentarfilmer und Amerika-Buch-Autoren, er hat eine politische Agenda, zu deren Verwirklichung wählt er die Mittel der politischen Kampagne.
Nur, wen sollen seine zahlreichen Anhänger in den USA denn wählen? Michael Moore hat keine eigene Partei, dazu kennt er das Wahlsystem der USA viel zu gut. So bleibt ihm als erbärmliche Schlussfolgerung aus seinem umfassenden politischen Aktionismus nur, zur Wahl eines Demokraten aufzurufen und die Zustände in und um die USA der republikanischen Politik zuzuschreiben. Selbst einem Moore dürfte es schwer fallen, wesentliche Unterschiede in der Politik der beiden Einheitsparteien des Landes auszumachen, es sei denn, er wählt dazu Nebenschauplätze wie den Streit um die Abtreibung oder die Waffenfreigabe. In seinen Büchern gibt er das auch offen zu, etwa in einem Kapitel von „Downsize This“ mit dem Titel „Democrat? Republican? Can You Tell the Difference?“. Leid tut es ihm auch, seine Stimme einst für Bill Clinton abgegeben zu haben. Aber diese bitteren Erfahrungen bewahren Moore nicht davor, eisern an der für ihn einzig denkbaren Alternative festzuhalten: Ein Demokrat als Präsident, der „liberal“ regiert (der Terminus „liberal“ in seiner amerikanischen Bedeutung steht bei Moore außer Kritik, wenn gleich er einen großen Teil seiner Recherchen dem liberalen Wirtschafts- und sozialen Fiasko der USA widmet) und ein Präsident, der auf die „Arbeiterklasse“ und ihren stolzen Vertreter M. Moore endlich Rücksicht nimmt. „Wir müssen dafür sorgen, dass der beste Demokrat auf den Wahlzettel kommt, und versuchen seine Positionen zu verbessern“, verriet er dem profil. Dafür waren also Tonnen an Filmrollen, vier Millionen verkaufter Exemplare von „Stupid White Men“ und der Aufstieg zum Star der Amerika-Kritiker notwendig: Damit alles so bleibt wie bisher. Moore reiht sich damit unter die Neue Linke ein: anerkannte Globalisierungskritiker, prominente Kriegsgegner, Autoren der Schwarzbücher über Markenfirmen und Turbokapitalismus. Ihnen allen ist gemein, dass ihre einzig denkbare politische Alternative jene Wahlparteien sind, die das Feuilleton als „Linke“ ausweist. Ob Rifundazione oder Demokraten ist dabei nebensächlich, auf internationaler Ebene und in den wesentlichen Fragen der Politik (Krieg für den Erhalt des Imperiums, ja oder nein) ist ihre Haltung ein- und dieselbe. Moore und Konsorten übernehmen die Rolle des schlechten Gewissens; wie groß dieses ist, beweisen die Verkaufszahlen ihrer Bücher. Dem Neoliberalismus tun diese Kosmetiker nur gut, sie besorgen ihm eine kritische Öffentlichkeit, Verkaufszahlen und nicht zuletzt Stabilität durch vermeintliche Dissonanz.

Wenn 2005 ein Demokrat statt eines Republikaners ins Weiße Haus einzieht, wird, das Moorsche Gesetz anwendend, kein Jubelschrei aus seiner Ecke kommen. Eher stehen neue Bücher in Aussicht, darüber, dass der Präsident wieder einmal seine Versprechen nicht hält. Aber mitgeholfen wird Moore trotzdem haben, dass sich nichts ändert. Shame on you, Mister Moore.

Stefan Kainz