Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

 Ausgaben

Nr. 21 Herbst 2007
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 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Rezensionen

Weltmacht USA – Ein Nachruf

Nicht zuletzt der Irak-Krieg hat weltweit das Interesse an Büchern zur politischen Verfasstheit der USA gesteigert. Die bruchlinien haben für diese Ausgabe zwei davon gelesen – Emmanuel Todds „Weltmacht USA“ und Giulietto Chiesas „Das Zeitalter des Imperiums“. Zu beiden bringen wir im folgenden eine kritische Durchsicht.


2002 brachte Emmanuel Todd das Buch „Weltmacht USA – Ein Nachruf“ (dt. Ausgabe München 2003) auf den französischen Markt, mittlerweile wurde der Bestseller bereits in sieben deutschsprachigen Auflagen herausgegeben. Ein Verkaufserfolg der einige Dinge beweist: Der Antiamerikanismus (wenn auch nur verschämt eingestanden) ist zu einer Massenströmung in der europäischen Intelligenz geworden. Und zweitens: Um einen Bestseller zu verkaufen muss man den Zeitgeist treffen, ob man völligen Blödsinn schreibt ist relativ unwichtig.
Emmanuel Todd trifft den Zeitgeist. Die europäischen Mittelschichten befinden sich heute in völlig untergeordneter Position gegenüber den USA. Sie können nicht verstehen, warum die USA, lange als Hüter der Demokratie gehandelt, nun beginnen ihre eigenen Versprechen globaler Demokratie aufzukündigen und den Weg uneingeschränkter militärischer Dominanz beschreiten. Den Gedemütigten und Enttäuschten erzählt Todd, dass sie der große humanistische Gegenentwurf zum US-Imperium wären. Und er erzählt ihnen, dass die USA vor einem unaufhaltsamen Abstieg steht, während im neuen Jahrtausend die Stunde Europas (wieder) schlägt. Alles sehr metaphysisch – und gut für den Verkauf.
Emanuel Todd ist ein zum politischen Theoretiker gewandelter Bevölkerungswissenschaftler, eine Kombination die seit langem für absurde Theorien steht. Als Bevölkerungswissenschaftler hat es ihm die Geburtenrate angetan, so führe eine hohe Geburtenrate zu instabilen Gesellschaften. Mit Hilfe dieses besonderen Instrumentariums gesteht er sich selbst hohe Prognosefähigkeit politischer Entwicklung zu: So wagt er beispielsweise eine gesellschaftliche Krise Pakistans für die nächsten Jahren vorherzusagen. Wir lernen: ein mehrjähriges Studium der Demographie kann ein mehrtägiges Studium von Tageszeitungen ersetzen. Der Demographie wird in Todds Buch zwar viel Platz eingeräumt, den Niedergang der USA kann sie freilich nicht erklären, die Fruchtbarkeitsquote ist in den USA weder zu hoch noch zu niedrig.
Heutige Aggressivität und morgiger Niedergang der USA werden mit ökonomischen Faktoren erklärt, kein neuer Ansatz, aber auch nicht völlig von der Hand zu weisen. Das gigantische Handelsbilanzdefizit der USA würde diese von anderen Ländern abhängig machen um den Warenimport sicherzustellen und gleichzeitig den Kapitalimport zu gewährleisten, der notwendig wird um den Warenimport zu bezahlen. Todd legt damit den Finger auf die tatsächlich riesigen Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft, die früher oder später zu gewaltigen Krisenerscheinungen führen werden. Aber er verwechselt die Krise des kapitalistischen Weltsystems mit der Krise einzig der USA. Tatsächlich ist es richtig: Die militaristische Aggression hat ihre strukturellen Ursachen in der politischen Krise der neuen Weltordnung, die man trachtet mit einem präventiven Krieg in Griff zu bekommen, und der Notwendigkeit der USA sich selbst immer wieder als Großmacht zu bestätigen, damit internationale Anleger weiterhin ihr Geld an die Wallstreet schaffen. Nur im Bezug auf die Abhängigkeiten täuscht er sich: China ist davon abhängig Turnschuhe an die USA zu verkaufen. Nike kann, wenn es notwendig ist, auch in Vietnam, Kolumbien oder Mosambik produzieren lassen. Und sollte der deutsche Außenhandelsüberschuss mit den USA wegfallen, würde das die deutsche Wirtschaftskrise extrem verschärfen. Die negative Handelsbilanz ist nicht die Ursache für den Niedergang der USA, sondern im Gegenteil Ausdruck ihrer Hegemonie. Die gigantischen Kapitalimporte seit Beginn der 80er Jahre haben die USA zum dynamischsten Wirtschaftsraum des Westens gemacht. Weil er die Krise des Weltsystems mit jener der USA verwechselt, glaubt Todd, dass Europa, praktisch automatisch, die USA als Weltmacht ablösen wird.
Der Antiamerikanismus der linksliberalen Mittelschichten, der Emanuel Todd zum Bestseller gemacht hat, ist bis jetzt partiell und voll der Illusionen in die Rolle der EU (sowohl was deren Willen betrifft, als auch hinsichtlich des Vermögens einen humanistisch-demokratischen Gegenentwurf zum militaristischen US-Imperium zu entwickeln.) Politisch interessant wird es, wenn sich diese Illusionen mittelfristig auflösen werden.

Stefan Hirsch