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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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Nr. 2 Juli 2002
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 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 9 November 2003

Am Ende der Welt

Warum der Krieg im Kongo im Interesse, aber jenseits der Aufmerksamkeit des Westens geschieht

Schätzungen zufolge hat der Krieg in der Demokratischen Republik Kongo seit 1998 insgesamt zwischen drei und 3,5 Millionen Todesopfer gefordert. Damit handelt es sich weltweit um die blutigste Auseinandersetzung seit dem Zweiten Weltkrieg. Dennoch war der zentralafrikanische Staat in den letzten Jahren nur zwei Mal in den internationalen Schlagzeilen: Im Januar 2001 anlässlich der Ermordung des Präsidenten Laurent Désiré Kabila und im vergangenen Mai, als die EU ihre erste konzertierte Militärintervention unter dem Namen „Operation Artemis“ in das Krisengebiet Ituri entsandte.


Der blutige Krieg begann kurz nach der Machtergreifung Kabilas, der den Kongo (vormals Zaire) vom fast 40-jährigen Joch des vom Westen gehätschelten Diktators Mobuto befreit hatte. Anlass war, dass sich Kabila von seinen ruandischen und ugandischen Unterstützern und deren Schutzmacht USA abwandte. Nicht gekränkter Stolz hatte die ostafrikanischen Nachbarn zur Aufnahme des bewaffneten Konfliktes bewogen, sondern wohl die Enttäuschung darüber, dass mit dem Abkühlen des Verhältnisses zu Kabila auch die Ausbeutung der kongolesischen Reichtümer in weite Ferne rückte. Es scheint, dass Kabila, einmal an der Macht, mit dieser etwas anderes vorhatte, als es seine Unterstützer und der US-Imperialismus erwartet und wohl auch aufgetragen hatten. Mobutos blutige und außerdem bombastische Diktatur war den USA zunehmend nutzlos und peinlich gewesen. Sie setzen daher auf ein neues pro-westliches aber formal demokratischeres Regime im Kongo. Seine Bodenschätze sollten ihnen aber weiterhin zur praktisch freien Entnahme zur Verfügung stehen. Kabila stammte politisch aus der Tradition des ersten Premierministers des unabhängigen Kongo und inzwischen zum afrikanischen Mythos gewordenen Befreiungskämpfers Patrice Lumumba, den Mobuto im Auftrag der belgischen und US-amerikanischen Geheimdienste 1961 hatte ermorden lassen. Obwohl es über Kabila viele widersprüchliche Informationen gibt – von maßloser Bereicherung, über Geheimabkommen mit Mobuto bis zu Grausamkeiten während seines Eroberungszuges durch das Land 1997 – so scheint es, dass er letztendlich doch seine Macht auch teilweise dazu benutzen wollte, die Reichtümer des Kongo den Kongolesen zugute kommen zu lassen. Dafür sprechen die Rücknahme von Schürfrechten sowie allerlei protektionistische Maßnahmen, die er nach seiner Machtübernahme in die Wege leitete.

Afrikanischer Weltkrieg auf Kongos Boden

Kabilas „Ungehorsam“ hatte die Aggression seiner Nachbarn zur Folge. Diese hatten teils ihre eigenen Armeen auf kongolesischem Territorium stationiert, teils agierten sie mit Hilfe von Rebellenarmeen, die sie finanzierten und ausrüsteten. Zur Unterstützung Kabilas griffen bald darauf die Staaten des südlichen Afrikas Angola und Simbabwe ein – was dem Konflikt die Bezeichnung „erster afrikanischer Weltkrieg“ einbrachte, unter Anspielung auf die hinter den jeweiligen Armeen stehenden Weltmächte. Kabilas Ermordung im Januar 2001 veränderte die Lage nachhaltig. Die Politik seines Sohnes und Nachfolgers Joseph Kabila zeigte sich gegenüber dem Druck aus Washington sehr viel gefügiger. In mehreren Abkommen in Pretoria (Südafrika) und Luanda (Angola) wurden Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet, ein „innerkongolesischer Dialog“ eröffnet und das Land in drei Einflusszonen zwischen der Zentralregierung in Kinshasa und den beiden größten Rebellenorganisationen RCD (Rassemblement Congolais pour la Démocratie) und MLC (Mouvement pour la Libération du Congo) aufgeteilt. In weiteren Abkommen und nur auf Druck der USA erklärten sich zunächst Ruanda und dann auch Uganda dazu bereit, ihre Truppen aus kongolesischem Territorium zurückzuziehen.

Der innerkongolesische Dialog mündete im Dezember 2002 in ein Abkommen, das die Aufteilung der Macht zwischen dem Präsidenten Kabila und vier aus den Oppositionsparteien, der Armee und der Zivilgesellschaft hervorgehenden Vizepräsidenten, eine Übergangsverfassung und das Abhalten von Wahlen in zwei Jahren vorsieht.

Trotz dieser diplomatischen Erfolge geht das Morden im Kongo weiter. Die komplizierte politische Architektur, die zu einem Einigungsprozess des riesigen zentralafrikanischen Landes führen soll, berührt die Ursachen der Auseinandersetzungen nicht. Tatsächlich war der Kongo seit seiner Unabhängigkeit 1960 Opfer von zahllosen Bürgerkriegen im Westen durchwegs als ethnische Konflikte dargestellt , die allesamt die Kontrolle der Bodenschätze im Auftrag unterschiedlicher Westmächte zum Ziel hatten. Der Kongo verfügt über reiche Vorkommen an Diamanten, Uran, Gold, Kupfer, Kobalt, Coltan und erst kürzlich entdecktem Erdöl. Schon Lumumba hatte angesichts der immer wieder entlang ethnischer Linien angezettelten Bürgerkriege die nationale Einheit gefordert, die allein garantieren könne, dass Kongos Reichtümer auch Kongos hungrige Münder zu stopfen vermögen.

Westliche Konzerne als Kriegsherren und Nutznießer

Einem UN-Bericht zufolge (1) stehen hinter den Söldnertruppen, welche die Ausbeutung und den Transport der Bodenschätze, vor allem von in der Waffen- und Elektronikindustrie verwendetem Coltan, unter menschenverachtenden Bedingungen organisieren, als Abnehmer 21 Unternehmen aus Belgien, zwölf aus Großbritannien, acht aus den USA und fünf aus Deutschland. Zu den wichtigsten deutschen Unternehmen, die mit kongolesischem Coltan handeln, gehören die Barter Trader Handels- und Seafood GmbH, die Firma Masingiro und die Bayer-Tochter HC Starck. Über die Firma Masingiro wird Coltan an zwei der weltweiten Hauptabnehmer Cabot Inc. in den USA und Ninxia in China weiterverkauft.

Im Krisengebiet Ituri, in das im Mai dieses Jahres die EU-Eingreiftruppen entsendet wurden, werden Erdölvorkommen vermutet, die zu den größten Schwarzafrikas zählen könnten. Dort hatten die Massaker an der Zivilbevölkerung solche Ausmaße erreicht, dass sich der Westen genötigt sah einzugreifen. Die nur leicht bewaffnete UNO-Schutztruppe ohne Schießerlaubnis MONUC sei nicht ausreichend, es müssten Truppen mit „robusterem Mandat“ her, um dem „interethnischen“ Gemetzel Einhalt zu gebieten. Tatsächlich verbergen sich hinter den Auseinandersetzungen zwischen den Hema- und Lendu-Ethnien die inzwischen untereinander verfeindeten Regionalmächte Ruanda und Uganda, die in beständig wechselnden Konstellationen lokale Parteien, Milizen und Söldnertruppen unterstützen und gegeneinander aufhetzen. Unter dem Deckmantel der Friedensmission, so manche Kritiker, verstecke sich der koloniale Zugriff der europäischen Mächte auf den Kongo, die in einer Situation der vom Irak-Krieg müden USA ihre Chance auf Kontrolle der strategischen Coltan-Bodenschätze gekommen sehen. Die Hauptmotivation der EU-Operation Artemis scheint allerdings die eines Probelaufes für die europäische schnelle Eingreiftruppe gewesen zu sein, der sie auf ihre zukünftigen weltweiten Aufgaben vorbereiten sollte.

Obwohl allgemein als Erfolg verbucht, haben die Truppen der Operation Artemis bei ihrem Abzug Ende August kein befriedetes Ituri hinterlassen. Die Kämpfe und Massaker gehen weiter, auch unter der inzwischen zurückgekehrten, aufgestockten und mit mehr Befugnissen ausgestatteten UN-Truppe MONUC.

Afrika auf dem Abstellgleis der Globalisierung

Der Kongo bleibt ein trauriges Symbol für ganz Afrika im Zeitalter globalisierter kapitalistischer Durchdringung. Der langjährige blutige Krieg hat die Wirtschaft vollkommen zusammenbrechen lassen. Laut UN-Entwicklungsbericht 2003 zählt der Kongo zu den unterentwickeltsten Ländern der Welt (Platz 167 von 175). Die durchschnittliche Lebenserwartung ist auf 40,6 Jahre gesunken. Mehr als 70% der Bevölkerung sind unterernährt. Das BIP des Kongo beträgt US$99/Kopf/Jahr. Das ist gemeinsam mit Burundi der weltweit niedrigste Wert. Die Verschuldung hingegen übersteigt die Exporte um 766%.(3)

Zu einem Rohstofflieferanten degradiert, in blutigen Kriegen seiner Reichtümer beraubt und schließlich in einem Chaos, in dem nur noch Gewalt das Sagen hat, in vollkommener Zerstörung seines sozialen Gewebes und seiner traditionellen Lebensformen, zurückgelassen zeigt der Kongo und mit ihm Afrika die Ergebnisse der zerstörerischen Kraft des globalisierten Imperialismus auf, der auch den entlegensten Winkel der Welt in sein Herrschaftssystem eingliedert, ihn seinen neoliberalen Verwertungsbedürfnissen entsprechend aussaugt, nach seinem Gutdünken abkoppelt und gnadenlos auf dem Abstellgleis stehen lässt.

Margarethe Berger

(1) zitiert nach: Klaus Schramm „Was macht den Kongo plötzlich so interessant?“, http://netzwerk-regenbogen.de


(2) Jean Dominque Geslin „Le diagnostique du Dr. Annan», in: Jeune Afrique, 21.10.03