Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

 Ausgaben

Nr. 21 Herbst 2007
Nr. 20 Frühjahr 2007
Nr. 19 November 2006
Nr. 18 Mai 2006
Nr. 17 Februar 2006
Nr. 16 November 2005
Nr. 15 Juni 2005
Nr. 14 April 2005
Nr. 13 November 2004
Nr. 12 September 2004
Nr. 11 Mai 2004
Nr. 10 Jänner 2004
Nr. 9 November 2003
Nr. 8 September 2003
Nr. 7 Mai 2003
Nr. 6 März 2003
Nr. 5 Jänner 2003
Nr. 4 November 2002
Nr. 3 September 2002
Nr. 2 Juli 2002
Nr. 1 Mai 2002

 

 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 9 November 2003

Imperial Overstretch

Als George Bush Anfang Mai auf einem US-Flugzeugträger den Krieg im Irak für beendet erklärte, umrahmte ein Transparent mit der Aufschrift „Mission Accomplished“ seinen theatralischen Auftritt. Im Juli sprach der damals neu berufene Oberkommandierende des US Central Command (zuständig für Irak und Afghanistan), General John „Mad Arab“ Abizaid das erste Mal von einem Guerillakrieg, den seine Truppen im Irak auszukämpfen haben. Mittlerweile hört man in den Medien der USA die Bezeichnung „3. Golfkrieg“. Tatsächlich ist die US-Militärmaschinerie im Irak auf gewaltige Schwierigkeiten gestoßen.


Die Schwierigkeiten der US-Militärmaschinerie im Irak

Am 2. November, noch bevor der Abschuss eines Großraumhelikopters 16 Menschenleben forderte, gab das Pentagon insgesamt 359 Gefallene und 563 Verwundete an. Zumindest die Zahl der Verwundeten ist dabei nicht glaubhaft, am 3. August hatte die Washington Post bereits von über Tausend Verwundeten gesprochen. Von den 359 Gefallenen starben die meisten (221) nach dem offiziellen Kriegsende – inkludiert sind hierbei auch jene Soldaten, die offiziell bei Unfällen ihr Leben gelassen haben. Vom britischen Verteidigungsministerium werden insgesamt 19 im Kampf Gefallene (died in combat) angegeben, elf davon nach dem 1. Mai. Diese Zahlen allein deuten aber nicht auf eine ernsthafte Krise der amerikanischen Besatzungspolitik hin - die russische Armee musste etwa in Tschetschenien ein Vielfaches dieser Verluste hinnehmen. Das politische und gesellschaftliche Umfeld, die Dynamik des Widerstandes und die fehlenden politischen Perspektiven der Pax Americana im Irak sind jedoch sehr wohl Anzeichen für die Schwierigkeiten, in die der Einsatz geraten ist. Es ist eine Kombination aus militärischen und politischen Faktoren, im Irak und in den USA selbst, die die Krise der Besatzung ausmachen.
Vielleicht ist die von den neokonservativen Eiferern durchgeführte Zerschlagung des irakischen Staatsapparats der größte Einzelfehler der US-Politik im Irak. Dieser Vorgang war ideologisch begründet. Die „Entbaathisierung“ sollte im Irak eine amerikanische Demokratie Wirklichkeit werden lassen – erstaunlich, wie die eigene Propaganda zurückwirkt und völlig irrationale Traumbilder dann politische Entscheidungen beeinflussen. Das war natürlich völliger Unsinn, ließ aber Erziehungswesen, zentrale Verwaltung, Universitäten, Teile des Gesundheitswesens usw. zusammenberechen, und entzog den USA den größten Pool an potentiellen Kollaborateuren. Denn natürlich waren ein großer Teil des Militär, Polizei und Geheimdienstpersonals Opportunisten. Gerade der schnelle Zusammenbruch der irakischen Verteidigung Anfang April, der die absolute Verrottung des baathistischen Regimes enthüllte, hat gezeigt, dass ein amerikanischer Kompromiss mit dem Staatsapparat durchaus möglich gewesen wäre. Erst sehr spät, nach dem Anschlag auf den Sitz der UNO Ende August, machten sich die Besatzer daran ehemalige Mitarbeiter des Geheimdienstes anzuwerben. Sehr spät, vielleicht zu spät. Während der Widerstand im April noch im Keim erstickbar gewesen wäre, ist der Hegemonieverlust der USA in der irakischen Gesellschaft mittlerweile überdeutlich. Der Kollaborateur braucht eine Kultur der Kollaboration in der er sich bewegen kann, einen relevanten Teil der Gesellschaft, der seine Entscheidung gutheißt und ihm Sicherheit bietet. Ist das nicht, oder nur unzureichend gegeben, was zumindest im sunnitisch-arabischen Gebiet ausnahmslos der Fall zu sein scheint, dann fallen die Opportunisten aus, die Besatzungsmacht muss auf desperate Glücksritter zurückgreifen (und einen verurteilten Betrüger wie Achmed Chalabi zu Vorsitzenden des Übergangsrates machen) und jede Aufnahme in den Sicherheitsapparat wird zu einem Sicherheitsrisiko.
Opfer der eigenen Propaganda

Heute stehen die amerikanischen Sicherheitsapparate vor den Scherben dieser Politik. Sie sehen sich einer dezentral organisierten Stadtguerilla gegenüber, die in der Lage ist die Vorteile der amerikanischen Kriegsmaschinerie auszuschalten und deren Schwächen auszunützen. Im dicht besiedelten Gebiet ohne Frontlinien wird die Hochtechnologie wirkungslos. Die totale Luftüberlegenheit bedeutet wenig, wenn der Feind nicht erkennbar ist. Die Präzisionswaffen sind überflüssig, wenn es keine aufgeklärten Ziele gibt. Die ausgezeichnete Organisation und die entwickelte Kommandotechnologie können wohl das Schlimmste verhindern, reichen aber für sich nicht aus, um die Initiative zu gewinnen. In einer solchen Situation ist, laut amerikanischen Sicherheitsexperten selbst, Information der Schlüssel zum Erfolg. Und Information gibt es nur unzureichend. Tatsächlich werden willkürlich Tausende verhaftet, aber kein einziger der spektakulären Bombenanschläge der letzten Monate wurde bis jetzt aufgeklärt. (Man war nicht einmal in der Lage einen Erfolg zu fälschen, um ihn den internationalen Medien zu präsentieren.) Zumindest nach außen hin, scheint die amerikanische Führung immer noch kein klares Bild zu haben, mit wem sie es gerade zu tun hat. Immer wieder werden Propagandamärchen aufgetischt von Tausenden al-Quaida Kämpfern die in den Irak einsickern würden, oder einem Präsidenten Saddam, der immer noch seine „verzweifelten Gefolgsleute“ kommandiert. Es ist nicht klar wie viel davon von der US-Administration selbst geglaubt wird, doch auch in diesem Fall scheint die Propaganda zurückzuwirken. Denn die Quintessenz all dieser Behauptungen ist der Glaube an die Möglichkeit den Konflikt rein militärisch lösen zu können.

Natürlich gilt die alte Wahrheit, dass noch mehr Gewalt lösen kann, was Gewalt allein nicht vermocht hat. Auch für den Konflikt im Irak gibt es, zumindest mittelfristig, die Möglichkeit einer militärischen Lösung im Sinne der USA. Vieles spricht jedoch dafür, dass das nicht so leicht sein wird.
Im Allgemeinen sind die amerikanischen Streitkräfte schlecht geeignet für langwierige Besatzungsaufgaben und einen ständigen Guerillakrieg. Dafür bräuchten sie nicht die in den letzten Jahren entwickelten gigantischen technischen Apparate, die Hochtechnologie die umfangreiche rückwärtige Dienste bei einem sehr geringen Anteil der Kampftruppen verlangt, sondern größere Mengen leichter Infanterie.
Angesprochen haben wir bereits das Problem unzureichender Informationen über die Aufständischen, weil das Netzwerk der Kollaboration viel zu dünn ist und obendrein unter gewaltigem Druck von Seiten der Aufstandsbewegung steht. Das sind nicht nur militärische Aktionen, sondern auch die soziale Ausgrenzung der Kollaborateure.
Fallen verlässliche Kollaborateure aus, bräuchte man vernünftige Geheimdienste. CIA und NSA sind sicherlich ausgezeichnet qualifiziert, um den weltweiten E-Mail Verkehr abzuhören und auszuweiten. Aber es fehlen immer noch Arabisch-Übersetzer, es fehlen Personen die bereit sind sich in Bagdad ernsthaft einer Gefahr auszusetzen – oder überhaupt in ein Land zu fliegen in dem es sehr heiß ist und man sich Durchfall holen kann. Dafür braucht man keine Karrierebürokraten, sondern ideologisch überzeugte Soldaten, wie jene über die die israelischen Sicherheitsdienste verfügen.

Schwachpunkt der US-Armee

Fehlen verlässliche Informationen, ist es möglich auf eine große Menge an Besatzern und ungezügelten Terror zurückzugreifen. Doch für so eine Politik ist die Personaldecke der US-Army zu dünn und die Truppen von verbündeten Staaten haben sich nur unzureichend einbinden lassen. Tatsächlich wurden für die Befriedung des Kosovo 50.000 Mann eingesetzt, im Irak stehen 170.000 Besatzungssoldaten verschiedener Länder. Im Kosovo gab es keinen nennenswerten militärischen Widerstand und etwa zwei Millionen Einwohner. Der Irak hat die Größe Frankreichs und 25 Millionen Einwohner. De facto sind die USA aber nicht in der Lage zusätzliche Kräfte in den Irak zu schicken, sollten nicht andere Regierungen zu Hilfe eilen. Schon jetzt werden laufend Reservisten einberufen, die Dauer die die Soldaten im Irak zu bleiben haben verlängert – was der Moral abträglich ist. Auch die Aufstellung von zwei neuen Infanteriedivisionen wird überlegt, diese wären aber erst nach einem halben Jahr einsatzbereit, außerdem fehlen rekrutierungswillige Freiwillige. Im Jahr 2001 mussten die amerikanischen Streitkräfte bereit 230 Schwerverbrecher anstellen, um den Mannschaftsstand zu halten. Wollten die USA, wie in Vietnam, eine Streitmacht von 500.000 einsetzen, müssten sie die allgemeine Wehrpflicht wieder einführen.
Rekrutierung und fehlende Motivation ist im Allgemeinen ein Schwachpunkt des amerikanischen Militärs. Zur Armee gehen im Allgemeinen nicht politisch Überzeugte, sondern Unterprivilegierte, die sich eine Möglichkeit sozialen Aufstiegs erhoffen. Die Streitkräfte locken mit Ausbildung, Jobs und dem Versprechen danach ein College zu finanzieren. In der Folge sind laut Center for Defense Information fast 50 Prozent der Mannschaften der Army aus „ethnischen Minderheiten“. In den anderen Teilstreitkräften und im Offizierskorps sieht das Bild anders aus (von den Offizieren sind nur 16 Prozent keine Weißen) aber es ist die Army, die im Irak eingesetzt wird. Es scheint, dass wieder einmal gerade die aus dem politischen System ausgeschlossenen Unterschichten den Krieg des militärisch-industriellen Komplexes kämpfen müssen. Fragt sich nur, ob sie auch bereit sind für diesen zu sterben.


Stefan Hirsch