Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

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 Aktuell

Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

 Ausgaben

Nr. 21 Herbst 2007
Nr. 20 Frühjahr 2007
Nr. 19 November 2006
Nr. 18 Mai 2006
Nr. 17 Februar 2006
Nr. 16 November 2005
Nr. 15 Juni 2005
Nr. 14 April 2005
Nr. 13 November 2004
Nr. 12 September 2004
Nr. 11 Mai 2004
Nr. 10 Jänner 2004
Nr. 9 November 2003
Nr. 8 September 2003
Nr. 7 Mai 2003
Nr. 6 März 2003
Nr. 5 Jänner 2003
Nr. 4 November 2002
Nr. 3 September 2002
Nr. 2 Juli 2002
Nr. 1 Mai 2002

 

 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 9 November 2003

Das vereinte Volk, immer wieder besiegt

Eine theoretische Überlegung zum Andenken an den 30. Jahrestag des Militärputsches in Chile vor dem Hintergrund der bolivianischen Volkserhebung und den Herausforderungen des „bolivarischen Reformprozesses“ in Venezuela


Das Verstehen des Scheiterns eines revolutionären Prozesses erfordert genauso wie seine Vorbereitung eine detailgenaue Analyse der konkreten sozialen und politischen Situation. Mit dem Vorteil, dass alle – traurigen Fakten auf dem Tisch liegen, die die revolutionären Akteure von damals nur als Prognosen und Hypothesen aufstellen konnten, die es im Feuer des Gefechtes zu prüfen galt.
Vor dem Hintergrund der blutigen Beendigung einer chilenischen Arbeiter- und Volksrevolution (mit dem, neben der bolivianischen Revolution von 1952, stärksten Protagonismus des städtischen Proletariats als führendes Subjekt einer gesellschaftlichen Umwälzung in der lateinamerikanischen Geschichte) soll hier jedoch vor allem die schwierige und aktuelle Frage der Gangbarkeit einer gesellschaftlichen Umwälzung „von der Reform zur Revolution“ aufgeworfen werden, die Chile in den Jahren 1970 bis 1973 stellte. Lateinamerikas Geschichte der 50er bis 70er Jahre war geprägt durch angespannte soziale Konflikte, eine linke und pro-sozialistische soziale Bewegung und linke Parteien, die unterschiedliche Formen reformorientierter Regierungen hervorbrachten: Linksregierungen wie die Unidad Popular Allendes in Chile und die Regierung von Arbenz in Guatemala oder linkspopulistische Militärregime wie jene Torres in Bolivien, Vasquez in Peru und Torrijos in Panama. All diese Regierungen waren geprägt durch ihren „Übergangscharakter“, d.h. die innere Polarisierung zwischen sozialer Revolution und rechter Gegenrevolution. In keinem Fall jedoch waren die überall existenten revolutionären Organisationen in der Lage den Übergang von der Reform zur Revolution zu vollziehen. Ein kurzer Blick auf das 20. Jahrhundert zeigt vielmehr in der russischen Revolution die einzige Ausnahme einer siegreichen Umwälzung durch eine Massenrevolution, die dem Weg von der scheiternden Reformregierung Kerenskis zur Revolution Lenins folgte. Das Schema politischer Umbrüche folgte dagegen als allgemeines Modell dem tragischen Weg „vom Krieg zur Revolution“.
Angesichts neuerlich anwachsender sozialer Massenproteste und dem, nicht zuletzt von der nach konkreten politischen Haltepunkten suchenden westlichen Antiglobalisierungsbewegung bejubelten, Entstehen von Regierungsprojekten in Lateinamerika, die nach zehnjährigen neoliberalen Einheitsregierungen eine Alternative proklamieren (Chávez in Venezuela, Lula in Brasilien und Kirchner in Argentinien; auch eine Regierung von Evo Morales’ Bewegung zum Sozialismus in Bolivien wird zu einer realen Möglichkeit), erfordert von den Kräfte der revolutionären Opposition Überlegungen zu diesem historischen Dilemma. Die Frage sei an vier lateinamerikanischen Beispielen konkretisiert.

Chile 1973

Die Regierung der Volkseinheit unter Salvador Allende wird von dem sich anbahnenden Bürgerkrieg zerrieben. Die Rechte, unterstützt durch die USA, mobilisierte die Mittelschichten, organisiert die terroristische Subversion der „Patria y Libertad“ und verdrängt Schritt für Schritt die verfassungstreuen Militärs von den Entscheidungsrängen. Der moderate Flügel der Volkseinheit, mit der Kommunistischen Partei Chiles als wesentliche Kraft, gibt die Losung aus „das Erreichte sichern und die Schlacht an der Produktionsfront gewinnen.“ Über die Integration von Militärs in Regierungsposten soll deren Loyalität gesichert werden. Die Volksbewegung und die Linke werden zur Mäßigung gerufen, die ab Juni 1973 (nach dem Putschversuch einer Panzereinheit) zu immer offenerer Repression gegen die zur Verteidigung der Regierung nach Waffen rufenden Kräfte der Volksbewegung übergeht. Die 1965 gegründete MIR (Bewegung der Revolutionären Linken), die radikalste Kraft der Linken, konnte in den drei Jahren der Allende-Regierung ihre soziale Basis entscheidend stärken. Die Frage: Soll sie im Juli 1973 zum Angriff übergehen, ist der Moment des Aufstandes, des Bürgerkrieges und des notwendigen Bruches mit den zögernden Kräften gekommen, wird die KP-dominierte Arbeiterbewegung folgen? Vor allem aber die offene Frage: Werden sich die Streitkräfte spalten und so Teile der Armee die schlecht bewaffnete revolutionäre Erhebung unterstützen?

Venezuela 2001

Chávez’ bolivarische Regierung – der gegenwärtig vielversprechendste, weil aus Chavez’ Geschichte und den politischen Bedingungen seiner Regierungsübernahme aus der tiefen Krise des traditionellen Machtsystems heraus am weitesten antiimperialistische Reformprozess – polarisiert die Nation. Die armen Klassen erwachen durch die Perspektive der sozialen und demokratischen Veränderungen und durchlaufen eine rasante Politisierung. Die alte Oligarchie und ihr breites Netz an korrumpierter Mittelschicht und Arbeiteraristokratie sowie die in ihrer Korpsarroganz erschütterten oberen Ränge der Armee sabotieren die Regierung über ihre Positionen im bürokratischen Apparat, über die Medien, durch wirtschaftliche Subversion und bereiten mit Hilfe der USA den Putsch im April 2001 vor. Massenmobilisierungen der Armen bringen jedoch die Putschisten nach 48 Stunden zu Fall. Chavez kehrt zurück und ruft zur Versöhnung auf. Die Oligarchie nutzt die Zeit um sich zu reorganisieren und startet einen zweiten Versuch mit dem Generalstreik vom Dezember 2002 bis Februar 2003. Wieder scheitert sie an der Mobilisierung des Volkes, das die wirtschaftliche Erstickung des Landes verhindert. Die Prognose des (ehemalige) Planungsminister Roland Denis über Venezuelas Zukunft: „Das Wahrscheinlichste ist, dass sich der Konflikt verschärft. Wenn die imperialen Kräfte bei ihrer Neuformierung auf globaler Ebene demnächst eine grundlegende Niederlage einstecken, wird die bolivarische Revolution in Venezuela eine Weile bestehen können. Aber da bin ich sehr pessimistisch. Wenn sich der bolivarische Prozess nicht durch Degradation erledigt und das schwierige, aber produktive Verhältnis zwischen Regierung und Massenbewegung fortbesteht, wird es zu einem heftigen Zusammenstoß kommen. Venezuela ist eine Anomalie, die man beseitigen wird.“ (Lateinamerika Nachrichten 353, November 2003) Ein Zusammenstoß, der die Armee spalten wird und einen Bürgerkrieg bedeutet. Die Frage, die Chile 1973 aufwarf, wird sich in Venezuela neu stellen. Kann die revolutionäre Linke eine ausreichende Kraft akkumulieren, um in dieser Konfrontation zu bestehen oder wird sie, einen offenen gesellschaftlichen Veränderungsprozess bereits für die bestmögliche aller Möglichkeiten haltend, die Initiative verlieren?

Bolivien 2003

Die Regierung des US-Schülers Sanchez de Lozada (Präsident eines Landes, dessen Bauernbevölkerung Aymara und Quechua spricht, während sein erster Staatsbürger es gerade zu einem Spanisch mit englischem Akzent schafft) dekretiert den Verkauf des bolivianischen Erdgases an US-amerikanische und mexikanische Konzerne. Die Bevölkerung des ärmsten Landes von Südamerika sieht wieder einmal ihren nationalen Reichtum – nach Venezuela ist Bolivien das Land mit Lateinamerikas reichstem Erdgasvorkommen – ins Ausland abwandern und erhebt sich im „Krieg um das Gas“. Die Aymara-Bauern von Felipe Quispes Indigener Bewegung Pachakutik (MIP) und der Landarbeitergewerkschaft CSUTCB blockieren die Zufahrtswege nach La Paz. Die Kokabauern des Charpare – viele ehemalige Bergleute –, organisiert von Evo Morales’ Bewegung zum Sozialismus (MAS), marschieren mit Dynamitstangen bewaffnet in die Hauptstadt. Der Gewerkschaftsdachverband COB (Bolivianische Arbeiterzentrale) ruft den Generalstreik aus. Nach einem Massaker mit 50 Toten in der an La Paz grenzenden Armenstadt El Alto bricht die Regierungskoalition zusammen. Das Establishment fürchtet um die Entwicklungen im Militär – im Gegensatz zu den chilenischen Streitkräften eine Armee aus Soldaten der Unterklassen. Lozada flüchtet am 19. Oktober per Flugzeug heim ins Reich, in die USA. Das Volk jubelt, und der verfassungsmäßige Übergang (den Brasiliens Lula und Argentiniens Kirchner mit Unterstützung Evo Morales’ bereits präventiv vorschlugen) wird mit Lozadas Vizepräsidenten Carlos Mesa eingeleitet. Der erweiterte Kongress der COB resümiert: Eine gewonnene Schlacht, aber kein gewonnener Krieg. Es fehle an Einheit und an politischer Führung. Die führenden Organisationen wurden von der Wucht der Proteste völlig überrascht. Die Frage: Wie kann dieser Abgrund zwischen sozialer Radikalität und politischer Machtlosigkeit überwunden werden? Eine Frage die – unter historisch und politisch-sozial wesentlich ungünstigeren Vorbedingungen bereits die Erhebung in Argentinien im Dezember 2001 stellte.

Geeint durch den Kampf

Während heute und gestern viele Hoffnungen auf gesellschaftliche Veränderung sich auf die Modelle von Reformprozessen und sozialen Protestbewegungen beziehen, auf ihr „Fortschreiten“ und ihre Vertiefung, herrscht bei den Träumern der anderen möglichen Welt bezüglich Kolumbien der Pessimismus. Die geschichtliche Tragik von „Krieg und Revolution“ dagegen würde Kolumbien zum wichtigsten Träger der Hoffnung machen, insofern der bereits über 50 Jahre währende Bürgerkrieg unter dem Fegefeuer der Gewehre das hervorbrachte, was die Vielfalt der Brandherde des täglichen sozialen Konfliktes nicht vermochte: Eine führende, potentiell hegemoniale Oppositionskraft mit der Fähigkeit zur politisch-militärischen Machtergreifung. Diese Tatsachenfeststellung soll nicht als Idealisierung und auch nicht als vereinfachter Optimismus über die Möglichkeiten der FARC (Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens), in einem konventionellen Krieg die Macht zu übernehmen, gelesen werden. Es soll nur festgehalten werden, dass der kolumbianische Bürgerkrieg „sui generis“ – nämlich um den tragischen Preis tausender Toter – das Dilemma der Einheit und der militärischen Schlagkraft eines sozialrevolutionären Prozesses gelöst hat (wie auch in Vietnam). Zwei Problematiken, an denen Chile 1973 scheiterte, vor die sich die Führer von Boliviens Volksrebellion gestellt sehen und die auch über Venezuelas bolivarianische Zukunft entscheiden werden. Die soziale und politische Heterogenität der Opposition wird nicht per Dekret oder Proklamation, aber auch nicht durch die einfache Koordination oder, postmodern gesprochen, Vernetzung, in einem geeinten und machtfähigen Projekt zusammenfließen, in einem politischen Referenzpunkt als Ausdruck der verschiedenen sozialen und politischen Antagonismen der modernen neoliberalen Gesellschaft, der stark genug wäre, gegenüber einem hochgerüsteten zentralisierten Staatsapparat zu bestehen. Jean Paul Sartre analysierte in seiner Schrift „Das politische Denken Patrice Lumumbas“ diese Problematik eines demokratischen, antikolonialen Versuches und schlussfolgerte, dass er am Fehlen des antikolonialen Befreiungskrieges zerbricht, der den ethnisch und politische zersplitterten Kongo zu einer Nation zusammengeschweißt hätte. (in: Sartre, Wir sind alle Mörder. Der Kolonialismus ist ein System) Nicht anders stellt sich eben die Situation der breiten und vielfältigen sozialen Opposition dar, die zur politischen Alternative werden will. Zugespitzt formuliert hieße das: Lateinamerikas Unabhängigkeit war Ergebnis von Bolivars antikolonialem Krieg gegen die spanische Krone, die Befreiung seiner Nationen wird erst als Produkt eines antiimperialistischen Krieges gegen das nordamerikanische Imperium denkbar.

Gernot Bodner