Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

 Ausgaben

Nr. 21 Herbst 2007
Nr. 20 Frühjahr 2007
Nr. 19 November 2006
Nr. 18 Mai 2006
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Nr. 16 November 2005
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Nr. 8 September 2003
Nr. 7 Mai 2003
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Nr. 5 Jänner 2003
Nr. 4 November 2002
Nr. 3 September 2002
Nr. 2 Juli 2002
Nr. 1 Mai 2002

 

 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 9 November 2003

Editorial


Seine Toten ehrt Wien immer und ein Geschäft darf es auch sein, denn so sei nun einmal der Lauf der Welt. Qualtinger starb vor der deutschen Einheit in der Stadt seiner Geburt, in Wien. Jetzt zum 75. Geburtstag hebt ein Rummel an, Platten, Bücher, Erinnerungen werden verkauft und eine Ausstellung erklärt den Anspruch einer Annäherung an die vielen Facetten seiner Persönlichkeit. Nun, Qualtinger hat mit seinen „echt österreichischen“ Kollegen (Karl Kraus und Thomas Bernhard) inzwischen auch gemeinsam, dass er sich nicht mehr wehren kann. Aber eines war er bestimmt: ein großer Wiener Künstler.
Den Linien der Vermarktung folgend, erscheint der Qualtinger mit einem Mal als zahnlos kritisch, enthoben und entkonkretisiert und aus dem flüchtige und urwüchsige Darstellungsformen benützenden Kabarettisten, Schauspieler, Schriftsteller wird versucht, einen „hochkulturellen“ Repräsentanten zu machen. Blitzlichter erhellen diese oder jene Seite seiner Kunst und gebetmühlenartig wird uns ständig die kritische Distanz des „Quasis“ zu seinem Stoff suggeriert. Mit dem Sekt in der Hand erklären jene, die es sich leisten können, die alleinige Quintessenz desselben: „Der böse Mensch aus Wien... Ein Mitläufer schält sich aus dem patenten Kumpel, ein Wolf im Schafspelz, das Paradebeispiel des miesen klein-bürgerlichen Faschisten, der als der unauffällige Herr Jedermann von nebenan wohl zu den gefährlichsten Erscheinungen gehört.“ (Kölner Stadtanzeiger, 9.7.1996) „Ein ganzes Volk schrie Au!“ Qualtinger könne „nur von Wien aus gesehen zur Folklore verharmlost werden“. War Qualtinger wirklich der Intellektuelle, dessen hauptsächliches Streben es war, den popularen Faschismus, die Bösartigkeit der Wiener und österreichischen Bevölkerung satirisch darzustellen zum Gaudium der intellektuellen Proletenhasser? Und wo steht er selbst? Gibt es wirklich keine Verbindung zwischen „Travnicek“ und seinem Schöpfer?
Dass Qualtinger das „tiefe“ Milieu wählte, dass er die Wiener Kultur authentisch reden ließ und dazu noch sein – in alle Richtungen wirksames – satirisches Ferment beimengte, zeigt, dass diese Kultur ihm trotz allem nahestand näher als die Kulturschickeria und dass er sie vor allem auch als entlarvend in jede Richtung schätzte. Er schöpfte aus der Umwelt, in der er selbst auch stand. Die Ablehnung des „Österreichischen“ an sich als organisch „faschistisch“ überließ er dümmeren Köpfen. Denn die „Begeisterungsfähigkeit“ seiner Kunst, wo man sich nie ganz sicher sein kann, woher ihre „zersetzende“ Komik kommt, entsteht auch aus der Sperrigkeit dieser im Lokalen wurzelnden „Hackln im Kreuz“ gegen ihre Vereinnahmung durch eine seichte Kultur des Amerikanismus, die mit ihren Sachzwängen des Marktes eine austauschbare Konsumkultur alles Antagonistische verschlingen lässt. Wenngleich die übergebühr herausgestellte Seite der Wiender Kultur bei Qualtinger eben auch zu finden ist; er selbst war doch in seiner Person deren fortschrittlicher Repräsentant. „Posthumes Lob, ebenso wie die uneigennützige Intrige eine österreichische Spezialität, dient im Falle Qualtinger nicht der wirklichen Achtung des Künstlers, sondern dem Eigenlob einer vermeintlich diskursiven Gesellschaft. Die Wertschätzung als Verwässerung, die Verlagerung des Schwerpunktes vom kritischen Inhalt zur Außergewöhnlichkeit des Phänomens und deren Ausstellung ist eine historisch erfolgreiche Strategie zur Ablenkung vom Gegenwartsbezug.“ (Alfred Dorfer: Qualtinger, die Ausnahme der Kunstgeschichte, 26. September 2003)
Hier begegnet diese Ausgabe der bruchlinien dem Qualtinger. Auch diese Ausgabe wird wieder schwerpunktmäßig dem Versuch der USA gewidmet sein, sich zum Imperium zu erklären in einem unumkehrbaren assymmetrischen Krieg. Und sie wird dem aus den Widersprüchen immer wiederkehrenden Widerstandes des konkret Wirklichen gegen die vereinfachte Erklärung der Welt (die uns plausibel gemacht werden soll) gewidmet sein ... wie in der Resistance, wie in Vietnam, wie im Irak. Mit diesem Editorial erfolgt dies in Respekt vor jenem „Mann mit vielen Gesichtern...“, der nicht totzukriegen ist. „Schläft das eine Auge, ist das andere umso wachsamer, schlägt man einen Kopf ab, wächst ein anderer spottend nach ...“

Martin Vinomonte