Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 9 November 2003

Amerikas asiatische Ängste und Hoffnungen

Nachdem in der letzten Ausgabe der bruchlinien ein Vorabdruck aus dem Buch „Ami go Home“ (von Wilhelm Langthaler und Werner Priker) erschienen ist, veröffentlichen wir einen geplanten Beitrag, der aus Platzmangel in diesem Buch nicht mehr aufgenommen werden konnte.


Oft wird vom „großen Spiel” (Zbigniew Brezezinski) gesprochen, wenn es um die strategische Herausforderung der Einordnung Asiens in die amerikanische Geopolitik geht. Die klaren Trennlinien zwischen Verbündeten und Gegnern im asiatischen Raum wälzen sich seit der Sprengung der Bipolarität der „Blockkonfrontation“ zugunsten des US-Unilateralismus rasant um. Die Illusion einer stabilen und US-hegemonialen Staatenarchitektur steht im asiatischen Raum vor der größten Herausforderung, insofern hier potentiell nicht nur politisch, sondern auch militärisch relevante Konkurrenten mitspielen. Die Philippinen waren in Amerikas asiatischer Präsenz historisch ein Eckpfeiler, an dem die sich verändernden politischen, militärischen und ideologischen Formen der imperialistischen Dominanz der Vereinigten Staaten vorexerziert wurden: von der „demokratisch-antikolonialen“ Penetration gegen das niedergehende spanische Reich über die „antifaschistisch-antijapanische“ Befreiung in die Neokolonie zur Kalten-Kriegsdiktatur bis hin zum heutigen liberal-demokratischen Totalitarismus, aus dem sich nun zunehmend ein neuer militaristischer Neokolonialismus, der Kern des Imperialismus, herausschält.

Der unentschiedene Kampf um die asiatische Hegemonie

Der für die amerikanische Denkweise, die soziale und klassenmäßige Konfliktdynamiken ausblendet, typische Autor Samuel P. Huntington, Berater des Außenministeriums und Mitbegründer der Zeitschrift „Foreign Affairs“ geht davon aus, dass die „wirtschaftliche Entwicklung Asiens und das zunehmende Selbstvertrauen asiatischer Gesellschaften (...) heute die internationale Politik auf mindestens dreierlei Weise (stören). Erstens befähigt ihre wirtschaftliche Entwicklung asiatische Staaten zur Expansion ihres militärischen Potentials, fördert die Ungewissheit über zukünftige Beziehungen zwischen diesen Ländern und bringt Streitfragen und Rivalitäten aufs Tapet, die während des Kalten Krieges unterdrückt worden waren.“ (Kampf der Kulturen, S. 351). Der Zerfall der Sowjetunion und diktatorischer pro-westlicher Schlüsselregime aus der Zeit des Kalten Krieges, insbesondere in Indonesien und auf den Philippinen, erfordert eine Neuformierung der Bündniskonstellationen im asiatischen Raum. Dabei treten die Konfliktlinien zwischen dem Herrschaftsanspruch des amerikanisch-kapitalistischen Pols einerseits, den untergeordneten Regionalmächten andererseits und nicht zuletzt den Verlierern des Weltmarktes in neuer Form zutage.
Gegenüber den Regionalmächten mit potentiellen Vorherrschaftsansprüchen in der Region, namentlich China, Russland und Indien, den zentralen strategischen Unsicherheitsfaktoren für die amerikanische Hegemonie, konzipiert der kurz nach dem 11. September vom US-Verteidigungsministerium publizierte „Quadrennial Defense Review Report (QDR)“ eine Neuformulierung der „Eindämmungspolitik“. Eine Politik, die neben der Stabilisierung und Integration über wirtschaftliche Kooperation bis hin zu Stärkung der „offensiven nuklearen Rückschlagsfähigkeit der USA“ (S. 12) reicht.
Neben der Eindämmung der regionalen Mächte ist es insbesondere die politische Instabilität asiatischer Nationalstaaten, die die Dominanz des amerikanischen Modells des globalisierte ungleichen wirtschaftlichen Austausches und der nationalen Unterordnung gefährdet. Die künstlichen kolonialen und post-kolonialen, durch Kalte-Kriegs-Diktaturen konservierten Grenzziehungen drohen im asiatischen Raum an neuralgischen Stellen aufzubrechen. Diese wiederum sind verbunden mit insbesondere in Indonesien und den Philippinen islamisch geprägten sozialen Konflikten, die nach dem 11. September 2001 verstärkt im Fadenkreuz Washingtons liegen.
In den Philippinen kondensieren sich diese US-Sicherheitsinteressen. So stellt ein Bericht des US-Think-Tank RAND Corporation vor dem Senat (Southeast Asia After 9/11: Regional Trends and US Interests, Dezember 2001) fest, dass die USA „dringend den Philippinen die notwendige Luftverteidigung und Meeresüberwachung zur Verfügung stellen sollen, damit Manila seine Abschreckungspolitik gegenüber China wieder herstellen kann und somit auch die US Philippinische Verteidigungsgemeinschaft neu belebt wird.“

Die geostrategische Bedeutung der Philippinen

Im Ausklingen des Kalten Krieges und dem damit einhergehenden Ende der von ihnen kontrollierten Diktaturen mussten die USA wichtige Basen und Stützpunkte verlassen. Die Neuorganisation ihrer militärischen Vorherrschaft wird unter der Prämisse der „wachsenden Diversität und Unvorhersehbarkeit des Auftretens eines Konfliktes“ (QDR) angegangen und erfordert daher eine entsprechend flexible und mobile Eingreiffähigkeit auf der Basis stabiler Bündnissysteme. Der RAND-Report empfiehlt dem Senat vier konkrete Schwerpunkte:
a. Die Vertiefung und Erweiterung bilateraler und multilateraler Verteidigungs- und Sicherheitsabkommen mit den Schwerpunktländern Japan, Südkorea, Australien, Singapur, den Philippinen und Thailand als „key friends and allies“ im südostasiatischen Raum mit dem Ziel rasch als Koalition auf regionale Krisen militärisch reagieren zu können.
b. Die Förderung des Zusammenhaltes, der Stabilität und territorialen Integrität von Indonesien und anderen südostasiatische Staaten, darunter den Philippinen, die mit Unabhängigkeitsbestrebungen der moslemischen Inselgruppen von Mindanao konfrontiert sind. Gemeinsame US-Truppenübungen und Ausbildungsprogramme (Joint Combined Exchange Training, JCET) sollen nicht nur die militärische Stärke der regionalen Streitkräfte im Kampf gegen „Separatismus und Terrorismus“ heben, sondern auch die „amerikanischen Methoden und Werte“ unter den Offizieren des Gastlandes fördern.
c. Die direkte militärische Unterstützung und Aufrüstung jener Staaten, die im Kampf gegen den „Terror“ in vorderster Front stehen, darunter wiederum die Philippinen, deren Luft- und Seestreitkräfte verstärkt werden sollen.
d. Die Verbesserung des Zugangs der US-Streitkräfte zu regionalen Militäreinrichtungen über entsprechende Abkommen zur Nutzung der Logistik.

Die Philippinen als historisch stabiler Verbündeter der USA bieten sowohl hinsichtlich der Bedrohungsszenarien (China, Gefährdung der territorialen Integrität, islamischer „Terrorismus“) als auch der Methoden des amerikanischen Neointerventionismus zur Sicherung seiner geopolitischen Interessen in Asien ein Vorzeigemodell. Symbolisch quittierte George Bush diesen zentralen Status der Philippinen im globalen, präventiven und permanenten Krieg gegenüber Präsidentin Gloria Macapagal Arroyo mit der Zuerkennung des Status eines „major non-NATO ally“ während ihres US-Besuches im Mai 2003. (Phillipine Daily Inquirer, 20. Mai 2003). Dieser Status ist jedoch nur in zweiter Linie ein Geschenk an die philippinische Elite in Anerkennung ihrer Folgsamkeit im Kampf für die US-Interessen. Vorrangig geht es um die Verpflichtungen des Alliierten, seine Politik entsprechend der amerikanischen Strategie für die Region zu gestalten. Die Gründe für die Bedeutung der Philippinen in Washingtons Sicherheitsarchitektur sind vielfältig.
a. Die geographische Lage der Philippinen als Sprungbrett, von dem aus die USA ihre wirtschaftliche und militärische Macht in den gesamten Fernen Osten projizieren können.
b. Die Kontrolle über das südchinesische Meer als bedeutende Handelsroute und Verbindungsstraße für US-Kriegsschiffe zwischen den Basen in Japan und am persischen Golf.
c. Die Eindämmung von Chinas regionalen Ambitionen, die sich im langandauernden Konflikt mit den Philippinen um das Mischief-Riff auf den Spratley-Inseln ausdrückt.
d. Die regionalen Folgen einer potentiellen Eskalation der Krise des philippinischen Nationalstaates durch den bewaffneten Kampf um die Unabhängigkeit Mindanaos. Die islamischen Sezessionsbewegungen werden von den USA als terroristische Organisationen eingestuft und als Teil des al-Qaida-Netzwerkes als Begründung für einen neuen Interventionismus verwendet.
e. Aufgrund ihrer politisch-kulturellen Prägung durch den Kolonialismus Spaniens und der USA gilt die philippinische Elite als stabile Verbündete des Westens gegenüber instabilen Staaten und unsicheren Bündnispartnern im Rahmen der ASEAN (Association of South East Asian Nations) wie Indonesien, Malaysien oder Vietnam. Die Philippinen sind sowohl in wirtschaftlichen Belangen des Freihandels als auch in sicherheitspolitischen, wie den Antiterrorgesetzen, die die USA nach dem 11. September 2001 auch allen ASEAN-Staaten auferlegten, ein sicherer Partner. So auch am Gipfel der ASEAN im Juli 2002 in Brunei, auf dem die USA eine „Joint Declaration for Cooperation to Combat International Terrorism” durchsetzten, die Souveränitätsrechte der asiatischen Staaten zugunsten amerikanischer militärischer Zugangsmöglichkeiten einschränkt.

Alle Formen des Interventionismus

Als die USA am 25. April 1898 den Spaniern den Krieg erklärten, marschierten sie unter der Flagge eines demokratischen, antikolonialen Amerikanismus, um das verfallene Kolonialreich Spaniens durch die modernen Methoden neokolonial-imperialistischer Vorherrschaft abzulösen. Es war ein erstes Auftreten „demokratischen Interventionismus“ mit dem vordergründigen ideologischen Ziel die Völker vom spanischen Kolonialismus zu befreien, um sie sogleich politisch und ökonomisch zu unterwerfen. Die Fassade des demokratischen Amerikanismus wirkte jedoch nicht sehr nachhaltig angesichts der mobilisierten nationalen Unabhängigkeitsbewegungen und ihrer radikal demokratischen Führer, die das Spiel der Amerikaner schnell – aber oft zu spät - durchschauten. Kaum befreit, wurde besetzt. Im Vertrag von Paris am 10 Dezember 1898 verkauften die Spanier den USA für 20 Millionen Dollar die Philippinen, Puerto Rico und Guam.
José Martí, Kubas Führer der Unabhängigkeit, war unter denen, die aus diesen sich überschlagenden Ereignissen die Notwendigkeit der Fortsetzung des antikolonialen in Form eines antiimperialistischen Krieges proklamierte: „Die Völker Amerikas werden umso freier und stärker sein, je mehr sie sich von den USA abkoppeln. (...) Das spanische Amerika wusste sich von der spanischen Tyrannei zu befreien, und nun (...) ist die Stunde für das spanische Amerika gekommen, seine zweite Unabhängigkeit zu erklären.“ (José Marti, Nuestra América).
Die von den US-Besatzern nicht anerkannte philippinische Republik trat währenddessen unter Führung von Emilio Aguinaldo in ihren ersten Partisanenkrieg gegen den einstigen Verbündeten. Der in Teilen des Landes von den Katipunan-Guerillas bis 1916 geführte Kampf wurde von den USA mit der Ermordung von etwa 10% der damaligen philippinischen Bevölkerung quittiert. ­­ In seinem Jahresbericht 1903 vermerkte US-Generalmajor George Davis hinsichtlich des zähen Widerstandes im südphilippinischen Mindanao: „Es wird notwendig sein, nahezu sämtliche Bräuche auszumerzen, die bislang das Leben (der Moros) auszeichneten. Sie sind ein grundlegend verschiedenes Volk; von uns unterscheiden sie sich in Gedanken, Worten und Taten, und ihre Religion wird eine ernste Hürde bei unseren Bestrebungen darstellen, sie im Sinne des Christentums zu zivilisieren. Solange der Mohammedanismus vorherrscht, kann der angelsächsischen Zivilisation nur mühsam der Weg geebnet werden.“
1942 von den Japanern besetzt, marschierten 1945 die amerikanischen Regimenter – nach der nuklearen Auslöschung von Hiroshima und Nagasaki im August 1945 - neuerlich mit der Fahne von Demokratie und Freiheit ein, diesmal jedoch mit den Winden der neuen Zeit, die den direkten Kolonialismus durch die vielfältigen Außenabhängigkeiten der 1946 selbständig gewordenen Republik Philippinen von der Weltmacht USA ersetzte. Die Philippinen waren bereits damals zu wichtig, um sich ganz von ihnen zu trennen. 1947 wurden im Military Bases Agreement (MBA) die Grundlagen für die US-Stützpunkte Clark Air Field und Subic Naval Base gelegt und im Mutual Defense Treaty 1951 die neue Republik in den westlichen Orbit einzementiert. Die mit der Erlaubnis zur Republikgründung verbundenen Gesetze zur Sicherung der wirtschaftlichen Abhängigkeit von den USA (General Relations Property Act, Bell Trade Act, Parity Amendment, Luarel-Langley Agreement) ruhten auf einer sicheren militärischen Kontrolle gegen jede Gefahr der Vertragsbrüchigkeit. Die mit dem MBA-Vertrag errichteten Stützpunkte waren logistische Eckpfeiler für die US-amerikanische Interventionspolitik gegen nationalrevolutionäre und kommunistische Befreiungskämpfe, die Asien nach dem zweiten Weltkrieg in Bewegung brachen. Subic Naval Base und Clark Air Field waren Einsatzbasen für die US-Truppen im Korea-Krieg, 1958 in Indonesien und China („Zweite Quemoy-Krise“), 1962 in Thailand und von 1965 bis 1975 in Vietnam. Mit dem Vietnam-Krieg kam 1965 auch jener US-Mann für diese heißeste Phase des Kalten Krieges an die Macht, der kaum gewählt, als Zeichen des guten Willens ein „ziviles Truppenkontingent“ nach Vietnam schickte. 1972 rief dieser Ferdinand Marcos den Ausnahmezustand aus, als das nationalistisch beeinflusste Parlament und der Oberste Gerichtshof die Verträge zur Sicherung der militärischen und wirtschaftlichen US-Vorrechte in Frage stellen wollten.
Mit Ende der 1980er Jahre leiteten die USA eine Umgestaltung ihrer Herrschaftsarchitektur ein und ließen viele ihrer ausgedienten Diktaturen fallen. Marcos wurde durch die „People’s Power“-Bewegung gestürzt und mit Corazón Aquino, einer Figur analog zu Violetta Chamorro in Nikaragua, die Transformation zu einem modernisierten neoliberalen Regime eingeleitet, das mit dem kurzfristigen „Ende der Geschichte“, dem Siegesdelirium der USA und der falschen Gewissheit, mit der liberalen Demokratie das Ende der politischen und sozialen Konflikte herbeigeführt zu haben, eine demokratische Öffnung einleitete. In deren Rahmen gelang es einer breiten Bewegung, die US-Basen Subic und Clark zu schließen. 1991 lehnte der philippinische Senat die Verlängerung des MBA-Vertrages ab. Die weitgehende Zerstörung des Clark Air Fields durch den Vulkanausbruch des Pinatubo trug das ihre dazu bei, dass die Amerikaner ihre direkte Militärpräsenz auf den Philippinen vorerst beendeten. Nach dem 11. September 2001, dem spektakulären Ende des „Endes der Geschichte“ und der Proklamation des permanenten, präventiven und globalen Krieges, begannen die USA im Rahmen der aufbrechenden geostrategischen Konfliktlinien ihr militärisches Engagement auf den Philippinen neu zu definieren.

Get ready for the war

„Die US-Militärführung plant militärische Trainingsoperationen in den Philippinen aufgrund der Restriktionen in anderen Teilen Asiens auszuweiten. (...) Die kürzliche Unterzeichnung einer Logistik-Übereinkunft mit Manila zeigte, dass es Washington gelungen ist, die politische Opposition auf den Philippinen gegen eine dauerhaftere Militärpräsenz zu umgehen”, so eine Stellungnahme ehemaliger Marine-Soldaten in Subic Bay.
Die Reorganisation der US-Militärpräsenz auf den Philippinen nahm mit dem 1998 unterzeichneten Visiting Forces Agreement (VFA) ihren Anfang. Das VFA eröffnete US-Streitkräften, die in den Philippinen an militärischen Trainingsprogrammen teilnehmen, weitreichende Spielräume. So hat die philippinische Justiz nach Artikel 5 dieses Abkommens keine rechtliche Handhabe gegen US-Militärpersonal, das ausschließlich der US-Militärjurisdiktion unterworfen ist. Wie diese mit ihren Söldnern verfährt, ist den Philippinos nicht nur aus dem Freispruch Mordpiloten im italienischen Aviano bekannt, sondern aus zahlreichen Vergewaltigungs- und Mordfällen durch US-Militärpersonen in den Jahren der US-Präsenz in Subic und Clark. Während des Besuches von Präsidentin Arroyo im Weißen Haus im Mai 2003 wurde ein Abkommen unterzeichnet, dass den US-Truppen auf den Philippinen Immunität gegen Strafverfolgung durch den Internationalen Strafgerichtshof zusichert.
Der globale und präventive Terrorkrieg als Legitimation für einen offenen Interventionismus traf die Philippinen schließlich im Februar 2002. George Bush ortete al-Qaida-Zellen auf Mindanao und setzte die Gruppen Abu Sayaf und Moro Islamische Befreiungsfront (MILF) auf die Liste terroristischer Organisationen. Ihnen sollte im August 2002 die Kommunistische Partei der Philippinen/Neue Volksarmee folgen.
Die von Abdurajack Janjalani gegründete Abu-Sayaf-Gruppe entstand aus einer ursprünglich konservativ-apolitischen Islamisierungsbewegung. Die Mitglieder von Abu Sayaf bekamen ihre militärische Feuertaufe im Afghanistankrieg. In den Philippinen wurden sie zunächst von Regierung und Armee als islamisch-paramilitärischer Verband und politische Opposition gegen die historischen Moro-Befreiungsbewegungen MNLF (Moro Nationale Befreiungsfront) von Nur Misuari und MILF eingesetzt. Die Verwickelung der Gruppe in Bandenkriminalität führte zu einer erste Entfremdung zwischen den Abu Sayaf Kämpfern und ihren Proteges in den philippinischen Streitkräften. Die Entführung westlicher Touristen auf Jolo im April 2000 und schließlich der Antiterrorkrieg nach dem 11. September 2001 setzte der Zusammenarbeit zwischen Armee und dem islamischen Paramilitarismus der Abu Sayaf ein Ende. Abu Sayaf setzt sich aus verschiedenen ethnischen Gruppen der Inseln Basilan und Sulu zusammen (Tausug, Samal, Badjao und Yakan) und ist auch politisch keine einheitliche Gruppierung mit einem zentralen politisch-militärischen Kommando. In bestimmten Fällen findet sich heute noch eine temporäre Kooperation mit den Streitkräften - vor allem aus der Motivation korrupter Armeeangehöriger, an den kriminellen Operationen der Abu Sayaf zu verdienen. Dem sollte aber keine übertriebene politische Bedeutung im Sinne der „Verwendung“ der Abu Sayaf zugeschrieben werden. Dominant ist eine Tendenz zum Banditentum, wobei hier ein soziales Element der extrem Marginalisierten einfließt. Der unterschiedslose Terror gegen die gesamte islamische Moro-Bevölkerung durch die philippinischen Streitkräfte(die Kampftruppen stammen durchgehend aus den christlichen Teilen der Philippinen Visayas und Luzón) und die Dämonisierung der Abu Sayaf als Hauptfeind bringen der Gruppe durchaus Sympathien in Teilen der armen Bevölkerung, insbesondere der durch den Krieg entwurzelten und verelendeten Jugend. Die MILF entstand aus einer Spaltung der MNLF. Grund war die Unterzeichnung des Tripolis Abkommens zwischen MNLF und der Marcos-Diktatur 1977. Die von Hashim Salamat geführte Abspaltung MILF betont gegenüber der MNLF die islamische Form des zu erkämpfenden unabhängigen Staates in Mindanao.
Bisher wurden die US-Präsenz in den Philippinen sowie die Trainingsprogramme immer streng außerhalb der Kampfgebiete des inneren Konfliktes gehalten. Das im Februar 2002 unter dem Codenamen Balikatan 02-1 gestartete sechsmonatige Training von 660 US-Kampftruppen (darunter 150 Special Operation Forces, SOF) und 1.200 philippinischer Soldaten fand erstmals direkt in sogenannten Combat Areas statt. Ziel war es die Schlagkraft der einheimischen Truppen direkt in Operationen gegen den „Terrorismus“ zu erhöhen.
Im November 2002, nach Abschluss der Balikatan-Operation, unterzeichneten die Verteidigungsressorts der beiden Staaten – unter Umgehung des philippinischen Parlaments – ein „Mutual Logistics Support Agreement“. Dadurch erhalten die USA Zugang zu philippinischen Militäreinrichtungen. Abkommen, die den US-Streitkräften Verfügungsrechte über die Militäreinrichtungen „verbündeten Staaten“ geben stehen im Zentrum der neuen US-Militärstrategie. Diese sogenannten „Acquisation and Cross-Servicing Agreements (ACSA)“ oder „Status of Forces Agreements (SOFA)“ widersprechen den Souveränitätsrechten eines Staaten und erlauben jederzeit fremde Truppenstationierung. Im vorauseilenden Gehorsam setzte die Präsidentenmarionette Gloria Arroyo diese neokoloniale Politik um. Die verfassungsmäßig zuständigen Institutionen und die Opposition einer breiten Bevölkerungsschicht wurden dabei ohne Zögern übergangen. Die Weiterführung und Intensivierung von JCET-Trainingsprogrammen der US-Armee und der philippinischen Streitkräfte im Stile von Balikatan 02-1 ist der erste Meilenstein. Die „Anforderungen des Anti-Terrorkrieg“ erlauben durch die unterzeichneten Abkommen zu gegenseitigen militärischen Unterstützung auch eine permanente Stationierung von US-Einheiten. Kern dieser Truppen sind die SOF, die 1987 vom Pentagon aus verschiedenen Verbänden als neue Kommandoeinheit geschaffen wurden. Diese Spezialkräfte leiten die militärische Ausbildung von „befreundeten Armeen“ in vierschiedenen Ländern als Mobile Trainingseinheiten (Mobile Training Teams MTT). Seit 1991 sind sie etwa in Kolumbien im „Antidrogen-Krieg“ aktiv, durch den die Aufstandsbekämpfung legitimiert wird. In diesem Jahr setzte der Aufstieg der paramilitärischen Todesschwadronen ein.
Auf den Philippinen ist das primäre Ziel jedoch nicht so sehr das direkte Eingreifen in den philippinischen Bürgerkrieg. Solange der interne Konflikt nicht eine Eskalation erreicht, die die staatliche Integrität der Philippinen und so auch die regionale Stabilität gefährdet, bleiben Aufstandsbekämpfung und schmutziger Krieg in den Händen der philippinischen Streitkräften. So sieht es das „Special Forces Training Manual“ vor: Die US-Eliteeinheiten haben die Aufgabe ihre Verbündeten zu „trainieren und beraten, um ihre Gesellschaft von Subversion, Gesetzlosigkeit und Aufstand zu schützen und zu befreien.“ Damit sichert sich die US-Armee stabile Partner im globalen Antiterrorkrieg und rüstet sie entsprechend aus. 2001 lag die US-Militärhilfe an die Philippinen über das US Foreign Military Financing Program bei nur 2 Millionen Dollar. Durch ihre bedingungslose Zusicherung der Unterstützung des US-Terrorkrieges hat Präsidentin Arroyo die Zahlungen innerhalb eines Jahres auf 19 Millionen Dollar erhöhen können. Zusätzlich liegen für 2003 25 Millionen „emergency support“ auf der Seite. Als Draufgabe spendeten die Amerikaner 2002 ein C-130B Transportflugzeug, acht UH-1H Helikopter, 350 Granatwerfer, 30.000 M16 Gewehre, ein Patrouillenboot, Nachtsichtgeräte und Scharfschützengewehre, insgesamt Gerät im Wert von 100 Millionen Dollar.
Es ist abzusehen, dass dieser Rüstungsschub den internen sozialen und bewaffneten Konflikt vertiefen wird. Die Militarisierung des Lebens aus den südphilippinischen Inseln von Mindanao, auf denen die Moro-Guerillas unter der islamischen Bevölkerung breite Unterstützung genießen, hat die Menschenrechtssituation extrem verschärft. Laut Berichten des philippinischen Menschenrechtszentrums Karapatan sind davon besonders die Inseln Basilan (das Operationsgebiet von Balikatan 02-1) und Sulu betroffen. In einem Kommuniqué kündigte die kommunistische Neue Volksarmee (NPA) an, dass „alle US-Kampftruppen, die das Territorium der revolutionären Bewegung betreten oder sich in angrenzenden Gebieten bewegen, ein Angriffsziel der NPA und des Volkes sein werden.“ (Agence France Press, 28. März 2003)
Die Philippinen werden gezwungen ihre Geschichte als Spielball im geopolitischen Machtkampf der USA zu wiederholen. Wenn für Handelsfreiheit und nationale Sicherheitsinteressen Amerikas neuerlich Massaker und Völkermord notwendig werden, die Kolonialgeschichte der USA zeigt, dass das für die „Great Nation” das geringste Problem ist.

Gernot Bodner