Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 8 September 2003

Die USA als Ideokratie

Der italienische Philosoph Costanzo Preve über den Niedergang der italienischen Linken im Zeitalter des amerikanischen Imperiums und die philosophischen Wurzeln desselben


Wenn es darum geht unseren Antiamerikanismus zu definieren, dann müssen zumindest drei entscheidende Fragen geklärt werden. Diese drei Fragen sind die Dichotomie Rechts/Links als symbolischer Raum zu dem der Antiamerikanismus in Bezug gesetzt werden muss, die Kritik an der sogenannten „Bewegung der Bewegungen“ von No Global oder New Global und die Kritik an der Wahllinken (das Bündnis Olivo und Rifondazione Comunista).

Dichotomie Rechts/Links

Ich zitiere das politische Testament Pintors (1) in der italienischen Tageszeitung Manifesto vom 24. April 2003: „Die italienische Linke, die wir kennen, ist gestorben (…). Rechts und Links sind oberflächliche und leere Formeln die keineswegs die Grenzen zweier die Menschheit teilende Parteien anzeigen.“ Die meisten ächzen, stöhnen und versuchen Pintor umzuinterpretieren. Nur ganz wenige sind bereit die politischen und theoretischen Konsequenzen zu ziehen, die die „Verdoppler“ nicht wagen (zwei Linke, die gute und die schlechte Linke, die reformistische und die revolutionäre Linke, die Regierungs- und die Oppositionslinke usw.). In der wissenschaftstheoretischen Sprache von Kuhn handelt es sich dabei um die Zurückweisung der Feststellung einer wissenschaftlichen Krise, einer Feststellung, die ihrerseits die Voraussetzung für eine mögliche wissenschaftliche Revolution ist. In seinem Testament sagt Pintor, dass „es nicht eines Schwenks, sondern eines Umsturzes“ bedarf. Genau darin besteht das Problem.
Für mehr als hundert Jahre existierte die Linke und sie war praktisch immer fortschrittlicher als die Rechte (für den sozialen Aufstieg der sozial Benachteiligten, gegen die imperialistischen Kriege etc.). Diese Geschichte darf nicht vergessen werden, wir müssen sie sogar einfordern. Aber zwischen 1970 und 1990 ist die Linke zumindest in Europa angesichts der epochalen Veränderungen zerfallen. In Italien begann der Todeskampf der Linken 1992 (Unterstützung des außerparlamentarischen Staatsstreichs der Richter, genannt „Saubere Hände“). Ihr klinischer Tod kann mit 1999 angesetzt werden, als sie aktiv den Krieg gegen Jugoslawien unterstützte, der sowohl gegen die UNO-Charta als auch gegen die italienische Verfassung verstieß. Der zynische Togliattianer (2) D’Alema betätigte sich als Henker der Linken.

No Global

Dass die Bewegung der Bewegungen sich aus unterschiedlichen Strömungen zusammensetzt, widersprüchlich, vielpolig, bunt usw. ist, kann als offensichtlich gelten und geht daher nicht als Versuch ihrer politischen und historischen Einordnung durch. Ich möchte diese Einordnung dennoch hier versuchen:
Die Bewegung der Bewegungen ist eine aus zwei widersprüchlichen Elementen bestehende ontologisch-soziale Einheit. Keiner der Aspekte ist für sich genommen dominant, aber der in der jüngsten Vergangenheit beobachtete Prozess könnte in wenigen Jahren dazu führen, dass ein Faktor die Oberhand gewinnt. Das derzeitige Gleichgewicht der zwei Elemente kann nur als provisorisch betrachtet werden, auch wenn es noch einige Jahre andauern kann.
Einerseits stellt die Antiglobalisierungsbewegung heute nach dem Zusammenbruch des historischen Kommunismus in vielen Ländern den wichtigsten Ort der Sozialisierung und Politisierung vor allem der Jugend dar. Als solcher ist er unersetzlich, denn Orte direkter antiimperialistischer Militanz (egal welcher politischen Provenienz) sind zu abgeschlossen. Die offensichtlichen politischen Grenzen der Antiglobalisierungsbewegung können daher nicht als Argument für ihre Irrelevanz herhalten. Es wäre hingegen schlichtweg dumm, sie als Nachfolgerin der organisierten Arbeiterbewegung zu bezeichnen. Wer das behauptet, hat nicht das geringste Verständnis für die Geschichte der letzten zweihundert Jahre.
Auf der anderen Seite drückt sich die Bewegung der Bewegungen über selbsternannte Medien-Eliten aus, die inakzeptable Vorstellungen über die internationalen Verhältnisse verbreiten. Für sie gibt es keinen Imperialismus, „Diktatoren“ wie Bush, Saddam Hussein, Castro usw. werden auf dieselbe Ebene gestellt etc. Das macht sie zur „Opposition seiner Majestät“ wie sie sich die globalen Eliten vorstellen. Tatsächlich haben letztere bereits ihre Offenheit gegenüber den möglichen „Beiträgen“ der Bewegung unter Beweis gestellt. Nur gegen die folkloristischen Rituale der Straßenkrawalle, wie sie der Medienzirkus immer wieder aufgreift, verwehren sie sich.
Die Herausstellung dieser zwei Aspekte bringt für sich genommen nichts Neues. Doch es geht darum, die Dynamik zugunsten des zweiteren zu verstehen. Eine Spaltung scheint in Zukunft unvermeidlich. In der Zwischenzeit müssen wir danach trachten, das systemkonforme Moment zu kritisieren.

Wahlkoalition mit dem Linksliberalismus

Breite Kreise innerhalb der Bewegung der Bewegungen streben ein Mitte-Links-Wahlbündnis an, das vom Ulivo, über Rifondazione Comunista bis zu Di Pietro (3) reichen soll. Die Wahllokomotive scheint im Takt der Aufrufe Nanni Morettis zu pfeifen. Selbst wenn man unterstellt, dass diese Koalition in der Lage sein wird bei den nächsten Wahlen Berlusconi vom Podest zu stoßen, ist noch lange nicht gesagt, dass Bertinotti (4) den Tanz führen wird. Es mag sein, dass dieses Bündnis 5% linke Folklore zulässt. Zu 95% wird es sich jedoch in der Hand der professionellen Politikaster des Ulivo befinden. Welches strategische Denken verfolgen die D’Alema, Napolitano, Amato, Rutelli usw.? Das Dokument „Niemals gegen Amerika“, unterzeichnet von den symbolischen Erben der KPI und der PSI der Ersten Republik und veröffentlicht im Corriere della Sera, Le Monde, La Stampa etc. lässt keine Zweifel aufkommen. Die Führung des Olivo hat sich die strategische Verpflichtung auferlegt, die historische Unterordnung unter das amerikanische Imperium zu garantieren. Sie sprechen scheinheilig von einer gleichberechtigten Partnerschaft, aber sie lügen bewusst. Wie ist eine solche Zusammenarbeit gleicher Partner möglich, wenn es in Europa dutzende amerikanische Militärbasen gibt, während sich in den USA nicht eine einzige europäische befindet. Der linke Anhang des Olivo wird bei den strategischen Entscheidungen gar nichts mitzureden haben.
Mir ist durchaus bewusst, dass das von der Tarantel gebissene „linke Volk“ diese Argumente nicht berücksichtigen kann. Der Antiberlusconismus ist eine Krankheit, die die antiimperialistischen Denkregionen des Hirns außer Funktion setzt. Die Amnesie zum Beispiel hinsichtlich des von Mitte-Links unterstützten Bombardements Jugoslawiens erweist sich als total. Leider gibt es gegen diese Krankheit noch keine Behandlung.

Das amerikanische Volk

Wir sind antiamerikanisch, aber sind wir deswegen gegen das amerikanische Volk in seiner Gesamtheit? Oder nur gegen seine Regierung, seine herrschende Klasse, einige Komponenten der Rechten und einige Aspekte der amerikanischen Kultur? Auf der einen Seite verbietet die revolutionäre rationalistische, universalistische und humanistische Tradition (der ich mich unverbrüchlich verbunden fühle) die Verurteilung eines ganzen Volkes als solches. Denn die Prämisse des Marxismus (oder besser, eines nicht ökonomistischen und nicht nihilistischen Marxismus, also nur 5% des real existiert habenden Marxismus) ist die Befreiung aller Völker von der kapitalistischen Entfremdung. Auf der anderen Seite muss klar sein, dass die herrschende Klasse der USA nicht ohne die Unterstützung der großen Mehrheit der beherrschten Klassen so handeln könnte, wie sie es tut.
Der philosophische Aspekt dieser Frage liegt im Faktum, dass der Marxismus in seinem Wesen nicht so sehr ein Materialismus, sondern vielmehr ein Universalismus ist. Daher kann kein Volk der Welt vom Kampf für die universale Emanzipation ausgeschlossen werden, auch nicht das amerikanische. Wir sind also keine Antiamerikaner im metaphysischen und globalen Sinn. Paradoxerweise sind wir sogar „philo-amerikanischer“ als die amerikanische Führung.
Aber es muss noch auf den historischen Aspekt hingewiesen werden. Die amerikanische Nation hat ihre Wurzeln in den zahlreichen Wellen der Kolonisierung mittels des Massakers, des Ausschlusses und der Vertreibung der Indigenen. Sie basiert weiter auf der vollen Legitimierung der Sklaverei. Die kulturelle DNA dieser Ethnogenese geht auf das englische 17. Jahrhundert zurück und stützt sich auf die protestantisch-puritanische Überzeugung, durch Gott eine besondere Mission aufgetragen bekommen zu haben, dessen religiöse Formulierung das Reich der Gerechten und dessen säkularisierte Version die Identität von Freiheit, Privateigentum, Markt und Kapitalismus darstellt.
Die Ursprünge dieser ethnogenetischen DNA sind paradoxerweise „demokratisch“, nicht im griechischen Sinn der politischen Demokratie der Selbstverwaltung und Selbstbestimmung (und daher des Primats der familiären und sozialen Ökonomie über die Krematistik (5) der Akkumulation des Geldes), sondern im Sinn des universalen garantierten Zuganges aller zur Arbeit und zum Geld. Die Faszination des amerikanischen demokratischen Modells besteht für viele hunderte Millionen Arme in der ganzen Welt im Faktum, dass dieses die Auflösung jeglicher tradierten gemeinschaftlichen Bindungen verspricht (die oft solidarisch, aber immer auch hierarchisch sind) zu Gunsten einer vollen individuellen Autonomisierung.
Das amerikanische Modell ist daher eine Art Zugangsdemokratie (Zugang zum individualistischen und akkumulativen Wettbewerb), die es in frontalen Gegensatz zum griechischen Modell der gemeinschaftlichen Demokratie der kollektiven politischen Entscheidung stellt. Daraus folgen zwei Konsequenzen:
Erstens ist das amerikanische Modell als Zugangsdemokratie einschließend und nicht ausschließend. Das gibt ihm seine Kraft. Weiterhin zu sagen, dass es die Armen, die Schwarzen, die Minderheiten etc. ausschließt ist zwar faktisch richtig, aber als Annahme, auf die eine Strategie aufbaut, falsch. Schaut euch die Hautfarbe Colin Powells und Condoleeza Rice’ an. Das amerikanische Erbe enthält sicher Traditionen der Exklusion (der Schwarzen im Süden, der Katholiken im politischen System usw.), aber diese verfließen angesichts der dominanten Tendenz der Inklusion und des Zugangs für alle, zumindest dem Prinzip nach, vorausgesetzt, sie akzeptieren das ideokratische Element des Amerikanismus, das heißt die Religion des Erfolgs und des Kapitalismus. Es reicht nicht über das amerikanische System des Ausschlusses zu lamentieren wie es viele Linke tun und diesen mit der Armut und der Marginalisierung zu verwechseln, während der offensichtliche weltweite amerikanische Erfolg belegt, dass es sich um das einschließendste System der Welt handelt – jedenfalls mehr als der Kommunismus. Das Prinzip des abstrakten Zugangs zum Geld mittels der Eigeninitiative ist tatsächlich wesentlich einschließender als der ideologische Beitritt zu einem ineffizienten System, das auf einer fast provokativen Trennung zwischen Fakten und Worten, zwischen der Dynamik zur sozialen Transformation der Bürokratie in eine neue herrschende Klasse und der kommunistischen Terminologie basiert.
Zweitens muss mit dem Verständnis abgerechnet werden, dass das amerikanische Modell die Krönung der westlichen Tradition, des Okzitentalismus, der Europäisierung der Welt, des Eurozentrismus usw. darstellte. Hier erweisen sich die trägen ideologischen Reflexe der Linken als besonders schädlich. Wenn überhaupt von einer abendländischen Tradition gesprochen werden kann, dann hat sie ihre Wurzeln bei den Griechen, das heißt einer partizipativen Demokratie und einer rationalistischen Philosophie. Aber das amerikanische Modell ist Kind einer Nebenlinie dieser Tradition, die im 17. Jahrhundert entstand (puritanischer Kalvinismus etc.). Diese stützt sich nicht auf eine partizipative Demokratie, sondern auf eine Demokratie des individuellen Zugangs zum und der Konkurrenz um das Geld. Sie gründet sich nicht auf eine rationalistische Philosophie, sondern auf eine willkürliche und irrationale Interpretation des Alten Testaments (und zwar ausschließlich desselben; der karitative und friedvolle Jesus existiert für sie überhaupt nicht), die in der besonderen Mission mündet.

Ideokratie

Die USA sind ein ideokratischer Nationalstaat mit einer spezifischen imperialen Berufung. Analysieren wir diese Definition Wort für Wort.
Die USA sind offensichtlich ein Nationalstaat. 90% der politisch korrekten Linken wiederholt unbewusst das Mantra vom Ende des Nationalstaates, vom entterritorialisierten Imperium und vom Multikulturalismus ohne sich bewusst zu sein, damit das kulturelle Programm Berlusconis in linker Verkleidung zu formulieren.
Die USA sind ein ideokratischer Nationalstaat. Ich übernehme dieses Adjektiv von Nolte, der dergestalt das kommunistische Russland, das nazistische Deutschland und vor allem das zionistische Israel definierte, und damit den Zorn des philozionistischen politischen Establishments Italiens provozierte. In diesem Punkt (nicht in anderen) hatte Nolte Recht. Israel ist kein Staat wie die anderen, sondern ein Staat von durch das zionistische Programm vereinigten Siedlern. Es ist daher ein Staat (kratos) der sich auf eine Ideologie (idea, auch wenn der Terminus nicht ganz passt) stützt.
Wer nach Kanada, Australien, Brasilien oder Argentinien emigriert, zieht nicht in einen ideokratischen Staat, der eine weltweite Mission zu erfüllen hat. Diese Emigranten suchen nach einem Ort, an dem sich ihnen die Möglichkeit auf Arbeit und Wohlstand bietet. Aber die amerikanische Staatsbürgerschaft beinhaltet zusätzlich ein besonderes ideokratisches Element, nämlich Bürger eines besonderen Landes zu sein, des einzig unverzichtbaren Landes der Welt (dixit Clinton, nicht Bush), das von Gott das Mandat erhielt eine globale Mission zu erfüllen.
Diese Berufung ist religiöser Art, was sich in der besonderen „religiösen“ Natur der amerikanischen Gesellschaft ausdrückt. Diese besondere Mission ist die Einheit von Freiheit, Eigentum und Zugangsdemokratie zum kapitalistischen Markt. Das ist religiös, weil es sich dem Prinzip der dialogischen philosophischen Legitimation – zuerst griechischer und in der Folge aufklärerischer Art – entzieht. Würde man eine argumentative Debatte griechischen Typs führen, so könnte die amerikanische Ideologie den Einwänden nicht standhalten, denn es ist offensichtlich, dass der Kapitalismus auf globaler Ebene weder Freiheit noch Demokratie bringt.
Nebenbei gesagt liegt darin der Grund, warum die angelsächsische „analytische Philosophie“ die europäische metaphysische Tradition, die sie als „kontinentale Philosophie“ bezeichnet, hinwegzufegen versucht. Die europäische philosophische Tradition stützt sich tatsächlich auf den Begriff der Totalität und das ist genau jenes Element, das die analytische Philosophie zu liquidieren und durch unendliches Geschwätz von der Relation zwischen Geist und Körper zu ersetzen versucht. Denn die Totalität zu betrachten hieße den Kapitalismus konstatieren zu müssen.

Imperium oder Imperialismus?

Einige Bemerkungen zu den italienischen Imperialismusleugnern Fausto Bertinotti und Toni Negri, die sich erheblich von einander unterscheiden, seien erlaubt.
Bertinotti hat keinerlei wissenschaftlichen Anspruch. Sein Eklektizismus, getrieben von scheinbar taktischen Notwendigkeiten, ersetzt jede strategische Intelligenz. Er witterte richtig, dass zur Integration in die Antiglobalisierungsbewegung (wie sie sich heute darstellt, also mit Naomi Klein an der Stelle von Lenin) und zur Rechtfertigung der Allianzen mit dem Olivo es notwendig sei den Imperialismus zu leugnen.
Bei Toni Negri handelt sich um ein anderes Kaliber. Er repräsentiert das Erbe von vierzig Jahren italienischem Operaismus (6) dar, der einzigen ideologischen Strömung die neben dem Togliattismus in Italien Fuß fassen konnte. Alle anderen füllten nichts als „Nischen“, wie man heute zu sagen pflegt. Negri geht von zwei realen Punkten aus: die qualitative strukturelle Modifikation der kapitalistischen Produktion und die Unmöglichkeit weiterhin ernsthaft die großindustrielle Arbeiterklasse als das erstrangige revolutionäre Subjekt zu konzipieren. Auf Basis dieser ergreift er die illusorische Flucht nach vorne. Negri ist der Dühring der sich unbehaglich fühlenden Mittelschichten (also eine Minderheit unter ihnen). Aber noch scheint es unmöglich einen ernsthaften Anti-Dühring zu schreiben, wie es Engels tat, denn die objektiven und subjektiven Faktoren, die es Engels erlaubten eine überzeugende und kohärente Theorie „positiv“ zu formulieren, sind noch nicht zu Tage getreten. Daher wird es Negri noch länger beschieden sein unter den politisch korrekten Intellektuellen eine wichtige Rolle zu spielen – auch dank der medialen Unterstützung, die er genießt.
Zurück zur Frage Imperium oder Imperialismus: Zunächst kann festgestellt werden, dass der zeitgenössische Kapitalismus seiner Natur nach imperialistisch ist, so wie es Lenin 1916 beschrieb. Doch das stellt noch nicht die „konkrete Analyse der konkreten Situation“ dar, die Lenin einforderte. Zu behaupten die USA seien ein ideokratischer Nationalstaat mit besonderer imperialer Berufung, fügt jedoch etwas Neues hinzu. Dabei handelt es sich nicht nur darum, auf die unvergleichliche Übermacht des amerikanischen Militärapparates hinzuweisen. Denn es gibt andere starke imperialistische Staaten wie England, Frankreich, Deutschland, Japan usw., die nichts ideokratisches an sich haben. Wer ausschließlich mit ökonomistischen Kriterien ans Werk geht, dem muss dieses Moment entgehen.

Costanzo Preve

Dieses Dokument wurde im Rahmen des Aufbaus einer antiamerikanischen Bewegung in Italien zur internen Diskussion verfasst. Es blieb bisher unveröffentlicht. Die vorliegende Übersetzung wurde von der Redaktion stark gekürzt.
1 Luigi Pintor: Journalist, Schriftsteller und einer der Gründer der einflussreichen linken Zeitung „Il Manifesto“
2 Togliattismus, Tendenz der KPI benannt noch dem langjährigen Parteichef Palmiro Togliatti, die nach möglichst großer Breite der Partei und ihrer Bündnisse strebt
3 Antonio Di Pietro: linksliberaler Richter, der mit den „Mani pulite“ Anfang der 90er Jahre das politische System Italiens zum Einsturz brachte
4 Fausto Bertinotti: Parteichef von Rifondazione Comunista
5 Krematistik: Gewerbsmäßiges Betreiben einer Erwerbswirtschaft mit dem Ziel, sich durch Tauschen und Feilschen zu bereichern (Duden)
6 Operaismus: Arbeitertümlertum, das die industrielle Arbeiterklasse ohne weitere parteimäßige politische Organisierung als das revolutionäre Subjekt ansieht