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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Rezensionen

Das blinde Huhn und sein Korn

Chiesa ist ein Enttäuschter. In seiner vorhergehenden Publikation, so schreibt er, trug er sich noch mit der Hoffnung in die „‚Weisheit und Selbstbeschränkung‘ der amerikanischen Führung“, doch die „die Eliten der Weltmächte“ hätten anstatt dessen „den Krieg gewählt“.


Giulietto Chiesas Das Zeitalter des Imperiums. Europas Rolle im Kampf um die Weltherrschaft ist spannend zu lesen. Wieder eine Publikation, die sich den Vorwurf, antiamerikanisch zu sein, gefallen lassen musste. Gerade deswegen aber lohnt es sich das Buch anzusehen, ob es denn wirklich antiamerikanisch ist.
Eine der wesentlichen Stärken des Buches liegt in seinem Aufbau, der sich zunächst an einer groben globalen Zukunftsschau orientiert. Die Welt erlebe die Konsolidierung einer globalen und einheitlichen Supergesellschaft, der „die Eliten des jeweiligen Landes“ (1) angehören würden. Voraussetzung dabei ist die „durch eine beeindruckende technische Entwicklung“ ermöglichte „Fähigkeit, Ereignisse vorauszusehen und zu kontrollieren“ (2) und die am eindeutigsten in den Vereinigten Staaten verkörpert sei, weshalb die USA auch die treibende Kraft bei der Durchsetzung dieses „Beginns einer völlig neuen Gesellschaftsordnung“ (3) darstellten. „Die Vereinigten Staaten von Amerika allein könnten nie von den Privilegien und der Macht profitieren, die sie innehaben, wenn sie nicht in der Lage wären, besser als jedes andere Land diese globale Supergesellschaft zu verkörpern und einige ihrer wesentlichen Merkmale vorwegzunehmen.“ (4) Chiesa entwirft das klassische Schema einer Entwicklung von den Kinderschuhen zum höheren Alter: 1989 steckte das Imperium noch in den Kinderschuhen, langsam komme es jetzt in die Adoleszenz. Die Globalisierung als Phänomen auf der einen Seite und die Dominanz der USA auf der anderen, bilden die zwei Pole, die Chiesa miteinander verbindet, also Globalisierung in der „‚amerikanischen‘ Form in Funktion der nationalen Interessen Amerikas“ (5). Das Bindemittel sind die „Zehn Gebote, die es ihnen mit der Zeit erlauben würden, die Marktgesetze so funktionieren zu lassen, dass sie im Dienst einer Vormachtstellung der Vereinigten Staaten standen und damit der Mehrheit der amerikanischen Staatsbürger ermöglichten, wesentlich mehr zu konsumieren, als sie produzierten“ und „Konkurrenten unter Kontrolle zu halten und sie in die Knie zu zwingen, bevor sie auch nur potenziell gefährlich werden konnten.“ (6) Einer Phase des unerschütterlichen Optimismus mit entsprechendem politischen Begleittext (Stichwörter: „Ende der Geschichte“ und „neoliberaler Leitgedanke“) korrespondierte eine Phase der Rezession mit Kollapsen und einer ungeheuren Explosion der Ungleichheiten (7). „Der Westen ist überzeugt, dass seine Werte universal sind und für sämtliche Völker und Länder eine Norm darstellen müssten, einen Standard, dem sich alle anzupassen hätten.“ (8) Trotz rückläufiger Wirtschaftslage müsse auf der totalen Expansion bestanden werden.

Radikaler Pessimismus

Diese bewusst nicht konkret gebundenen Prognosen von „Supergesellschaft“ und „Superkrieg“, von denen Chiesa meint, dass ihr Eintreten wahrscheinlich, in Einzelheiten jedoch nicht genau zu bestimmen sei, sind aber in ihrer wegweisenden Funktion durch tatsächliche Analysen der Gegenwart begründet, die für sich und in ihrer Verbindung eben den Reiz des Buches ausmachen. Historische Beispiele, Zitate und verschiedene zusammenfassende Aussagen verschmelzen mit das ganze Buch begleitenden Kernbegriffen und –vorstellungen: gegliedert in zehn Kapitel mit jeweils bestimmten Themenschwerpunkten, die sich jedoch auch wechselseitig ergänzen. Eine einleitende Grundskizzierung, Analysen des Jugoslawien-, ersten Golf- und des Afghanistankrieges, einer genauen Betrachtung des 11. September hinsichtlich Bedeutung, Hintergründen und Folgewirkungen, hier wiederum besonders für die Pläne des Imperiums mit seinem „Krieg gegen den Terror“, Globalisierung und Medienmaschinerie, die Rolle und die Pläne der USA, zudem noch das Verhältnis zu den betroffenen Weltakteuren.
Zwar geht der Autor letztendlich von einer moralischen Kategorie aus und richtet sich auch an einen ebenso motivierten Empfänger – der moderne Journalist als Autor wird erkennbar –, aber das tut seinem Lesewert keinen Abbruch, insbesondere da der redlich recherchierte und genau unter die Lupe genommene Gegenstand, nämlich die „amerikanische Weltpolitik“ der letzten zehn Jahre, in radikaler Weise beschrieben wird. Und dieses Buch bewahrt auch in der deutschen Übersetzung die Vorteile der italienischen politischen Publizistik (Essayistik): Einen lebendigen, fesselnden Stil und die Fähigkeit komplexe Sachverhalte fassbar und ungemein originell darzustellen. Chiesa ist ein Enttäuschter. In seiner vorhergehenden Publikation, so schreibt er, trug er sich noch mit der Hoffnung in die „‚Weisheit und Selbstbeschränkung‘ der amerikanischen Führung“ (9), doch die „die Eliten der Weltmächte“ hätten anstatt dessen „den Krieg gewählt“. So hat die Praxis imperialistischer Politik dazu beigetragen, die Seifenblase der Selbstregulierungsillusion platzen zu lassen, und mit dem Verschwinden jeder noch so kleinen Möglichkeit rosiger Aussichten einem zornigen Pessimismus weichen lassen, der das Buch durchtränkt. „Ich bin der Meinung, dass in einer Phase wie dieser, die zweifellos epochalen Charakter hat, weil es eine Übergangsphase zwischen einer Zivilisationsform gesellschaftlicher Organisation zu einer anderen Zivilisationsform ist, die ich globale Supergesellschaft genannt habe, das Wesentliche darin besteht zu begreifen, was eigentlich vor sich geht.“ (10) Das ist sein größter Vorzug von allen und beileibe kein Mangel. Denn es wird Abstand genommen von irgendeiner Alternativkonstruktion und Glaubenslehren, die abschwächen, schonungslose Härte prägt das Bild des Amerikanismus und Formulierungen: „Wenn Arafat erst aus dem Weg geräumt ist, werden die Friedensverhandlungen jeder Basis entbehren, und das Duo Sharon-Bush wird in vollkommenem Einklang definitiv mit dem palästinensischen Staat abrechnen können. Das Ende von Saddam Hussein wird dazu führen, dass der Irak zu einem US-Protektorat mit amerikanischen Militärstützpunkten werden wird“, zeigt sich Chiesa dem „Friedensgerede“ gegenüber unempfindlich. Das letzte Kapitel, das wie zur vorsichtigen Relativierung aufgepropft wirkt, dient praktisch mehr der bloßen Feststellung aktuellerer Entwicklungen als einer tatsächlichen Hoffnung in eine moralischer Erneuerung der menschheitlichen Entwicklung. „Ich habe dieses Buch nicht geschrieben um Hoffnung zu machen.“ (11) Diesem unbefangenen Blickwinkel entgehen viele Dinge nicht, die die Freunde eines starken Europa beispielsweise gerne übersehen: „Die autoritäre Infektion, der Angriff gegen die Menschenrechte, hat bereits die Grenzen der Vereinigten Staaten überschritten. […] Die Regierungen Europas haben den Normen, die die Verteidigungs- und Menschenrechte, die nationalen Gesetze und die internationalen Abkommen verletzen, unmittelbar zugestimmt.“ (12) Das nicht vorhandene (oder nur ansatzweise vorhandene) Lösungsangebot des politisch nicht festgelegten Autors bietet dem Leser ein schonungsloseres Bild der Wirklichkeit, auch wenn das Risiko einer solchen moralischen, dabei doch dem Westen verpflichteten Perspektive ist, dass sie ihre enttäuschten Utopien in oberflächlichen gesellschaftlich-politischen Projekten zu realisieren glaubt, wie beispielsweise in Porto Alegre (13).

Das fette „Aber“

Freilich klingt im ganzen Verlauf die Naivität und linksliberale Arglosigkeit des Autors, sein – möchte man sagen – „journalistisches Weltbild“, immer wieder durch, wie hinsichtlich der Rolle der UNO, von deren Repräsentationsfähigkeit er aber sagt, dass sie „ausgehebelt wurde, um Platz zu machen für die Zehn Gebote der amerikanischen Globalisierung, das Vorzimmer des Imperiums“ (14), der ursprünglich positiven Verfasstheit „der liberalen Demokratie, wie sie sich in der westlichen Hemisphäre in den letzten fünf Jahrhunderten ausgebildet hat“ (15), und die jetzt untergehe, sowie des Grundverständnisses vom „anderen Westen“, der noch „demokratische und rechtsstaatliche Prinzipien [hat], während sie keinen Bedarf mehr haben an Demokratie […], für ein Bedürfnis-Management braucht es keine vom Volk gewählten Parlamente“ (16). Man sieht eben die tiefe Verwurzelung des „demokratischen Gedankens“, der diesen dem US-Imperialismus und der Neuen Weltordnung gegenüberstellt. Meist allerdings wird diese oberflächliche Couleur durch die schonungslose Darstellung tief wirksamer amerikanistischer Fakten schlicht hinweggefegt, weil das Misstrauen des Autors sich da, wo es wirklich konkret wird, dieser oder einer anderen Scheinalternative verweigert und die Kerne für sich sprechen. Der Zynismus des Systems wird gut enttarnt.
Aber, und es ist ein fettes „Aber“, die – dialektische Wirkungen außer Acht lassende – Grundeinstellung verursacht auch die groben Fehler der Grundkonzeption des Buches, mithin die schwerwiegendsten Mängel des Buches. Es ist dies vor allem die Tendenz zur Mystifizierung der Macht, eine gewisse verschwörungstheoretische Perspektive und die immanente Notwendigkeit geostrategischer Gegenspieler – hier fehlt die Komplexität der Wirklichkeit, der sonst durchaus Rechnung getragen wird. Giulietto Chiesa bewegt sich außerhalb der historischen, soziologischen oder konkret politisch orientierten Wahrnehmung, sondern er liest eine Menge Kolumnen politischer und intellektueller Kommentatoren, holt sich Rat bei diesem oder jenem Spezialisten, beobachtet die Aussagen der Persönlichkeiten und der kritischen Kräfte – mit einem Wort: ein guter Publizist. Doch das bringt einiges mit sich: zunächst einmal eine fehlende historische und fachliche Einbettung. Die Zeitrechnung beginnt für Chiesa mit 1989, eine Verlängerung des Bestehenden ins Historische findet nicht wirklich statt und vieles bleibt unbegründet. Als größter Schwachpunkt ist hier das Fehlen einer Aufarbeitung der Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem Zustand vor 1989 bzw. 2001 und dem nach diesen Daten zu nennen. Funktioniert die Darstellung des systemischen Charakters der Vorgänge der Gegenwart noch tadellos, so versagt die Logik an den Ursachen der Vergangenheit und die historischen Akteure und Handlungen unterliegen der Beliebigkeit. Diese Orientierung an der „menschlichen Natur“ (21) eher als an geschichtlich begründbaren Wirkprozessen ist bedenklich. Weil dem Autor ein historisches Begriffsinstrumentarium abgeht, ist er in seinen Schlussfolgerungen und Orientierungen gehemmt.

Gegenspieler, Kommandobrücken und Kuppeln

Chiesa entsagt der Kategorien. Es ist ihm aber unvorstellbar, dass eine solche Veränderung unkontrolliert vor sich geht, gleichsam aus historischen Entwicklungen und Akteuren bzw. deren Zusammenwirken entsteht, weshalb seine stark personell fixierte Wahrnehmungsweise die absolute Kontrolle voraussetzt. Da er den Imperialismus als solchen zwar in seinen Auswirkungen erkennt, nicht aber in seinem Funktionieren und seiner Geschichte, setzt er über das Sichtbare das Mystische: „Es ist sehr gut möglich, dass über ihm Männer stehen, die wir noch nicht als Gruppe wahrgenommen haben, von denen vielleicht der eine oder andere irgendwo einmal hervorgetreten ist. Männer, die niemand von uns je gewählt hat und deren Macht so groß ist, dass wir sie uns kaum vorstellen können. Sie bilden eine fantastische Kommandobrücke, von der aus sie einen optimalen Überblick über den Planten Erde haben. Aus dieser Position kann man (oder glaubt es zu können) nicht nur die Gegenwart, sondern sogar noch ein wenig in die Zukunft hinein sehen.“ Diese Kommandobrücke wird als aktive Gruppe gezeichnet, Männer, in grauen Anzügen ohne Phantasie, von denen nicht bekannt ist, wer dazugehört (z.B. nimmt er es von Alan Greenspan an und von Henry Kissinger), die aber an den Schalthebeln der Macht sitzen und komplizierte, technokratische Mechanismen bedienen. Neben diesen ominösen Kräften gibt es noch deren Klinkenputzer (neoliberale Jubelkolumnisten) und eine ganze Hierarchie der Macht. Nicht letztgültig bereit dazu, den Kapitalismus als solchen in Frage zu stellen, greift Chiesa zur Verschwörungstheorie, eine Verschwörung für den Profit und die Macht für sich, als einem Erklärungsmodell für den erkannten Wahnsinn. Damit aber hat Chiesa die Macht dieser Kommandobrücke, der wahren weltweiten Steuerleute ins „Fantastische“ erhöht und damit auch deren Möglichkeit und die der USA, ihre Pläne wirklich durchzusetzen. Um diese Entwicklung einerseits in ihrer Gefährlichkeit darzustellen, andererseits in ihrer Unvermeidlichkeit zu relativieren, braucht Chiesa zumindest den Ansatz eines globalen Gegenspielers in seiner geopolitischen Charade. Diesen Ansatz liefert ihm China, dessen Aufnahme in die WTO und Kapitalisierung er als oberflächlich bezeichnet: „Wer könnte sich, zum heutigen Zeitpunkt, einer derartigen Eventualität [kollabiert zu werden; d. Verf.] widersetzen? In der Tat wenige Länder, möglicherweise sogar nur eines: China. Diese Ausnahme ist von entscheidender Bedeutung. China ist das einzige Land auf der Welt, das politische Entscheidungen treffen kann, ohne irgendjemanden um Erlaubnis zu fragen, und schon gar nicht die Vereinigten Staaten von Amerika. Die chinesische Regierung ist die einzige Führungsspitze, die sich nicht um die Meinung Washingtons kümmern, deren Kriterien nicht gutheißen, für ihre Taten keine Rechenschaft ablegen muss und die von außen nicht erpressbar ist.“ (17) Die „Hoffnung“ auf China, eine politische Erwartung, ist allerdings nicht neu. Sie orientiert sich an der grundsätzlich isolationistischen Politik des Reiches der Mitte, aber entbehrt in Chiesas Fall der Beweise. China wird einfach als „nicht erpressbar“ und fähig zu widerstehen behauptet, doch nicht eine einzige Stelle des Buches vermag mit Zahlen, Fakten oder auch nur anderen als suggestiven Argumenten in dieser Hinsicht aufzuwarten.
Interessant hingegen sind die Analysen dort, wo sich Giulietto Chiesa vollständig auf seine mediale Erfahrung verlassen kann und zuvorderst sei hier die Kriegspropaganda genannt und die kulturelle Vereinnahmung durch die amerikanistische Ideologie: „Wenn man sich auf ein einzelnes kulturelles Erzeugnis konzentriert […], dann entsteht der Eindruck von Freiheit, Intelligenz, Pluralismus.[…] Aber es ist der Kontext, der den Endeffekt bestimmt, und nicht das einzelne kulturelle Erzeugnis oder das jeweilige Informationsmaterial. […] Die ohrenbetäubende und durchdringende Hintergrundmusik lässt keinen Pluralismus zu.“ (18) Als eines der zentralsten Beispiele dienen Chiesa hier z.B. die Lüge vom Massaker in Raak und das Ultimatum von Rambouillet, mit dem „Miloševi, oder dem Satan oder Hitler, je nach den Interpretationen“ (19) die Kriegsschuld am eigentlichen Nato-Angriffskrieg zugeschoben wurde. Hinsichtlich Jugoslawiens zeigt Chiesa den Wahnsinn des Westens schonungslos.

Der 11. September 2001

Der 11. September markiert für Chiesa den Punkt, der den USA „auf die Sprünge“ (20) half, ihre bereits angelegte Politik in eine entschiedenere Praxis zu überführen, als Antwort auf eine „systemische“ Krise. Nachdem die üblichen Verbindungen zwischen den USA und dem Terrorismus skizziert sind, führt der Autor in sehr einleuchtender Weise vor, warum der Terrorismus in Afghanistan und nicht etwa in Pakistan oder Saudi-Arabien gesucht wird. Er untersucht das labile Gleichgewicht, in dem die proamerikanischen dynastischen arabischen Regime und die USA sich befinden, wobei eine wechselseitige Abhängigkeit konstatiert wird, die aber letztendlich zum Vorteil der USA entschieden wird, die zwar einerseits Geld hineinpumpen durch die Energieeinkäufe, dieses aber über andere Kanäle (Waffenkäufe, Förderaufträge, Finanzierung der US-Staatsschuld über Schatzanweisungskauf, Unterstützungen) wieder in die USA wandert. Aus diesem Gleichgewicht bildete sich eine antiamerikanische, radikalislamische „Gruppe“ heraus, hauptsächlich in Saudi-Arabien.
Wer aber beging dieses Attentat wirklich? Chiesa sieht den Nutzen für die USA und die gewaltigen Anstrengungen und den Leistungsaufwand, um ein solches Attentat durchzuführen. Daraus allerdings zieht er nicht den Schluss einer aus den USA kommenden Aktion, sondern konstruiert ein eigenes internationales Gebilde, das sich in verschiedene Ebenen gliedere, die zum Teil ohne Wissen voneinander handelten und – da schlägt die italienische Erfahrung durch – über teilweise autonom agierende Teilen nichtwestlicher Geheimdienste verfügten. Schließlich schlägt der mystische Zug wieder bei Chiesa durch, wenn er sich als Profiler betätigt und eine „Kuppel“ als höchste Ebene beschreibt: „Die Strategen dieser hypothetischen ‚Kuppel‘ müssen Kompetenzen auf höchstem Niveau aufweisen und in ihrer Denkart sehr westlich orientiert sein.“(21)
Der Gegenstand, den die Ausführungen entgegen dem Untertitel Europas Rolle im Kampf um die Weltherrschaft eigentlich nur peripher berühren, ist Europa. Zwar bezeichnet Chiesa die Vereinnahmung und damit Neutralisierung Europas im letzten Kapitel als schwierig, seiner Vielfältigkeit wegen, doch der Grundtenor des Buches ist eindeutig: Dass die Europäer „mehrheitlich unkritische Exegeten der amerikanischen Politik sind.“
Unterm Strich bleibt die Radikalität des Buches aufs Verbale beschränkt, ein guter Verschnitt aus den intellektuell hochstehenden Kommentaren kritischer Beobachter der Weltpolitik, vermehrt um publizistisches Können, eine packende und treffende Sprache sowie eine große Wut auf Amerika und die „neue Zeit“, eingeschränkt allerdings durch den Horizont, über den Giulietto Chiesa verfügt. Doch in diesen Zeiten ist Das Zeitalter des Imperiums trotzdem eine rühmliche Ausnahme, wenn auch eine gewisse Portion Schaumschlägerei dazu tritt. Eine kurze Kritik kann die Dimensionen eines solchen Buches eben nur streifen, aber wer sich ernsthaft damit beschäftigen möchte, der sollte es lesen.

Martin Vinomonte
Giulietto Chiesa: Das Zeitalter des Imperiums. Europas Rolle im Kampf um die Weltherrschaft. Hamburg: Europäische Verlagsanstalt 2003.

(1) Giulietto Chiesa: Das Zeitalter des Imperiums. Europas Rolle im Kampf um die Weltherrschaft. Hamburg: Europäische Verlagsanstalt 2003, S.17
(2) Ebenda, S.15
(3) Ebenda, S.19
(4) Ebenda, S.17
(5) Ebenda, S.26
(6) Ebenda, S.21
(7) vgl. ebenda, S.18-35
(8) Ebenda, S.47
(9) Ebenda, S.216
(10) Ebenda, S.213
(11) Ebenda, S.216
(12) Ebenda, S.142
(13) Vgl. ebenda, S.215f.
(14) Ebenda, S.249
(15) Ebenda, S.19
(16) Ebenda, S.145f.
(17) Ebenda, S.10
(18) Ebenda, S.188f.
(19) Ebenda, S.192
(20) Ebenda, S.61
(21) Ebenda, S.124