Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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Nr. 5 Jänner 2003
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Nr. 3 September 2002
Nr. 2 Juli 2002
Nr. 1 Mai 2002

 

 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 9 November 2003

„Nicht alle wollen den Weg in den sicheren Untergang beschreiten”

Interview mit Ahmed Karim (KP Irak)


Ahmed Karim ist kurdischer Nationalität und wuchs in Bagdad auf. Er ist seit 1954 Mitglied der Kommunistischen Partei des Irak. Er bekleidete zahlreiche hohe Parteiämter, unter anderem als europäischer Repräsentant der „Nationalen Front“ gebildet aus Baath und KP. Als die Partei den iranischen Vorstoß auf irakisches Territorium im Verlauf der 80er Jahre unterstützte, bildete er eine Oppositionsströmung, die allerdings in den 90er Jahren zerfiel. Im Vorfeld der neuerlichen US-Aggression gründete er die „Nationale Demokratisch-Kommunistische Bewegung“ die sich der „Patriotischen Opposition“ anschloss, in deren Präsidium er seine Organisation vertritt.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung des irakischen Widerstandskampfes gegen die Okkupation?

Ich habe ehrlich gesagt nicht mit einem so schnellen Anwachsen der Widerstandsbewegung gerechnet. Viele setzten alle ihre Hoffnungen auf die irakische Armee und sahen sich dann durch den Verrat des Oberkommandos enttäuscht. Was die Organisation des Volkswiderstands betrifft, war praktisch nichts in die Wege geleitet worden, obwohl wir dem Regime von Saddam Hussein vorgeschlagen hatten, es im Austausch für elementare Freiheitsrechte gegen die US-Aggression zu unterstützen. Angesichts dieser Umstände ist das, was passiert, mehr als wir erwarten durften. Der militärische Widerstand findet breiten Rückhalt unter den armen Klassen und nicht nur dort. Und der Widerstand wächst an, auch aufgrund der Gräueltaten der Besatzungsarmee. Wichtig ist auch die starke Unterstützung, die uns von den arabischen Massen zuteil wird. Überdies haben wir die Sympathie der Mehrheit der Weltbevölkerung auf unserer Seite. Für die USA ist es nun zu spät das Ruder herumzureißen und eine weichere Haltung einzunehmen. Der Widerstand kann nicht mehr aufgehalten werden. Welchen Schritt sie auch immer machen, er kann nur zu einer neuen Eskalation führen.

Glauben Sie, dass der irakische Regierungsrat die Situation bis zu dem Punkt stabilisieren kann, an dem es möglich wäre, dass die USA die Macht an ein Marionettenregime aushändigen können?

Nein, der Rat ist ein Teil des Problems, nicht die Lösung. Die US-Armee muss ihn beschützen und finanzieren. Unter den Volksmassen hat er jegliche Glaubwürdigkeit verloren, sollte er sie jemals gehabt haben. Selbst Teile der von den USA organisierten Londoner Allianz gehen bereits auf Distanz zum Regierungsrat. Das heißt nicht, dass sie ihre verräterische Rolle gewandelt hätte, sondern lediglich dass sie versucht, auf diese Weise ihr Gewicht gegenüber ihren Herren zu erhöhen.

Wie kommentieren Sie die Teilnahme der Irakischen Kommunistischen Partei am Regierungsrat?

Das ist das Schlimmste, was ich mir je vorstellen konnte. Vor diesem unglaublichen Verrat hat sich die Parteiführung wegen ihrer impliziten Unterstützung des völkermörderischen Embargos und der militärischen Aggression diskreditiert. Aber nun ist sie völlig verbrannt, tot. Es ist die Pflicht jedes Kommunisten, der diesem Namen gerecht werden will, sich an die vorderste Front des Widerstandes zu begeben, mit den Massen zu sein. Wer der Besatzung dient ist ein Feind des Volkes und verdient bekämpft zu werden.

Hat das Opposition gegen die Führung ausgelöst oder zu Spaltungen geführt?

Während die Führung überall im Land unter dem Schutz der Besatzungsarmee Büros eröffnet, kehren ihr immer mehr Kommunisten den Rücken zu und schließen sich dem Widerstand an. Die offizielle Partei, die früher die stärkste im Irak war, ist nur noch ein Leichnam. Gegen diese Politik hat sich sogar im Zentralkomitee eine Opposition gebildet. Das wird demnächst schon zu Spaltungen führen, denn nicht alle wollen den Weg in den sicheren Untergang beschreiten.

Auf welche Weise soll ein kommunistischer Flügel des Widerstandes aufgebaut werden?

Zuerst einmal müssen wir uns mit aller Kraft am Widerstand beteiligen und die Anstrengungen zur Bildung einer gemeinsamen nationalen Befreiungsfront unterstützen. Denn nur im Kampf können wir die kommunistische Bewegung neu aufbauen. Wir werden eine Konferenz in Bagdad abhalten, um die patriotischen Kräfte in der KP zu sammeln. Die Führung wird das zu sabotieren versuchen, doch sie wird damit keinen Erfolg haben. Ein offener Brief der patriotischen kommunistischen Kräfte soll verfasst werden, auf dem die Unterschriften fast aller arabischer kommunistischen Parteien stehen. Keine von ihnen unterstützt die Okkupation und ihren Regierungsrat. Sie unterstützen uns.

Wie schätzen Sie die Chancen zur Bildung einer nationalen Befreiungsfront ein?

Eine solche Front ist eine dringende Notwendigkeit. Sie wird früher oder später entstehen. Letztendlich wird es uns gelingen, die Differenzen zwischen den Führungen der Nationalisten, Islamisten und Kommunisten zu überbrücken. Auf der Volksebene ist diese Zusammenarbeit ohnedies gegeben, da der Widerstand keine Frage der Religion, sondern der nationalen und sozialen Selbstbestimmung ist. Es ist schwer zu sagen, wie lange es bis zur Bildung einer Front noch dauern wird. Man darf nicht vergessen, dass die Okkupation erst ein halbes Jahr andauert, während wir Jahrzehnte lang vom politischen Leben ferngehalten wurden.

Stimmt es, dass die Beziehung zur schiitischen Führung das größte Problem für die Bildung einer Front darstellt?

Es gibt keine gemeinsame schiitische Führung. Auf der einen Seite haben wir die Kleriker, denen es nur um die Sicherung ihrer Rolle geht. Sie sind nicht grundsätzlich gegen die Okkupation, sondern nur weil sie ihre Interessen bedroht sehen. Umgekehrt haben die USA inzwischen begriffen, dass ihr Regierungsrat nichts taugt und dass sie sich nach neuen Stützen umsehen müssen. Auf der anderen Seite gibt es Millionen armer Schiiten. Dieses Milieu war früher meist kommunistisch geprägt, heute sind sie oft islamisch. Sie werden jener Führung folgen, die wirklich gegen die Okkupation kämpft und eine solche ist im Entstehen begriffen. Doch dieser Prozess ist nicht abgeschlossen noch ist sein Ausgang ausgemachte Sache. Denn die USA verfügen trotz ihrer aktuellen Schwierigkeiten über erhebliche Ressourcen, die sie dazu einsetzen werden Kollaborateure zu finden.

Was erwarten sie von der globalen Antikriegsbewegung?

Die Bewegung ist für uns in mehrerlei Hinsicht von großer Bedeutung. Zuerst natürlich geht es darum in den USA und Großbritannien auf die Kriegstreiber Druck auszuüben und sie schließlich dazu zu zwingen ihre Truppen zurückzuziehen. Zweitens müssen die europäischen Regierungen daran gehindert werden nachträglich den Aggressionskrieg und die Besatzung zu rechtfertigen, indem sie Finanzmittel zur Verfügung stellen oder Truppen schicken – und sei es unter dem Deckmantel der UNO. Die USA und ihr britischer Kettenhund müssen isoliert werden. Und drittens bedarf der Widerstand der direkten politischen Unterstützung. Ein Beispiel dafür ist das Antiimperialistische Lager (1), das auf seiner jährlichen Versammlung in Assisi eine Entschließung verabschiedete, die sich offen auf die Seite des Widerstands stellt und sich für die Niederlage der USA ausspricht. Diese Resolution wurde von dutzenden antiimperialistischen Organisationen in aller Welt unterstützt. Der Text kursierte in der Widerstandsbewegung und hat sie sehr ermutigt. In diesem Sinn hoffen wir auf einen Erfolg der internationalen Demonstration in Unterstützung des irakischen Widerstands in Rom am 13. Dezember. Wenn Tausende und Abertausende ihre Unterstützung für unseren Widerstand aussprechen, so ist das ein schwerer politischer Schlag für unseren Feind und seine europäischen, nahöstlichen und irakischen Kollaborateure.

Das Interview führte Wilhelm Langthaler am 27. Oktober 2003 in Wien


(1) www.antiimperialista.org