Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 10 Jänner 2004

Magisches Imperium

Wir leben in einer Welt der gesteigerten Zumutungen. Die Kontrolle über den Sektor der Konsum- und Massengüter durch eine immense und grotesk aufgeblähte kapitalistische Industrie ist umfassender denn je. Eines der erfolgreichsten Produkte unter den „Boomern“ der letzten Jahre war wohl die Harry Potter-Reihe, die in schönster Allianz Bücher und Filme aufeinander folgen ließ und neben den tausenderlei verschiedenen Begleitacessoirs eine hübsch dosierte Staffel ihrer Bände vom Stapel ließ.


Also ehrlich, das ewige Wiedergekäue des Inhalts um Harry Potter, „einen Waisenjunge von 11-14 Jahren, der bei seinen ungeliebten Muggel(=Nichtzauberer)-Verwandten, den Dursleys lebt und auf die Hogwarts-Schule für Zauberer und Hexen kommt, in die 1-4. von 7 Klassenstufen (1 Jahr pro Band). Dort findet er gute Freunde...“ (1), also jene Informationen aus den insgesamt endlosen und auf jeder Web- oder Zeitschriftenseite wieder und wiedergegeben Inhaltsverschnitten stößt mir mittlerweile auf. So etwas von einer Produktpalette. Natürlich: auch meine Kinder müssen die Bände alle haben und fragen sich dann quizmäßig die gefinkeltsten Fachfragen aus beliebig herausgegriffenen Bänden. Auch hat die Verwandtschaft darauf geachtet, dass Band Nummer fünf, genannt „Der Orden des Phönix“, rechtzeitig bei ihnen ankam, um in der Schule mitreden zu können. Also habe ich sie gelesen, ausnahmslos von eins bis fünf, mit eher durchschnittlichem Vergnügen. Die Geschichte ist mehr ein modernes Märchen und gleichzeitig Selbstbestätigung der Leser (hauptsächlich für Jungs!) als ein tatsächlicher Meilenstein in der Kinderbuchliteratur. Insbesondere da die Autorin Joanne K. Rowling offensichtlich genau wusste, was sie wollte, in Anlage, Handlung, Sprache, ja bis hin zur eigenen Märchenbiographie. Nur was ist denn heute ein Märchen, wo auf dem sogenannten Kinderkanal (KIKA) nur noch ganz ausnahmsweise (und da eher durch eine „versehentliche“ Publikumswahl) tschechische oder russische Produktionen mit ihrem spezifischen Charme zu sehen sind? Doch gegen eine anlaufende Medienoffensive neoliberalen Stils sind wir alle scheinbar machtlos und genau darauf hat sich Rowling eingelassen, als sie bei Warners unterschrieb, „mit einem konservativ geschätzten Vermögen von 280 Millionen Pfund (420 Millionen Euro). Dazwischen liegt der Erfolg von fünf Romanen über den Jungen Harry Potter, den Zauberlehrling. Damit wurde sie zur erfolgreichsten Autorin der Welt: Knapp 200 Millionen Bücher sind verkauft.“ (2) Ein Marktkrieg mit viel Berechnung setzte ein und mittlerweile erreicht das Merchandizing mit den (also wirklich „pott“-hässlichen) Figuren, Besen, Eulen, Eintrittskarten und sonstigen Fanprodukten immer neue ungekannte Höhen. Im Vorfeld des fünften Bandes mit seinem klug berechneten Einsatz (8.November 2003), der es den Ungeduldigen schnell noch erlaubte, sich zusätzliche die englische Ausgabe zu kaufen, wurde gnadenlos gegen „Copyright-Brecher“ vorgegangen, getreu dem Innenblatt des Bandes: „Harry Potter names, characters and related indicia are copyright and trademark Warner Bros.“(3) Ja, ja und „Harry hat sich von einem zarten elfjährigen Knaben mittlerweile über fünf Bände hinweg zu einem pubertierenden Teenager gewandelt.“(4)

Die Handlung

Die Handlung versetzt uns in ein viktorianisches Zeitalter der Magie, dass eine Form des Entkommens für den jungen Potter vor seinen Zieheltern und Kleingartenbetreibern bedeutet. Wir haben altertümliche Bauten und die perfekte Identifikationsfigur. Harry geht in die Hogwarts-Schule für Zauberei, in der das klassische englische Schulform ihr magisches Pendant findet, mit geschlechtsspezifischen Schuluniformen, einer eigenen Schullegende und verschiedenen Häusern, die über einen Punktewettkampf sich gegenseitig auszustechen haben, auf diese Weise gleich ein effizientes System der Schülerkontrolle gewährleistend (je nach Benehmen Punkte dazu- oder abgezogen). Ihr Leiter ist der greise Dumbledore, der weiseste aller Magier, der in seiner behütenden Darstellung ein wenig an den ebenso greisen Winston Churchill gemahnen mag und ständig durch die strebigen Karrieristen des Zaubereiministeriums bedroht ist, die in ihm einen senilen Narren mit Macht vermuten. Ziel der ganzen Aktion der Handlung ist es, die zauberische Welt trotz der ständigen Anfechtungen durch das Böse in ihrem prekären Gleichgewicht zu belassen – appeasement also.
So mag die Handlung noch hingehen, doch der eigentliche Hund lauert nicht hinter den Zensuranfechtungen diverser amerikanischer Institutionen gegen die angebliche Angabe magischer Riten, nicht in der Tatsache, dass Harry Potter die Kinder zum Buch zurückholt (wer hat sie denn von dort weggeholt?), sondern in der verflucht einseitigen Darstellung einer zentrischen Perspektivik. Hogwarts und damit natürlich England liegt im Zentrum dieser Welt, zwar mag es noch andere Schulen geben (in Frankreich und Russland?), mit entsprechend beschriebenen Gestalten (manieriert versus grimmig bis schwarzmagisch), doch den Punkt, der alles zusammenhält, bildet das englische Imperium. An dessen Rande, wahrscheinlich (denn außerhalb Londons(!) ist nichts näher lokalisiert) irgendwo im Osten hausen die Riesen, ein Volk von großer Rohheit und in Horden lebend, von den Zauberern bis auf ein kleines Häufchen dezimiert, deshalb diesen gegenüber voll Vorbehalte, aber durchaus mit Geschenken milde zu stimmen. In Trannsylvannien (doch eine Lokalisation) hausen noch Drachen und irgendwo in den Bergen die Kobolde, mit denen immer noch (trotz des mächtigen ausgleichenden Dumbledore) ein Krieg tobt. Die Kobolde (welch Anreiz für den Physiognomen!), mit Hang zu Gold, wie sichs gehört, den Hauselfen, „die durch die Zauber, die auf ihrer Rasse liegen, gebunden“(5) sind (das Engagement der Hermine Granger im B.E.L.F.E.R. zu deren Gunsten erscheint eher lächerlich) und ebenso alle anderen Völker und Lebewesen dienen in dieser zauberischen Welt den Magiern, die in einem wiedererstandenen British Empire ihre Metropole haben. „‘Ich glaube es hängt davon ab, was man ihnen anbietet‘, sagte Lupin. ‚Und ich rede nicht von Gold. Wenn man ihnen die Freiheiten bietet, die wir ihnen seit Jahrhunderten verwehren, kommen sie in Versuchung. Hast du noch immer kein Glück mit Ragnok [man beachte die Namengebung!; d. Verf.] gehabt, Bill?‘„(6)
Vielleicht rührt es ja daher, dass Rowling sich gegenüber Warners durchsetzte, eine englische Besetzung für die Filmrolle des Potter-Knaben statt einer amerikanischen zu wählen? Schließlich siegte ein (wie sollte es anders sein?) brav durchschnittlicher David Copperfield-Darsteller. Unmerklich geht die Entfaltung dieses transportierten Weltbildes vonstatten, vom ersten, noch wenig verwickelten Band „Der Stein der Weisen“ bis hin zum bislang letzten Band, in dem zwar erstaunlich wenig Spannendes zu lesen ist für seine überdimensionierte Breite, der aber einen anregenden Einsatz für die letzten zwei Bände des Potter-Burgers bietet, und neben dem üblichen Schmus um errötende und weinende (weil verwirrte) Mädchen auf eine wahrhaft apokalyptische Schlacht des Guten gegen das Böse vorbereitet. Ersteres ein verschworener Orden, zweiteres ein erstarkender böser Zauberer Voldemort. Aber nicht um eine Feinabstimmung zwischen den Versuchungen der schwarzen und der weißen Kraft geht es, nein, da muss schon dicke aufgetragen werden. Das Böse ist gleich einmal so böse, dass es nichts weiter im Sinn hat, als alles (einschließlich sich selbst?) zu vernichten, während das Gute so hausbacken liebenswürdig präsentiert wird, dass auch der dümmste Leser weiß, wo er zu stehen hat.
Es ist das gleiche Prinzip wie in jeder Bush-Rede.
[Rowling:]
„Der Eine mit der Macht, den Dunklen Lord zu besiegen, naht heran...und der Eine muss von der Hand des Anderen sterben, denn keiner kann leben, während der Andere überlebt.“(7) „Wie Hagrid gesagt hatte, was kommen musste, würde kommen...und wenn es da war, würde er den Kampf aufnehmen müssen“ (8) „Legen Sie die Hände in den Schoß – dann werden Sie in die Geschichte eingehen als der Mann, der beiseite trat und Voldemort eine zweite Möglichkeit bot, die Welt zu vernichten.“ (9)
[Bush:]
„And in our grief and anger we have found our mission and our moment. [...] Freedom and fear are at war. The advance of human freedom, the great achievement of our time and the great hope of every time, now depends on us. Freedom and fear, justice and cruelty, have always been at war, and we know that God is not neutral between them.“(10)
Tatsächlich wird allmählich ein tatsächlich durch und durch ideologisches Produkt erzeugt, das eben weder die Tiefe und vor allem Menschlichkeiten einer Fiktion einer magischen Realität noch den Phantasiereichtum in der Gestaltung der Akteure, wie in „Pippi Langstrumpf“, „Michel von Lönneberga“, noch auch nur die allerallergeringste Spur eines philosophischen Substrates wie in „Momo“. Stattdessen: ein aalglattes, zeitgefälliges, kommerzialisierbarer Abklatsch imaginierter Kindlichkeit. Viel wurde gelobhudelt darüber, dass die Kinder wieder lesen würden, doch es ist auch durchaus zu bemerken, dass der angebliche Leseeifer bei anderen Büchern wieder schnell verpufft. Bücher, und Kinderbücher ganz besonders, sind ein Spiegel der Zeit, in der wir leben, und diese Zeit, wie sie mit den 80ern und 90ern einsetzte, ist tatsächliche eine Zeit für die ich mich schäme. Eine Zeit, die dort, wo sie ihre treibenden Kräfte am entschiedensten entfaltet hat, in den Metropolen, darangeht, virtuelle Scheinwelten zu errichten, hinter denen sich eiskalte, amerikanisch dominierte Marktkämpfe abspielen: „Die 150 Millionen Dollar Produktionskosten müssen erst einmal wieder erwirtschaftet werden: Nun haben bereits Coca-Cola mit 150 Mio. und Mattel mit 50 Mio. Dollar Lizenzen gezahlt. Lego und Hasbro sind mit im Boot, [...] während Warner den ersten wuchtigen Schritt nach vorn vollzieht, in die mutig angekündigte 1,5 Milliarden-Umsatz-Dimension aus Kino- und Marketing-Einnahmen (zu je ein Drittel und zwei Drittel). [...] Die jungen Konsumenten reagieren recht abgeklärt auf die Angebote von allen Seiten: Jetzt gibt´s gleichzeitig die privaten Harry-Potter-Zirkel, das Verlags-Portal und die Zauberpforten von Warner Bros. - und überall kann man Botschaften, Einladungen, Immatrikulationen, Zauberlehrgänge und Zertifikate erwerben, um das eigene Selbstwertgefühl in aller massenweise reproduzierten Einzigartigkeit zu erhöhen.“(11)
Auf der anderen Seite, der Vorderseite der Fassade, finden wir eine Mehrdimensionalität für jeden Geschmack. Da wäre die Biographie der Autorin, als Märchen á la Aschenputtel: „Der Tod der Mutter, nur 20 Jahre älter als sie, hat sie - und Harry Potter - geprägt. Als J. K. Rowling 15 war, wurde Multiple Sklerose bei der Mutter diagnostiziert, zehn Jahre später war sie tot. Es war das Jahr, in dem Rowling die ersten Skizzen zu ihrem Potter-Buch niederschrieb [...]. ‚Ich habe mich erniedrigt und wertlos gefühlt‘, sagt sie über die schweren Jahre, als sie sich mit der Sozialhilfe und Geld von Freunden über Wasser hält - und gleichzeitig hört, die allein erziehenden Mütter seien an der Verwahrlosung der Jugend schuld. Und immer wieder habe man sie behandelt, als wolle man sagen: ‚Du hast Dir das alles doch selbst zuzuschreiben.‘ In einem Cafe schreibt sie am ersten Buch, weil es in ihrer Wohnung zu kalt ist, ‚aber auch, weil ich es mag, wenn mir jemand einen Kaffee macht‘. 1997 wird das Buch zunächst von drei großen Verlagen abgelehnt, dann aber zahlt Bloomsbury 10 000 Pfund für das Manuskript - und innerhalb weniger Wochen zeigt sich, dass Harry Potter ein Weltbestseller ist.“ (12)
Die Veröffentlichung des ersten Kapitels des neuen Bandes in einer Obdachlosenzeitung, Rowlings karikative Tätigkeit in Hilfsvereinen, die Darstellung der armen Weasley Familie, die zu suggerieren scheint: Armut hin oder her, auch du gehörst zum Orden des Phönix, der Gestus des liebevollen Kinderbuches, das alles ist die eine Seite der Medaille, die dem Gutmenschentum warm ums Herz werden lässt, als wie der „American Dream“ englisch gezähmt. Auf der anderen Seite finden wir eine unterschwellig sich verfestigende imperiale Ideologie, die den primitiven Lebensformen am Rande eines schemenhaften Imperiums den gerechten Frieden bringen will, wie eine Verheißung von Dumbledores Bart. Und es bleibt wahr: Ich kann nicht verhindern, bei all dem sozialen Druck aus Schule, Freundeskreis, Spielwarenhandel etc., dass meine Kinder den Marktartikel „Harry Potter“ in seinen verschiedenen Formen konsumieren, aber ihr da oben, von Warners oder sonstwem, könnt nicht verhindern, dass ich ihnen nebenbei auch sozial realistische Literatur wie Kurt Helds „Die rote Zora“, Wilhelm Meissel oder ähnliche Werke der Kinderliteratur unterschiebe. Ätsch, Warners Bros. und Co!

Martin Vinomonte

(1) http://hogwartsonline.de/
(2) Dieter Ebeling (dpa): Autorenportrait : Joanne K. Rowling - Überleben in der Märchenwelt.
(3) Joanne K. Rowling: Harry Potter und der Orden des Phönix. Hamburg: Carlsen 2003, Innenseite
(4) Sabine Frank: MDR KULTUR. Harry Potter - was in den Bänden 1 bis 5 geschah.
(5) Joanne K. Rowling: Harry Potter und der Orden des Phönix. Hamburg: Carlsen 2003, S.975
(6) Ebda., S.106
(7) Ebda., S.987
(8) Joanne K. Rowling: Harry Potter und der Feuerkelch. Hamburg: Carlsen 2002, S.767
(9) Ebda., S.740f.
(10) George Bush: Rede an den Kongress.
(11) Peter V. Brinkemper: Harry Potter - verdammt zum Milliarden-Erfolg. Schützt die Kinder, die Kunst und die Eulen oder: Wie ein Buchhit einem Film Fesseln anlegt. 21.11.2001.
(12) Dieter Ebeling (dpa): Autorenportrait : Joanne K. Rowling - Überleben in der Märchenwelt.