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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Rezensionen

Im freien Fall

Robert Brenner, Universitätsprofessor aus Los Angeles, ist einer der intelligentesten Vertreter der Reste des akademischen Marxismus aus der Tradition des angloamerikanischen Trotzkismus. 2002 unter dem Titel „The Boom and the Bubble“ erschienen und jetzt auf Deutsch übersetzt, liefert sein Buch, gemeinsam mit den „Economics of Global Turbulence“ einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis der seit den 70er Jahren anhaltenden kapitalistischen Strukturkrise.


In einer Zeit, in der die Linke gegen den Neoliberalismus die in den 70er Jahren eigentlich gescheiterten linkskeynesianischen Nachfragetheoretiker hervorholt, liefert Robert Brenner mit Boom and Bubble. Die USA in der Weltwirtschaft eine umfangreiche empirische Untersuchung über den Fall der Profitraten. Damit steht er in der Tradition der schlüssigsten Krisentheorie, die der Marxismus bis jetzt hervorgebracht hat. Heute ist die Linke weit entfernt von einer umfassenden marxistischen Theorie der kapitalistischen Krise. In der Auseinandersetzung mit dem Text von Robert Brenner geht es daher nicht nur um eine kritische Würdigung seiner Arbeit, sondern auch um das Aufwerfen von Fragen, die eine solche Theorie zu beantworten hätte.

Die lange Krise und die Profitraten

Boom and Bubble ist zu aller erst eine empirisch-historische Untersuchung über die Bewegung der Profitraten in den USA, Deutschland und Japan und erklärt, wie sich deren Veränderungen zu konkreten Krisenphänomenen ausprägten. Seine Stärke liegt genau in dieser Empirie, es ist gerade dieses Zahlenmaterial, das den unzähligen akademischen Untersuchungen über die Globalisierung und ihre Krisenerscheinungen fehlt. Denn allein das Ausrechnen dieser Daten ist eine gewaltige Aufgabe. Obwohl der Profit im Zentrum der kapitalistischen Wirtschaft steht, werden aggregierte Unternehmensgewinne in den meisten volkswirtschaftlichen Datensammlungen nicht ausgewiesen.
Brenner gelingt der empirische Nachweis des Fallens der Profitraten seit den 1970er Jahren und er macht diese Bewegung einleuchtend für den Ablauf der langen Stagnationsperiode verantwortlich, die der Kapitalismus seither durchlebt. Liegen die Profitraten des verarbeitenden Gewerbes in den USA in den 1950er und 1960er Jahren bei durchschnittlich 25 Prozent, pendelten sie seit dem Beginn der 1970er Jahre lange um die 14 Prozent.
Der Konjunktureinbruch der 1970er Jahre ist auch der Startschuss für wiederkehrende Währungsabwertungen, die internationalen Wechselkurse werden instabil. Laut Brenner sind dafür Währungsabwertungen verschiedener Länder verantwortlich, die getätigt werden, um der jeweiligen nationalen Industrie Wettbewerbsvorteile auf den Weltmärkten zu verschaffen. Dies Abwertungen können zwar das weltwirtschaftliche Gesamtproblem nicht lösen – denn gesteigerte Profitabilität für die einen ist mit sinkenden Profiten für die anderen verbunden – sehr wohl aber unterschiedliche nationale Konjunkturen auslösen, etwa die Abwertung des Dollar gegenüber dem Yen 1987, der die japanische Wettbewerbsfähigkeit entscheidend verringert und die Grundlage für die Hochkonjunktur der USA in den 1990er Jahren darstellt. Das Sinken der Reallöhne und ein geringer Außenwert der Währung hätten dann immer wieder kurzfristig Akkumulationskreisläufe und ein Steigen der Konkurrenzfähigkeit einzelner Volkswirtschaften bewirken können, letztlich bilden sich aber spekulative Blasen ohne realwirtschaftlichen Hintergrund heraus. Etwa die japanische Börsen- und Immobilienhausse Ende der 1980er (die 1989 platzt), oder die Blase der New Economy, die sich im Jahr 2000 verflüchtigt. Die spekulativen Blasen hätten zwar zum Teil Wirtschaftswachstum und zusätzliche Investitionen gebracht, aber eben auch Fehlinvestitionen wie die riesigen Überkapazitäten der Telekommunikationsbranche heute belegen. Von diesen Investitionen am Ende der 1990er Jahre verspricht man sich fabelhafte Profite – und auf der Börse lässt sich dafür jede Summe auftreiben.
Außerdem meint Brenner, dass die zu unterschiedlichen Zeitpunkten einsetzenden Börsenhaussen von Anfang an ihr späteres Ende in sich trugen. Ihr Ausgangspunkt liegt in einer Erholung der Profitrate, die ihrerseits im geringen Außenwert der Währung begründet ist. Danach führt der Börsenboom zu umfangreichen Kapitalimporten, die über kurz oder lang ein Steigen des Wechselkurses bewirken – die Blase untergräbt sich selbst.
Interessanterweise kommt eine keynesianisch ausgerichtete Wirtschaftstheorie stärker unter Druck von Brenners Datenflut als ihr monetaristischer und neoklassischer Gegenpart. In den 70er Jahren ist die keynesianische Hegemonie in der akademischen Volkswirtschaft zerbrochen, weil sie unfähig war Inflation, kriechendes Wirtschaftswachstum und hohe Arbeitslosigkeit bei gleichzeitig massiven Staatseingriffen und öffentlichen Schulden zu erklären. Der Keynesianismus ist immer davon ausgegangen, dass zusätzliche staatliche Nachfrage das wesentliche Moment zum Überwinden einer wirtschaftlichen Krise sei. Ist aber die Profitrate zu niedrig, und bleiben neue Investitionen und zusätzliches Angebot aus diesem Grund aus, dann schafft die steigende Nachfrage durch höhere Staatsschulden eben nicht ein automatisch steigendes Angebot und damit neue Arbeitsplätze. Statt dessen treibt diese zusätzliche Nachfrage laut Brenner einfach das Preisniveau nach oben.

Brenner und der Marxismus

Robert Brenner liefert keine Krisentheorie, zumindest keine marxistische (auch wenn er das vielleicht glaubt), dazu gehören seine Ausführungen zu sehr ins Reich der reinen Ökonomie. Diese ist dabei eine grundlegend bürgerliche Wissenschaft, die die alte liberale Trennung von Wirtschaft und Politik akzeptiert, mal explizit (wie in der Neoklassik, welche diesen Begriff auch für sich beansprucht) mal implizit bei Robert Brenner, dessen Fragestellung politische Momente kaum erfasst beziehungsweise als exogen vorgegeben in das Modell integriert. (Man muss die bürgerliche ökonomische Metaphysik unterscheiden von den Varianten des Ökonomismus marxistischer Traditionsstränge, sei es dem Ökonomismus der zweiten Internationale, der von der Neutralität der Produktivkraftentwicklung überzeugt war und daraus einen Geschichtsautomatismus ableitete, oder dem italienischen Operaismus, der die vielfältigen Widersprüche des Kapitalismus auf die Mehrwertproduktion in der Fabrik reduzierte.) Brenners Marxismus ist einfach mit einem akademischen Verständnis des Klassenkampfs behaftet: Natürlich gibt es soziale Auseinandersetzungen, aber die Kämpfenden haben kaum Einfluss auf die realen Auswirkungen ihrer Aktionen. Klassen als bewusste Subjekte eines politischen Projekts kennt Brenner keine.

Aber warum fällt die Profitrate?

Brenner erspart sich einen langen theoretischen Apparat zum grundsätzlichen Problem des Falls der Profitraten. Von der nach dem zweiten Weltkrieg aus Marx herausgearbeiteten Theorie des Falls der Profitraten durch die Notwendigkeit immer mehr Kapital in Maschinerie und weniger in Mehrwert erzeugende menschliche Arbeit zu investieren (die sogenannte organische Zusammensetzung des Kapitals) scheint er sich getrennt zu haben, ohne das zu explizieren. Wir wollen uns hier gar nicht damit beschäftigen, ob diese Theorie noch in vollem Ausmaß gültig ist, was Brenner aber stattdessen anbietet ist bestenfalls dürftig und scheint wenig glaubwürdig. Nach Brenner würden die internationalen Industriekapazitäten sich nicht ergänzen, im Sinne einer ausgeprägteren internationalen Arbeitsteilung, sondern gegeneinander in Konkurrenz stehen, was zu Überkapazitäten, deflationärem Preisdruck – und in der Folge zu sinkenden Profiten führt. Das impliziert aber, dass es einzelnen Unternehmen möglich wäre, durch verstärkte internationale Integration höhere Profite zu erlangen (und tatsächlich wird dieser Weg ja auch zahlreich beschritten). Mag der Aufbau einer neuen internationalen Produktionsstruktur auch teuer sein, Kapital ist ausreichend vorhanden, wenn es nur die bloße Erwartung gibt, dass in der Zukunft Profite winken. Das haben die riesigen Investitionen in die New Economy gezeigt, etwa die vielen Tausend Kilometer von großteils unnötigen Glasfasernetzen. Falls das Problem nicht tiefer steckt als in einer schlecht ausgerichteten internationalen Industriestruktur, dann hätte es sich in einigen Jahren eigentlich von selbst lösen müssen. Und wenn man auf diesem Argument beharren will, darf man nicht einfach erklären, dass zu scharfe internationale Konkurrenz auf einzelnen Märkten deflationären Preisdruck verursacht, sondern müsste erklären, warum sich das über 30 Jahre nicht ändert.
Dieses Problem ist nicht unentscheidend. Ohne feste theoretische Basis lassen sich kaum zukünftige Entwicklungen ableiten. Brenners vereinfachende Empirie führt jedenfalls zu abenteuerlichen politischen Schlussfolgerungen: Zuerst überzeugt er den Leser, dass die keynesianische Nachfragesteuerung in Zeiten fallender Profite nicht funktioniert. Dann redet er einer vertieften internationalen Arbeitsteilung das Wort, was ein Wirtschaftsliberaler nicht anders tun würde. Schließlich beweist er, dass der Aufschwung in den USA ab 1993 nur auf der Basis sinkender Reallöhne möglich war. Merke: Wenn eine Krisentheorie kein alternatives politisches Projekt vorlegt, dann sind offensichtlich auch neoliberale Schlussfolgerungen möglich, ganz egal wie marxistisierend ihr Autor auch sein mag.

Internationales Wirtschaftssystem

Ebenfalls ein Problem ist die Beschränkung der Untersuchung auf die USA und, in geringerem Maße, Deutschland und Japan. Natürlich sind gewisse Beschränkungen der Fragestellung immer notwendig, aber die Dynamik der internationalen Krise ist einfach unvollständig, wenn die weltweite Peripherie weitgehend ausgeblendet wird. Die Möglichkeit, dass das Kapital heute Elemente eines transnationalen Funktionierens aufweist, wird ebenfalls ausgeblendet. Die Weltwirtschaft ist dabei auch für Brenner international integriert, aber das Konzept der internationalen Arbeitsteilung geht kaum über das hinaus, was schon Adam Smith über den internationalen Handel geschrieben hat.
Tatsächlich sind heute bereits 45 Prozent der US-amerikanischen Importe im Ausland hergestellte Produkte amerikanischer Firmen. Das gigantische 103 Milliarden Dollar-Handelsbilanzdefizit mit China (Daten für 2002) geht etwa zum Großteil auf US-Konzerne zurück, die dort billig arbeitsintensive Produkte herstellen lassen – und in den USA verkaufen. Die Frage drängt sich daher auf: lässt sich aus dem Vergleich von Handelsbilanzdefiziten und Überschüssen, oder auch aus dem Vergleich auf nationaler Basis errechneter Profitabilität noch so einfach die Konkurrenzfähigkeit und zukünftige Entwicklung verschiedener nationaler Kapitalgruppen ableiten? Oder spielen andere Faktoren nicht längst eine entscheidende Rolle, wie die Kontrolle über die internationalen Finanzströme, die politische Dominanz oder die technologische Vorherrschaft? Tatsächlich entwerfen die Vordenker der neoliberalen Globalisierung das Bild einer internationalen Arbeitsteilung, wo in den Metropolen Technologieentwicklung, Planung und Steuerung konzentriert wird, während die tatsächliche Güterproduktion zunehmend an die Peripherie ausgelagert wird. Ohne Zweifel lassen sich zahlreiche Argumente dafür vorbringen, warum das letztlich unwahrscheinlich ist (am wichtigsten wohl die gewaltigen sozialen Verwerfungen, die die politische Stabilität der Zentren der Weltwirtschaft lange vor dem Abschluss einer solchen Entwicklung hinwegfegen würden), Elemente dessen lassen sich aber bereits jetzt sehen. Die Konkurrenz imperialistischer Kapitalgruppen kann nicht mehr so leicht wie früher auf die Konkurrenz verschiedener nationaler Akkumulationssysteme reduziert werden.

Stefan Hirsch

Quelle:
Robert Brenner´, Boom and Bubble. Die USA in der Weltwirtschaft, Vsa-Verlag